# taz.de -- Opposition in Russland: Muster der Verdunkelung
       
       > Vor einem Jahr wurde der Politiker Boris Nemzow in Moskau erschossen.
       > Fünf Tschetschenen sitzen in Haft. Die Auftraggeber wurden nicht
       > ermittelt.
       
 (IMG) Bild: An dieser Stelle unweit des Kreml wurde Boris Nemzow vor einem Jahr erschossen.
       
       Moskau taz | „Der Wunsch an Boris mit einem Gedenkmarsch zu erinnern, wird
       fast wie ein Umsturzversuch aufgenommen“, sagt Ilja Jaschin. Er ist einer
       der Frontfiguren der Oppositionspartei Parnas und ein langjähriger
       politischer Weggefährte Boris Nemzows. Am Wochenende jährt sich der
       heimtückische Mord an dem einstigen russischen Vizepremier. Vor einem Jahr
       wurde er in Moskau in Reichweite der Kremlmauer hinterrücks erschossen.
       
       Auch in anderen russischen Städten sollen Gedenkveranstaltungen
       stattfinden. Nicht überall erteilten die Behörden jedoch Genehmigungen. Im
       sibirischen Nowosibirsk wurde gar versucht, noch im letzten Moment eine
       Fotoausstellung zu verhindern. An einigen Orten sind Gedenkmärsche
       untersagt, stattdessen werden Mahnwachen abgehalten.
       
       Auch ein Jahr nach dem Mord reagieren die Machthaber in Russland sehr
       empfindlich. Die Verunsicherung ist mit Händen zu greifen. Obwohl mit dem
       Tod Nemzows die Opposition noch weiter ins politische Abseits gedrängt
       wurde.
       
       Inzwischen seien sie „Volksfeinde“, meint Jaschin. Ihnen würde die Rolle
       einer Widerstandsgruppe zugeschrieben, wie sie Dissidenten noch in der
       Sowjetzeit ausfüllten.
       
       ## Ergebnisse nach drei Tagen
       
       Russische Strafverfolger hatten das Killerkommando, das Nemzow am späten
       Abend im Moskauer Zentrum niederstreckte, innerhalb kurzer Zeit ermittelt.
       Drei Tage nach dem Attentat sollen Präsident Wladimir Putin die Ergebnisse
       bereits vorgelegen haben.
       
       Grund für den ungewöhnlich schnellen Fahndungserfolg ist laut der Zeitung
       Nowaja Gaseta Präsident Putins Empörung gewesen. Wer hatte es wagen können,
       direkt vor seiner Haustür ein so spektakuläres Verbrechen zu begehen? Auch
       Moskaus geheimdienstliche Sicherheitsstrukturen waren in höchster
       Alarmbereitschaft. Seit langem sind ihnen die Sicherheitskräfte des
       tschetschenischen Verwaltungschefs Ramsan Kadyrow ein Dorn im Auge.
       
       Der Gebieter von Grosny führt Tschetschenien wie ein Sultanat, seine
       Streitmacht beschränkt sich nicht auf die Grenzen der nordkaukasischen
       Republik. Sie treiben ihr Unwesen auch in Moskau und anderswo und machen
       den föderalen Sicherheitsstrukturen das Gewaltmonopol streitig.
       
       Darüber hinaus dreht sich die Auseinandersetzung jedoch nicht nur um die
       Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung. Es geht um den Zugriff auf
       materielle Pfründen und die nicht vereinbarte Inbesitznahme von
       Territorien, Lehnswesen sozusagen.
       
       ## Kadyrows Leibgarde
       
       Fünf Tschetschenen wurden Anfang März als Täter dingfest gemacht. Darunter
       Saur Dadajew, der Nemzow auf der Brücke vor dem Kreml erschoss. Drei der
       Täter standen in Diensten der tschetschenischen Sicherheitsorgane. Dadajew
       gehörte dem Bataillion „Sever“an, auf Deutsch Norden. Dahinter verbirgt
       sich die Leibgarde Ramsan Kadyrows. Offiziell ist das Bataillion den
       Streitkräften des russischen Innenministeriums unterstellt.
       
       Bei den Festgenommenen handelt es sich nur um das Killerkommando,
       Auftraggeber und Organisatoren bleiben im Dunkeln. Einer der entscheidenden
       Drahtzieher soll der stellvertretende Kommandeur des Bataillions „Sever“
       sein, Ruslan Geremejew. Russischen Ermittlern gelang es aber nicht, ihn in
       Tschetschenien zu überführen. Er soll sich mittlerweile in die Vereinigten
       Arabischen Emirate abgesetzt haben. Zusammen mit seinem Fahrer Ruslan
       Muchutdinow, der in der offiziellen Version plötzlich als Organisator
       erscheint.
       
       Dieses Muster der Verdunkelung wurde auch schon bei anderen Morden,
       darunter dem an der Journalistin Anna Politkowskaja angewandt. Auch dort
       wurden die Auftraggeber nicht ermittelt. „Die Spuren führen direkt zu
       Kadyrow“, meint Jaschin. Der Tschetschene wurde unterdessen nicht mal als
       Zeuge vernommen.
       
       Vermutlich kommen die Anweisungen aus dem Kreml. Ein angeschossener Kadyrow
       könnte die fragile Sicherheitsarchitektur Russlands gefährden. Die
       Ermittlungen seien inzwischen so gut wie eingestellt, sagt Jaschin.
       
       ## Auftrag des Vaterlandes
       
       Bei der Festnahme sollen auch die Täter überrascht gewesen sein. Sie hatten
       nicht erwartet für einen „Auftrag des Vaterlandes“ zur Rechenschaft gezogen
       zu werden, schreibt die Nowaja Gaseta. So hätten sie Beweise und Indizien
       wie Simkarten offen liegen lassen. So wurde das Tatfahrzeug vor, aber nicht
       mehr nach dem Einsatz gewaschen.
       
       Im August 2014 soll es eine Ausschreibung für mehrere Morde gegeben haben.
       Auf der Liste standen neben Nemzow auch der Oligarch Michail Chodorkowski
       und der Chefredakteur des Radiosenders Echo Moskwy, der sich noch ein Stück
       Unabhängigkeit bewahren konnte. 15 Millionen Rubel Kopfgeld werden gezahlt.
       
       An diesen Ausschreibungen beteiligen sich laut Nowaja Gazeta
       tschetschenische Sicherheitskräfte, die für besondere Aufgaben in Moskau
       stationiert wurden. Tschetscheniens Sultan muss jedoch nichts befürchten.
       Seit dem letzten Jahr wird er aber bestraft. Er hat keinen Zugang mehr zum
       „telo“, dem Körper auf Deutsch, hinter dem sich der russische Herrscher
       verbirgt.
       
       27 Feb 2016
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Klaus-Helge Donath
       
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