# taz.de -- Kommentar Sexismus in Brasilien: Die und sie
       
       > Die Massenvergewaltigung einer 16-Jährigen in Rio zeigt, wie schlecht es
       > um Frauenrechte in Brasilien steht. Schuldig ist immer zuerst das Opfer.
       
 (IMG) Bild: Seit Monaten demonstrieren Brasilianerinnen gegen Sexismus, wie hier im November 2015 in São Paulo
       
       Brasilien ist empört. Und versteht nicht, wo so viel Gewalt herkommt, so
       viel Gewalt gegen Frauen. [1][Die Massenvergewaltigung einer 16-jährigen],
       die vergangene Woche publik wurde, hält das Land in Atem. Über 30 junge
       Männer haben die Jugendliche in einem Armenviertel von Rio de Janeiro
       offenbar in eine Falle gelockt, vergewaltigt und danach Videoaufnahmen des
       Verbrechens ins Internet gestellt.
       
       Alle verurteilen die abscheuliche Tat, auch die kürzlich suspendierte
       Präsidentin Dilma Rousseff ebenso wie ihr Nachfolger, Übergangspräsident
       Michel Temer. Dessen Ankündigung, sofort eine Sondereinheit der
       Bundespolizei für die Aufklärung von Verbrechen gegen Frauen einzurichten,
       überzeugte niemanden. War doch eine seiner ersten Amtshandlungen, das
       Frauenministerium abzuschaffen. Dementsprechend wurde bei allen
       Protestmärschen gegen das Verbrechen auch immer der Rücktritt von Temer
       gefordert, der es fertig brachte, erstmals seit der Militärdiktatur
       (1964-1985) keine einzige Frau in sein Kabinett zu berufen.
       
       Das einzig Überraschende an dem Fall ist die kollektive Tat:
       Massenvergewaltigungen sind in Brasilien nicht üblich. Doch Gewalt und
       sexuelle Übergriffe gegen Frauen sind üblich, ja: geradezu alltäglich. Alle
       wissen das, und trotz einiger Versuche, gesetzlich gegen diese Verbrechen
       vorzugehen, scheinen sie weitgehend akzeptiert zu sein.
       
       Allein im öffentlichen Gesundheitssystem bittet alle vier Minuten ein Frau
       um Hilfe wegen eines Übergriffs. Nur in 13 Prozent der Fälle sind die Täter
       Unbekannte, bei fast einem Viertel der Fälle ist es der Partner. Laut der
       von einer brasilianischen Nichtregierungsorganisation erstellten „Landkarte
       der Gewalt 2015“ nimmt die Gewalt gegen Frauen im Land zu, die Zahl der
       Morde an Frauen stieg innerhalb der vergangenen zehn Jahre um 21 Prozent.
       Im Durchschnitt werden in Brasilien 13 Frauen pro Tag ermordet.
       
       Ebenso üblich ist es, die Opfer für die Taten selbst verantwortlich zu
       machen. Auch die 16-jährige wurde zuerst gefragt, ob sie Erfahrung mit
       Orgien oder Kontakt zu Drogenhändlern habe. Es dauerte vier Tage, bis dem
       Ermittlungsleiter der Fall am Sonntag endlich entzogen wurde, nachdem die
       Anwältin über eine „Kriminalisierung“ ihrer Mandantin geklagt hatte.
       
       Die sozialen Netzwerke machen die Vergewaltigung noch dramatischer.
       Hunderte haben das Video mit anderen geteilt, Millionen urteilen über das
       Geschehen. Zwar gab es viele Verurteilungen und Entsetzen, aber auch viel
       Häme, sexistische Witze, Zustimmung. In Brasilien herrscht ein Grundklima
       der Milde gegenüber Vergewaltigern, das oft genug zu deren Straffreiheit
       führt und weiteren sexistischen Aggressionen den Boden bereitet. Deshalb
       ist auch nur eine Minderheit wirklich empört.
       
       30 May 2016
       
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