# taz.de -- Berliner Mauerwanderweg (Teil 9): Auf ins Eis
> Der Eiskeller war zu DDR-Zeiten das bestbewachteste Gebiet Deutschlands.
> Heute geht es auf den verwilderten Gelände ziemlich relaxt zu.
Eiskeller – schon zu Kinderzeiten hat der Name die Fantasie beflügelt.
Verschneite Landschaften tauchten vor dem inneren Auge auf und zugefrorene
Seen. Im Eiskeller sei es besonders kalt, lernten Westberliner Schüler, die
wie ich in den 60er-Jahren in der eingeschlossenen Mauerstadt aufwuchsen.
Doch nicht nur wegen der Kälterekorde war die im Nordwesten der Stadt auf
DDR-Gebiet gelegene, aber zu Westberlin gehörende Exklave ein Mysterium:
Wie leben die Menschen dort, haben wir uns gefragt? Ein Klassenausflug
hätte Aufschluss gebracht. Aber der Eiskeller stand nicht auf dem
Stundenplan.
20 Jahre nach der Wende ist Gelegenheit, das Versäumte nachzuholen. An der
Heerstraße habe ich beim taz-Mauerwandern den Staffelstab übernommen. Die
Schönwalder Allee ist das Etappenziel. Aus Staaken kommend ist man nach
einer guten Stunde Wanderung durch den Wald am Eiskeller angelangt. Hinter
einer Schrebergartenkolonie und einem Wäldchen erschließen sich dem Auge
wilde Wiesen und Felder, aus denen zwei, drei Hausgiebel ragen. Pferde
scharren im Sand, die Sonne baggert vom Himmel, es duftet nach Heu. Wie ein
U höhlte die zu Spandau gehörende Exklave einst die DDR-Grenze aus. Umgeben
von Mauer und Stacheldraht, hätten 1961 drei Familien auf dem 50 Hektar
großen Gelände gelebt, wird erzählt. Später seien es sieben Familien
gewesen. Einzige Verbindung zu Spandau war eine 4 Meter breite und 800
Meter lange Straße.
An der alten Zufahrt steht heute eine Informationstafel. 1961 hat es im
Eiskeller großen Aufruhr um einen 12-jährigen Jungen gegeben, ist zu lesen.
Der Schüler habe zu Hause erzählt, dass er auf dem Weg zur Schule von
DDR-Grenzposten vom Fahrrad geholt und stundenlang festgehalten worden sei.
Danach seien alle Kinder aus dem Eiskeller von britischen Soldaten in
Panzerspähwagen auf dem Schulweg nach Spandau begleitet worden. Später
wurden sie dann von einem Schulbus abgeholt. „Jahrzehnte danach“, heißt es
auf der Tafel „stellte sich der Bericht des Schülers als Lüge heraus. In
Wahrheit hatte er die Schule geschwänzt“.
Der Schülers habe Erwin S. geheißen. „Inzwischen lebt der in Spandau“,
erzählt der 72-jährige Volkmar Näcke. Näcke lebt seit 1966 mit seiner
Familie im Eiskeller. Früher hatte er eine Schweinemast. Heute betreibt er
eine Pferdepension. Der Eiskeller war immer ein Politikum, sagt Näcke. Bei
Bauanträgen habe das Bezirksamt Spandau grundsätzlich Schwierigkeiten
gemacht. „Immer hieß es, das lohnt sich nicht, weil es sowieso bald einen
Gebietsaustausch gibt.“ Stromleitungen wurden erst 1978 gelegt. Bis dahin
versorgte man sich mittels Dieselgeneratoren. „Is och gegangen. War
billiger als jetzt“, sagt Näcke.
Der Eiskeller war das bestbewachteste Gebiet Deutschlands. 24
Bereitschaftspolizisten waren rund um die Uhr in zwei Holzhüten auf der
Brache stationiert. Dazu kamen zwölf britische Soldaten und – auf der
anderen Seite – die DDR-Grenzer, berichtet Näcke. Kontakt zu den
DDR-Grenzern habe er nicht gehabt. Aber zu den Briten. „Zu Weihnachten
kamen die meistens mit Geschenken. Eine Flasche Whisky war auch dabei“,
sagt er und strahlt.
Das Haus, in dem Erwin S. aufgewachsen ist, steht auch noch. Heute wohnt
ein 58-jähriger Frührentner darin: Peter Frädrich, ein fröhlicher,
rotgesichtiger Mann mit beachtenswertem Bauchumfang und gelben
Nikotinfingern. Viel Zeit für die Pflege des Gartens scheint der frühere
Steinmetz nicht aufzubringen. Auch die Laube, in der er mit Freunden beim
Bier sitzt, wirkt notdürftig zusammengezimmert. Frädrich verkauft Bier: Nur
außer Haus, steht auf einer Tafel mit den zig Biermarken. Vor allem von
Spandauer Bikern fortgeschrittenen Alters wird der Kiosk angefahren. Es ist
der einzige weit und breit. Das Bier ist billig. Frädrich ist mit den
meisten Kunden per du.
Zum Bespiel mit einem 47-jährigen Hartz-IV-Empfänger mit braungebranntem
Oberkörper, der auch Peter heißt. Arbeiten gehe er seit 2001 nicht mehr,
sagt der gelernte Maler. Bei den miesen Löhnen rentiere sich das nicht.
„Ich hätte 100 Euro mehr in der Tasche. Wenn ich dann den Zuschuss für die
Monatskarte und die GEZ abziehe, bin ich bei null.“ Da schwinge er sich
lieber aufs Rad. „Eiskeller ist für mich Urlaub“, sagt er und nimmt einen
Schluck aus der Pulle.
Auf dem Grundstück der Familie S. befand sich bis 1995 eine Wetterstation.
Der inzwischen verstorbene Vater hat täglich die Temperaturen für das
Wetteramt abgelesen. Ein Mitarbeiter der Freien Universität Berlin holte
die Tabellen alle 14 Tage ab. Längst gibt es eine moderne Anlage, die auf
dem Nachbargrundstück steht. Die Daten werden elektronisch an einen
privaten Wetterdienst übertragen. Wer den lokalen Wetterbericht verfolgt,
wird feststellen, dass es im Eiskeller immer ein paar Grade kälter ist als
in Berlin. Und im Sommer ist es immer heißer. Wissenschaftler erklären das
mit dem offenen Gelände und den Sandböden, die sich schnell aufheizen, aber
auch schnell an Wärme verlieren.
Der Name Eiskeller geht auf die Zeit um 1870 zurück. Im angrenzenden
Falkenhagener See hätten die örtlichen Brauereien Eis geschnitten. Das Eis
sei dann den ganzen Sommer im Keller eines Gehöftes im Eiskeller gelagert
worden, ohne zu schmelzen, weiß Altbewohner Volkmar Näcke.
Gern hätte man gewusst, was der mittlerweile 60 Jahre alte Erwin S. zu
berichten hat. Doch der lehnt am Telefon mürrisch ab: „Ick gebe keine
Interviews. Auf Wiedersehen.“ Eins ist sicher: Erwin S. ist schuld, dass
wir in den 60er-Jahren mit der Grundschule keinen Klassenausflug in den
Eiskeller gemacht haben.
7 Aug 2009
## AUTOREN
(DIR) Plutonia Plarre
## TAGS
(DIR) Mauerradweg
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