# taz.de -- Edgar Morin im Interview: "Das Wachstum ist ein Mythos"
> Frankreichs Präsident Sarkozy gebrauchte jüngst den Begriff
> "Zivilisationspolitik". Dieser stammt von dem Soziologen Edgar Morin, der
> so den Kampf gegen das Elend beschreibt. Geistiger Diebstahl?
(IMG) Bild: Bisher besteht Sarkozys "Zivilisationspolitik" darin, die links orientierte Chanteuse Carla Bruni zu ehelichen.
taz: Herr Morin, sitze ich dem Vordenker des französischen
Staatspräsidenten gegenüber?
Edgar Morin: Aber nein! Ich bin weder sein Guru noch sein Vordenker.
Vermutlich hat mich der französische Präsident nicht einmal gelesen. Sein
Inspirator, Henri Guaino, hat ihm von der "Zivilisationspolitik" erzählt.
Der Präsident hat diese Idee aufgegriffen.
Er benutzt Ihren Begriff der "Zivilisationspolitik". Ist das geistiger
Diebstahl?
Eine Idee kann man nicht stehlen. Er hat einen Begriff verwendet, den ich
als Erster verwendet habe. Aber diesen Begriff kann man in verschiedenem
Sinn benutzten.
Was bedeutet der Begriff "Zivilisationspolitik"?
Der erste banale Sinn ist der Gegensatz zur Barbarei. Die Abschaffung der
Todesstrafe und der Kampf gegen das Elend - das ist Zivilisationspolitik.
Auch der Sozialismus mit seinem Ziel, gegen die Ausbeutung des Menschen
durch den Menschen zu kämpfen, ist "Zivilisationspolitik". Aber ich meine
mit diesem Begriff unsere westliche, europäische Zivilisation. Die extrem
positiven Entwicklungen in Bereichen wie der Wissenschaft, der Technik und
der Demokratie haben zugleich negative Aspekte produziert, die immer
schwerwiegender werden.
Können Sie konkrete Beispiele nennen?
Der Individualismus. Er ist eigentlich ein sehr positives Phänomen. Weil er
Autonomie und einen Sinn für die persönliche Verantwortung bringt. Zugleich
hat er zum Verfall der früheren konkreten Solidaritäten beigetragen: in der
großen Familie und im Dorf. Das bringt Einsamkeit für die Mittellosen - und
Egoismus für die anderen. Der Überfluss an materiellen Gütern bringt
Befriedigung und materielles Wohlbefinden. Aber er geht einher mit
psychologischem und moralischem Unwohlsein. Es gibt ein Unwohlsein in
unserer Zivilisation. Die technisch-ökonomische Entwicklung hat den
ökologischen Verfall provoziert, der vielfältige Verschmutzungen unserer
Städte, Stress und psychosomatische Krankheiten auslöst. Das ökologische
Problem ist eine direkte Konsequenz der Entwicklung unserer Zivilisation.
Sarkozy hat Sie im Élysée empfangen. Hat er Sie um Rat gebeten?
Nein. Er hat mir gesagt, dass seine Vorstellung von "Zivilisationspolitik"
auf Werten und Identität gründet. Und ich habe ihm mein Konzept erklärt.
Danach haben wir von dem christlichen Europa gesprochen.
Der rechte Staatspräsident lässt den ermordeten kommunistischen Résistant
Guy Moquet in den Schulen ehren. Er holt den Sozialdemokraten Bernard
Kouchner in seine Regierung. Er verliebt sich in Carla Bruni, die die
Sozialistin Royal unterstützt hat. Und jetzt benutzt er die Ideen eines
linken Intellektuellen wie Sie.
Als Unterstützer hat er Leute wie Kouchner und den Philosophen André
Glucksmann. Aber nicht mich! Beim ersten Mal, als er die
"Zivilisationspolitik" erwähnte, hat er meinen Namen gar nicht genannt. Als
ich in einem Interview sagte, dass ich überrascht und gespannt wäre, was er
unter "Zivilisationspolitik" versteht, hat er mich ins Élysée eingeladen.
Wie haben Sie sich dabei gefühlt?
Wir haben vierzig Minuten miteinander gesprochen. In seiner Pressekonferenz
am nächsten Tag hat er mich zitiert. Aber falsch. Ich hatte ihm gesagt:
"Sie haben einen ehrlichen Ton. Ich glaube, dass Sie in 75 Prozent der
Fälle ehrlich sind. Das erlaubt Ihnen, in den übrigen 25 Prozent in
demselben ehrlich klingenden Ton Dinge zu sagen, die Sie nicht denken."
Sarkozy machte daraus: "Edgar Morin stimmt mir in 75 Prozent der Fälle zu."
Die "Öffnung" gegenüber der Linken ist ein Kernstück von Sarkozys Politik.
Sarkozy hat seine Wahlkampagne organisiert wie Bonaparte die militärische
Eroberung von Italien 1796/97: Er hat die Themen der Rechten genommen und
die Themen der Linken. Schon im Wahlkampf hat er den Sozialisten Jean
Jaurès zitiert. Er hat den "Bruch" propagiert und gleichzeitig die
Kontinuität bei dem Personal aus der rechten UMP organisiert. Er hat es
geschafft, sowohl linke, als auch rechte und zentristische Themen zu
entwickeln. Das ist politisches Genie.
Rechtsextreme Ideen hat er sich auch zueigen gemacht. Unter anderem mit der
Schaffung eines Ministeriums "für die nationale Identität"
Das ist eindeutig. Sarkozy macht rechtsextreme Politik, wenn es um
Einwanderer geht und um Papierlose. Und er hat eine Reihe von
sozialistischen Persönlichkeiten gewonnen sowie Persönlichkeiten, die aus
der Einwanderung hervorgegangen sind. Er spielt auf verschiedenen
politischen Saiten.
Wollen Sie Sarkozys Politik nicht kritisieren?
Ich habe viel Kritik und sehe zugleich ein paar positive Punkte. Seine
globale Vision kritisiere ich. Seine Außenpolitik gegenüber Amerika ist
eine Anpassung an die harten Tendenzen von Bush.
Zeigt Sarkozys Öffnungspolitik, dass die Unterschiede zwischen links und
rechts in Frankreich verschwinden?
Die Unterschiede existieren. Aber das persönliche Gebaren ist etwas
anderes. In der französischen Geschichte gab es Linke, die nach rechts
gegangen sind. Und Rechte, die nach links gegangen sind. Georges Clemenceau
war ein Mann der Linken, der ein Rechter wurde. Pierre Laval, ein
Kollaborateur von Nazi-Deutschland, war ursprünglich ein Sozialist. Die
Leute können sich entwickeln. Sarkozy achtet auf eine politische Ökumene.
Und sei es nur dadurch, dass er diese verschiedenen Minister geholt hat.
Sozial und wirtschaftlich hingegen sind Sarkozys Maßnahmen bislang eher
zugunsten des Kapitals und der Unternehmer als der Arbeit.
Hauptthema großer Bevölkerungsteile ist die Angst vor sinkender Kaufkraft,
vor Arbeitslosigkeit und sonstiger Verelendung. Ist das ein günstiger
Moment, um von "Zivilisationspolitik" zu sprechen?
Die "Zivilisationspolitik" kann einen neuen Weg zu öffnen. Auch mit der
Unterstützung für Berufe, die gesellschaftlich nötig sind, wie Pflegeberufe
- Krankenschwestern und Altenbetreuer. Oder damit, dass man Dörfer zu neuem
Leben erweckt. Aber die Politiker starren alle wie hypnotisiert auf das
Wachstum. Sie stecken in einer Falle: Sie wollen das große Problem der
Arbeitslosigkeit durch Wachstum lösen und das Wachstum kommt nicht. Das
Wachstum ist ein Mythos.
Das Wachstum ist das Leitmotiv sowohl der europäischen, als auch der
französischen Politik.
Die Politiker befinden sich im Schlepptau von liberalen
Wirtschaftswissenschaftlern. Sie glauben, dass ihre Antworten allein
wirtschaftlich sein müssen. Und haben nicht die geringste politische
Fantasie. Der Neoliberalismus schafft eine Weltwirtschaft ohne die
geringste Pufferung.
Welche Gefahren sehen Sie?
Diese Wirtschaft ist von einer unerhörten Zerbrechlichkeit gezeichnet. Sie
ist von Krisen geschüttelt, die bislang mehr oder weniger eingedämmt
bleiben. Aber eines Tages wird das nicht mehr gehen. Und wir befinden uns
in einer weltweiten ökonomischen Katastrophe. Alle Prozesse der
technischen, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Zivilisation führen in
die Katastrophe.
Es gibt zugleich neuen Wohlstand.
Natürlich gibt es Zonen von Wohlstand - aber vor allem gibt es neue Zonen
von Elend. Nehmen Sie nur die Slums in China und in Brasilien. Weil das
alles nicht reguliert ist, gehen wir auf ökologische Katastrophen zu. Ganz
abgesehen von den anderen Katastrophen wie Kriege. Es gibt die Entfesselung
des "Guten" gegen das "Böse". Jeder sieht sich selbst als das "Reich des
Guten". Das führt zu lokalen Kriegen, die zu generalisierten Kriegen werden
können.
Sehen Sie Verbündete, um eine "Zivilisationspolitik" zu machen?
Im Augenblick nur wenige. Bloß Initiativen auf lokaler Ebene: zur
Entgiftung eines Flusses, zur Förderung von Qualitätsgastronomie. Aber
keine Vernetzungen. Die Menschen erleben auf private Art die Probleme, die
eine soziale und politische Dimension haben. Sowie alle möglichen
Vergiftungen durch Werbung, Konsum, Autos. Die Leute halten das Unwohlsein
für ein privates Übel. Nehmen Psychopharmaka und Drogen. Und gehen zu Gurus
und Psychoanalytikern. Tatsächlich ist es ein Problem, das von unserer
urbanen Zivilisation kommt. Ein Leben mit der Stoppuhr, ein mechanisiertes
Leben, ein hyperspezialisiertes Leben. Es geht darum, das Wohlsein zu
suchen - eher, als die Akkumulation von materiellem Reichtum.
Warum erwähnen Sie weder Gewerkschaften, noch linke Parteien?
Es gibt keine Hoffnung in die französische Sozialistische Partei. Da ist
eine Neugründung nötig. Nach der Krise des Kommunismus steckt jetzt die
Sozialdemokratie in der Krise. Durch die wirtschaftliche Globalisierung hat
sich das verschlimmert. Die neuen Bedingungen machen es sehr schwer, den
Wohlfahrtsstaat weiter zu entwickeln und den Druck auf den Kapitalismus
aufrechtzuerhalten, der für ein Minimum an sozialen Garantien für die
Beschäftigten sorgt.
Haben Sie Hoffnung auf eine radikale Wende?
Eine klitzekleine. Solange die Katastrophe nicht da ist, reagiert man
nicht. Das ist wie mit den Umweltproblemen. Wir wissen, dass es eine
Klimaerwärmung gibt. Aber wir warten ab. Wenn wir in eine schwere
wirtschaftliche Krise geraten, wird es auch eine politische Krise geben.
Und in solchen Situationen sind Rückschritte ebenso möglich wie
Fortschritte. Auch in der großen Krise von 1929 gab es zwei verschiedene
Antworten: Den Nazismus und den New Deal von Roosevelt. Die Krise wird
Fantasie und Energien wecken. Aber vorerst leben die Leute in den Tag
hinein. Mit der Abwesenheit von Hoffnung. Die großen sozialen Bewegungen
sind immer von einer Hoffnung in die Zukunft begleitet.
INTERVIEW: DOROTHEA HAHN
4 Feb 2008
## TAGS
(DIR) Soziologie
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