# taz.de -- Rot-rote Annährung: Der Oskar-Faktor ist zurück
       
       > Die Linkspartei ist Tabupartner für die SPD auf Bundesebene. Die
       > Ergebnisse vom Sonntag könnten das jetzt ändern - denn nur mit der Linken
       > gibt es eine Machtperspektive für 2013.
       
 (IMG) Bild: Oskar Lafontaine: Für die meisten SPD-Abgeordneten ist der Name des Saarländers immer noch ein Reizwort.
       
       BERLIN taz | Selten hat man Franz Müntefering in den vergangenen Jahren
       nach einer Wahl so aufgeräumt erlebt wie an diesem Montag in der
       SPD-Parteizentrale. "Wir wollen gewinnen, wir müssen gewinnen, wir werden
       gewinnen", sagte der Parteivorsitzende mit Blick auf die Bundestagswahl am
       27. September - als wäre der Durchmarsch der SPD nach den
       Landtagswahlergebnissen zwischen 10,4 und 24,5 Prozent im Prinzip schon
       ausgemacht.
       
       Nur bei der neuen Machtoption, die sich am Sonntag aufgetan hat, mauert
       Müntefering. "Es wird keine Zusammenarbeit mit der Linkspartei im Bund
       geben", sagte Müntefering. Selbst eine Metapher aus den Siebzigerjahren,
       einen von einem Journalisten angeregten "Wandel durch Annäherung" an die
       Linke, wischte er mit einem einzigen Satz weg. Nein, diese Formel von Egon
       Bahr sei, bezogen auf die Linke im Willy-Brandt-Haus, noch nicht
       angekommen. Punkt.
       
       Noch wehrt sich die SPD also gegen die neuen Kooperationsmöglichkeiten im
       Bund. Aber die Wahlen im Saarland und in Thüringen haben gezeigt: Die
       einzige reale Machtoption der SPD neben der großen Koalition ist ein
       Bündnis mit der Linkspartei und, wenn das nicht reicht, mit den Grünen. Auf
       Landesebene sperrt sich auch Müntefering nicht mehr dagegen, man solle über
       eine Zusammenarbeit "offen sprechen", gab er die Linie aus Berlin vor.
       
       Doch auch wenn Müntefering das Thema für den Bund unter dem Tisch halten
       möchte, wächst mit jedem weiteren von SPD und Linkspartei regierten
       Bundesland die Wahrscheinlichkeit, dass auch im Bund bald das Tabu
       rot-rot-grüne Koalition fällt. "Die SPD kann die Zusammenarbeit nun weiter
       auf Länderebene ausprobieren", sagt der Politikwissenschaftler Karl-Rudolf
       Korte, "sie sollte sich zumindest mit Blick auf die Bundestagswahlen 2013
       offen zu der Option bekennen." Korte würde dies sogar offensiv vertreten:
       "Die Machtperspektive würde die Partei mobilisieren und ihr jetzt schon
       helfen."
       
       Verhaltener äußern sich die Bundestagsabgeordneten. "Wir führen die
       Diskussion seit zwei Jahren", sagt der Parteilinke Björn Böhning. "Mit der
       Außen- und Sicherheitspolitik der Linken geht es im Bund nicht". Dennoch
       sieht auch er den Zwang, für die Zeit nach der Bundestagswahl umzudenken:
       "Im linken Spektrum werden die Spielräume enger", sagt Böhning, "es gibt
       einen säkularen Trend zu einer rot-rot-grünen Mehrheit im Bund".
       
       Noch deutlicher wird der bayerische SPD-Landesvorsitzende Florian Pronold.
       "Wir müssen die Realitäten im Fünfparteiensystem anerkennen", sagt er, "auf
       lange Sicht kann eine Zusammenarbeit mit der Linken etwas sein, was im Bund
       funktioniert." Pronold: "Mit Lafontaine ist dies aber nicht möglich." Für
       die meisten SPD-Abgeordneten ist der Name des Saarländers immer noch ein
       Reizwort.
       
       Den Ausstieg aus der rot-grünen Bundesregierung vor zehn Jahren haben ihm
       viele nicht verziehen. "Eines der größten, schwierigsten Dinge" sei die
       damalige Erfahrung mit Lafontaine für ihn gewesen, sagt Parteichef
       Müntefering, "seine Zeit wird vorbeigehen, aber man weiß nicht, wann".
       
       Ein Rückzug von Lafontaine könnte eine Zusammenarbeit der SPD mit der
       Linkspartei möglich machen. Für die Zeit nach der Bundestagswahl 2013 ist
       zu erwarten, dass der dann 69-Jährige einem solchen Bündnis nicht mehr im
       Weg stehen würde. Viele vergrätzte Weggefährten unter den Sozialdemokraten
       werden bis dahin nicht mehr im Bundestag sitzen. "Wir Jüngeren haben kein
       emotionales Verhältnis in irgendeine Richtung zu Lafontaine", sagt der
       Gesundheitsexperte Karl Lauterbach.
       
       Lafontaine selbst bemühte sich, nach den Wahlen festzustellen, dass eine
       Koalition mit der SPD im Bund nicht möglich sei: "Solange die SPD den
       Sozialstaat zertrümmert und Kriege befürwortet, ist die Chance einer
       Zusammenarbeit gleich null", sagte er. Auch der Politikwissenschaftler
       Korte sieht die Bedeutung des ehemaligen Parteivorsitzenden: "Der
       Oskar-Faktor ist wichtig."
       
       Es läuft also auf die Bundestagswahl 2013 hinaus. Für den Weg hin zu einer
       Koalition mit der Linkspartei erwartet Korte aber auch in der Spitze der
       SPD eine Veränderung: "Diesen Prozess muss eine Person mit hoher
       Integrationskraft und großer Stärke vollziehen", sagt Korte, "es läuft auf
       Klaus Wowereit hinaus."
       
       Wowereit habe "in Berlin vorgemacht, wie man den Koalitionspartner durch
       Einbindung auf ein normales Maß zurückstutzt". Er habe die Ergebnisse der
       Linken verschlechtert und dabei noch eines geschafft: "Man kann in Berlin
       sogar SPD-Politik erkennen."
       
       31 Aug 2009
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Gordon Repinski
       
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