# taz.de -- Gute Schule in Göttingen: Aufstand der Eliteschulen
       
       > Die Göttinger Gymnasien fühlen sich bei den Anmeldeterminen für die
       > fünfte Klasse benachteiligt. Denn die Vorauswahl treffen die
       > Gesamtschulen.
       
 (IMG) Bild: Schule des Jahres: Schüler und Lehrer der Georg-Christoph-Lichtenberg-Gesamtschule freuen sich 2011 über die Auszeichnung
       
       Göttingen taz | Die Göttinger Gymnasien haben Angst, im Wettbewerb mit den
       Gesamtschulen zu einer „Resterampe“ zu verkommen. Gegen den erklärten
       Willen der Stadt wollen sie deshalb zeitgleich mit den Gesamtschulen
       Anmeldungen für die künftigen fünften Klassen annehmen. Zu diesem Zweck
       führen sie sogenannte Reservierungstage zwei Wochen vor den eigentlichen
       Anmeldetagen ein.
       
       Die Stadt Göttingen als Schulträger legt seit Jahren getrennte
       Anmeldetermine fest, für die Gesamtschulen meistens zwei Wochen früher als
       für die Gymnasien. Die fünf Göttinger Gymnasien fühlten sich dadurch
       benachteiligt, sagt die Leiterin des Theodor-Heuß-Gymnasiums, Ulrike
       Koller. Denn wenn Schülerinnen und Schüler von den Gesamtschulen abgewiesen
       werden, können sie sich zwei Wochen später an einer anderen Schule anmelden
       – sprich an einem der Gymnasien. Haupt- und Realschulen gibt es nicht mehr.
       
       Damit sehen sich die Göttinger Gymnasien einem Phänomen ausgesetzt, mit dem
       andernorts die Gesamtschulen zu kämpfen haben: Eltern, die sich um das
       Fortkommen ihres Nachwuchses kümmern, schicken diesen auf die „guten“
       Schulen – in der Regel die Gymnasien. Nun sind die „guten“, zum Teil sogar
       ausgezeichneten Schulen in Göttingen aber die Gesamtschulen. Deshalb
       möchten die Gymnasien wenigstens die gleichen Startbedingungen bei der
       Anmeldung haben.
       
       In diesem Jahr liegen die Anmeldetermine für die Gesamtschulen am 25. und
       26. April, die Gymnasien sollen am 4. und 5. Mai folgen. Die Gymnasien
       verlangen einen zeitgleichen Termin, wie er vom Land Niedersachsen
       vorgesehen ist und andernorts praktiziert wird. Weil die Stadt nicht auf
       diese Forderung eingegangen ist, laden die Gymnasien Eltern und Kinder nun
       zu ihren „Reservierungstagen“ ein. Wenn die Erziehungsberechtigten dann bis
       zum eigentlichen Anmeldetermin im Mai nicht absagen, werden die
       Reservierungen verbindlich.
       
       In Göttingen gibt es neben den fünf Gymnasien schon länger zwei
       Gesamtschulen. Zwei weitere sind erst kürzlich hinzugekommen – eine davon
       im Flecken Bovenden, der zum Schulbezirk Göttingen gehört. Wegen ihrer
       Unterrichtskonzepte, aber auch weil sie eine Ganztagsbetreuung anbieten,
       waren die beiden „alten“ Gesamtschulen, die Integrierte Gesamtschule (IGS)
       im Ortsteil Geismar und die Kooperative Geschwister-Scholl-Gesamtschule
       (KGS) stets sehr gefragt. Die IGS wurde 2011 sogar zur deutschen „Schule
       des Jahres“ gewählt.
       
       Viele Kinder mussten von den beiden Gesamtschulen abgewiesen werden. Sie
       wurden von den Eltern an anderen Schulen, sprich den Gymnasien, angemeldet
       oder per Losverfahren dorthin verteilt. Aus Sicht von Rektorin Koller hat
       das keinen Sinn: Es müsse doch darum gehen, für jede Schülerin und jeden
       Schüler die bestmögliche Schulform zu finden, sagt sie. Während die
       Gymnasien schon durch ihren Auftrag auf das Ziel Abitur hinarbeiteten,
       böten Gesamtschulen mehr Möglichkeiten mit Haupt- und Realschulabschlüssen
       und einem darauf abgestimmten Unterricht.
       
       Tatsächlich, argumentieren die Gymnasien, hätten sie zuletzt immer mehr
       Jugendliche beschult, die das Abitur absehbar nicht erreichten.
       Leidtragende seien die Schüler selbst. Sie würden am Gymnasium überfordert
       und seien eigentlich in den auslaufenden Haupt- und Realschulen, in
       Oberschulen oder eben Gesamtschulen besser aufgehoben.
       
       Ob die nun von den Gymnasien zusätzlich festgelegten Reservierungstage
       rechtens sind, wollte Göttingens Schuldezernent Siegfried Lieske (Grüne)
       nicht kommentieren. Die Stadt und der Kreis Göttingen hätten die
       Gesamtschulen gebeten, etwa 30 schwächere Schüler mehr aufzunehmen als
       bislang üblich.
       
       In der vergangenen Woche beschloss der Göttinger Stadtrat eine neue
       Schulsatzung. Sie sieht ausdrücklich vor, dass Kinder, die keinen Platz an
       einem der städtischen Gesamtschulen bekommen, die neue IGS in Bovenden
       besuchen sollen.
       
       21 Mar 2017
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Reimar Paul
       
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