# taz.de -- Frauen im Alter: "Es gibt keine alte Venus"
       
       > Die alternde Frau wird an Kriterien gemessen, die sie nicht erfüllen
       > kann, sagt die Literaturwissenschaftlerin Hannelore Schlaffer. Ein
       > Interview.
       
 (IMG) Bild: Auf die Falten reduziert: Bei Frauen zählt vor allem ihr Äußeres. Und auch sie träumen von straffer Haut.
       
       taz.mag: Sind Sie bitter, Frau Schlaffer?
       
       Hannelore Schlaffer: Bitter? Nein. Wieso?
       
       In einer Rezension Ihres Buches übers Alter hieß es, dass Sie es in einem
       bitteren Moment geschrieben haben müssen. 
       
       Das Buch habe ich in einer sehr entspannten, leicht ironischen Stimmung
       geschrieben. Ich wüsste nicht, warum es bitter sein sollte.
       
       Sie schreiben dort, dass alternde Frauen heute frei sein können, dass sie
       das Recht haben, zu denken, zu schreiben - nicht aber zu lieben. Und dann
       enden Sie mit: "Es gibt keine alte Venus." 
       
       Erstens sagt sich das schön als letzter Satz, und zweitens stimmt es.
       Damit, dass sie meinen, das Alter behindere sie, sind Frauen seit
       Jahrtausenden belastet. Aber was Schicksal ist, macht einen nicht gleich
       bitter. Es ist nicht zu leugnen, dass Frauen auf ihre erotische
       Attraktivität hin angesehen werden, und dass die im Alter schwindet, ist
       natürlich ein gewisses Unglück.
       
       Ist "das gewisse Unglück für die Frauen" nicht eher ein
       Disziplinierungsinstrument, mit dem sie von Jugend an bedroht werden? 
       
       Ich glaube, dass das im 19. und 20. Jahrhundert besonders schwerwiegend
       war, als Frauen bereits von familiären Pflichten weitgehend freigestellt
       waren, ohne nach außen hin berufstätig sein zu dürfen oder zu können. Sie
       wussten schlicht nicht mehr, was für eine Funktion ihr Alter haben sollte.
       
       Und heute? 
       
       Eine jahrtausendealte Tradition ist so schnell nicht vergessen. Frauen sind
       nach wie vor auf ihr Äußeres hin orientiert. Das mögen viele bestreiten,
       aber wenn Sie die Tausenden sehen, die täglich zu H&M pilgern, stimmt diese
       Behauptung nicht. Während der Mann in seinem Anzug eine über die Jahrzehnte
       unberührte Skulptur ist. Vielleicht wird diese Epoche gerade
       revolutioniert. Aber bislang war es so, dass Männer vom Berufseintritt bis
       zum Lebensende das gleiche Kleid, den Herrenanzug trugen, während den
       Frauen gesagt wurde - und noch immer wird: Dies kannst du mit 25 tragen,
       nicht aber mit 45 und auf keinen Fall mit 55.
       
       Jetzt erregt doch das Gegenteil Anstoß bei den Leuten - und den
       Feministinnen: Frauen, die mit Mitte vierzig das tragen, was auch ihre
       Töchter anhaben. Und sich so die eigene Alterswürde nähmen, so der Vorwurf. 
       
       Aber das ist es doch gerade: Es erregt Anstoß! Das heißt, man darf als Frau
       nicht jugendlich erscheinen, man muss das Alterskleid anziehen.
       
       Wie haben Sie als junge Frau die älteren Frauen in Ihrer Umgebung
       wahrgenommen? 
       
       Ich habe sie gar nicht gesehen. Mein großes Vorbild war Sophia Loren;
       ältere Frauen begegneten mir in der Familie, das waren Tanten oder
       Freundinnen meiner Mutter. Und die wenigen Professorinnen, die damals an
       der Uni lehrten, waren irrelevant für mich.
       
       Und wie begegnen die Jungen heute Ihnen, Professorin und Jahrgang 1939? 
       
       Eigentlich ist es ein Vergnügen, alt zu werden, vor allem als Lehrende -
       und wenn man nicht krank ist. Ich habe die Freude am Umgang mit Jüngeren,
       auch an deren Bewunderung. Und Frauen, die im Beruf stehen, die selber
       jüngere Angestellte haben, müssen doch wacher, präsenter bleiben im
       öffentlichen Leben, etwa indem sie Jüngere beraten, auch wenn sie schon
       abgetreten sind. Natürlich ist auch diese alte Frau keine Venus, aber es
       entsteht etwas, was früher ausschließlich Männer für sich in Anspruch
       genommen haben: Würde und Altersweisheit. Deshalb ist mir das Altersbuch
       auch leicht gefallen, weil ich mich eigentlich nicht betroffen fühlte. Ich
       schreibe den ganzen Tag und die Leute fragen mich nicht danach, wie alt ich
       bin.
       
       Und wie reagieren die gleichaltrigen Männer? 
       
       Vor allem reagiere ich gelassener auf sie. Früher hat es mich viel stärker
       provoziert, wenn mein Mann die Antwort auf eine Frage bekam, die ich
       gestellt hatte. Ich finde Gespräche mit den meisten gleichaltrigen Männern
       nur mäßig ergiebig, weil sie nach wie vor eher Konversation mit mir als
       Frau betreiben, als ein sachliches Gespräch über Literatur und Kunst zu
       führen.
       
       Das ist doch trostlos. 
       
       Ich denke, dass sich da bei nachfolgenden Generationen einiges getan hat.
       Für meine Generation ist es zumindest leicht mit den ganz jungen Männern.
       
       Sie haben gesagt, wir leben möglicherweise in revolutionären Zeiten, was
       das weibliche Alter anbelangt. Gehören dazu die Kampagnen eines
       Seifenherstellers, der mit Aktfotos älterer Frauen wirbt? 
       
       Es gibt Modefotos des Fotografen Juergen Teller, der uralte Frauen in
       Dekolletés bis zum Nabel zeigt. Natürlich ist das einerseits die Suche nach
       dem noch nicht da gewesenen Motiv, die Wirkung ist aber eher abstoßend. Der
       weibliche Körper ist im allgemeinen Bewusstsein immer noch verbunden mit
       der Vorstellung von Jugendlichkeit und straffer Haut, und nun sehen Sie
       diese verknitterte Wesen. Sehen Sie irgendwo vergleichbare Fotos von
       verknitterten Männern? Das ist eine bösartige Ausstellung des Alters,
       obwohl sie sich nicht so gibt.
       
       Sophia Loren hat sich gerade als 71-Jährige leicht bekleidet für den
       letzten Pirelli-Kalender fotografieren lassen. 
       
       Um so schlimmer. Das ist eine verzweifelte Flucht nach vorn.
       
       Wäre etwas gewonnen, wenn es auch Aktbilder alternder Männer gäbe? 
       
       Die würden mir noch weniger gefallen. Wieso sollte man abstreiten, dass ein
       alternder Körper verfällt. Nicht alles, was organisch ist, verfällt schön,
       nicht einmal alle Blumen altern schön.
       
       Was ist dann das Ziel: Eine neue Ästhetik fernab des jugendlichen Körpers
       oder der Abschied von körperlichen Kriterien im Alter? 
       
       Die Frauen müssten auch hier eine Gleichberechtigung erreichen. Man fragt
       ja auch bei einem achtzigjährigen Mann nicht, ob sein Körper alt ist oder
       nicht. Er kann ein eleganter Herr sein, ein großer Geist oder ein
       vertrottelter Opa. Der Körper wird durch den Geist gemacht und auf dieses
       Niveau müssten auch die Frauen kommen.
       
       Wie kommen sie dorthin? 
       
       Indem sie einen Beruf ergreifen.
       
       Das tun sie mittlerweile schon eine Weile. 
       
       Ja, aber nicht alle, und sie kommen nicht in die entsprechenden Positionen.
       In den Geisteswissenschaften bilden wir uns ein, die Frauen seien
       gleichberechtigt. Aber sie nehmen hier Berufe ein, die mehr oder weniger
       von Männern aufgegeben wurden. Frauen werden leicht zu den Abfallverwertern
       der Männer. Im 19. Jahrhundert war der Volksschullehrer eine hoch geachtete
       Figur, dann kamen die Frauen dazu und die Position wurde immer weiter
       entwertet. Jetzt erleben wir das Gleiche an der Universität: Wer vorne dran
       sein will, bemüht sich nicht um eine Unistelle, in den Naturwissenschaften
       noch weniger als in den Geisteswissenschaften.
       
       Sie beklagen, dass das Modell alter Mann mit junger Frau klaglos akzeptiert
       wird. Zurück bliebe ein "Heer der einsamen, verlassenen, alternden
       Weiblichkeit". Dabei ist diese Kombination doch noch immer Praxis einer
       kleinen Gruppe von Fischers und Wagenbachs mit dem entsprechenden
       Sozialprestige. 
       
       Es ist natürlich die Oberschicht; die einfachen Beamten und Angestellten
       haben ihre Frau bis zum Lebensende. Aber die Oberschicht ist ein Stück weit
       Leitbild, das sich in der Gesellschaft durchsetzt. Und in dieser Gruppe ist
       es schon gang und gäbe, dass die ältere Frau irgendwann durch eine junge
       ausgewechselt wird.
       
       Das weibliche Einverständnis mit diesem Modell haben Sie als Verfall des
       Reflexionsniveaus beklagt. Warum schweigen die Frauen? 
       
       Ich komme aus der Studentenbewegung, wo dieser Umgang mit Frauen Thema der
       Feministinnen war. Das heißt, nicht einmal eines der Feministinnen, sondern
       der Emanzen. Da fällt es mir schon auf, dass heute nie mehr eine Frau etwas
       gegen diese Verabschiedung der alten Ehefrau hat. Ich denke, dass die
       Jüngeren es verschweigen, weil sie es als Chance für sich nutzen wollen,
       und die anderen Frauen wollen ihre Geschlechtsgenossinnen nicht
       diffamieren.
       
       Ihr Alterskonzept gilt für eine gut ausgebildete, finanziell abgesicherte
       Elite. 
       
       Sicher. Wobei mittlerweile eine ganze Unterhaltungsindustrie für Alte
       entstanden ist mit Gastuniversitäten und Fernreisen - und auch solchen, die
       ungemein billig sind. Die da nicht mitmachen können, gibt es auch im jungen
       Alter.
       
       Kommt die Klippe nicht danach, wenn man nicht mehr unabhängig lebt und die
       Frage ist, ob man in der Seniorenresidenz betreut wird oder im
       Billigaltersheim verrottet? 
       
       Das ist dann auch die Frage der Männer. Und nicht mehr die des Alterns,
       sondern des Abtretens. Da wird keine Frau mehr danach fragen, ob sie
       attraktiv ist oder nicht.
       
       MICHAEL RUTSCHKY, Jahrgang 1943, ist Publizist in Berlin. Sein letztes Buch
       "Wie wir Amerikaner wurden. Eine deutsche Entwicklungsgeschichte" ist bei
       Ullstein, Berlin erschienen. 204 Seiten, 20 Euro
       
       2 Nov 2007
       
       ## AUTOREN
       
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