# taz.de -- Rechtsextreme Frauen im NSU-Prozess: Rassistinnen auf Schmusekurs
       
       > Nazi-Frauen nutzen Geschlechterstereotype: Sie geben sich unpolitisch und
       > ahnungslos, sind aber in der Szene sehr aktiv.
       
 (IMG) Bild: Rechtsextreme Frauen ganz vorne mit dabei: Eine Nazi-Demo in Berlin (Archivbild 2009).
       
       Eine „eigene Meinung“ habe Beate schon vertreten, erinnerte sich Brigitte
       Böhnhardt. „Rechts“ aber habe sie sich nicht gekleidet. Immer höflich sei
       sie gewesen, „kuschelig“ mit ihrem Sohn, dem damals etwa 20-jährigen
       NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt. „Wie man sich eine junge Frau vorstellt.“
       
       Ihre Erinnerung schilderte Brigitte Böhnhardt im November 2013, im Saal
       A101 des Oberlandesgerichts München. Neben ihr saß Beate Zschäpe, jetzt
       angeklagt als Mittäterin für die zehn Morde des NSU, die zwei Anschläge und
       fünfzehn Überfälle. Brigitte Böhnhardts Bild aber konnte das offenbar nicht
       trüben. Ihr Sohn hatte damals ja einige „Probleme“, sagte sie aus. Beate
       sei da eine Hoffnung gewesen: Eine Freundin könne ja viel bewirken bei
       Jungen in dem Alter.
       
       Es war die ganz falsche Hoffnung. Fast vierzehn Jahre lebte Uwe Böhnhardt
       mit Zschäpe und Uwe Mundlos im Untergrund, mordete und raubte. So ließ es
       auch Zschäpe in ihrer erstmaligen Erklärung am Mittwoch im Münchner
       NSU-Prozess ihren Anwalt schildern. Am Ende erschossen sich Böhnhardt und
       Mundlos nach einem gescheiterten Bankraub.
       
       Und Zschäpe? Vermochte es nicht, die Taten zu verhindern. Weil sie es nicht
       konnte, wie sie behauptet, und davon immer erst im Nachhinein erfuhr. Allzu
       sehr bemühte die 40-Jährige am Mittwoch das Bild des harmlosen Heimchens.
       „Entsetzt“ sei sie über die Morde und deren Motiv gewesen. Ein Ausstieg sei
       ihr nicht gelungen, da sie Böhnhardt liebte und dieser mit Selbstmord
       drohte. Am Ende habe sie ihren Kummer in Sekt ertränkt, gar die Katzen
       vernachlässigt, „was für mich völlig untypisch war“.
       
       ## Längst in der Führungsetage
       
       Die Erklärung zeichnet fast mustergültig das Bild nach, das lange Zeit
       Frauen im Rechtsextremismus zugeschrieben wurde: abhängig von ihren
       Neonazimännern, politisch im Grunde nicht interessiert, friedfertig und
       fürsorglich. Nur passt Zschäpes politische Vita nicht dazu. Über Jahre
       besuchte sie Szeneaufmärsche und Kameradschaftsabende, verteilte
       Flugblätter, „Lieber sterben, als auf Knien leben“. In ihrer Wohnung hingen
       Waffen an der Wand, eine Pistole nannte sie „Wally“. Einmal verprügelte sie
       eine Punkerin, dann verschickte sie Drohbriefe mit Schwarzpulver. Bekannte
       schilderten sie als jemand, der sich nie „unterordnet“. Auch im Untergrund
       soll sie gefälschte Papiere organisiert haben, fuhr einen Waffenlieferanten
       in die Versteckwohnung des NSU. Unpolitisch? Fremdgesteuert?
       
       Und auch für die rechte Szene insgesamt passt es nicht. Frauen übernehmen
       hier längst Führungsrollen. Sie organisieren Demonstrationen, gründen
       Frauenkameradschaften, beteiligen sich an Übergriffen. In der NPD halten
       sie seit 2006 einen eigenen Verband, den Ring Nationaler Frauen. Und auch
       der Schritt zur Gewalt wird von einigen gegangen. Bereits in den Achtzigern
       verübte eine Frau aus der rechtsterroristischen Deutschen Aktionsgruppe
       einen Brandanschlag, zwei Vietnamesen starben. Auch die „Wehrsportgruppe
       Hoffmann“ wurde von einer Frau mitangeführt.
       
       Dennoch tauchen Frauen im Rechtsextremismus bis heute in der öffentlichen
       Wahrnehmung nicht auf, werden unterschätzt – selbst im NSU-Komplex, dem
       eine Frau derzeit ein Gesicht gibt. Dabei gab es auch einige zentrale
       Helferinnen des NSU. Susann E. etwa, Frau des mitangeklagten André E. und
       engste Vertraute Zschäpes bis zum Schluss. Sie überließ der Angeklagten
       Bahncards und ihren Ausweis, noch auf der Flucht soll sie Zschäpe
       Wechselwäsche organisiert haben. Auf einer Festplatte des Trios fanden sich
       Fotos von Susann E. und ihrem Mann André E. – in einem Ordner mit Versionen
       des NSU-Bekennervideos.
       
       Oder Mandy S., Friseurin aus dem Erzgebirge, früher aktiv in einem
       rechtsextremen Gefangenenhilfswerk. Dem Trio organisierte sie eine Wohnung,
       auch sie überließ Zschäpe einen Ausweis. Oder Antje B., Erzieherin aus Aue,
       einstige „Blood&Honour“-Aktivistin, die auch nach dem Abtauchen Kontakt zum
       Trio hielt. Im NSU-Prozess aber gaben sich auch diese Frauen unpolitisch
       und ahnungslos, Susann E. verweigerte die Aussage.
       
       ## Weibliche Rolle als Tarnung
       
       Die Unterschätzung der Rechtsextremistin, sie ist es auch, die nun das
       allgemeine Erstaunen über die Resolutheit Zschäpes verursacht. Das kalte
       Abservieren ihrer ursprünglichen Anwälte, das lange, ungerührte Schweigen –
       wie passt das zu der adretten Hosenanzugträgerin?
       
       Das Forschungsnetzwerk Frauen und Rechtsextremismus forderte bereits Ende
       2011 in einem offenen Brief, nach der einsetzenden Berichterstattung über
       den NSU und Zschäpe, „rechtsextreme Frauen als das zu sehen und
       darzustellen, was sie sind: mutmaßlich rassistische, menschenverachtende
       Täterinnen“.
       
       Wie wenig diese Perspektive selbst bei Sicherheitsbehörden verankert ist,
       zeigte eine Rasterfahndung 2007 im Raum Nürnberg, nach den dortigen
       NSU-Morden. Dort wohnte zu der Zeit auch Mandy S., der Verfassungsschutz
       gab ihren Namen an die Polizei weiter. Die aber begrenzte das Raster nur
       auf Männer – die NSU-Helferin blieb unentdeckt.
       
       Im Münchner NSU-Prozess gewährten die Ankläger der Bundesanwaltschaft
       dagegen keine Nachsicht: Für sie ist Zschäpe ebenbürtige Mittäterin der
       rechtsterroristischen Verbrechen. Gerade ihre weibliche Rolle sei
       essenziell für die Tarnung gewesen, für den Eindruck einer harmlosen
       Wohngemeinschaft. Zschäpe dagegen versucht nun, noch einmal das Bild der
       unschuldigen Mitläuferin zu bemühen. Es ist nun am Gericht, zu entscheiden,
       welcher Sicht es folgt.
       
       12 Dec 2015
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Konrad Litschko
 (DIR) Andreas Speit
       
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