# taz.de -- Ukraine verfolgt Ex-Regierungsmitglieder: Opposition kommt hinter Gitter
> Wiktor Janukowitsch ist seit Februar wieder an der Macht. Jetzt versucht
> er, die Köpfe der Orangenen Revolution, die ihn damals gestürzt haben, zu
> verhaften und anzuklagen.
(IMG) Bild: Timoschenko auf dem Weg zum Gericht - umlagert von Journalisten
BERLIN taz | Eigentlich hatte der frühere ukrainische Innenminister Juri
Lutsenko am vergangenen Sonntagabend in Kiew nur einen Spaziergang mit
seinem Hund machen wollen. Doch daraus wurde nichts. Stattdessen wurde der
46-Jährige von elf Mitgliedern der Sondereinsatztruppe Alpha in ein Auto
verfrachtet und in ein Gefängnis gebracht.
Dem Politiker werden Amtsmissbrauch und Unterschlagung staatlicher Gelder
vorgeworfen, seit einem Monat ermittelt die Staatsanwaltschaft. Unter
anderem soll er seinem Fahrer zu einer monatlichen Rente von 5.000 Dollar
verholfen haben. Am Montag ordnete ein Gericht eine zweimonatige
Untersuchungshaft an. In einer ersten Reaktion bezeichnete Lutzenko seine
Festnahme als rein politisch motiviert. "Dies ist nur ein weiterer Beweis
für eine Politik, die die Gesellschaft einschüchtert und die Opposition
terrorisiert", sagte er der ukrainischen Tageszeitung Segodnja.
Lutzenko ist nicht das einzige ehemalige hochrangige Kabinettsmitglied der
Regierung (2007-2010) von Julia Timoschenko, das der im Februar gewählte
Staatspräsident Wiktor Janukowitsch versucht, unter fadenscheinigen
Anschuldigungen kaltzustellen. Ermittelt wird auch gegen den früheren
Umweltminister Georgi Filipschuk sowie den ehemaligen Wirtschaftsminister
Bogdan Danilschin. Filipschul soll Gelder aus dem CO2-Emissionsfonds
abgezweigt haben, Danilschin mit öffentlichen Gelder nicht sorgsam
umgegangen sein.
Die frühere Premierministerin Julia Timoschenko, einer der führenden Köpfe
der Orangenen Revolution von 2004, steckt ebenfalls in den Mühlen der
Justiz. Ihr wird Amtsmissbrauch vorgeworfen. 2009 soll sie rund 320
Millionen Euro aus dem Verkauf von CO2-Emissionsrechten in die klammen
Rentenkassen umgeleitet haben. Als die Ermittlungen gegen die
Exregierungschefin Mitte Dezember aufgenommen wurden, blockierten einige
Abgeordnete der Timoschenko-Partei Batkiwschtschyna (Vaterland) aus Protest
den Sitzungsraum des Parlaments.
Bei einer anschließenden Schlägerei mit Vertretern der Regierungspartei
Partei der Regionen im Plenarsaal wurden mehrere Personen verletzt.
Timoschenko nannte die Ermittlungen gegen sie unlängst eine "Rache der
Mafia". Sie habe Informationen, wonach die gesamte Opposition vor den
Parlamentswahlen 2012 hinter Gittern verschwinden solle.
Auch Nichtregierungsorganisationen sehen hinter den jüngsten Ermittlungen
vor allem politische Motive einer Regierung, die die Pressefreiheit immer
weiter einschränkt, Kritiker unter Druck setzt und auf dem besten Wege ist,
dem russischen und weißrussischen Beispiel zu folgen. So forderten das
ukrainische Helsinki-Komitee und Menschenrechtler aus Charkow die Regierung
auf, die "selektiven" Ermittlungen einzustellen. Doch die könnten auch den
Zweck verfolgen, von unpopulären Maßnahmen abzulenken. Im neuen Jahr stehen
die Erhöhung der Gaspreise und die Heraufsetzung des Rentenalters an.
29 Dec 2010
## AUTOREN
(DIR) Barbara Oertel
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