# taz.de -- Unruhen in Pakistan: Widerstand gegen Notstand
       
       > Musharraf rüstet auf, Anwälte und Oppositionelle protestieren. Die
       > Polizei inhaftiert 1.600 Oppositionelle in Haft - viele von ihnen sind
       > Anwälte.
       
 (IMG) Bild: Brutal ging die Polizei vielerorts gegen Demonstranten vor.
       
       Zwei Tage nach Erklärung des Notstands ist es am Montag in Pakistan
       erstmals zu größeren organisierten Protesten gekommen. Sie entzündeten sich
       zumeist vor den Landesgerichten und wurden von den Anwaltsverbänden
       organisiert, die im Verlauf dieses Jahrs zur Speerspitze der Opposition
       gegen Militärmachthaber Pervez Musharraf geworden sind.
       
       Nachdem am Wochenende Musharraf die Polizei vor allem zum Schutz der
       Staatsgebäude in Islamabad eingesetzt hatte, erreichte die Staatsgewalt am
       Montagmorgen auch die Provinzhauptstadt Karatschi. "Mehrere hundert Anwälte
       wollten vom Obersten Provinzgericht zum Presseklub ziehen, um ihre
       Solidarität mit den inhaftierten Kollegen und der strangulierten Presse zu
       zeigen", so Shahid Shah von der Tageszeitung The News. Doch der Versuch,
       die in der suspendierten Verfassung garantierten Rechte wahrzunehmen,
       endete blutig. "Mehrere Dutzend wurden verletzt. Die Polizei ging mit
       Schlagstöcken vor, und viele wurden in Polizeiwagen abtransportiert",
       erklärt Shah.
       
       In Lahore trieb die Polizei mit Tränengas und Stockhieben eine Versammlung
       von rund 2.000 Anwälten und Gerichtsbeamten auseinander, als diese eine
       Resolution gegen den Ausnahmezustand verabschieden wollten. Rund 250
       Personen wurden verhaftet. Kleinere Demonstrationen, gefolgt von
       Verhaftungen, gab es auch in Rawalpindi und Multan.
       
       In der Hauptstadt Islamabad verhinderte die massive Präsenz von Polizei und
       paramilitärischen Rangers auch gestern jede Versammlung. Insgesamt sollen
       nach Oppositionskreisen inzwischen mehr als 1.600 Personen festgenommen
       worden sein. Bereits am Sonntag waren 500 unter Arrest genommen worden. Zu
       den Verhafteten gehören auch zahlreiche Anhänger der islamistischen Jamaat
       Islami, die bestorganisierte pakistanische Partei, die bereits am Sonntag
       ihre Kader auf die Straßen gebracht hatte.
       
       Jetzt rechnen viele in der Bevölkerung mit einer weiteren Verschärfung der
       Lage, gibt es doch in Pakistan eine Tradition von Militärputschen. "Im
       Zusammenhang mit der Schließung privater Radio- und Fernsehsender erinnert
       vieles an den Putsch von General Zia-ul Haq gegen Zulfikar A. Bhutto vor 30
       Jahren", so Nadjia Jamil, Tänzerin und Schauspielerin. Für Jamil war Zias
       Diktatur schlimmer, weil er die Kultur und das Gedächtnis des Landes
       zerstörte. Und dennoch: "Musharraf erntet die Saat Zias, weil Kultur,
       Geschichte und freies Denken nie ermuntert wurden zurückzukehren. Während
       sich am Ende von Zias Diktatur eine breite Massenbewegung bildete, sind die
       Massen heute paralysiert", so Jamil.
       
       Die allgemeine Nervosität und Unsicherheit im Land äußern sich in
       zahlreichen herumschwirrenden Gerüchten, die durch das Fehlen verlässlicher
       Nachrichten noch mehr Nahrung erhalten. Der Militärmachthaber hatte am
       Samstag als eine der ersten Maßnahmen die Schließung der privaten TV-Sender
       verfügt und wurde nun zum ersten Opfer von Falschnachrichten. Das Gerücht,
       wonach er von der Armee unter Hausarrest genommen wurde und sein
       Stellvertreter, General Kayani, die Macht übernommen habe, führte zum Sturz
       der Kurse an der Börse von Karatschi. Sie erholten sich erst wieder, als
       Musharraf selbst über die Agentur Reuters verlauten ließ, dies sein "ein
       Scherz allererster Güte".
       
       Auch um die Rolle von Benazir Bhutto gibt es zahlreiche Mutmaßungen. Nach
       ihrer Rückkehr aus Dubai am Samstagabend fand sie zwar starke Worte gegen
       die Ausrufung des "Kriegsrechts" und bedauerte den "schweren Rückschlag für
       die Demokratie". Beobachtern fiel allerdings auf, dass Bhutto auf jede
       direkte und persönliche Kritik Musharrafs verzichtete. In einem
       BBC-Interview weigerte sie sich, Gespräche mit Musharraf auszuschließen,
       was prompt Gerüchten Auftrieb verlieh, dass sie plane, nach Islamabad zu
       fliegen. Bhutto befindet sich in einer Zwickmühle. Sie steht unter starkem
       Druck ihrer Volkspartei PPP, die Ränge der Opposition zu schließen und
       persönlich Straßenproteste anzuführen. Damit riskiert sie allerdings
       erneute Verhaftung oder Exil und damit das Ende ihrer Hoffnungen, in der
       Politik des Landes wieder Fuß zu fassen.
       
       Auf einer Pressekonferenz am Sonntag hatte Premierminister Shaukat Aziz
       erklärt, das Ausnahmerecht sei kein Kriegsrecht, da die Regierung weiterhin
       im Amt sei und auch die Parlamente nicht aufgelöst worden seien. Die
       Parlamentswahlen könnten allerdings bis zu einem Jahr verschoben werden. Am
       Montag trat Musharraf dieser in den Medien weit verbreiteten Äußerung
       entgegen und erklärte, das Januar-Datum für die Neuwahlen bleibe bestehen.
       Aziz ist ein Mitglied der Regierungspartei Muslim-Liga(Q), von der bekannt
       ist, dass sie Parlamentswahlen möglichst lange aus dem Weg gehen möchte. Am
       Montagnachmittag ist dann Aziz auf die Musharraf-Linie eingeschwenkt. Die
       Parlamentswahlen sollen trotz des Ausnahmezustands wie geplant stattfinden,
       sagte er laut staatlichen Medienberichten.
       
       Mitarbeit: N. Rosemann, Karatschi
       
       6 Nov 2007
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Bernard Imhasly
       
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