# taz.de -- Die Wahrheit: Puste auf den Pie!
       
       > Neues aus Neuseeland: Über den Wolken fällt der müde Blick schon einmal
       > auf die Uniform der Flugbegleiter mit ihren seltsamen Comicblasen.
       
       Über Langstreckenflüge jammern gehört sich nicht. Was sind schon 30 Stunden
       eingepfercht ohne Beinfreiheit zwischen Neuseeland und Europa, wenn andere
       Menschen nicht mal … können (Hier bitte etwas aktuell Tragisches einfügen).
       Erste-Welt-Probleme sind das! Positiv sollte ich es sehen, dass ich
       überhaupt verreisen darf. Außerdem kann man nirgendwo besser seine
       Achtsamkeit-Meditation üben als dort, wo es unerträglich langweilig ist.
       
       Zur Achtsamkeit gehört die Aufmerksamkeit. Nach zehn Stunden in der Luft
       nehmen meine müden Augen das Leben an Bord nur noch rudimentär war. Doch
       dann bleiben sie an etwas hängen. Es ist lila, grün, weiß und komisch. Es
       ist die Rückseite der Weste, die der Steward von Air New-Zealand trägt. Man
       kann sie eigentlich nur als „Textil-Comic“ bezeichnen. Auf kleinen Bildchen
       sind kindliche Kiwiana-Symbole gezeichnet: ein Kiwi-Vogel, ein Pinguin,
       Schafe, Farne. Dazu Schriftzüge: „Gidday!“, „good as gold“, „sweet as“.
       Typische Kiwi-Floskeln, verstehe ich alle. Nur den einen nicht: „Blow on
       the pie!“. Blas auf den Pie?
       
       Pies – meist mit undefinierbarem Glibberfleisch gefüllte Pasteten – sind
       für Neuseeland das, was die Currywurst für Deutschland ist. Billigstes
       Grundnahrungsmittel, Streetfood und Seelenfutter nach durchzechter Nacht.
       Kriegt man an jeder Tanke zu jeder Stunde.
       
       Ich bin nicht nur achtsam, ich bin auch Journalistin. Also tippe ich dem
       Steward leicht auf die Weste und frage ihn, ob sie ihm gefällt. „Ja sicher,
       die neuen Uniformen haben wir ja schon seit drei Jahren.“ Ich hatte
       gehofft, er findet den Comic-Look ebenfalls scheußlich – ich komme gerade
       aus Deutschland und bin Meckern gewöhnt –, aber offensichtlich ist er ein
       sehr viel positiverer Mensch als ich. Wahrscheinlich auch achtsamer. „,Blow
       on the pie'“, hake ich nach, „was heißt das?“
       
       Er umreißt es kurz, aber es ergibt nicht viel Sinn. Ich muss bis nach der
       Landung warten, bis ich endlich googeln kann. Die Weste des Stewards hat
       eine erschreckende Bildungslücke bei mir offenbart. „Blow on the pie!“ ist
       nationale Legende, seit genau sieben Jahren. Wie konnte ich das nur
       verpassen? Im Oktober 2009 wurde eine Folge der Reality-Show „Police 10-7“
       gezeigt, in der ein Streifenpolizist nachts einen jungen Autoknacker
       stellt. Er fragt ihn, warum er so spät mit einer Taschenlampe unterwegs
       sei. „Ich wollte nur die Straße runter, mir einen Pie oder so kaufen“,
       murmelt der Delinquent.
       
       Der Polizist antwortet streng, aber freundlich: „Es ist drei Uhr morgens,
       und Sie kaufen einen Pie von der BP-Tankstelle, was müssen Sie immer tun?“
       Der Dieb zögert: „Ich weiß nicht?“ Der Polizist setzt seine Lektion fort:
       „Um drei Uhr morgens ist der Pie ungefähr seit zwölf Stunden aufgewärmt
       worden. Er ist thermonuklear. Immer auf den Pie pusten.“ Der Mann nickt,
       der Polizist wiederholt: „Immer auf den Pie pusten. Sichere Gemeinschaft,
       alle zusammen, okay?“
       
       Es gab T-Shirts und Songs mit dem Spruch „Blow on the pie“. Daher die
       Westen. Schön sind sie nicht. Aber informativ.
       
       3 Nov 2016
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Anke Richter
       
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