# taz.de -- Integration: Ultimatum abgelehnt
> Vor dem Integrationsgipfel eskaliert der Streit zwischen türkischen
> Verbänden und Regierung.
(IMG) Bild: Alles Paletti? Nein: Im Vorfeld des Integrationsgipfels gibt es Ärger.
Alles sollte so schön werden: Auf dem zweiten Integrationsgipfel im
Kanzleramt präsentiert Angela Merkel einen "Nationalen Integrationsplan",
demonstriert Einigkeit mit den Migranten und dann lächeln alle gemeinsam in
die Kameras. Doch derzeit deutet vieles darauf hin, dass zumindest drei
Herren und eine Dame bei diesem Gruppenfoto fehlen werden.
Die Vorsitzenden der größten türkischen Verbände sind darüber verärgert,
dass die Regierung auf ihre Boykottdrohung unnachgiebig reagiert. Die
Forderung der Verbände, das gerade beschlossene Zuwanderungsgesetz doch
noch zu ändern, wurde rigoros abgelehnt.
Aber der Reihe nach: Gestern traten Kenan Kolat, der Vorsitzende der
Türkischen Gemeinde in Deutschland (TGD), und Ahmet Ünalan vom Rat der
Türkischen Staatsbürger vor die Bundespressekonferenz. Dort verkündeten sie
offiziell, was die taz schon am Tag zuvor erfahren hatte: Vier türkische
Verbände, darunter auch die einflussreiche türkisch-islamische Ditib und
die Föderation der türkischen Elternvereine, machen ihre Teilnahme am
Gipfel davon abhängig, dass die Kanzlerin Änderungen am Zuwanderungsgesetz
verspricht. "Wir brauchen eine eindeutige Zusage", sagte Kolat. "Dann
nehmen wir auch am Gipfel teil."
Doch allen Änderungswünsche wies die Bundesregierung umgehend zurück.
"Dieses Gesetz wird nach Ausfertigung durch den Bundespräsidenten in Kraft
treten", sagte der stellvertretende Regierungssprecher Thomas Steg der taz.
Unabhängig davon habe die Einladung zum Integrationsgipfel natürlich
unverändert Bestand. Maria Böhmer (CDU), die Integrationsbeauftragte der
Bundesregierung, forderte gestern die türkischen Verbände zur Fortsetzung
des Dialogs auf. Selbstverständlich könne beim Integrationsgipfel über das
Zuwanderungsgesetz gesprochen werden. Von Änderungen am Gesetz sprach sie
allerdings auch nicht.
"Wenn das so ist, bleibt für uns kein Spielraum mehr", sagte wiederum der
TGD-Vorsitzende Kolat der taz. "Das bedeutet, dass unsere Anregungen
ignoriert werden", meinte auch der Dialogbeauftragte der Ditib, Bekir
Alboga. "Wie sollen wir dann am Gipfel teilnehmen?" Endgültig absagen aber
wollten beide gestern noch immer nicht. Am Abend werde man über das weitere
Vorgehen beraten.
Die Entscheidung fällt den beiden auch deshalb so schwer, weil sie den
Gipfel selbst wertschätzen. Kolat wertet es noch immer als Erfolg, dass die
Bundesregierung dort "auf gleicher Augenhöhe" mit den Vertretern der
Migranten spreche, Alboga lobt die sachliche Diskussion in den
Arbeitsgruppen. Doch der Unmut über die Verschärfung des
Zuwanderungsgesetzes in der türkischen Community und der in Deutschland
erscheinenden türkischen Presse ist groß - und der setzt die Führungsriege
der Verbände unter Druck. Besonders empört sind die türkischen Migranten
über die Verschärfungen bei den Einbürgerungen und beim Familiennachzug,
die nicht für alle Zuwanderer gelten. Ehepartner aus Ländern wie den USA
oder Japan sind von einigen der Verschärfungen ausgenommen. "Dieses Gesetz
beinhaltet Ausgrenzung und Ungleichbehandlung", sagte Kolat.
Nicht alle türkischstämmigen TeilnehmerInnen des Integrationsgipfels
unterstützen das Vorgehen der Verbände. "Ich teile die Kritik", sagte Havva
Engin, Professorin für Sprachförderung an der Pädagogische Hochschule
Karlsruhe, der taz. "Aber man sollte sie beim Gipfel vorbringen." Auch die
Rechtsanwältin Seyran Ates kritisierte den drohenden Boykott: Dies sei "der
typische Rassismus-Reflex, in den viele Verbände zurückfallen, wenn es um
staatliches Handeln in Zuwanderungsfragen geht", sagte sie dem
Tagesspiegel.
Politische Unterstützung bekommen die deutsch-türkischen Verbände dagegen
von der Opposition. Nach Kolat appellierte gestern auch Petra Pau (Die
Linke) an Bundespräsident Horst Köhler, das Zuwanderungsgesetz nicht zu
unterschreiben. Dessen Sprecher wollte sich zum Thema nicht äußern.
Grünen-Chefin Claudia Roth sagte: "Es bestehen erhebliche Bedenken, ob das
Gesetz verfassungsgemäß ist."
11 Jul 2007
## AUTOREN
(DIR) S. am Orde
(DIR) L. Wallraff
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