# taz.de -- Berliner Mauerwanderweg (Teil 10): Der neue Blick aufs Wasser
       
       > Einst trennte die Mauer die Nieder Neuendorfer von der Havel. Nun führt
       > am Fluss eine Promenade entlang. Idylle pur gibt es dennoch nicht: Ein
       > Wachturm erinnert an die Zeit der Teilung und die Mauertoten
       
 (IMG) Bild: Die 10. Etappe
       
       Stefan Seeger ist keiner, der um den heißen Brei herumredet. „Sie sind ein
       sportlicher Typ“, schmeichelt er. „Was schätzen Sie, wie viel Zeit Sie
       hätten?“ Mit ausgestrecktem Arm deutet er auf den schmucken Ortsplatz, der
       gleich hinter dem Wachturm von Nieder Neuendorf entstanden ist. „Dort war
       der Signalzaun“, klärt Seeger auf und zeigt dann in Richtung Havel.
       „Zwischen den Kirschbäumen dort verlief die Mauer. Wenn sie am Signalzaun
       sind, lösen Sie Alarm aus. Dann müssen Sie 30 Meter über den Todesstreifen
       und am Ende noch über die Mauer. Na, wie lange?“
       
       Eine Antwort wartet Seeger, kahlgeschorener Kopf, sympathisch loses
       Mundwerk, gar nicht ab. „40 Sekunden? Ach was, 8 Sekunden haben Sie! Und
       dann sind Sie erst in der Havel, dort können Sie von den Patrouillebooten
       immer noch erwischt werden.“
       
       Wer in Nieder Neuendorf, dem schmucken Ortsteil der Industriestadt
       Hennigsdorf, am Havelufer entlangschlendert, hat mit einer Zeitreise in die
       Vergangenheit seine Mühe. Auf den Uferwiesen knutschen sie oder spielen
       Volleyball, auf der Havel machen sich Ausflugsboote, Freizeitkapitäne und
       Binnenschiffe den Platz streitig. Wäre nicht der ehemalige Wachturm der
       DDR-Grenztruppen, niemand würde auf die Idee kommen, dass hier die Grenze
       zwischen Hennigsdorf und dem Spandauer Ortsteil Heiligensee verlief. An der
       Stelle, an der der Turm steht, war der Westen sogar nur ein paar Steinwürfe
       entfernt. Knappe hundert Meter breit ist die Havel hier.
       
       Dass der Turm heute noch steht, haben Berliner und Brandenburger Christoph
       Schneider zu verdanken. Als Archivar der Stadt Hennigsdorf hat er sich
       gegen den Abriss starkgemacht und die Stadt davon überzeugt, sich ein
       kleines Grenzmuseum zu leisten. Seit 1998 ist der Turm von April bis
       Oktober geöffnet, zum 20. Jahrestag des Falls der Mauer wurde die
       Ausstellung überarbeitet. „Die Personalkosten werden über das Arbeitsamt
       finanziert. Es gibt aber auch viele Spenden“, freut sich Schneider. Der
       Grenzturm in Nieder Neuendorf ist nicht nur einer der vier letzten, die es
       entlang der einstigen Grenze gibt, er ist auch der einzige, der einem
       breiten Publikum zugänglich ist. Seit zehn Jahren steht er unter
       Denkmalschutz.
       
       Aus dem Erste-Hilfe-Kasten zaubert Stefan Seeger eine Postkarte: eine
       historische Aufnahme aus der Zeit der deutsch-deutschen Teilung, als in
       Nieder Neuendorf noch das Grenzregiment 38, Clara Zetkin, Dienst schob. Zu
       sehen sind der Turm und eine Villa. „In der Villa wohnte ein Major der
       Grenztruppen“, klärt Seeger auf. Wo heute die Uferpromenade verläuft, war
       der Todesstreifen. „Nieder Neuendorf“, sagt Stefan Seeger, „war ein
       Wasserwohnort ohne Wasser.“
       
       Heute ist Nieder Neuendorf ohne die Havel nicht mehr denkbar. Allein der
       Mauerradweg, der hier kilometerweit am Fluss entlangführt, bringt jährlich
       8.000 bis 10.000 Besucher in den Ort. Hinter der Uferpromenade ist Nieder
       Neuendorf mit der Kolonie Papenberge und dem Wohngebiet Havelpromenade an
       den Fluss gerückt. Zwischen Havel und Havelkanal hat es sich sogar eine
       Marina samt angeschlossenem Wohnpark geleistet – alles von der Stange, aber
       immerhin. Und an der Naturbadestelle Nieder Neuendorfer See, eine
       Ausbuchtung der Havel, toben die Kleinen.
       
       Dass Nieder Neuendorf das Thema Wasser als Chance erkannt hat, liegt auch
       an Hennigsdorfs Oberbürgermeister Andreas Schulz. Der Ortsteil, sagt er,
       „lag lange Zeit im Schatten des Grenzgebiets, hat sich mit einer reizvollen
       Lage zwischen Wasser und Wald aber gut entwickelt“. Das ist mehr als
       untertrieben: Lebten zu Mauerzeiten 300 Menschen im Örtchen an der Havel,
       sind es heute 4.000.
       
       Dank des Grenzturms müssen auch sie sich mit den Zeiten vor der Idylle
       auseinandersetzen. „Manchmal kommen 20 Besuscher am Tag, manchmal sind es
       160“, berichtet Stefan Seeger. Noch immer hält er das Foto mit dem
       Todesstreifen in der Hand, dann fordert er auf, den Turm zu besteigen. Im
       zweiten Stockwerk versorgt einen ein Lautsprecher mit dem nötigen Wissen.
       Zu dem gehören auch die beiden Todesfälle in Nieder Neuendorf. Peter
       Kreitlow, damals 20 Jahre alt, wurde am 24. Januar 1963 von Sowjettruppen
       erschossen. Das zweite Opfer war Franciszek Piesik, ein 25-jähriger Pole,
       dem es am 15. Oktober 1967 gelang, in die Havel zu springen. Dort verließen
       ihn offenbar die Kräfte, er ertrank. Seine Leiche wurde knapp zwei Wochen
       später von Westberliner Seite aus geborgen.
       
       „Wir dürfen nie vergessen, dass das hier eine Diktatur war.“ Stefan Seeger
       hält einen Moment inne, dann ist die Gedenksekunde vorbei. „Immerhin“, gibt
       er zu bedenken, „gab es in den Staaten des Warschauer Pakts die Vorschrift,
       dass Grenztruppen nicht aus Gebäuden herausschießen dürften.“
       
       Kurz geht Seegers Blick zur Uhr, dann grinst er. „Ein paar Sekunden mehr
       hätten Sie also gehabt. Schließlich hätten die Grenzer aus dem Turm
       herausspringen müssen, um auf Sie zu schießen.“
       
       10 Aug 2009
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Uwe Rada
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Mauerradweg
       
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