# taz.de -- Der aktuelle Tipp von Berlins Polizeipräsident: „Porsche nicht in Kreuzberg parken“
       
       > Polizeipräsident Dieter Glietsch ist linken Brandstiftern und
       > Polizeiübergriffen auf der Spur. Nur von Fußball hat er keine Ahnung.
       
 (IMG) Bild: Immer vorne mit dabei: Polizeipräsident Glietsch im Kreuzberger Getümmel am 1. Mai 2008
       
       taz: Herr Glietsch, was macht Ihnen mehr Sorgen? Die Aktionen der linken
       Szene während der Freiraumtage oder die täglichen Jubelarien der
       Fußballfans auf dem Ku'damm? 
       
       Dieter Glietsch: Auf die Jubelarien sind wir vorbereitet. So lange es
       friedlich bleibt, ist das überhaupt kein Problem. Wir sind auch darauf
       eingestellt, dass es bei dem Sieg von bestimmten Mannschaften zu
       Auseinandersetzungen kleiner Art kommen kann.
       
       Gäbe es ein Partie, die Ihnen Sorgen machen würde? 
       
       Nein. Dass wir alles gut im Griff haben, haben wir ja schon bei der
       Fußball-WM gezeigt.
       
       Die Freiraumtage hatte die Polizei nicht so gut im Griff. Es gabe eine
       Hausbesetzung und reihenweise brennende Autos. Wurden Sie davon überrascht? 
       
       Nein. Wir waren ziemlich genau auf das eingestellt, was sich in dieser
       Woche ereignet hat. Die Freirraumtage wurden ja intensiv beworben. Welches
       Haus besetzt wird und welche Autos angezündet werden, konnten wir
       schlechterdings nicht wissen. Die Inbrandsetzung von Fahrzeugen ist
       polizeilich nur sehr schwer zu bekämpfen.
       
       Warum ist das so schwer? 
       
       Wir haben über eine Millionen Autos auf der Straße, die als Tatobjekte in
       Frage kommen. Um vier Uhr morgens ist es dunkel, die Straßen sind
       menschenleer. Der Täter bückt sich kurz und legt einen Grillanzünder unter
       das Auto. Bevor das qualmt, ist er schon zwei Straßen weiter.
       
       Drei Personen hat die Polizei während der Freiraumtage dann aber doch
       festgenommen. 
       
       Aus polizeilicher Sicht gibt es überhaupt keinen Zweifel, dass sie Autos in
       Brand setzten wollten. Möglicherweise haben sie das auch bereits getan. Mir
       kann keiner erzählen, dass einer nachts mit Einweghandschuhen, Feuerzeug
       und Grillanzündern im Brustbeutel rumläuft, nur um spazieren zu gehen. Das
       haben die Betreffenden aber behauptet. Unser Problem ist, dass wir die
       Täter mehr oder weniger auf frischer Tat ertappen müssen.
       
       In dem Moment, wenn der Zünder drapiert wird? 
       
       Richtig. Sonst müssen wir sie wieder entlassen, weil es sich im
       strafrechtlichen Sinne noch nicht einmal um eine Versuchshandlung gehandelt
       hat. Bei zwei der Festgenommen ist der Tatverdacht noch nicht ganz
       ausgeräumt. Bei dem dritten steht fest, es war noch keine Versuchshandlung.
       
       Was raten Sie dem Porsche-Besitzer in Kreuzberg? 
       
       Man kann ihm nur abraten, sein Auto nachts auf der Straße zu parken.
       
       Stimmt es, dass die Kripo jetzt Köder aufstellt, also mit Kameras
       ausgestattete Nobelkarossen? 
       
       Wir nutzen alle Möglichkeiten, die es uns erleichtern, Festnahmen auf
       frischer Tat zu machen. Mehr sage ich nicht dazu.
       
       Waren die Freiraumtage eine Renaissance der linken Szene? 
       
       Ich habe nie geglaubt, dass der gewaltbereite Teil der linksextremen Szene
       in Berlin tot ist. Mit einem Aufflackern bei bestimmten Gelegenheiten ist
       auch in Zukunft zu rechnen. Auch Mediaspree könnte so ein Anlass sein.
       
       Gewaltausbrüche gibt es leider auch bei der Polizei. Am 1. Mai hat es zwei
       taz-Redakteure getroffen. Haben Sie sich die Polizeivideos von dem Vorfall
       angeguckt? 
       
       Ja, aber ich kann und will sie noch nicht bewerten. Ich lege großen Wert
       darauf, solche Sachverhalte aufzuklären. Aber man wird auch in Zukunft
       nicht ausschließen können, dass Polizisten der geschlossenen Einheiten in
       einer Stresssituation falsch reagieren.
       
       Ist das eine Entschuldigung? 
       
       Nein. Man darf nicht sagen, „wo gehobelt wird, fallen Späne“. Man muss
       Konsequenzen ziehen, wenn feststeht, was passiert ist.
       
       Müssten Sie dann nicht die individuelle Kennzeichnung der Beamten
       einführen? 
       
       Rechtsstaatlich ist es problematisch, wenn die Aufklärung einer Straftat
       daran scheitert, dass tatverdächtige Polizisten nicht identifiziert werden
       können. Aber die Einzelkennzeichnung wird von den Mitarbeitern sehr
       emotional, von den Befürwortern sehr ideologisch geführt. Beides ist nicht
       hilfreich für eine sachliche Auseinandersetzung.
       
       Wann könnte ein Einzelkennzeichnung denn schaden? 
       
       Rein rational betrachtet: gar nicht. Aber ich muss überzeugende Argumente
       haben, wenn ich jetzt noch einen Schritt weiter gehe, als bei der
       Gruppenkennzeichnung, die wir vor drei Jahren eingeführt haben.
       
       Vorher hatten je 40 Beamte eine Nummer, nun je zehn. 
       
       Genau. Diesen Schritt haben wir im Einnehmen mit der
       Beschäftigtenvertretung getan. Wenn ich jetzt weiter gehen will, muss ich
       belegen, dass dieser große Schritt nicht gereicht hat, um offenkundig
       berechtigte Vorwürfe im Hinblick auf polizeiliche Übergriffe aufzuklären.
       
       Es gab Fälle, die nicht aufgeklärt werden konnten … 
       
       … aber ich kenne bisher keinen, bei dem es am Fehlen der Kennzeichnung lag.
       Weil meine hausinterne Überprüfung eventuell nicht überzeugt, habe ich
       einen Rechtsprofessor gebeten, rund 150 Vorgänge auszuwerten. Er hat noch
       keinen Vertrag …
       
       … das läuft noch gar nicht?
       
       Doch, er hat die ersten Akten und muss jetzt sagen, für 150 solcher Akten
       brauche ich …
       
       … fünf Jahre?
       
       Nein, nein.
       
       Im November 2006 hatten Sie angeordnet, dass die Beamten des SEK
       gekennzeichnet werden. Erst jetzt, anderthalb Jahre später, wurde das
       umgesetzt. Gab es da Widerstände? 
       
       Natürlich haben die Kollegen nicht begeistert Ja gesagt, aber daran lang es
       nicht.
       
       Wurde da verschleppt? 
       
       Nein. Erst musste eine praktikable Lösung gefunden werden, dann nimmt das
       personalvertretungsrechtliche Beteiligungsverfahren viel Zeit in Anspruch.
       Anschließend gibt es eine Ausschreibung. Dann wird zunächst der falsche
       Stoff ausgesucht, bevor man feststellt, dass der Aufnäher nicht an die
       vorgesehen Stelle passt. All das führt dazu, dass das länger dauert, als es
       einem lieb ist.
       
       Heißt das, Sie werden die Kennzeichnung der geschlossenen Einheiten als
       Polizeipräsident nicht mehr erleben, wenn Sie 2011 in Ruhestand gehen? 
       
       Ich würde darunter nicht leiden. Aber wenn ich Ende des Jahres das
       Gutachten habe, kann auch die Entscheidung über Konsequenzen fallen. Das
       muss nicht nochmal zwei Jahre dauern, wenn das Ergebnis für die
       Kennzeichnung spricht.
       
       Es geht also schneller als beim SEK? 
       
       Man lernt aus solchen Prozessen. Aber ich halte die Kennzeichnung auch
       nicht für ein brennendes Problem. Seit Jahren wird den Beamten unser
       Einsatzeinheiten auch von politischen Kräften, die der taz nahe stehen,
       bescheinigt, dass sie eine ganz tolle Entwicklung durchgemacht haben. Sie
       sind nicht mehr die Prügelgarde der Nation. Sie sind in der Lage, vom
       Einsatzmittel der Kommunikation viel besser Gebrauch zu machen. Sie
       schreiten gezielt ein gegen Gewalttäter. Sie wissen, dass es ganz wichtig
       ist, dass man Unbeteiligte nicht in Mitleidenschaft zieht. Und ausgerechnet
       nach solch einem Prozess sollen die Berliner als bundesweit erste die
       individuelle Kennzeichnung einführen …
       
       … man könnte auch sagen: gerade jetzt!
       
       So würde ich auch argumentieren. Aber das muss nicht jeder teilen.
       
       Wer wird Fußball-Europameister? 
       
       Fragen Sie mich nicht sowas! Mich interessiert … Nein, das sag ich jetzt
       nicht.
       
       Doch! 
       
       Mich interessiert am Sport in erster Linie die Gewaltproblematik. Und das
       ist berufsbedingt.
       
       13 Jun 2008
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Gereon Asmuth
 (DIR) Plutonia Plarre
       
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