# taz.de -- Die Brüder Boateng und die WM: Das Spiel des Lebens
       
       > Der eine Bruder spielt für Deutschland, der andere für Ghana. Der eine
       > ist brav, der andere grätschte Ballack ins WM-Aus. Die Geschichte von
       > Jerome und Kevin-Prince Boateng.
       
 (IMG) Bild: Da spielten sie noch in einem Team: Jerome und Kevin-Prince Boateng vor drei Jahren im Trikot von Hertha BSC.
       
       BERLIN taz | "Der den Ballack gefoult hat?" Der Wirt, offenbar türkischer
       Herkunft, braucht das entscheidende Detail, damit der Groschen fällt. In
       seinem Bistro läuft im Fernseher das Spiel der Schweizer gegen die
       Chilenen, eine große deutsche Fahne hängt über der rot-plüschigen
       Sitzeecke. "Ja", sagt der Kneipier in Berlin-Wedding, als er den Kaffee
       über den Tresen schiebt, "der Schwarze - hat hier mal gewohnt." Mehr wisse
       vielleicht Erkan im Teppichladen nebenan.
       
       Die Halbbrüder Boateng, Kevin-Prince für die ghanaische Nationalelf
       spielend, Jerome für die deutsche, beschäftigen die Leute hier in einem
       traditionellen Arbeiterbezirk. Vor allem Kevin Boateng ist in dieser Ecke
       derzeit ein so großer wie umstrittener Name, nach dem Foul an Michael
       Ballack. Denn hier im Wohnblock Ecke Schweden-/Koloniestraße ist der junge
       Ghanaer aufgewachsen, Jerome wurde dagegen im bürgerlicheren Charlottenburg
       groß.
       
       Im Teppichladen, der atemberaubend nach billiger Auslegware stinkt,
       erinnert sich Erkan an Kevin: Ruhig sei der gewesen, "echt, echt", bestärkt
       er, habe "keinen Scheiß gebaut". Kevins Fußtritt, der den Kapitän aus der
       deutschen WM-Elf kickte, das "war n ganz normales Foul". Außerdem habe
       Ballack den Kevin-Prince doch früher bei Hertha auch mal beleidigt. Der
       Juwelier nebenan, sagt Erkan noch, wäre der beste Ansprechpartner.
       
       In dessen Laden kommt man nur, wenn man eine Klingel drückt. Der gepflegte
       Geschäftsmann im gebügelten blauen Hemd berät im Weddinger Türkodeutsch
       gerade ein Pärchen, das goldene Ohrringe in Rechnung stellen will - für
       neue goldene Ohrringe. Aber, sorry, die alten Ringe hätten viel weniger
       Goldanteil, als ihnen weisgemacht worden sei, erklärt er.
       
       In einer Ecke des Ladens hängt ein Fenerbace-Trikot - der frühere Verein
       des Nationaltrainers Jogi Löw, sagt er. Klar, erzählt der Juwelier, die
       Boatengs kenne er noch von damals, als sie Buben waren und mit ihrem
       obligatorischen Fußball am Fuß hier um die Straßen zogen. Es waren
       Kevin-Prince und sein älterer Bruder George. "Das waren gute Jungs - kein
       Problem mit ihnen gehabt", sagt er.
       
       "Kein Problem", das heißt hier was im Wedding, einem, vorsichtig
       formuliert, schwierigen Bezirk Berlins. Und das mit Ballack, sagt der
       Juwelier: Der Kevin-Prince sei da "einfach reingerutscht". Außerdem habe
       der Deutsche dem Kevin vorher ja auch schon Ellbogenchecks gegeben.
       Überhaupt, nichts gegen die Deutschen, aber "die sehen das Spiel als
       Krieg", bemängelt er. Wenn die verlieren, dann freuten sich in diesem Kiez
       viele darüber, "70 Prozent" meint er.
       
       Der 19-Jährige Jakub vom "Bistro Luisenbad" gleich gegenüber verlässt
       seinen Dönerspieß für einen Plausch auf dem Gehweg. Das Foul von Kevin,
       meint er, das sei doch keine Absicht gewesen. Außerdem habe sich Kevin
       sofort entschuldigt. "Er macht auch nur nen Job." Da werde jetzt ein
       "mieser Druck" auf Kevin ausgeübt, das sei doch schlecht für seine
       Karriere. Jakub erzählt: Damals seien die Boatengs im Kiez für die Knirpse
       wie ihn "Vorbilder gewesen, voll cool, ey". Zudem waren sie "sehr beliebt",
       sagt er, "Scheiß haben die nicht gebaut".
       
       Erkan vom Teppichladen hat noch eine Idee. Er ruft, sehr hilfsbereit, auf
       Türkisch ein paar Leute an - dann ist klar: Am besten mal bei der deutschen
       Familie im Wohnblock fragen, die würden die Boatengs noch von früher
       kennen. Tatsächlich öffnet sich nach kurzem Klingeln die Haustür, im
       dritten Stock sitzen drei Damen im überdachten Gang zu den Seitenwohnungen
       des Wohnblocks. Sie haben es sich an einem Tisch mit orange-gelbem
       Wachstuch bei Kaffee und Zigaretten gemütlich gemacht. Es sind zwei
       Schwestern mit ihrer Mutter und deren Enkeltöchterchen, die mit dem Handy
       spielt. Der Verkehrslärm stört die Runde nicht weiter.
       
       Die eine Schwester erzählt, sie habe Kevin noch gewickelt. Dauernd sei er
       bei ihnen gewesen. George, das sagen hier viele, war eigentlich der bessere
       Fußballer, aber "der hat die falschen Freunde gehabt". Kevin habe sich auch
       deshalb so in den Fußball reingekniet, "weil er wegwollte von zuhause".
       Jerome und Kevin haben nur den Vater Prince gemeinsam.
       
       Über Kevins Mutter lästern die Schwestern ab, und was sie sagen, ist nicht
       zu überprüfen: Getrunken habe die, habe nach der Trennung von Prince viele
       Männer mit nach Hause gebracht, sei aggressiv gewesen - und wenn Kevin nun
       sein Temperament manchmal nicht so im Griff habe, liege das nicht an seinem
       Vater Prince. Und auf gar keinen Fall an dem Kiez hier - "wir sind hier ja
       die Ghettobewohner", sagt eine Schwester ironisch. Nein, schuld an den
       angeblich unüblich häufigen Ausrastern von Kevin sei, wenn überhaupt, die
       Mutter. (Die trotz Namensgleichheit übrigens keineswegs, wie die Presse
       schreibe, verwandt sei mit dem Berner Helden von 54, Helmut Rahn.)
       
       Tja, die Mythen, sie fangen auch hier schon an zu blühen. Und wenn es einen
       heiligen Rasen vom Wedding gäbe, dann ist er hier um die Ecke in einem
       kleinen Park gleich neben dem Bach Panke. Im Park herrscht nachmittägliche
       Ruhe, nur im sogenannten Käfig sind ein paar Jungens am Kicken. Der Käfig
       ist ein kleiner asphaltierter Fußballplatz mit zwei Toren, umgeben von etwa
       acht Meter hohem Maschendrahtzaun. Kein Ball erreicht hier die Sterne, hoch
       oben hält ihn ein Netz auf, das über den Platz gespannt ist. Die dichten
       grünen Wände von Rankgewächsen links und rechts am Zaun geben dem Platz
       etwas Märchenhaftes - hier hat Kevin-Prince Boateng kicken gelernt.
       
       Burhan, 16 Jahre alt, spielt hier mit seinen Kumpels - er hat die größte
       Klappe und einen guten ironischen Humor. "Boateng, der hat den Ballack
       gefoult, er ist ein Arschloch", sagt er, "aber Ballack hat davor
       provoziert." Und setzt nach: "Ich sag nicht, dass es fair war." Klar habe
       man früher mit den Boatengs gespielt, "ganz korrekt". Auf der gleichen
       Schule wie Kevin war er, neulich hätten sie dort Plakate von ihm
       aufgehängt. Aber nun hingen die bestimmt nicht mehr. "Wegen dem Ballack."
       Dann geht es ans Kicken, der Reporter stört hier nur noch. Ganz zufällig
       klatscht ein ziemlich strammer Schuss direkt in Kopfhöhe gegen den Zaun.
       
       Ein paar Meter weiter steht Görkan, 28 Jahre alt, an einer Parkbank, auf
       ihr sitzen sein Bruder und ein Freund. Görkans Sohn zappelt im Kinderwagen
       neben ihm, schmeißt unentwegt sein Fläschchen raus. "Piwi", so war damals
       der Spitzname Kevins, habe immer geweint, wenn er auf dem Bolzplatz mal
       verloren habe, erzählt Görkan. Dennoch wollte er immer mit dem Kleinen
       spielen, denn "Piwi" sei schon als Dreikäsehoch so stark gewesen. Er habe
       ihm gesagt: "Piwi, Alter, aus dir wird mal was." Und die Sache mit Ballack?
       Görkan bläht die Backen auf. "War n bisschen Absicht vielleicht", sagt er,
       "aber der Ballack tut mir auch leid." So läuft das hier im Wedding. So ist
       das Leben.
       
       23 Jun 2010
       
       ## AUTOREN
       
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