# taz.de -- Religiöse Spannungen in Nigeria: Misstrauen, Schutt und Asche
       
       > Die Christen nennen Jos eine Frontstadt. Die wollen uns vertreiben,
       > argwöhnen dagegen Muslime. Wer noch kann, verlässt dieses Pulverfass.
       
 (IMG) Bild: Ein nigerianischer Soldat vor der Zentralmoschee in Jos.
       
       Im Schatten der Akazien, die den Vertriebenen am Rande der
       Provinzhauptstadt Jos Schutz vor der Sonne bieten, sitzen vermeintliche
       Todfeinde dicht gedrängt auf dem staubigen Boden. Mehr als zwei Wochen nach
       den Massakern in der zentralnigerianischen Stadt wissen weder Muslime noch
       Christen, was sie mit ihrem Leben noch anfangen sollen. Das Blutbad, das
       vermutlich mehr als 550 Tote und über 14.000 Vertriebene hinterließ, hat
       alles verändert.
       
       "Ich habe am Morgen zu Hause am Esstisch gesessen, wir hatten schon
       Ausgangssperre", erinnert sich die Muslimin Aisha Haruna. "Eine Stunde vor
       Mittag dann hörte ich laute Stimmen an der Hintertür und ein Krachen."
       Haruna und ihre drei Töchter rannten zur Vordertür hinaus, doch die
       bewaffneten Jugendlichen, christliche Milizen, verfolgten sie. "Ich dachte
       wir hätten Glück, als wir auf eine Polizeipatrouille stießen", sagt die
       Mutter mit schwerer Stimme. Doch als sich Polizisten und Verfolger eine
       Schießerei liefern, wird eine von ihren Töchtern tödlich getroffen. "Jetzt
       warte ich nur noch, bis mir jemand den Busfahrschein bezahlt, damit wir
       zurückkehren können in mein Heimatdorf." In Jos, sagt Haruna, kann sie
       nicht bleiben.
       
       Wenige Meter neben ihr wartet Ndusibi Oko - worauf, weiß er nicht. Seine
       Heimat war Bukuru, die Vorstadt, die sich an die Stadt Jos mit ihren mehr
       als einer halben Million Einwohnern anschließt. "Bis Bukuru waren die
       Unruhen bisher nie gekommen, deshalb fühlten wir uns sicher", berichtet er
       stockend.
       
       Oko war auf Reisen, als die Kämpfe begannen. "Als ich nach Hause
       zurückkehrte, lagen mein Haus und meine Werkstatt in Schutt und Asche."
       Muslimische Milizen, sagt Oko, hätten seine Frau und Kinder aus dem Haus
       gejagt und es in Brand gesteckt. "Sie haben auch meinen Vater, einen alten
       Mann, angezündet, der Leichnam war so verkohlt, dass ich ihn nicht mehr
       erkennen konnte." Oko hofft auf Hilfe. Die Regierung des Bundesstaats
       Plateau hat Gelder zugesagt. "Aber die Grausamkeit, die ich erlitten habe,
       lässt sich mit allem Geld der Welt nicht ausgleichen."
       
       In weiten Teilen von Bukuru ist nach vier Tagen Gewalt ein Albtraum in Grau
       und Schwarz zurückgeblieben. Hausgerippe säumen die Straßen, ausgebrannte
       Autos liegen wie hingeworfen. Wo der Markt war, ist eine rußschwarze
       Wüstenei. "Der Rauch war so dick, dass wir die Gebäude auf der anderen
       Straßenseite nicht mehr sehen konnten", erinnert sich Samuel Dali. "Von
       überall her waren Schüsse zu hören, und die Polizei hat auf unseren
       Hilferuf hin nur abgewinkt, sie sei überlastet." Dali ist Dekan am
       Theologischen College für Nordnigeria in Bukuru.
       
       Als Dali, ein ausgebildeter Sanitäter, sieht, wie viele Verletzte - Muslime
       wie Christen - in die Krankenstation der Hochschule eingeliefert werden,
       begreift er das Ausmaß der Unruhen. "Ich habe die Studenten
       zusammengerufen, und wir haben Patrouillen eingeteilt, um zu verhindern,
       dass der Campus gestürmt wird." Was die Studenten beobachten, machte ihnen
       Angst, sagt Dali. "Da gab es Soldaten, die Maschinengewehre an die
       muslimische Bevölkerung verteilt haben, und wir dachten, jetzt geht es uns
       an den Kragen." Einer der Studenten wird von Männern in Soldatenuniform vor
       dem Tor der Universität erschossen. Doch die Erstürmung bleibt aus. "Wir
       hatten Glück", sagt Dali lapidar.
       
       "Dieser Kampf ist vorbei, aber die Nervosität unter den Christen ist
       geblieben", beschreibt Dalis Chef, Kanzler Tersur Aben, die Lage. Seit dem
       Einmarsch der Armee, die auf den Hauptstraßen von Jos alle 500 Meter
       Sperren errichtet hat, wird zwar nicht mehr gekämpft, doch von Normalität
       ist nichts zu spüren: Jos gleicht einer Stadt unter Belagerung. Um fünf
       Uhr, eine Stunde vor Beginn der nächtlichen Ausgangssperre, flüchten die
       Bewohner so panikartig aus der Innenstadt, dass der Verkehr stecken bleibt.
       Eine Stunde später sind Schüsse zu hören. Warnschüsse, heißt es, die die
       Nachzügler in die Häuser zurücktreiben sollen.
       
       Aben glaubt, dass die Kämpfe weitergehen. "Das ist ein geplantes Pogrom der
       Hausa-Fulani, und Jos ist nur eine Zwischenstation auf dem Weg zur
       Herrschaft über das ganze Land." Der dominanten Volksgruppe im Norden wirft
       Aben vor, ihren Einflussbereich ausweiten zu wollen wie einst im 19.
       Jahrhundert. Damals übernahm das streng muslimische Hausa-Fulani-Emirat von
       Sokoro binnen weniger Jahrzehnte die Macht in den Sahelstaaten nördlich von
       Jos.
       
       "Jetzt wollen sie die Kontrolle im Zentrum Nigerias übernehmen, heute in
       Jos, morgen in der nächsten Stadt", so Aben. Opfer seien die einheimischen
       Stämme der Berom und Gyel, die vom wachsenden Einfluss der Hausa-Fulani
       unter anderem die Einführung des Schariarechts befürchteten. Ein Blick auf
       die Karte zeigt, dass der Bundesstaat Plateau mit Jos als Hauptstadt die
       letzte Insel ist, in der das muslimische Recht nicht gilt. Seit der
       Jahrtausendwende ist es überall weiter nördlich, westlich und östlich
       eingeführt worden. "Wir sind eine Frontstadt", erklärt Kanzler Aben mit
       fester Stimme.
       
       Tassie Ghata gehört zu denen, die an der Front kämpfen. "Gnade und Licht
       International" heißt die Missionsbewegung, der die Nigerianerin vorsteht.
       Vor einigen Tagen hat sie der Regierung in Abuja einen Bericht überstellt,
       in dem die jüngsten Ereignisse aus Sicht einer "Koalition christlicher
       Pfarrer" beschrieben werden. "Wir leben in einem christlichen Bundesstaat",
       beginnt Ghata ihre Version. "Was hier passiert, das ist ein heiliger Krieg
       gegen uns Christen und die einheimischen Stämme, ein Dschihad." Laut Ghata
       sind daran islamische Extremisten und Söldner aus dem muslimischen
       Nachbarstaat Niger beteiligt - Beweise dafür gibt es nicht. Doch Ghatas
       Glaubensbrüder und -schwestern verlangen auch keine. "Wir haben keine Angst
       mehr, wir fühlen inzwischen vor allem Wut und Hass." Zwar rate sie von
       Angriffen auf Muslime ab, "aber ich rate niemanden davon ab, sich zur Wehr
       zu setzen".
       
       So aufgeheizt wie Tessie Ghatas Predigt ist die Stimmung seit Monaten. Im
       November machten in Jos erstmals Gerüchte die Runde, dass es bald einen
       Angriff auf Christen geben werde. Das Misstrauen wuchs, christliche
       Jugendmilizen begannen, Tag und Nacht Wache zu halten. Aus Angst vor ihnen
       marschierten bald auch muslimische Jugendliche auf. Niemand kann sagen, wie
       genau die Unruhen begonnen haben. Die meisten glauben, dass der Anlass
       unbedeutend war: ein kleiner Zwischenfall, nach dem sich die Gewalt wie
       eine Kaskade entlud.
       
       "Wir haben schon seit Wochen Hass-SMS bekommen", erinnert sich Umar Farouk
       von der islamischen Bürgerbewegung Jamaat Nazrel Islam. "Ende Dezember
       haben dann Prediger in einer Pfingstkirche behauptet, die Muslime würden
       bereits Waffen sammeln." Farouk dementierte vor der Presse - doch das
       Gerücht war in der Welt. Nicht zufällig, sagt er. "Was wir hier von den
       Christen gesehen haben, ist der Versuch ethnischer Säuberungen. Die wollen
       uns vertreiben."
       
       Den Christen mit ihren Überfremdungsängsten widerspricht Farouk. "Wir sind
       in den politischen Strukturen praktisch nicht repräsentiert, und das,
       obwohl die Verfassung jedem Nigerianer Freizügigkeit garantiert." Muslime
       wie er gehen in die Offensive: Sie wollen mehr, nicht weniger
       Mitspracherecht. "Nur wenn wir gleichberechtigt in Politik und Verwaltung
       repräsentiert sind, kann es gegenseitiges Verständnis geben", glaubt
       Farouks Kollege Sani Suleiman. Dass es diese Ambitionen sind, die die Angst
       vor einer Machtübernahme der Hausa-Fulani schüren, lässt Suleiman nicht
       gelten. "Es ist doch so: Wir werden zusammenleben müssen, das lässt sich
       nicht verhindern - die Politik muss den dafür nötigen sozialen Zusammenhalt
       garantieren."
       
       Eine Klausel in Nigerias Landesverfassungen ist der Grund für den Kampf um
       die Macht. Sie garantiert den "Einheimischen" Vorrechte vor Zugezogenen
       oder "Siedlern". "Ich lebe seit 1983 in Jos, und meine Kinder sind alle
       hier geboren", erzählt der Soziologieprofessor Ogoh Alubo. "Aber ich und
       selbst meine Kinder gelten als Siedler: Deshalb haben sie keine Stipendien
       bekommen, sie können nicht in der Verwaltung arbeiten und bekommen kein
       politisches Amt." Das Problem sei, dass nirgends definiert sei, wer
       Einheimischer sei und wer nicht. "Die Berom werfen den Hausa-Fulani vor,
       Siedler zu sein, aber die Hausa-Fulani sagen: Wir waren hier, als Jos vor
       100 Jahren gegründet wurde, wir sind Einheimische."
       
       Mit dem wirtschaftlichen Niedergang sei das Thema immer brisanter geworden,
       sagt Alubo. "Im härteren Kampf um Arbeitsplätze und um Land entzweit sich
       die Bevölkerung - angestachelt von Politikern, die damit punkten wollen."
       Inzwischen gebe es immer mehr rein christliche Viertel und rein muslimische
       - der letzte Zusammenhalt gehe so Stück für Stück verloren. "Wenn wir das
       Problem der Rechte von Siedlern und Einheimischen nicht lösen", warnt
       Olubo, "dann haben die Unruhen hier gerade erst begonnen."
       
       8 Feb 2010
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Marc Engelhardt
       
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