# taz.de -- Kommentar Das Steuerschenkungspaket: Den Staat abwracken
> Für die mit Geld in den Taschen ist es ein gern gesehenes
> Weihnachtsgeschenk. 8,5 Milliarden Euro schiebt Schwarz-gelb ihrer
> Klientel in die Taschen.
(IMG) Bild: Plötzlich auch optimistisch: Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Peter Harry Carstensen mit dem nordrhein-westfälischen Wissenschaftsminister Andreas Pinkwart
Ihr habt sie doch nicht alle!" Diesem Ausruf, den der
schleswig-holsteinische Ministerpräsident Peter Harry Carstensen
ausgestoßen haben soll, als er von den Steuerplänen der Bundesregierung
erfuhr, konnte man sich aus ganzem Herzen anschließen.
Ein paar Wochen und ein paar Milliarden Euro aus der Bundeskasse später
steht man damit recht allein da. Denn Carstensen ist eben doch nur eine
Provinzcharge. Es ging ihm nie um die politische Vernunft, es ging ihm um
seine landespolitischen Pfründen. Er und die anderen Möchtegernrevoluzzer
aus den Ländern ließen sich mit ein paar Kröten extra und ein bisschen
bildungspolitischer Schönrechnerei kaufen.
8,5 Milliarden Euro lässt es sich die Regierung kosten, Unternehmen, Erben,
Eltern mit solidem Einkommen und Hoteliers zu entlasten. Die Verteidiger
des Gesetzes behaupten, es sei unabdingbar, dass der Staat weiter mit Geld
um sich wirft. Nur so sei die Finanz- und Wirtschaftskrise in den Griff zu
kriegen. Auf den ersten Blick handelt es sich dabei um eine klassisch
keynesianische Politik - auf den zweiten Blick aber um die bloße Bedienung
der schwarz-gelben Klientel: der Wohlhabenden.
Richtig ist: Der Staat soll in der Krise Geld in die Hand nehmen. Aber
nicht, um es sofort wieder in private Hände weiterzureichen in der
Hoffnung, dass die schon irgendwie das Richtige damit anfangen. Er muss
selbst Prioritäten setzen und dann gezielt investieren, an erster Stelle in
die Bildung. Um das leisten zu können, darf der Staat aber gerade nicht auf
Steuereinnahmen verzichten.
Dass die Wirtschaft ausgerechnet durch die jetzt geplanten Steuergeschenke
zum Wachsen gebracht würde, das glauben die meisten Wirtschaftsexperten
ohnehin nicht. So profitieren zum Beispiel vor allem Gutverdiener mit
Jahreseinkommen von über 64.000 Euro, die den erhöhten Kinderfreibetrag
nutzen können. Eher unwahrscheinlich, dass die nur auf ein paar hundert
Euro mehr in der Kasse gewartet haben, um ihren Konsum auszuweiten.
Hartz-IV-Empfänger, die mit jeden Cent extra sofort die Nachfrage steigern
würden, gehen dagegen leer aus, weil das Kindergeld gleich verrechnet wird.
Die Entlastung für die Unternehmen wiederum läuft vor allem darauf hinaus,
dass ein paar Hürden für Steuervermeidungstricks weggeräumt werden. Ein
eigenwilliges Verständnis von seriöser Wirtschaftspolitik. Warum da nicht
gleich die Steuerhinterziehung Richtung Liechtenstein staatlich fördern?
Viel mehr aber zählt ein anderes Argument: Krisen sind per definitionem
punktuelle Ereignisse. Steuersenkungen dagegen sind dauerhaft. Kaum eine
Regierung wagt es, einmal gemachte Geschenke zurückzuziehen. Die Hoteliers
werden sich auch dann noch über die ermäßigte Mehrwertsteuer freuen, wenn
Konjunktur und Tourismus brummen. Dem Staat aber werden die Einnahmen
dauerhaft fehlen.
Dabei brauchte er sie so dringend! Gerade hat das Bundeskabinett eine
Neuverschuldung von 100 Milliarden Euro angekündigt. Irgendwann muss der
Staat sparen, spätestens wenn die EU Ernst macht und von der Regierung die
Halbierung des Haushaltsdefizits verlangt. Was liegt in der schwarz-gelben
Perspektive näher, als bei den angeblich ohnehin viel zu hohen
Sozialausgaben den Rotstift anzusetzen und - wo wir gerade dabei sind -,
die Mehrwertsteuer zu erhöhen, die Geringverdiener überdurchschnittlich
belastet. Die Steuergeschenke der Regierung kommen den Armen dagegen
niemals zugute. Sie haben zu geringe Einkünfte, um überhaupt nennenswerte
Steuern zu zahlen.
Merke: Steuersenkungen sind immer eine Umverteilung von unten nach oben und
vom Staat zum Privatsektor. Das ist es, wofür Schwarz-Gelb steht. Und
leider ist das nur konsequent. Von der SPD, die mit den Hartz-Reformen ihre
potenzielle Wählerschaft gegen sich aufbrachte, haben CDU und FDP gelernt,
es sich mit ihrer Klientel nicht zu verscherzen. Für die ist die
Steuerpolitik der Regierung maßgeschneidert. Es sich mit den Armen zu
verscherzen, erscheint dagegen risikolos. Wer schon längst nichts mehr vom
Staat erwartet und deshalb schon längst nicht mehr wählen geht, für den
wird eben keine Politik mehr gemacht. So einfach ist das. Oder vielmehr: So
einfach machen es sich die Regierenden in Berlin, Kiel und Dresden.
19 Dec 2009
## AUTOREN
(DIR) Nicola Liebert
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