# taz.de -- Gefallener Ex-Sozialdemokrat Jörg Tauss: Pirat Nummer 2.397
> 38 Jahre lang machte Jörg Tauss Politik für die Sozialdemokraten. Dann
> beschaffte er sich Kinderpornos, verlor Ansehen und Ämter und wechselte
> die Partei.
(IMG) Bild: Jörg Tauss war ein angesehener SPD-Mann. Bis man bei ihm Kinderpornos fand.
HAMBURG/GOCHSHEIM taz | Er passt hier nicht rein. Nicht mit diesem Hemd und
der Krawatte und der schwarzen Anzughose. Und mit seinen 56 Jahren könnte
er der Vater der jungen Informatikstudenten, Programmierer und Webdesigner
sein, die in Schlabbershirts und kurzen Hosen vor ihm sitzen. Doch als Jörg
Tauss an das Pult mit dem schwarz-orangen Banner tritt und erzählt, dass er
wegen der Internetsperren nun vor das Verfassungsgericht ziehen will, da
fangen sie an zu klatschen, zu jubeln, stehen auf.
Hier auf dem Parteitag der Piratenpartei in Hamburg ist Jörg Tauss noch
eine große Nummer. Er ist ihr Mann im Bundestag. Der erste Pirat im
Parlament. Er ist ihr Held. Außerhalb dieser Welt aber ist Tauss ein
Gefallener. In den vergangenen Monaten ist sein Leben völlig aus den Fugen
geraten. Er selbst hat es aus den Fugen geraten lassen.
Es hört auf, wie es angefangen hat. Techniker der Bundestagsverwaltung
stehen in Tauss Abgeordnetenbüro in Berlin. Es ist Ende Juni, vor wenigen
Tagen hat Tauss nur einige hundert Meter von hier eine Totenkopffahne
geschwenkt und so seinen Austritt aus der SPD und den Eintritt in die
Piratenpartei bekannt gegeben. Gerade eben ist nun auch die E-Mail
eingetroffen, in der seine Aufnahme bestätigt wird. Stolz zeigt er die
Nachricht auf seinem Laptop. Tauss ist jetzt Pirat Nummer 2.397.
Rosenkrieg
Die Techniker sind da, um Tauss' Rechner vom Intranet der Sozialdemokraten
abzukoppeln. Eine SPD-Tasse hat er noch im Regal stehen, "Für gute Inhalte"
steht darauf, aber auf die Inhalte der SPD hat er jetzt keinen Zugriff
mehr. Das Zimmer nebenan muss er ganz an die SPD-Fraktion abtreten. Seine
Kaffeemaschine, die dort noch steht, will er aber mitnehmen. "Hier herrscht
jetzt Rosenkrieg", sagt er mit brummiger Stimme. Die Sekretärin lächelt
verkrampft.
Die Techniker waren schon einmal da, gleich nachdem Tauss 1994 in den
Bundestag eingezogen war, damals noch in Bonn. Tauss hatte eigenmächtig ein
Internetmodem installiert, der Bundestagsverwaltung passte das nicht. "Wo
ist dieses Internet, wir müssen das abknipsen", soll der Techniker gesagt
haben.
Sein Ding durchziehen. Auch mal die Regeln brechen. Das war schon immer
seine Art. 1984 flog Tauss aus der Gewerkschaft DAG, weil er denen zu
radikal war. "Ein typischer Tauss", sagt Exarbeitsminister Walter Riester,
dessen Pressesprecher Tauss 1990 bei der IG-Metall Baden-Württemberg wurde.
"Jörg war immer sehr geradlinig, aber auch ohne Rücksicht auf Verluste."
Tauss sagt über sich selbst: "Ich war ein Actiongewerkschafter, und ich war
ein Actionabgeordneter."
Doch in den vergangenen Monaten hat Tauss Grenzen überschritten, die er
nicht hätte überschreiten sollen. Er hat sich Kinderpornos beschafft. Er
hat seine Ämter verloren und sein Ansehen. Er hat seine Partei verlassen
und ist zu den Piraten übergelaufen. Seine Karriere ist ruiniert. Und sein
Privatleben ramponiert.
Was Tauss in der Kinderpornoszene wollte, ist nach wie vor rätselhaft. Klar
ist nur: Sein altes Leben endet, als am 5. März der Bundestag seine
Immunität aufhebt, Fahnder seine Büros und Wohnungen in Berlin und im
Karlsruher Umland durchsuchen und dabei auf einem Handy und in einem Koffer
mit DVDs und Videos Kinderpornos finden. Details der Ermittlungen finden
schnell den Weg in die Medien, vielleicht ein bisschen zu schnell. Andere
würden in so einer Situation abtauchen. Nicht so Tauss. "Der wollte schon
immer mit dem Kopf durch die Wand", sagt Ulla Burchardt, die mit Tauss
jahrelang die Bildungspolitik der Sozialdemokraten bestimmt hat.
Und er will es weiter, sosehr es auch schmerzt.
Kraichtal in der Nähe von Karlsruhe, Stadtteil Gochsheim. Früher war Tauss
hier eine große Nummer. Generalsekretär der SPD in Baden-Württemberg,
Bundestagsabgeordneter in Berlin - das ist doch was für einen
1.600-Einwohner-Ort! Heute wissen die Gochsheimer nicht mehr so recht, wie
sie mit dem Tauss umgehen sollen.
Tauss und seine Ehefrau Irmgard mussten gerade in das Dachgeschoss einer
Metzgerei umziehen. Vorher wohnten sie in ihrem Haus quer über die Straße,
am Hügel zum Graf-Eberstein-Schloss. Dort hängt am Fenster jetzt ein
Zettel: "Zu vermieten von privat, ab sofort". Tauss murmelt etwas von
"finanziellen Gründen".
An diesem Sonntag Ende Juni feiern sie in den Gassen um das Schloss
Museumsfest. Tauss versucht sich so zu verhalten, wie er es auf Dutzenden
von Festen gemacht hat. Er geht auf die Menschen zu, schüttelt Hände. Er
sagt "Hallöchen" zur Begrüßung und ein badisches "Alla" zum Abschied. Er
fragt, wie es dem Vater geht und was denn der Efeu macht. Aber glücklich
wirkt er nicht. Er tapst verloren durch die Gassen, wie ein alternder
Bernhardiner. "Ich wollt nicht in ihrer Haut stecken", sagt ein Passant.
Ehefrau Irmgard ist lieber gleich zu Hause geblieben.
Als Tauss zur Bühne in der Nähe des Schlosses schlendert, trifft er den
CDU-Landtagsabgeordneten Joachim Kößler. Der grinst Tauss an, ruft: "Der
Pirat!" Nun muss er sich auch noch von einem Provinzhinterbänkler
verspotten lassen. Dann hält der Bürgermeister eine Rede. Er begrüßt den
Bundestagsabgeordneten Tauss - und alle Köpfe drehen sich in dessen
Richtung. Augen mustern ihn von oben bis unten, das Getuschel geht los.
Warum tut Tauss sich das an?
Wenn es ganz schlimm wird, zieht er sein iPhone aus der Tasche, schaut
nach, ob er eine Twitternachricht bekommen hat. Tauss lupft dafür seine
Brille und geht nahe an das Telefondisplay heran. Es ist, als ob er
Zuflucht sucht in der Welt, in der er noch was gilt. Beim Internetdienst
Twitter hat Tauss seit seinem Übertritt zu den Piraten tausende Anhänger
dazugewonnen, mehr als 7.500 sind es schon. Sie feiern ihn dort als
aufrechten Demokraten. Und sie glauben ihm seine Geschichte, so
abenteuerlich sie auch ist.
Tarnname "Werner"
Tauss Geschichte geht so: Als SPD-Internetexperte wollte er sich selbst ein
Bild davon machen, wie Kinderpornos verbreitet werden. Den Behörden habe er
nicht trauen können. Also nahm er selbst Kontakt auf über Sexhotlines,
legte sich den Tarnnamen "Werner" zu, kaufte kinderpornografisches
Material. Und um zu zeigen, dass er kein Polizist ist, verschickte er auch
selbst Bilder. Kurz glaubte er sogar daran, einen Kinderpornoring sprengen
zu können. Am Ende seiner "Recherchen" habe er das Material dann in einen
Koffer gepackt und weggeräumt.
Tauss glaubt bis heute, dass sein Vorgehen rechtlich in Ordnung war, und
beruft sich auf eine Ausnahme für "berufliche Pflichten". Die
Staatsanwaltschaft sieht das anders. Noch dauern die Ermittlungen an. Tauss
hofft auf eine Einstellung des Verfahrens, und wenn es gut läuft, bekommt
er die auch, gegen eine Geldstrafe. Wenn es schlecht läuft, muss er sich in
einigen Wochen vor Gericht viele unangenehme Fragen stellen lassen.
Sondermüll
Warum hat Tauss sich nirgendwo abgesichert und nicht einmal ein
Rechercheprotokoll verfasst? Was ist mit dem Koffer mit DVDs und Videos,
den die Fahnder in Tauss Berliner Wohnung gefunden haben? Warum hat er ihn
am Ende seiner Recherchen nicht irgendwo abgegeben? "Spätestens bei einem
Umzug hätte ich das natürlich entsorgt", sagt Tauss bei einem Gespräch in
seinem Berliner Abgeordnetenbüro. Und wohin? "Das wäre dann, glaube ich,
Sondermüll. Wobei - werden DVDs nicht einfach über den Hausmüll entsorgt?"
Er sagt das wirklich. Und lacht. Wieder so ein typischer Tauss.
Am liebsten wäre es vielen in der SPD gewesen, Tauss wäre nach den
Kinderpornofunden in Urlaub gefahren und bis zum Ende der Legislaturperiode
nicht mehr zurückgekommen. Oder er hätte gleich sein Mandat abgegeben und
nicht nur die Parteiämter. Aber den Gefallen hat Tauss ihnen nicht getan.
Nur wenige Wochen hat er sich rausgehalten, dann wetterte er gegen ein
geplantes Gesetz zur Sperrung von Kinderpornoseiten im Internet. Das ist
seiner Ansicht nach der Einstieg in eine "Zensurinfrastruktur". Er ist mit
dieser Meinung nicht allein, 130.000 Bürger haben eine Petition
unterschrieben.
Doch in der SPD-Fraktion findet Tauss kein Gehör mehr. Die Genossen finden,
er solle bei dem Thema einfach die Klappe halten. Einer, der unter
Kinderpornoverdacht steht, will Internet-Kinderpornosperren verhindern? Für
die Sozialdemokraten ist das nicht vermittelbar. Auch in Gochsheim
verstehen die Leute das nicht.
Bei der Abstimmung im Bundestag Mitte Juni stimmt Tauss als einer von nur
drei SPD-Abgeordneten gegen das Gesetz. Bei der Debatte will Tauss seinem
Parteifreund Martin Dörmann eine Zwischenfrage stellen. Der sagt nur:
"Zwischenfragen anderer Mitglieder dieses Hauses gestatte ich gerne, aber
nicht die des Kollegen Tauss."
Zwei Tage später schwenkt Tauss die Totenkopffahne.
Im Bundestag hat er am vergangenen Freitag einen Stuhl ganz hinten im
Plenarsaal zugewiesen bekommen, direkt neben einem Stützpfeiler, mit
mehreren Metern Abstand zur SPD-Fraktion und zur Linksfraktion. Tauss sitzt
dort, schlägt die Beine übereinander, schaut immer wieder auf sein iPhone.
Schließlich geht er zum Rednerpult. Er will jetzt noch einmal ein bisschen
Action machen. "Wenn man auf Google das Stichwort Verräterpartei eingibt",
sagt er, "dann erscheint als Suchergebnis SPD."
Den Sommer über will Tauss die Piraten im Wahlkampf unterstützen. Er will
an Unis auftreten, selbst aber nicht kandidieren. Wenn es gut läuft,
bekommen die Piraten ein, zwei Prozent bei der Bundestagswahl im Herbst.
Danach wird es wieder ruhig werden um sie. Und irgendwann auch um Jörg
Tauss.
Er wird noch mal von vorne anfangen müssen. Nach 15 Jahren Bundestag. 38
Jahren Sozialdemokratie. Und 33 Jahren Ehe.
6 Jul 2009
## AUTOREN
(DIR) Wolf Schmidt
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Ex-SPDler verlässt Piratenpartei: Tauss ist raus
Seit 2009 war der frühere SPDler Jörg Tauss Mitglied der Piraten. Nachdem
er wegen Verbreitung von Kinderpornos verurteilt wurde, trat er aus. Die
Partei will er aber weiter unterstützen.
(DIR) Prozess wegen Kinderpornografie: Ex-Abgeordneter Tauss vor Gericht
Von diesem Dienstag an muss sich der frühere SPD-Politiker Jörg Tauss wegen
des Besitzes kinderpornografischer Bilder vor Gericht verantworten. Tauss
dazu: „Bin froh, wenn es endlich losgeht“
(DIR) Kinderporno-Anklage gegen Politiker Tauss: Empörung über "soziale Exekution"
Die Staatsanwaltschaft hat angekündigt, den Piratenpartei-Abgeordneten
Tauss wegen Kinderpornografie-Besitzes anklagen zu wollen. Dessen
Verteidiger erhebt neue Vorwürfe gegen den Oberstaatsanwalt.
(DIR) Parteitag der Piratenpartei: Auf Schlingerkurs
Die Mitgliederzahl der Piratenpartei hat sich in einem Monat verdreifacht.
Nun wählt sie einen neuen Chef-Piraten - und zankt sich um das Programm für
die Bundestagswahl.