# taz.de -- ZDF-Reihe „Ku’damm 56“: Bohnerwachs und Kölnisch Wasser
       
       > Der Dreiteiler „Ku‘damm 56“ ist nicht so piefig, wie die Kampagne
       > vermuten lässt. Er beleuchtet das Leben von Berliner Westfrauen in den
       > 50er Jahren.
       
 (IMG) Bild: Die graue Wirklichkeit: Frau und Mann am U-Bahnhof Kurfürstendamm, ca. 1955
       
       Frauen in auffälligen Kostümen blicken den Betrachter kokett an, eine von
       ihnen schminkt sich. Das sind nicht etwa Werbeplakate für eine Vorstellung
       eines örtlichen Provinztheaters. Es ist Werbung für den ZDF-Dreiteiler
       „Ku’damm 56“ (ab Sonntag, 20.15 Uhr).
       
       Angesichts der schmerzhaft biederen Gestaltung könnte man es niemandem
       verdenken, wenn er wenig Lust auf diese Produktion verspürt. Aber das wäre
       ein Trugschluss, denn „Ku’damm 56“ ist bei weitem nicht so piefig, wie es
       die Kampagne vermuten lässt. Stattdessen erwartet die Zuschauer eine
       gleichsam ernsthafte wie unterhaltsame Auseinandersetzung mit der
       Lebenswirklichkeit von Frauen in Westberlin, Mitte der 50er Jahre.
       
       Alle vier Hauptrollen wurden mit Frauen besetzt. Allein, dass so eine
       Aufstellung als ungewöhnlich auffällt, zeigt, dass in TV-Produktionen zu
       selten die Perspektiven von Frauen konsequent eingenommen werden.
       
       Hier ist es zunächst diejenige der konservativen Tanzschulbesitzerin
       Caterina Schöllack (Claudia Michelsen), die elf Jahre nach dem Ende des
       Zweiten Weltkriegs immer noch auf die Rückkehr ihres vermissten Mannes
       hofft.
       
       ## Selbstbestimmung bereitet Sorgen
       
       Sie leitet ihren Laden mit eiserner Disziplin, „Negermusik“ kommt ihr nicht
       ins Haus, ihr größter Wunsch ist es, ihre drei Töchter zu Ehefrauen
       erfolgreicher Männer zu machen. Ihre Älteste (Maria Ehrich) tut wie
       geheißen, heiratet einen angehenden Staatsanwalt (August Wittgenstein) und
       verbringt fortan die meiste Zeit am Herd.
       
       Die jüngste Tochter, Eva (Emilia Schüle), arbeitet als Pflegerin in einer
       Nervenheilanstalt und sieht ihre Zukunft an der Seite des Oberarztes (darf
       nicht fehlen: Heino Ferch). Nur die mittlere Tochter, Monika (Sonja
       Gerhardt), macht allen mit ihrem Wunsch nach Freiheit und Selbstbestimmung
       Sorgen.
       
       Sie fliegt wegen „unzüchtigen Verhaltens“ von der verhassten
       Hauswirtschaftsschule, will sich nicht an einen Mann binden und wird von
       ihrer Mutter deshalb ständig gemaßregelt. Alltagsfluchten ermöglicht ihr
       der Rock ’n’ Roll, der gerade unter deutschen Jugendlichen populär wird.
       Sie taucht in die noch kleine Szene ein, besucht wilde Partys und trainiert
       mit dem chaotischen Freddy (Trystan Pütter) für einen Tanzwettbewerb.
       
       Das Drehbuch schrieb Annette Hess, von der unter anderem auch die
       erfolgreiche ARD-Serie „Weissensee“ stammt. „Prägend für die 50er Jahre war
       ein gewaltiger Gegensatz“, sagt Hess über die Rahmenbedingungen ihrer
       Geschichte.
       
       ## Verdrängung als oberstes Gebot
       
       „Einerseits der wirtschaftliche Aufschwung und der Beginn einer neuen Ära,
       andererseits die schwere Schuld und die traumatisierenden Erfahrungen der
       nahen Vergangenheit. Verdrängung hieß das oberste Gebot. Die Frauen hatten
       zusätzlich mit der frommen Moral und dem biederen Rollenverständnis zu
       kämpfen, welches sie den Männern radikal unterordnete.“
       
       Wie in „Weissensee“ erzählt sie Gesellschaftsgeschichte nicht über
       prominente Persönlichkeiten oder ausgewählte Großereignisse, sondern über
       den Alltag sogenannter Durchschnittsbürger. „Ich habe mich der Zeit
       zunächst über Biografien, Musik und Filme, aber auch über Gerüche
       genähert“, erklärt sie ihre Arbeitsweise.
       
       „Ich weiß zum Beispiel genau, wie es in der Tanzschule riecht. Nach
       Bohnerwachs, Pomade, Kölnisch Wasser und Schweiß. Die Herren trugen damals
       bügelfreie Hemden aus Plastik, in denen sie fürchterlich geschwitzt haben.
       Ich schaffe mir zum Schreiben zunächst eine sinnliche Atmosphäre, erst dann
       erfinde ich die Figuren und entwerfe deren existentielle Konflikte.“
       
       Dabei scheut sie auch vor radikalen Geschichten und Szenen nicht zurück.
       Schon in der Auftaktfolge gibt es einiges zu sehen, was man am eigentlich
       seichten ZDF-Sonntag nicht erwartet.
       
       ## Täter, Mitläufer und Opfer
       
       Wundert man sich am Ende des ersten Teils noch darüber, dass wichtige
       Fragen der Zeit nicht mal angerissen wurden, bekommen diese im Laufe der
       Handlung zunehmend Raum. Es wird deutlich, wie sehr der Schatten des
       Nationalsozialismus noch über dem Land liegt. Die Wege von Tätern,
       Mitläufern und Opfern kreuzen sich nicht nur in der Tanzschule.
       
       Mit dem Schreiben des Drehbuchs war die Arbeit von Annette Hess nicht
       abgeschlossen. Sie hatte ein Mitspracherecht bei der Auswahl von
       SchauspielerInnen und Regisseur (die Wahl fiel auf den bislang eher im
       leichten Fach tätigen Sven Bohse) und bekam regelmäßig die gerade gedrehten
       Filmszenen nach Hause geschickt. Noch bei der Pressevorführung in Hamburg
       regte sie die Änderung eines im ersten Teil gesprochenen Satzes an, weil er
       ihr als nicht glaubwürdig erschien.
       
       „Ich hoffe, dass die Zuschauer – angeregt durch die Schicksale der
       Protagonisten – auch über die Gegenwart reflektieren“, sagt Annette Hess.
       „Viele Aspekte weiblicher Realität der 50er Jahre lassen sich heute
       überhaupt nicht mehr nachvollziehen, weil große emanzipative Fortschritte
       gemacht wurden.
       
       Andererseits ist der Wunsch nach klaren Geschlechterrollen auch unter
       jungen Leuten immer noch weit verbreitet.“ Sie benennt die Unterschiede,
       die immer noch herrschen: „Frauen verdienen immer noch weniger als Männer.
       Frauen müssen immer noch sexuelle Gewalt fürchten. Sind wir also wirklich
       schon so viel weiter als in den 50er Jahren?“
       
       ## Amerikanische Arbeitsweisen
       
       Das Engagement der Drehbuchautorin hebt auch der Sender hervor: „Erstmals
       war eine Autorin bei uns so stark in die Produktion und die
       Entscheidungsprozesse auf allen Ebenen eingebunden“, sagt
       ZDF-Fiction-Chefin Heike Hempel.
       
       „Wir wollten diese starke Autorenschaft haben, um einen unverwechselbaren
       Stil im Gesamtwerk zu ermöglichen. Außerdem hat man so eine weitere
       wichtige Person, die beizeiten an die vereinbarten Grundsätze und die
       ursprüngliche Vision des Projekts erinnert.“
       
       Zunehmend finden also Elemente amerikanischer Arbeitsweisen auch bei den
       deutschen Sendern Anwendung, und das ist bestimmt keine schlechte
       Entwicklung. Deshalb ist das insgesamt sehr sehenswerte „Ku’damm 56“
       natürlich nicht frei von Schwächen.
       
       Die wichtige Rock-’n’-Roll-Szene hätte gern genauer betrachtet werden
       dürfen. Vor allem aber ist es schade, dass die Geschichten von drei der
       vier Frauen nach dem altbekannten Schema „Eine Frau zwischen zwei Männern“
       vorangetrieben werden.
       
       Das ist erzählerisch ein wenig fade und wirkt angesichts des übergeordneten
       Themas unpassend. Positiv ist, dass die Produktion nicht anstrengend
       didaktisch daherkommt, sondern elegant und unaufdringlich ausgewählte
       zeittypische Konflikte verhandelt und es dabei in mitunter exzellenten
       Dialogen auch komisch zugeht.
       
       20 Mar 2016
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Sven Sakowitz
       
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