# taz.de -- Islamlehrer Mouhanad Khorchide: "Ich sehe mich als Brückenbauer"
       
       > Mouhanad Khorchide soll Professor für islamischen Religionsunterricht
       > werden. Was ist die religiöse Rolle der Lehre?
       
       taz: Herr Khorchide, glauben Sie an die historische Existenz von Mohammed?
       
       Mouhanad Khorchide: Ja, glaube ich.
       
       Warum spielt das bei der Besetzung einer Professur für islamische
       Religionspädagogik an einer staatlichen Universität überhaupt eine Rolle? 
       
       Ausbilder von Religionslehrkräften haben zugleich eine Vorbildfunktion. Von
       ihnen wird erwartet, dass sie nicht nur fundierte Kenntnisse der
       islamischen Theologie und Religionspädagogik haben, sondern zugleich dass
       sie den Grundsätzen ihrer Religion Rechnung tragen.
       
       Gute islamische Theologie, sagt Ihr Vorgänger Muhammad Sven Kalisch, sei in
       Münster wegen der Mitsprache der islamischen Verbände gar nicht möglich. 
       
       Soweit ich weiß war für die Verbände nicht Muhammad Kalischs
       wissenschaftliche Methode das Problem, sondern seine Aussage, dass der
       Prophet vielleicht nicht existiert hat. Die Lehre muss aber mit den
       Grundsätzen des Islam kompatibel sein: mit dem Glauben an Gott, an den
       Propheten und an den Koran.
       
       Und wenn man mit der historisch-kritischen Methode Zweifel an der Existenz
       Mohammeds bekommt, ist Schluss mit der Freiheit der Wissenschaft? 
       
       Ich verstehe das Anliegen der Verbände, dass Religionslehrer Unterricht im
       Einklang mit dem Islam erteilen sollen. In die Wissenschaft wollen sie sich
       nicht einmischen.
       
       Sind Sie so vorsichtig, weil Ihre Berufung von einem positivem Votum der
       islamischen Verbände abhängt? 
       
       Ich sehe meine Aufgabe als Brückenbauer. Ich möchte Vertrauen schaffen, das
       verloren gegangen ist. Deshalb gehe ich auf die Verbände zu. Ich habe mich
       mit ihren Spitzenvertretern getroffen und wir haben ein sehr konstruktives
       Gespräch geführt. Die islamische Lehre war immer sehr vielfältig. Man muss
       sich nicht über alles einigen, aber verständigen muss man sich. Mir geht es
       vor allem um die große Chance, in Münster eine islamische Theologie zu
       etablieren.
       
       In Österreich haben Sie gezeigt, dass Sie die Auseinandersetzung mit den
       muslimischen Verbänden nicht scheuen. Laut Ihrer Doktorarbeit hat ein
       Drittel der islamischen Religionslehrer in Österreich Probleme mit dem
       Rechtsstaat, ein gutes Fünftel mit der Demokratie. Und viele halten es für
       unvereinbar, gleichzeitig Muslim und Europäer zu sein. Wie sind sie in der
       Schule gelandet? 
       
       In Österreich hat man 1982 den islamischen Religionsunterricht an den
       Schulen eingeführt, ohne sich Gedanken darüber gemacht zu haben, wer
       unterrichten soll und wie die Lehrer ausgebildet werden. Muslim zu sein und
       in Österreich zu leben war zunächst die einzige Qualifikation für viele
       Lehrkräfte.
       
       Was kann man daraus für Deutschland lernen? 
       
       Dass man nichts überstürzen sollte. Es macht Sinn, erst islamische
       Theologie und Religionspädagogik an den Universitäten aufzubauen und zu
       etablieren, bevor man Religionsunterricht einrichtet.
       
       Die Muslime in Deutschland werben seit langem für den islamischen
       Religionsunterricht. Wenn er flächendeckend eingeführt würde, bräuchte man
       auch bald 2.000 Lehrer. 
       
       Im Unterschied zu Österreich gibt es in Deutschland aber bereits viele
       Lehrer und viele Islamwissenschaftler, die islamische Religion in
       verschiedenen Modellprojekten unterrichten. Sie können über eine gezielte
       Fortbildung weiterqualifiziert werden. Aber natürlich werden diese Lehrer
       nicht reichen.
       
       Für den ehemaligen Innenminister Schäuble geht es auch um Terrorprävention.
       Soll der Religionsunterricht den Einfluss der Moscheen auf Kinder und
       Jugendliche mindern? 
       
       Nein. Ich finde es sehr wichtig, dass man die beiden Unterrichtsformen
       nicht gegeneinander ausspielt. Viele Kinder, die am islamischen
       Religionsunterricht in den Schulen teilnehmen, werden weiter auch den in
       den Moscheen besuchen, das zeigen empirische Studien. Es ist wichtig, dass
       die Kinder nicht hier das eine lernen und dort das Gegenteil. Dafür müssen
       wir die Moscheen mit ins Boot holen, vielleicht kann man sogar gemeinsame
       Lehrpläne entwickeln.
       
       Ihr Ansprechpartner ist bislang der Koordinierungsrat der Muslime. Ein
       Mitglied, den Islamrat, hat der Innenminister gerade aus seiner
       Islamkonferenz ausgeschlossen. Ist das ein Problem? 
       
       Nein, auch die Mitglieder des Islamrats sind vielfältig. Für mich bleibt
       der Koordinierungsrat der Ansprechpartner.
       
       Der Koordinierungsrat der Muslime repräsentiert aber vor allem die
       konservativen Muslime. Brauchen Sie nicht auch verstärkt liberale
       Ansprechpartner? 
       
       Diese Begriffe führen in die Irre. Man darf die Menschen, auch die
       Verbände, nicht schubladisieren. Wir müssen über konkrete Inhalte reden und
       dann werden wir feststellen, dass es auch unter den Verbänden eine
       Bandbreite an Ausprägungen gibt. Ditib und Islamrat zum Beispiel sind sich
       über viele theologische Details nicht einig, aber das spiegelt die Vielfalt
       innerhalb der islamischen Theologie. Dennoch ist die Frage nach der
       Repräsentativität berechtigt. In Österreich wirbt die Islamische
       Gemeinschaft dafür, dass sich mehr Muslime registrieren lassen. Wenn man
       mitreden will, muss man das tun.
       
       In Österreich gibt es auch einen staatlich anerkannten Dachverband, der
       alle Muslime vertreten soll. In Deutschland gibt es den Koordinierungsrat,
       der sich nach dem Ausschluss des Islamrats noch nicht einmal zu einer
       gemeinsamen Haltung zur Islamkonferenz durchringen kann. 
       
       Sie sollten sich aber organisieren und dem Koordinierungsrat beitreten.
       Dessen Gründung war ein ganz entscheidender Schritt. Wir brauchen eine
       gemeinsame Vertretung der Muslime. Das ist wichtig, damit man sich in einem
       demokratischen System einbringen kann.
       
       24 Mar 2010
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Sabine am Orde
       
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