# taz.de -- Kommentar Kinder Haiti: Wo Kriminalität auf Naivität trifft
> Das Schema ist alt und wieholt sich: Katastrophen und Chaos erleichtern
> das Geschäft. El Salvador, Rumänien – und jetzt Haiti.
(IMG) Bild: Geschnappt: Mädchenhändler Jorge Aníbal Torres Puello
Das riecht nach Kinderschiebermafia. Die zehn US-Amerikaner, die in Haiti
verhaftet wurden, weil sie 33 Kinder ohne entsprechende Papiere über die
Grenze bringen wollten, sagen zwar, sie hätten nur ein gutes Werk tun
wollen. Aber der Abtransport der kleinen Erdbebenopfer - von denen einige
nachweislich keine Waisen sind - war generalstabsmäßig geplant. Die Vorhut
der Gruppe war schon vor dem Erdbeben in Haiti auf Kindersuche. In der
Dominikanischen Republik steht ein Strandhotel für über hundert solcher
Kinder bereit - mit Bungalows für adoptionswillige Paare und mit
Rechtsanwälten, die beim Papierkram helfen.
Das Schema ist alt. Im Bürgerkrieg in El Salvador (1980 bis 1992)
explodierte die Zahl solcher "Waisenhäuser": Soldaten raubten die Kinder
aus von der Guerilla kontrollierten Gegenden und verkauften sie mit der
Hilfe von Anwälten und korrupten Familienrichtern meist in die USA. In
"Auffütterstationen" wurden die Kinder gesammelt: Die Ware sollte rund und
schön sein, damit sie schneller weg geht. 20.000 Dollar und mehr an
"Adoptionsgebühren" waren die Regel. Nach dem Bürgerkrieg ging das goldene
Geschäft in Guatemala weiter - so stieg das Land nach China zum weltweit
zweitgrößten Exporteur von Adoptionskindern auf, bis zu 200 Millionen
Dollar im Jahr werden damit umgesetzt.
Katastrophen und Chaos erhöhen die Nachfrage und erleichtern das Geschäft.
In den wirren Tagen nach Ceausescus Sturz wurden Rumäniens Waisenhäuser zum
Supermarkt für Kinder, jetzt ist Haiti an der Reihe. Wenn sich ein
unerfüllter Kinderwunsch mit dem Impuls verbindet, ganz schnell und ganz
persönlich zu helfen, ist das Ergebnis meist blinde Naivität. Man weiß
nichts von kriminellen Kinderhändlern und will es auch gar nicht wissen.
Und man vergisst, dass jedes Kind - ob Waise oder nicht - ein Recht darauf
hat, in seinem Land und in seiner Sprache, seiner Kultur und Religion
aufzuwachsen.
2 Feb 2010
## AUTOREN
(DIR) Toni Keppeler
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