# taz.de -- Kommentar Inhaftierung von Deniz Yücel: Erdoğans Fanal
       
       > Der türkische Präsident protzt: Der Starke bin ich. Die Verhaftung des
       > Journalisten Yücel soll ein ganz großes Zeichen der Abschreckung sein.
       
 (IMG) Bild: Benutzt für Erdoğans Machtdemonstration: Journalist Deniz Yücel – hier auf dem tazlab 2016
       
       Kurzzeitig hat das Regime die europäische Öffentlichkeit in seine bizarre
       Logik gelockt. Dass nach zweimal sieben Tagen der Polizeigewahrsam für
       Deniz Yücel, den Korrespondenten der Welt, enden müsse. Am
       Dienstagnachmittag um drei oder um vier. Ein Staatsanwalt müsste einen
       Haftbefehl beantragen oder nicht. Worauf ein Haftrichter die
       Untersuchungshaft verhängen könnte oder nicht. Kafka in Istanbul.
       
       Vergessen wir das. Justiz? Ein Rechtsstaatstheater der Reaktionäre.
       Polizeipräsidium, Staatsanwaltschaft, Haftrichter? Erdoğan. Seine Gehilfen
       verwandeln die Tatbestände Reportage und Kommentar in die Straftatbestände
       Terrorpropaganda und Aufwiegelung der Bevölkerung.
       
       Zur Farce gehört, dass sich die Europäische Union mit der Türkei immer noch
       in einem Beitrittsverfahren befindet, welches einen Katalog von
       Beitrittskapiteln umfasst, um festzustellen, ob man zueinander passt. Wobei
       das Kapitel Nummer 23 Justiz und Grundrechte natürlich nicht geöffnet
       werden kann. Kafka in Brüssel.
       
       Aber aus! Es wird nichts mehr mit den Grundrechten im Sultanat des Recep
       Tayyip Erdoğan. Er gefällt sich grob und laut. Er protzt: Der Starke bin
       ich.
       
       Die EU muss das sehen. Die Bundesregierung muss das sehen. Sie hätten es
       längst einsehen müssen. In der Türkei wird die freie Presse schon lange
       zensiert, blockiert und drangsaliert. In der Türkei befinden sich mehr als
       150 Journalistinnen und Journalisten in Haft, das kriegt China nicht hin
       und nicht mal der Iran. In der Türkei braucht, wer eine regierungskritische
       Meinung formuliert, sehr viel Mut. Viele bringen ihn dennoch auf. Sie
       lehren uns, was journalistisches Ethos ist.
       
       ## Deniz Yücel bleibt im Kopf
       
       Die Repression war da. Dennoch hat die [1][Inhaftierung des deutschen
       Korrespondenten Deniz Yücel] eine neue Qualität. Sie ist nach dem Vorgehen
       gegen die türkischen Medien Erdoğans Fanal gegen die internationale Presse,
       die das Bild des Machthabers in der Welt prägt. Dieses Bild bestimmt den
       Spielraum mit, den Erdoğan bei vielen politischen Geschäften mit dem
       Ausland hat, Merkels Dickfelligkeit hin oder her.
       
       Auf die Medien außerhalb der Türkei hat die Regierung in Ankara keinen
       Zugriff. Daher verfolgten Erdoğans Büttel das Ziel, missliebige
       Vertreterinnen und Vertreter ausländischer Medien zu vertreiben: Zwei
       türkische Mitarbeiterinnen der BBC und der New York Times beispielsweise
       hat der Präsident selbst lautstark attackiert; sie verließen ihr eigenes
       Land. Ein Reporter des Wall Street Journal wurde zweieinhalb Tage
       inhaftiert; er flog nach Hause.
       
       Aber Deniz Yücel, den Welt-Korrespondenten aus Deutschland, benutzt Erdoğan
       jetzt als ganz großes Zeichen der Abschreckung. Den behält er erst einmal.
       
       Die Wirkung kann verheerend sein. Es wird kaum einen Korrespondenten und
       kaum eine Korrespondentin bei klarem Verstand geben, der oder die Deniz
       Yücels Inhaftierung nicht im Kopf hat beim Schreiben. Die Logik ist so
       simpel wie wirksam: Wenn einer festgehalten wird, denken alle ans
       Gefängnis.
       
       Aber immerhin das: Deniz Yücel im Kopf zu haben, heißt auch, seinen Mut im
       Kopf zu haben. Und die Solidarität, die seine Verhaftung gerade
       hervorbringt. Wenn ein Journalist angegriffen wird, schweben alle in
       Gefahr. Wenn sie einen einsperren, müssen alle dagegen aufstehen.
       
       28 Feb 2017
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Georg Löwisch
       
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