# taz.de -- Reife Frauen: Die Zeit der Wahrheit
> Die Frau um die 50: Manche sagen, die Leidenschaft nimmt ab. Wir sehen
> das anders: Wir haben uns mit uns selbst abgefunden. Im noch besseren
> Fall sogar angefreundet.
Eigentlich kommt das Alter sehr dezent. Irgendwann, wenn wir noch gar nicht
mit ihm gerechnet haben, tappt es einfach auf leisen Sohlen heran. Ein
weißes Haar, leichtes Ziehen im Arm, Stechen im Fuß, tagsüber eine
Müdigkeit und plötzliches Erwachen in der Nacht - alles ohne ersichtlichen
Grund. Das ist aber fast schon die ganze Geschichte. Denn ansonsten bleibt
man bei allen kleinen und großen Veränderungen auch im Älterwerden die, die
man ist. Daran wird sich auch bis zum Ende nichts mehr ändern. Im
Gegenteil, man wird immer "selbiger".
Mir gefällt besonders gut am Älterwerden, dass es mich auf Normalmaß
zurechtstutzt. Zwar ist Hochmut immer unangenehm und fragwürdig, aber im
Alter ist er einfach nur noch lächerlich. Das Alter ist eher die Echtzeit
für Snobismus. Vieles, wonach es einen früher verlangte, ist nicht mehr so
wichtig. Noch nicht einmal die Demonstration, dass es einem nicht mehr so
wichtig ist. Weder brauchen wir das Wissen darüber, wie in dieser Saison
Manolo Blahniks aussehen, noch bedürfen wir der Anerkennung durch andere.
Selbstwertgefühle, die man bis jetzt nicht errungen hat, werden uns
definitiv nicht mehr hinterhergetragen. Möglicherweise zweifelt man noch
genauso an sich selbst wie früher, kann sich genauso schlecht entscheiden,
ist immer noch eitel, besserwisserisch, herrisch, was auch immer - aber es
quält uns nicht mehr so. Wir haben uns mit uns selbst abgefunden. Im noch
besseren Fall haben wir uns sogar mit uns selbst angefreundet.
Dieser kalte oder warme Frieden zwischen ich und ich kann verschiedene
Auswirkungen haben. Die einen beschreiben eine Art Rückgang der Gefühle.
Ein Desinteresse an Vorgängen oder Dingen, die sie früher in irgendeiner
Weise erregt haben. Empörung, Staunen, Freude, Aufregung, Angst - all das
scheint jetzt einer gleichmütigeren Beobachtung gewichen. Man ärgert sich
nicht mehr so schnell über irgendwas oder irgendwen, ist aber auch nicht
mehr so schnell fasziniert.
Andere quält die berechtigte Sorge, ihre unangenehmen Eigenschaften würden
sich im Alter verstärken. Das ist sicherlich auch der Fall. Aber dass es
umgekehrt auch mit den angenehmen eigenen Eigenschaften so sein kann, ist
doch sehr tröstlich. Und wenn wir es bis hierher mit all unseren Macken und
Fehlern geschafft haben, dann gucken wir einfach für den Rest des Weges
gnädig weg.
Die Biopsychologie, eine relativ junge Wissenschaft, die zu erforschen
versucht, wie komplexe psychologische Phänomene durch biologische
Voraussetzungen hervorgerufen werden, aber auch umgekehrt: wie
psychologische Vorgänge biologische Funktionen und Strukturen beeinflussen
können - die Biopsychologie spricht von einem Kraftfeld, das durch
biologische Tatsachen geschaffen wird. Diesem Kraftfeld kann man sich
entweder ergeben, oder man schafft sich ein komplett anderes. Das ist ja
das Schöne am Leben. So, wie es die Erleuchtung nicht kümmert, wie man sie
erlangt, kann es auch mit den Realitäten sein: Wir kreieren uns mit unseren
Gefühlen, Gedanken und unserem Tun die Wirklichkeiten, die wir brauchen,
wollen und leben können.
Ein Biopsychologe erzählte als Beispiel für das Schaffen neuer Realitäten,
dass Männer ihr Testosteronhaushaltsdefizit durch regelmäßige Teilnahme an
einem Fußballspiel wieder ausgleichen. Als Zuschauer wohlgemerkt. Frauen
hingegen brauchen gleich einen ganzen neuen Liebhaber mit allem Drum und
Dran, um wieder an ein bisschen Östrogen ranzukommen. Sagt der
Biopsychologe. Irgendwie hätten Frauen es wirklich nicht einfach, räumte er
ein. Im Beruf müssten sie mit Männern konkurrieren, gleichzeitig aber auch
noch sämtliche weiblichen Attribute (wegen der Fortpflanzung) behalten. Das
sei wirklich eine Quadratur des Kreises. Pech für Frauen eben. Dass die
erfahrene Frau mindestens so sexy sein kann wie der erfahrene Mann, mochte
sich der Biopsychologe beim besten Willen nicht vorstellen.
Gut, dass auch in der Wissenschaft das schlichte Gemüt sofort erkennbar
ist. Und gut, dass der Neuropsychologe da eine ganz andere Meinung
vertritt. Dass Männer eventuell auf den Rängen im Fußballstadion ein
bisschen Testosteron gewinnen, könne ja sein, räumt er ein, aber
interessant wäre doch mal eine Untersuchung von Männern und Frauen im
Rockkonzert. Oder in der Oper? Nein, da vielleicht nicht, da sind ja die
meisten Männer schwul, und was die dazugewinnen, ist für uns nicht
interessant.
Interessant hingegen war wiederum die Einschätzung des Biopsychologen, dass
die Frau ab fünfzig von der Scheidung profitiert. Er meinte das vermutlich
weniger pekuniär als biopsychologisch: Da Frauen grundsätzlich ein größeres
soziales Netzwerk hätten, stünden sie im Gegensatz zum Mann bei einer
Scheidung nicht allein da. Je nun - sich dafür scheiden zu lassen ist
vielleicht doch kein ausreichender Grund.
Nach den nun aus vielerlei Gründen interessanten Gesprächen mit Bio- und
Neuropsychologen bleibt festzuhalten, dass uns mit unseren fünfzig Jahren
die Psychologie nicht mehr allzu viel an Wissen und Erfahrung voraushat.
Und dass wir so älter werden, wie wir jung waren - und dass wir vielleicht
dementsprechend auch so sterben, wie wir gelebt haben. Ständiges
Über-Grenzen-Gehen ist gerade dafür sicherlich eine gute Übung. Aber das
ist eine ganz andere Geschichte.
1 Nov 2007
## AUTOREN
(DIR) I. Brodersen
(DIR) R. Zucker
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