# taz.de -- Die Wahrheit: Baden mit dem Häuptling
       
       > Neues aus Neuseeland: Am nördlichen Zipfel von Aoeterea wird dieses Mal
       > mitsamt dem dortigen Oberhaupt abgetaucht.
       
       Endlich in Northland! Meine Recherchereise zu den Maori im hohen Norden
       beginnt in den Ngawha Pools. Das ist ein Heilbad unter freiem Himmel,
       rudimentär aus dem nackten Boden gestampft, so gar nicht Baden-Baden. Keine
       Duschen, nur vier Dollar Eintritt, ein Gefängnis liegt um die Ecke. In
       dieser urigen Einrichtung treffen sich die schweren Jungs aus dem
       benachbarten Kaikohe, wo Autowracks in den Vorgärten rosten. Der jährliche
       Höhepunkt in dieser Gegend ist ein Rennen mit Schrottwagen.
       
       „Lass uns dort um halb zehn Uhr abends treffen“, schlägt mir Hone Mihaka
       vor. Zum Interview? Die Pools schließen um neun. „Ich habe einen
       Schlüssel“, simst mir Hone zurück. Er ist Häuptling vom Stamme Ngapuhi. Ein
       moderner Führer, mit Facebook-Seite und Videokonferenzen. Früher war er mal
       Gangster. Jetzt ist er ein Star. Der 52-Jährige ist das Aushängeschild des
       neuseeländischen Ethno-Tourismus, tritt auf Messen in Europa auf und nimmt
       Kreuzfahrtpassagiere auf seine Paddeltouren im waka, dem
       originalgeschnitzten Maori-Kanu, mit – in voller Kriegerkluft.
       
       Es ist 21.30 Uhr. Die alten Damen, die die Pools betreiben, haben bereits
       gewischt und abgeschlossen. Hone Mihaka – klein, stämmig und tätowiert, die
       grauen Haare fest zum Pferdeschwanz gebunden – steigt vor den Pools aus
       einem Geländewagen. Von wegen „Schlüssel“.
       
       Der Häuptling winkt mir, linst nach links und nach rechts, dann schlüpfen
       wir durch den Zaun. Der ist aus ausgedienten Toastbrot-Backformen
       gezimmert, die rosten nicht. Andere Gestalten folgen im Dunkeln. Hone ist
       in Sekundenschnelle im Wasser. Wir tunken ein in die pechschwarze, warme
       Schwefelbrühe. Über uns scheint der Vollmond.
       
       Das Gesicht meines Gegenübers kann ich im Dampf kaum erkennen. Hone redet.
       Und redet. Es geht auf Mitternacht zu, aber sein Monolog rattert weiter.
       Das große Maori-Abc. Seine mit Albatrosknochen gestanzten Tattoos, moko
       genannt, sind keine Dekoration. „Das ist eine eigene Sprache“, sagt er.
       Jedes Wort spuckt er wie einen Pfeil aus. „Sie lebt durch mich. Wir Maori
       hatten schon immer eine Schrift, bevor ihr Europäer mit euren Buchstaben
       ankamt!“
       
       Ich will Häuptling Hone hier nicht entzaubern, aber die Streifen und
       Kringel auf Stirn, Kinn und Nase hat er sich voriges Jahr vor zahlenden
       Gästen stechen lassen, als Show in einem Hotel in Amsterdam. Auch Richard
       Branson war angeblich dabei.
       
       „Mein Produkt“, sagt er mehrmals stolz. Er lehnt sich zufrieden zurück an
       den Beckenrand. Ich glaube, er hält Hof. Hone redet laut, die Gestalten im
       Nachbarpool schauen rüber. Er hat eindeutig mana – Aura und Ansehen. Lässt
       er mich vielleicht das moko auf seinem Rücken sehen? Es stellt den
       nördlichen Zipfel von Aotearoa da. Dort befinden wir uns gerade.
       
       Doch der Häuptling ist zu träge. Oder man bittet ihn nicht einfach. Anstatt
       sich umzudrehen, winkt er ab: „Kann man sich alles im Internet angucken!“
       Zum Abschied gibt’s immerhin einen Nasenkuss. Der Schwefelgeruch hängt noch
       lange nach.
       
       6 Oct 2016
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Anke Richter
       
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