# taz.de -- Datenaffäre der Bahn: Ende des unglaublichen Spitzelsystems
> Mails, Festplatten, Kontodaten: Die Bahn-Ermittler stellen im
> Abschlussbericht fest, dass die Datenschutz-Verstöße viel schlimmer waren
> als bisher bekannt.
(IMG) Bild: Ein Turm so gläsern wie die Mitarbeiter: der Bahn-Tower in Berlin.
Ende des unglaublichen Spitzelsystems
AUS BERLIN UND HANNA GERSMANN
Was sechs Wochen für einen Unterschied machen können: Ende April wies der
damalige Bahnchef Hartmut Mehdorn im Berliner Marriott-Hotel direkt neben
dem Bahntower noch einmal alle Vorwürfe gegen die Bahn zurück.
"Strafrechtlich relevantes Verhalten" habe es nicht gegeben, der
"sogenannte Skandal" sei in Wahrheit eine "Kampagne" gegen die Bahn.
Am Mittwoch nun musste Mehdorns Nachfolger Rüdiger Grube nicht nur
einräumen, dass alle Vorwürfe stimmen. Die Ergebnisse der externen
Ermittler - einerseits die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG,
andererseits die Anwälte und Expolitiker Herta Däubler-Gmelin und Gerhart
Baum - übertreffen auch das bisher Bekannte bei Weitem. Bei der Beschaffung
und Überprüfung von Mitarbeiterdaten sowie bei der Kontrolle von Mails und
Computerdaten sei seit Jahren gegen Gesetze und interne Richtlinien
verstoßen worden, sagte Grube.
Im Einzelnen kommen die Ermittler zu folgenden Erkenntnissen:
Bei den bereits bekannten Datenabgleichen von Mitarbeitern und Lieferanten,
mit denen die Bahn mögliche Korruption aufdeckte, wurde gegen das
Datenschutzgesetz, das Betriebsverfassungsgesetz und gegen interne
Regelungen des Konzerns verstoßen.
Von der Bahn beauftragte, externe Detekteien spähten bei Ermittlungen neben
Bankkontobewegungen auch Zulassungsdaten von Kraftfahrzeugen sowie
persönliche Dokumente aus. Dabei habe es sich um Straftatbestände
gehandelt.
Von 2005 bis Mitte 2008 wurde der gesamte E-Mail-Verkehr der
Bahnmitarbeiter permanent auf über 500 Suchbegriffe gefiltert. Darüber
hinaus durchsuchte die Bahn gezielt E-Mail-Logfiles bei 38 konkreten
Anlässen. Im Oktober 2007 wurde eine E-Mail der Lokführergewerkschaft zum
Streik im Auftrag der Konzernsicherheit kontrolliert und gelöscht. Dieser
Straftatbestand ist noch nicht verjährt.
Fast 800 Mitarbeiter der Bahn hatten Zugriffsrechte auf alle 60.000
Computer der Bahn. Sie konnten ohne Kenntnis der Benutzer sämtliche
Dokumente sichern, kopieren und löschen. In mindestens 487 Fällen wurden
komplette E-Mail-Postfächer und Netz-Laufwerke sichergestellt und
ausgewertet.
Scharfe Kritik üben die Ermittler an der eigenen Aufklärung der Bahn.
"Nachweise und Belege für die nötige Tiefe und Intensität" würden
weitgehend fehlen. Zudem sei in der Öffentlichkeit ein falscher Eindruck
vermittelt worden, und die Akten der Bahn seien in einem "beklagenswerten
Zustand", schreiben Däubler-Gmelin und Baum.
Als Folge dieser massiven Vorfälle verlieren mehrere Bahn-Vorstände ihre
Posten (siehe rechts). Zudem trennt sich die Bahn von den Leitern der
Konzernsicherheit, der Revision und der Compliance sowie einem Ombudsmann.
Zudem würden bei rund zwei Dutzend weiteren Mitarbeitern arbeitsrechtliche
Konsequenzen geprüft.
Im Verkehrsausschuss des Bundestages - dort stellte Grube im Anschluss an
die Aufsichtsratssitzung und die Pressekonferenz ebenfalls die Ergebnisse
der Ermittler am Mittwoch vor - stießen die Ankündigungen des neuen
Bahnchefs auf Zustimmung. "Da purzelt schneller was, als ich gedacht habe",
sagte etwa Winfried Hermann, verkehrspolitischer Sprecher der Grünen. Er
hofft auf einen Neuanfang der Bahn auch im Verhältnis zur Politik. Dies sei
am Ende "verfahren" gewesen. Auch FDP-Verkehrsexperte Horst Friedrich sieht
bei der Bahn ein "neues Kapitel". Allerdings bezweifelte er die Darstellung
von Aufsichtsratschef Werner Müller, dass keines der Vorstandsmitglieder
persönlich beteiligt gewesen sei. "Jahrelange, schwere Rechtsverstöße - und
kein Vorstand hat irgend etwas mitbekommen? Das glaubt wohl nur Herr
Müller", sagte Friedrich. Persönliche Konsequenzen hatte Müller abgelehnt.
Auch Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) will von einem eigenen
Fehlverhalten bei der Kontrolle der Bahn nichts wissen. Der Bund habe seit
Mitte des vergangenen Jahres immer wieder Fragen zum Datenschutz gestellt.
Wir haben Antworten bekommen, sagte Tiefensee, "und jetzt stellt sich
heraus, dass sie falsch waren."
14 May 2009
## AUTOREN
(DIR) M. Kreutzfeldt
(DIR) H. Gersmann
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt Überwachung
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