# taz.de -- Polizeigewalt in Bayern: Knochensplitter und Idylle
       
       > In einem Dorf in Bayern prügeln Polizisten Punks ins Krankenhaus. Anzeige
       > wollen diese nicht erstatten – aus Angst, als Aussätzige zu gelten.
       
 (IMG) Bild: Landidylle in Bad Kötzting mit der Stadtpfarrkirche Mariä Himmelfahrt (August 2013).
       
       Bad Kötzting/Furth im Wald taz | Der 7.000-Seelen-Ort Bad Kötzting liegt
       malerisch zwischen dichten Wäldern am Ufer des Weißen Regens: Bayern-Barock
       und Fachwerk-Idylle. Im Süden erheben sich die Gipfel des Bayerischen
       Waldes, im Osten und Norden sind es nur wenige Kilometer bis zur
       tschechischen Grenze. Die Menschen in der Gegend halten zusammen, Tradition
       und Ordnung sind für sie wichtig – selbst für die wenigen Rebellen.
       
       Eines Nachts Ende Mai verprügeln hier zwei Polizisten eine Gruppe Punks.
       Drei der Jungs werden im Krankenhaus landen, einer muss notoperiert werden.
       Seitdem rechnen sie jeden Morgen auf dem Weg zum Briefkasten damit, dass
       darin eine Anzeige liegt, wegen Widerstand gegen die Staatsgewalt und
       versuchter Gefangenenbefreiung.
       
       Sie trauen sich bisher nicht, einen Anwalt zu nehmen und juristisch gegen
       die Beamten vorzugehen. Und sie bestehen darauf, dass ihre Geschichte hier
       nur anonym erzählt wird. Denn sie haben Angst vor dem Getuschel der
       anderen, vor Blicken an der Supermarktkasse. Sie fürchten, sie könnten ihre
       Arbeit oder ihre Wohnung verlieren, wenn Vermieter oder Chef davon hören.
       Sie leben alle gerne hier, sind heimatverbunden, trinken Kaffee mit ihren
       Nachbarn und freuen sich über Besuch bei ihren Konzerten. Das wollen sie
       nicht aufs Spiel setzen – anderssein und dafür akzeptiert werden.
       
       Es ist nicht klar, was genau in der Nacht zum 30. Mai auf der
       Kopfsteinpflasterstraße hinauf zum Marktplatz von Bad Kötzing geschehen
       ist. Dazu gibt es zwei Versionen. Die der Polizei, welche sich auf eine
       Pressemitteilung beschränkt, da sie auf taz-Anfrage auf das laufende
       Verfahren verweist. Und die Sicht der mutmaßlichen Opfer sowie einiger
       Augenzeugen.
       
       ## Schwarze Lederjacken
       
       Es ist das letzte Wochenende der Pfingstwoche – des größten religiösen und
       gesellschaftlichen Events von Bad Kötzting. Das Brauchtum ist sehr
       lebendig. In einer Prozession reiten festlich gekleidete Geistliche mit 900
       Trachtenträgern auf geschmückten Pferden durch die Stadt und tragen dabei
       ein mannshohes, goldverziertes Kreuz. Die Lokalzeitung lobt auf einer
       halben Seite das Ballkleid der Pfingst-Braut. Spielmannszüge marschieren
       durch die Straßen. Am Abend ist Volksfeststimmung.
       
       Unter den Trachtlern und Lederhosen fallen Franz, Paul, Kai und Hans auf.
       Sie tragen T-Shirt und Jeans, zeigen ihre tätowierten Arme und Piercings.
       Es ist ein warmer Frühsommerabend, und die Clique setzt sich auf die
       Terrasse des Horse Town Clubs am Marktplatz. Die Stimmung ist ausgelassen.
       Das Bier fließt.
       
       „Wir haben gefeiert und gut getrunken“, erinnert sich Franz. Um von dem zu
       erzählen, was in den folgenden Stunden passierte, will Franz nicht in Bad
       Kötzting mit einem Reporter von auswärts gesehen werden: „Das würde jeder
       mitkriegen, und sofort wären wir das Dorfgespräch.“ Deshalb haben er und
       seine Freunde ein Wirtshaus 20 Kilometer entfernt als Treffpunkt
       vorgeschlagen. Dass bei so wenigen Einwohnern trotzdem der Verdacht auf sie
       fallen kann – dieses Risiko gehen sie ein, weil sie überzeugt sind, Opfer
       einer großen Ungerechtigkeit geworden zu sein.
       
       Es ist gegen halb 3 Uhr morgens auf der Terrasse des Horse Town Clubs in
       Bad Kötzing, als die Gruppe zahlt und sich auf den Heimweg macht. Kaum
       haben sie die Bar verlassen, kommt es zu einer Rangelei mit Mitgliedern
       eines Burschen-Vereins. Schimpfwörter fliegen, aber keine Fäuste. Paul ist
       am nüchternsten und schlichtet. Jede Gruppe zieht ihres Weges. Die Punks
       wollen bei Kai übernachten. Franz trödelt hinterher.
       
       ## „Polizei, Ausweis her!“
       
       Plötzlich stehen da zwei Männer auf dem Marktplatz. Die Haare haben sie
       nach hinten gegelt, sie tragen keine Uniformen, sondern schwarze
       Lederjacken. Beide steuern zielstrebig auf Franz zu, packen ihn am T-Shirt
       und brüllen: „Polizei, Ausweis her!“
       
       „Ich habe so was geantwortet wie: Kann ja jeder sagen, zeig mal du deinen
       Ausweis“, sagt Franz. „Das waren keine von unseren Dorfpolizisten, die
       sahen überhaupt nicht aus wie Polizei, beide waren in zivil – und einen
       Ausweis haben wir nie gesehen“, erzählt Paul. Woher die Zivilpolizisten
       stammen, will die Polizei bis heute nicht sagen.
       
       Statt des Dienstausweises bekommt Franz eine Ladung Pfefferspray vor die
       Augen. Grundlos. Er klappt zusammen und brüllt vor Schmerz. Hans, Paul und
       Kai bemerken, dass etwas nicht stimmt. Sie sehen ihren Freund auf dem Boden
       liegen und wie sich zwei Gestalten über ihn beugen. Sie glauben, ihr Kumpel
       werde von ein paar betrunkenen Festbesuchern aufgemischt. Sie laufen los,
       Hans vorweg. Ein Fehler, den er am nächsten Tag auf dem OP-Tisch bezahlen
       wird.
       
       „Ich bin hingerannt – aus Zivilcourage. Habe geschrien, was das soll und
       versucht, den einen von Franz wegzuziehen“, sagt Hans. „Wenn ich gewusst
       hätte, dass das Polizisten sind, hätte ich das nicht gemacht.“ Woher genau
       der Schlag kommt, sieht Hans nicht. Eine Hand zerrt an seinem Hinterkopf,
       während ihm einer der Polizisten mit einer Maglite-Taschenlampe auf die
       Stirn drischt. Zwischen den Augen splittert der Knochen. Hans sackt
       zusammen.
       
       „Am nächsten Tag im Krankenhaus wurde erst meine Platzwunde genäht, meine
       Stirnplatte war eingedrückt. Seitdem habe ich eine Platte im Kopf. Der Arzt
       war überrascht, dass ich überhaupt noch bei Bewusstsein war“, sagt Hans.
       Vier Tage lag er im Krankenhaus. Auch drei Wochen nach seiner OP verbirgt
       er seine blutunterlaufenen Augen hinter einer breiten Sonnenbrille.
       
       ## Rätselhafte Verletzung
       
       Soweit die Version der Punks und einiger Augenzeugen. Im Polizeibericht zur
       Nacht heißt es dagegen nur: „Im Verlauf der Anzeigenaufnahme kam es zum
       Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte mit Körperverletzungen und einer
       versuchten Gefangenenbefreiung gegen die ersteinschreitenden
       Polizeibeamten. Bei der Schlägerei und dem nachfolgenden Einsatz wurden
       mehrere Personen, darunter auch Polizeibeamte, verletzt.“
       
       Wie sich der Polizist verletzt haben kann, ist für die Gruppe ein Rätsel:
       „Er ist nicht mal hingefallen, als ich ihn von Franz wegziehen wollte“,
       sagt Hans.
       
       Ihr Fall ist nur einer von vielen, bei denen die bayerische Polizei hart,
       vermutlich zu hart vorging. Oft landen nicht die Polizisten, sondern die
       Opfer auf der Anklagebank: 2009 brechen Polizisten der Spezialeinheit USK
       Jan A. im Einsatz die Finger, weil dieser an einer verbotenen Stelle
       gegrillt hatte. A. wurde zu 1.500 Euro Schmerzensgeld verurteilt. 2010
       ringen Polizisten eine Familie in Rosenheim nieder und bekommen eine
       Anzeige. 2011 rammen Beamte eine Dolmetscherin am Münchner Hauptbahnhof
       gegen die Wand. Die Polizisten zeigen sie an. 2011 verprügelt der
       Rosenheimer Polizeichef einen 15-Jährigen. Teresa Z. ruft 2013 die Beamten
       zur Hilfe, wird auf einer Münchner Wache gefesselt und von einem Polizisten
       ins Krankenhaus geprügelt.
       
       ## Das Urteil der Dorfgemeinschaft steht fest
       
       Gruppen wie Amnesty International (AI) kritisieren seit Langem, dass die
       Polizei in solchen Fällen gegen sich selbst ermitteln muss – wenn Aussage
       gegen Aussage steht. Viele Verfahren werden eingestellt. In Bayern sei die
       Situation noch schlechter als in anderen Bundesländern, stellte AI schon
       2011 fest.
       
       Unter anderem öffentlicher Druck führte dazu, dass Frank W., der Polizist,
       der Teresa Z. ins Gesicht schlug, zu zehn Monaten auf Bewährung verurteilt
       wurde. Im Dienst ist er bis heute. Doch anders als Teresa Z. können sich
       die Jungs im Bayerischen Wald nicht der Unterstützung der Öffentlichkeit,
       Medien und Zivilgesellschaft sicher sein. Im Gegenteil.
       
       Das Urteil der Dorfgemeinschaft steht schon jetzt: „Wenn die Polizei
       hinlangt, dann trifft es schon die Richtigen, besonders, wenn die keine
       Lederhosen tragen. So sieht man das hier“, sagt Hans. Das gilt vielerorts
       in Bayern, in den ländlichen Gegenden ganz besonders: Polizei ist wie
       Kirche. Sie ist Teil der Ordnung, die nicht infrage gestellt wird.
       
       Doch immerhin: Die Pfingst-Braut ist unter den Zeugen von Bad Kötzting. Sie
       bestätigt die Version der Jungs. Dass nicht sie die Angreifer waren,
       sondern die Polizei, und dass diese äußert brutal gegen die Punks vorging.
       „Ihr Amt und ihr Wort zählen mehr als der Landrat“, sagt Kai. Doch ob sie
       auch mehr zählen als die Polizei?
       
       4 Jul 2015
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Ferdinand Otto
       
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