# taz.de -- Debatte Adoptionen Haiti: Kinder machen keinen Staat
       
       > Der aktuelle Hype um Auslandsadoptionen zeigt den staatsfeindlichen
       > Zeitgeist. Die Bilder für diese Privatisierungswut liefern die
       > Hollywoodstars.
       
 (IMG) Bild: Angelina Jolie mit ihrer Tochter Zahara im September 2009
       
       "Tausende warten noch darauf, adoptiert zu werden." Solche Sätze sagen
       "Experten" auf dem US-amerikanischen Sender Fox und meinen Kinder in Haiti.
       Seriöse Medien ebenso wie die Hilfsorganisationen halten Auslandsadoptionen
       zum jetzigen Zeitpunkt hingegen für grundfalsch. In dem gegenwärtigen Chaos
       schnelle, unbürokratische Adoptionen zuzulassen bedeute dem Kinderhandel
       die Tür zu öffnen.
       
       Wie kommt es dann, dass die mediale Verhandlung der Katastrophe von Haiti
       mittlerweile fest verbandelt ist mit der Frage, ob die beste Hilfe nicht
       sei, zumindest die kleinen obdachlosen Menschen auszufliegen? Weil sie dem
       neoliberalen Zeitgeist entspricht - und der beschäftigt sich lieber mit
       Familiengründungen oder -erweiterungen als mit Staatsfragen.
       
       Natürlich sind Kinder immer gut, um für Hilfe zu werben. Ob es dabei um
       Spenden geht oder darum, einen Bausparvertrag zu erwerben - immer
       transportiert das Bild vom großäugigen Kind die Verheißung von Unschuld und
       Zukunft. Oder eben von Wachstum - siehe Bausparvertrag. Dennoch genießt das
       Icon "Kleinkind" im Zusammenhang mit Haiti eine ungewöhnlich große
       Bedeutung.
       
       So steht der gegenwärtige mediale Hype im krassen Missverhältnis zu den
       tatsächlich adoptierten Kindern. Schätzungsweise sind 380.000 Kinder
       verwaist. Bei etwa 900 Kindern wurden die Adoptionsverfahren vor der
       Katastrophe eingeleitet, 363 sollen bislang ausgeflogen worden sein.
       
       Dieser Zahlenabgleich zeigt: Die private Hilfe vermag nur einen Bruchteil
       der Hilfebedürftigen zu erreichen. Sie kann nicht annähernd der Masse der
       Notleidenden eine Perspektive eröffnen. Entwicklungshilfe muss im Land
       stattfinden, nirgendwo anders. Insofern dient die Adoptionsidee vor allem
       den Leuten außerhalb von Haiti, den wenigen tatsächlich Adoptierwilligen
       und den vielen BeobachterInnen, die sich von überindividuellen Fragen
       überfordert sehen. Die unbedingt glauben möchten, eine Familie könnte einen
       kaputten Staat ersetzen. Und die es in ihrem moralischen Impetus
       erstaunlich eilig haben. Leicht übersehen sie: Die allermeisten der Kinder,
       die in Lebensgefahr schweben, würden es nicht in ein wie auch immer
       erleichtertes Adoptionsverfahren schaffen. Sie nämlich sind in aller Regel
       nicht registriert, offiziell existieren sie gar nicht.
       
       Diese Unerfahrenheit und auch diese Ungeduld, sich mit strukturellen Fragen
       zu beschäftigen, rühren nicht zuletzt von der Diskreditierung des Staates
       und der Glorifizierung der Privatisierungen in den letzten zwanzig, dreißig
       Jahren her. Die adoptionswütige Angelina Jolie oder auch Madonna sind dafür
       nur Symptome. Sie liefern die Bilder für diese konservative Emanzipation
       vom Gemeinwesen. Aber auch Wyclef Jean, der in Haiti geborene Hiphop-Star,
       der seit dem Erdbeben sehr erfolgreich für Spenden wirbt, mithin der
       privaten internationalen Hilfe sein Gesicht leiht, bedient die
       Kind-Symbolik. Und zeigt damit, wie tief der Wunsch im Mainstreamdenken
       verwurzelt ist, Probleme zu familiarisieren.
       
       Einen Tag nach seinem Auftritt bei den Grammies fragte ihn ein Moderator
       vom US-amerikanischen Sender PBS: "Was macht Sie so sicher, dass wir
       Amerikaner diese Katastrophe nicht wieder so schnell vergessen werden?
       Denken Sie nur an ,Katrina'." Woraufhin Jean antwortet: "Wir haben es hier
       mit einem wirklich jungfräulichen Land zu tun. Jenseits der Hauptstadt gibt
       es die unglaublichsten Strände. Haiti zu helfen ist gut für die Welt."
       
       Gekonnt kitzelt der megasellende Popstar die Sehnsucht der Massen: An
       unberührte Orte vorzudringen, ein guter Tourist zu sein und auch ein
       bisschen Pionier - welche Verlockung. Unter der Hand führt Jean zudem einen
       sexuellen Subtext ein: Dass die Entjungferung eine Premiumfantasie vieler
       ist, ist bekannt. Aber nicht genug damit, dass Haiti unberührt sei - es sei
       auch "unreif", fügt er hinzu. Wiederum wird mit der Symbolik des
       unschuldigen, aber attraktiven Kindes für Hilfe geworben. Denn nun kann der
       begehrliche Tourist Vater oder Mutter werden. Ihm und ihr wird nahegelegt,
       das hilfsbedürftige Land zu adoptieren.
       
       Haiti braucht Hilfe. Und zwar langfristig. Wer diese notwendige Ausdauer
       aber in die Symbolik eines Eltern-Kind-Verhältnisses übersetzt, wird mit
       den tatsächlichen Gegebenheiten nicht fertigwerden. Mitnichten ist das
       zerstörte Land ohne funktionierenden Staat unschuldig. Gewalt gehört zum
       Alltag, Kindersklaven gehören zum Alltag. Mitnichten gilt es nur Guten oder
       Unmündigen zu helfen. Sondern möglichst allen, auch wenn sie nicht schon
       aufgrund ihrer Körpergröße zu den Helfern aufschauen werden. Die mediale
       Konzentration auf Kinder ist richtig, wenn es darum geht, die besonders
       Verletzlichen zu zeigen. Kinderschutz ist in Haiti eine gigantische
       Aufgabe. Sie wird aber falsch, wenn sie eingesetzt wird, um die Realität zu
       verdrängen.
       
       Nichts ist dagegen zu sagen, wenn Prominente für Spenden werben und selbst
       auch erkleckliche Summen springen lassen. Die Idee aber, Familybuilding sei
       eine humanitäre im Sinne einer überindividuell positiven Handlung, ist
       fahrlässig. Sie verkennt geflissentlich, dass sich nur die sehr Reichen
       ihren Staat machen, nämlich kaufen können. Folglich auf ein
       funktionierendes Staatswesen nicht angewiesen sind.
       
       Jetzt hilft nur die Investition in Strukturen: Geht es im Moment um Geld
       für Nothilfe, wird es bald um Schuldenerlasse gehen und den Aufbau eines
       Staates, der Schulen und Krankenhäuser unterhält und das Gewaltmonopol
       verteidigt. Das lässt sicht mit Kindern nicht machen, sondern nur mit
       Erwachsenen. Die dem Kinderhype innewohnende Verfemung von ausgewachsenen
       HaitianerInnen ist daher kontraproduktiv.
       
       Wie sehr die Kinderfrage mit der Frage der Staatsbildung zusammenhängt,
       zeigt nicht zuletzt, dass sich der haitianische Staat vorgestern erstmals
       zurückmeldete. Und zwar, indem er verlautbarte, dass er und nicht die USA
       die diese Woche aufgegriffene Baptistengruppe aus den USA zur Rechenschaft
       ziehen wird. Diese hatte versucht, Kinder illegal außer Landes zu schaffen.
       
       6 Feb 2010
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Ines Kappert
       
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