# taz.de -- Kommentar Sozialdemokratie: Notbremsung und Notlösung
> Viele der verbliebenen Anhänger wählten die SPD trotz und nicht wegen
> Steinmeier. Eine Bundestagswahl ist immer auch eine Abstimmung über die
> Personen an der Spitze.
(IMG) Bild: "40 Mordmeldungen" gab es - so sagte Franz Müntefering.
Schlimmer geht immer. Wer die SPD am Sonntag an ihrem absoluten Tiefpunkt
angekommen sah, könnte sich noch wundern. Selbst die Treuesten der Treuen,
die sich diesmal noch einmal dazu durchrangen, SPD zu wählen, werden dies
nicht automatisch wieder tun. Schon gar nicht wird die SPD verlorene
Stimmen zurückholen, wenn sie einfach weitermacht wie bisher. Eine Partei,
die dermaßen eindeutig abgewählt wurde wie die Sozialdemokraten, muss
schnell und selbstkritisch reagieren. Das heißt: Sie muss Bereitschaft zu
einem echten Neuanfang signalisieren. Inhaltlich und personell. Das ist am
Dienstag gelungen. Aber nur halb.
Der Verzicht von Frank-Walter Steinmeier auf den Parteivorsitz ist eine
Notbremsung. Hätte die SPD ausgerechnet ihren gescheiterten
Spitzenkandidaten zum alleinigen Oppositionsführer ausgerufen, wäre dies
einer Verhöhnung des Wählervotums gleichgekommen - und es hätte den
weiteren Abstieg programmiert. Steinmeier war bis weit in das linke Lager
hinein deutlich unbeliebter als die CDU-Kanzlerin - und sein Wahlergebnis
war noch schlechter als die SPD-Umfragewerte, die der gemobbte Kurt Beck
einst erreichte.
Es spricht also viel dafür, dass die SPD von vielen der verbliebenen
Anhänger trotz und nicht wegen der Person Steinmeier gewählt wurde. Auch
inhaltlich kann der geistige Vater der Agenda 2010 nicht den Neuanfang
signalisieren, den die SPD jetzt braucht. Steinmeier war ein kühler,
nüchterner Regierungspragmatiker ohne Redetalent. Gegen die Lautsprecher
der anderen Oppositionsparteien wie Jürgen Trittin, Gregor Gysi oder Oskar
Lafontaine wird er sich kaum durchsetzen können. Steinmeiers Wahl zum
Fraktionschef ist eine Notlösung für eine kurze Übergangszeit.
Die SPD braucht für ihre Spitzenpositionen im Bundestag und in der Partei
Leute, die weniger eng mit der Schröder-Vergangenheit verbunden sind. Die
Neuen müssen eine künftige rot-rot-grüne Zusammenarbeit vorbereiten, ohne
panisch zu versuchen, die Linkspartei links zu überholen. Er oder sie muss
glaubwürdig gegen Merkel/Westerwelle und gegen Lafontaine/Gysi
argumentieren können. Wie das geht, hat im Bundestagswahlkampf Sigmar
Gabriel vorgemacht. Wie man mit der Linkspartei erfolgreich regieren kann,
hat Klaus Wowereit vorgemacht. Der SPD-Neuanfang kann nur gelingen, wenn
beide zusammenarbeiten. Das allerdings wäre ein echtes Wunder.
30 Sep 2009
## AUTOREN
(DIR) Lukas Wallraff
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