# taz.de -- Hamburgwahl mit zwei Verlierern: Becks Wortbruch und die Folgen
> Hamburgs SPD stöhnt über den "Beck-Effekt". Bürgermeister von Beust büßt
> Stimmen ein - und kann trotzdem zwischen Grünen und SPD wählen. FDP
> draußen.
(IMG) Bild: Der Beck, sein Effekt und das Opfer.
Kurz nach Schließung der Wahllokale war die Stimmung unter den Genossen
noch getrübt. Nur die zwischenzeitliche 1:0-Führung des Hamburger SV bei
Bayern München hatte für Euphorie gesorgt. Ansonsten redeten alle über den
"Beck-Effekt". Über den bis heute rätselhaft erscheinenden Schwenk ihres
Parteichefs Kurt Beck.
Kaum ein Sozialdemokrat in Hamburg versteht, warum Beck nur wenige Tage vor
der Wahl eine Diskussion darüber eröffnet hat, ob sich Andrea Ypsilanti mit
den Stimmen der Linkspartei zur hessischen Ministerpräsidentin wählen
lassen soll. Genützt, darin sind sich hier alle einig, hat der
SPD-Vorsitzende den Hamburger Genossen damit nicht. "Wir haben ein Jahr
lang einen tollen Wahlkampf gemacht", ist die übereinstimmende Meinung,
"und dann kam Kurt Beck."
Aus dem Wahlergebnis lässt sich dieser Pessimismus nicht so ohne weiteres
herauslesen. Viel mehr als 34 Prozent waren der SPD in kaum einer Umfrage
prognostiziert worden. Dafür waren die Umstände von Michael Naumanns
Spitzenkandidatur auch zu widrig. Als der Journalist und Verleger im März
2007 entschied, in die Hamburger Lokalpolitik zu wechseln, stand seine
Partei am Abgrund. Der Abstand zur CDU betrug damals fast 20 Prozentpunkte.
Am Wahlabend sind es nur noch 9 Prozentpunkte. Und so suchen die
Sozialdemokraten wenigstens Trost darin, dass die CDU ihre absolute
Mehrheit in der Bürgerschaft verloren hat. So gesehen, sind 34 Prozent ein
achtbares Ergebnis, von dem die Sozialdemokraten am Sonntagabend allerdings
noch nicht wussten, was es ihnen am Ende bringen würde. Vielleicht doch die
von allen ungeliebte große Koalition?
Für den alten und wohl auch neuen Bürgermeister Ole von Beust (CDU) ist die
Lage komfortabel. Statt mit einer hauchdünnen Mehrheit mit der FDP zu
regieren, mit deren Personal er seine ernüchternden Erfahrungen ja bereits
gemacht hat, kann er nun entspannt mit Grünen und SPD über eine Koalition
verhandeln. Der frühere CDU-Landeschef Dirk Fischer sagte in einer ersten
Stellungnahme, über eine Koalition werde "nach den Inhalten entschieden".
Auf die große Koalition in Berlin will die Hamburger CDU ganz
offensichtlich keine Rücksicht nehmen.
Vermutlich wird sogar das erste Angebot an die Grünen gehen. Beust selbst
hat aus dieser Präferenz schon vor der Wahl keinen Hehl gemacht, und die
CDU könnte sich so eine stärkere Verhandlungsposition sichern als mit dem
größeren Partner SPD. Beust kündigte auf Basis der ersten Hochrechnung
schnelle Gespräche über eine Koalitionsbildung mit SPD und Grünen an. "Ich
will kein langes Interregnum", sagte er mit Blick auf Hessen, wo sein
Parteifreund Koch seit einem Monat kommissarisch im Amt ist. Auf die Frage,
ob es eine zusätzliche Motivation sei, der CDU mit der ersten
schwarz-grünen Koalition auf Landesebene neue Optionen zu verschaffen,
sagte von Beust: "Ich will nicht in die Geschichtsbücher eingehen."
Die Grünen hatten im Wahlkampf bis zuletzt versucht, der Schwarz-Grün-Frage
auszuweichen. Die Wunschoption der Grünen war Rot-Grün. "Dieses Ziel haben
wir nicht erreicht", sagte im Hamburger Congress Centrum die sichtlich
ernüchterte Hamburger Grünen-Chefin und Bundestagsabgeordnete Anja Hajduk.
Ob es denn jetzt Gespräche mit der CDU geben werde? Hajduk weicht aus. "Wir
warten das endgültige Ergebnis ab, dann beraten wir uns." Auch
Spitzenkandidatin Christa Goetsch mag nur von einer "unübersichtlichen
Lage" sprechen und davon, dass "wir nicht auf Teufel komm raus an die
Regierung wollen". Die grüne Basis an der Reeperbahn buht bereits, als im
Fernsehen bloß die Option Schwarz-Grün genannt wird.
Doch die dürfte die einzig realistische sein, vorausgesetzt, die Hamburger
Grünen wollen nicht weiter in der Opposition bleiben. Den Preis für ein
Bündnis mit der CDU haben sie möglicherweise schon bezahlt. Dass der
Bürgermeister schon im Wahlkampf so deutlich um die einstige
Alternativpartei warb, hat sie möglicherweise knapp das zweistellige
Wahlergebnis gekostet. Ein Bündnis mit der CDU, das ist für viele rot-grüne
Lagerwähler Teufelszeug - auch wenn die Grünen in den beiden Stadtbezirken
Altona und Harburg schon längst harmonisch mit der Union regieren.
Das sind Sorgen, die sich der SPD-Spitzenkandidat Michael Naumann wohl
nicht mehr machen muss. "Komplizierte Koalitionsverhandlungen" wünschte
Naumann dem CDU-Bürgermeister, als er gegen 18.30 Uhr vor seine Genossen im
Kurt-Schumacher-Haus trat, der Hamburger SPD-Zentrale.
Trotzdem ertönen unablässig Rufe, als habe die SPD tatsächlich gesiegt:
"Naumann! Naumann! Naumann!" Der SPD-Spitzenmann präsentiert seine
Schnellanalyse. "Die absolute Mehrheit des Ole-von-Beust-Senats ist weg."
Jubel. "Die Sozialdemokratie in Hamburg ist wieder da." Begeisterung.
"Unter den Volksparteien sind wir die Einzigen, die zugelegt haben."
Beifall.
Der Spitzenkandidat und seine SPD haben rund 34 Prozent gewonnen, sie sind
von CDU klar distanziert worden. Michael Naumann ist nicht der Sieger
dieses Abends. Wie ein Verlierer sieht er aber auch nicht aus.
25 Feb 2008
## AUTOREN
(DIR) H. Haarhoff
(DIR) J. Kahlke
(DIR) J. König
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