# taz.de -- Besuch bei den Opfern in Afghanistan: Heimliche Entschädigung
       
       > Während das Verteidigungsministerium über eine Entschädigung der Opfer
       > des Bombardements verhandelte, hilft die IOM, ein US-Hilfswerk, schon
       > zehn Familien.
       
 (IMG) Bild: Die Gefahr ist bei jeden Schritt vorhanden
       
       KUNDUS taz | Bald acht Monate ist es her, dass auf Drängen der Bundeswehr
       nachts um 1.50 Uhr zwei von Taliban gekaperte Tankwagen nahe Kundus
       bombardiert wurden. Bis zu 142 Menschen kamen dabei ums Leben. Das
       Verteidigungsministerium hat über Wochen Gespräche mit dem Bremer Anwalt
       Karim Popal geführt. Der Deutschafghane hatte erklärt, er habe von den
       Angehörigen der zivilen Opfer das Mandat, über Entschädigungsansprüche zu
       verhandeln. Mitte April brach das Ministerium die Verhandlungen ab.
       
       Die betroffenen Familien im Distrikt Char Darah nahe Kundus haben bis heute
       nichts von der Bundesregierung gehört: keine Entschuldigung, kein Zeichen
       des Bedauerns, keine Hilfe, nicht einmal die 2.000 US-Dollar Trauergeld
       ("consolation money"), das nach der afghanischen Schariatradition den Tod
       eines Familienmitglieds sühnen kann.
       
       Das Verteidigungsministerium erklärt in Deutschland, man wolle mit
       Entwicklungsprojekten den betroffenen Dörfern helfen und damit ein Zeichen
       des guten Willens setzen. In Kundus vor Ort wird das von den
       Bundeswehrverantwortlichen aber als unrealistisch eingeschätzt: Die
       Bundeswehr traut sich in die von Taliban beherrschten Dörfer nicht hinein.
       Eine Kontaktaufnahme mit den betroffenen Familien gab es nicht.
       
       Was die Bundeswehr in Kundus genauso wenig weiß wie das
       Verteidigungsministerium: Die Internationale Organisation für Migration
       (IOM) mit Zentrale in Genf hat Kontakt zu den betroffenen Familien gesucht
       und ist bei 62 Familien sicher, dass sie zu Recht zivile Opfer beklagen.
       Die IOM guckt sich jede Familie genau an, erklärte die Mitarbeiterin Nuria
       Fernandez der Grünen-Bundestagsabgeordneten Marieluise Beck, die seit einer
       Woche in Afghanistan ist.
       
       Die IOM arbeitet im Auftrag der staatlichen
       US-Entwicklungshilfeorganisation USAID und gibt kein Geld, sondern hilft
       mit Naturalien - je nach Fall. Wenn das Haus zerstört wurde, wird Hilfe
       beim Wiederaufbau finanziert, es wird bei der Jobsuche geholfen oder bei
       der medizinischen Versorgung. Wenn Frauen mit Kindern ihren Ernährer
       verloren haben, wird geschaut, ob der Familie mit einem Grundstück oder
       einem Job geholfen werden kann.
       
       Solcherart Hilfe hat für zehn Familien schon begonnen, in den nächsten
       Wochen sollen alle 62 Familien erreicht werden, sagt die IOM-Mitarbeiterin.
       Und es gebe zudem 23 Familien, bei denen die Untersuchung noch nicht
       abgeschlossen worden ist, ob sie wirklich in die Kategorie "zivile Opfer"
       gehören. Wurde die Bundeswehr informiert? Nein, sagt Fernandez, die
       Bundeswehr sei von ihr einmal grundsätzlich über das IOM-Programm
       informiert worden, habe aber nach dem Tankwagenangriff nicht nachgefragt.
       
       "Ich weiß inzwischen von sieben verschiedenen Initiativen, die vor Ort
       erkunden, wer die Familien der zivilen Opfer sind", empört sich die
       Grünen-Abgeordnete Beck. "Und das Verteidigungsministerium tut nichts."
       
       Das Verteidigungsministerium wartet gegenwärtig darauf, dass die
       Afghanische Unabhängige Menschenrechtskommission eine Liste mit
       Opferfamilien erstellt. Eine formelle Entschädigungszahlung lehnt die
       Bundesregierung bisher aus juristischen Gründen ab.
       
       Es sind andere, die durch Gesten der Hilfe die Propaganda, die mit den
       Familien der Opfer gemacht wird, mindern wollen. Als Erstes hatte das
       afghanische Innenministerium vor Ort nachgeforscht. Da die Leichen stark
       verkohlt waren und andererseits viele schon in der Nacht von ihren Familien
       weggeschafft worden waren, war die Rekonstruktion schwierig. In einzelnen
       Fällen haben Familien offensichtlich auch Männer, die schon vorher
       gestorben waren, als "Opfer" angegeben. In der streng vertraulichen
       afghanischen Opferliste tauchen 142 Namen auf, 30 sind als "zivile Opfer"
       deklariert, daneben gibt es auch viele "unbewaffnete Taliban". Für 30 Opfer
       hat der afghanische Provinzgouverneur die 2.000 Dollar "consolation money"
       gezahlt.
       
       Im Büro der afghanischen Menschenrechtskommission in Kundus hat die
       Grünen-Abgeordnete Beck zusammen mit Journalisten sechs Männer gesprochen,
       die Söhne in jener Nacht verloren haben. Bisher hat sich keine deutsche
       Stelle an sie gewandt, sagen auch sie.
       
       Aus "Sicherheitsgründen" kommt niemand von der Bundeswehr in die Dörfer
       dieser Familien. Da ist zwar die Polizeistation von Char Darah, "eine
       Festung", sagen die deutschen Soldaten; aber schon zwei Kilometer außerhalb
       der Festung sind die Taliban.
       
       Es muss eine Stunde vor Mitternacht in jener Nacht des 4. September gewesen
       sein, sagt einer der Bauern, da kamen die Taliban und zwangen ihn, seinen
       Traktor zur Verfügung zu stellen, um den Tanklaster von der Sandbank im
       Fluss wegzuschleppen. Der steckte aber zu sehr fest; die Taliban zapften
       sich Benzin ab - und gaben die Tankwagen praktisch frei für die Leute aus
       den umliegenden Dörfern, die bis spät in die Nacht das Fastenbrechen
       gefeiert hatten.
       
       Zwei seiner Söhne seien in der Nacht da gewesen, sagt der Bauer. Die
       Familienoberhäupter haben Fotos der jungen Männer dabei, die in der Nacht
       an dem Tankwagen starben. Wer von ihnen, wenn er ein Gewehr in die Hand
       nahm, mit den Taliban kämpfte, wird man wohl nie herausfinden. In der Liste
       des afghanischen Innenministeriums ist hinter jedem der 69 Namen getöteter
       Taliban vermerkt, ob er "bewaffnet" oder unbewaffnet gewesen sein soll.
       Zwei "unbewaffnete Taliban" waren 14 Jahre alt. Auch die Namen der Dörfer
       sind da angegeben. In der Liste der getöteten Zivilisten stehen zwei
       Elfjährige. Unter den Getöteten finden sich auch zwei aus dem Dorf
       Isakahel, wo die Bundeswehr am Karfreitag in einen Hinterhalt geriet und
       stundenlange Rückzugsgefechte führte.
       
       Die Bauern haben, so berichten sie, ihre Namen auch zwei Frauen gegeben.
       Eine ist die Gynäkologin Habibi Erfan, die Kontaktperson des Bremer Anwalts
       Popal vor Ort. Gab es eine Unterschrift unter ein Anwaltsmandat? Das
       verstehen sie nicht, schreiben können sie nicht, auch einen Fingerabdruck
       haben sie nicht gegeben, sagt einer. Aber wenn der Anwalt ihnen Geld
       verschafft, Kompensation, dann sind sie ihm dankbar.
       
       Dass der Bremer Anwalt mit dem Verteidigungsministerium über
       Entschädigungsprojekte verhandelt hat, mit denen Arbeit für junge Leute und
       für Frauen geschaffen werden könnten, das wissen diese Familienoberhäupter
       nicht. Arbeitsplätze für Frauen? Verstehen sie nicht. Arbeitsplätze für
       junge Männer? "Unsere Söhne sind tot, wer soll da arbeiten?", fragt einer.
       "Geld" wollen sie.
       
       Einer der Männer muss auf die Frage, was für Hilfe sein Dorf denn brauche,
       nicht überlegen. "Wir brauchen Strom, die Straße muss befestigt werden, wir
       brauchen eine Krankenstation", sagt er. Später hebt er sein Gewand hoch und
       zeigt seinen Bauch. Schmerzen hat er da, sagt er, ob die Deutschen ihm
       helfen könnten.
       
       Aber der Bundeswehrmann, der die Delegation begleitet, winkt ab.
       Medizinische Hilfe - das geht nicht. Und Projekte in dieser Talibangegend
       zehn Kilometer vom Militärlager entfernt? Solange die deutschen Soldaten da
       nicht hineingehen können, ohne Talibanbeschuss zu riskieren, geht das auch
       nicht.
       
       Die afghanischen Männer verlassen nach zwei Stunden das Büro der
       Menschenrechtskommission und machen sich mit leeren Händen wieder auf den
       Weg in ihre Dörfer.
       
       Das Verteidigungsministerium hatte in der deutschen Öffentlichkeit
       berichtet, es seien 1.400 Pakete "Winterhilfe" in den Dörfern verteilt
       worden. Die Soldaten in Kundus schütteln den Kopf, wenn sie darauf
       angesprochen werden. 1.400 Pakete für rund hundert Opfer? Offenbar sollte
       damit nicht gezielt den Familien der Opfer geholfen werden, sondern den
       Dörfern, aus denen die Aufständischen kommen, sagt ein Bundeswehroffizier.
       Das kommt bei den "sicheren" Dörfern nicht so gut an.
       
       Da die Bundeswehr in Kundus nichts damit zu tun haben wollte, und schon gar
       nicht ohne großes Sicherheitsrisiko in diese Dörfer fahren kann, wurde eine
       private Transportfirma beauftragt, die Pakete nach Kundus zu bringen. Dort
       wurden sie dem "Rechercheteam" des Bremer Anwalts Popal übergeben, zu dem
       auch ein Distriktmanager aus Char Darah gehört und ein Mullah aus einem der
       Dörfer.
       
       Die Bundeswehr war neugierig und schickte eine Drohne über die
       Verteilstelle. Es sei zu einem großen Chaos gekommen, sagen die
       Bundeswehrleute. Da wurde zum Beispiel auch ein afghanischer Polizeiwagen
       gesichtet, der zu der Verteilstelle fuhr und sich die Ladefläche
       vollpackte.
       
       Es war wohl eher eine Geste gegenüber der deutschen Öffentlichkeit.
       
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       20 Apr 2010
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Klaus Wolschner
       
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 (DIR) KOMMENTAR Kundus-Einsatz: Feige Anwaltschaft
       
       Mit der Einstellung der Ermittlungen gegen Oberst Klein bleibt sich die
       Bundesanwaltschaft treu. Von Anfang an war sie unwillig, sich des Desasters
       anzunehmen.
       
 (DIR) Kundus-Bombardement: Verfahren gegen Klein eingestellt
       
       Die Bundesanwaltschaft hat das Ermittlungsverfahren gegen den
       Bundeswehr-Oberst Georg Klein im Zusammenhang mit der Bombardierung von
       zwei Tanklastern in Afghanistan eingestellt.