# taz.de -- Protest gegen Mainstream im Radio: Bürgerradio wird Dudelfunk
       
       > In Hannover verabschiedet der Bürgerfunksender LeineHertz 106einhalb
       > seine alternative Restidentität und setzt auf Quote. Dagegen formiert
       > sich Protest.
       
 (IMG) Bild: Kritiker der neuen Linie: Festivalveranstalter und Clubbetreiber Heiko Heybey (am Mikrofon), rechts LeineHertz-Musikredakteur Oliver Müller.
       
       HANNOVER taz | Eros Ramazzotti, Simply Red und Lena Meyer Landrut quälen
       sich über den Äther, dicht gefolgt von Tina Turner. Seit dem 19. Januar ist
       bei Hannovers Bürgerfunksender LeineHertz 106einhalb "alles anders".
       
       So hatte es der Sender versprochen. Ein "völlig neues Klangbild" erwartet
       nun die HörerInnen, nämlich die angeblich "besten Songs" seit den 1960ern.
       
       Damit verabschiedet sich der Bürgerfunksender vom alternativen Rest-Flair,
       das ihm nach dem Ende des Vorgängersenders Radio Flora geblieben war.
       Alternative Musik wird in die Abendstunden verdrängt.
       
       Bei zahlreichen Kulturschaffenden stößt diese Umstellung auf Unverständnis.
       "Eigentlich fand der Hörer es besonders gut, dass die Musik nicht so war
       wie auf den anderen Sendern", sagte Festivalveranstalter Heiko Heybey bei
       einer Podiumsdiskussion im Kulturzentrum Faust.
       
       Gegen den Richtungswechsel haben sich VeranstalterInnen und MusikerInnen
       zur Initiative "Was ist Bürgerradio" zusammengeschlossen.
       
       In einer "Petition für ein echtes Bürgerradio" fordert sie einen
       ergebnisoffenen Dialog. Es gehe dabei ausdrücklich nicht um eine bestimmte
       Musikrichtung, sondern um den Erhalt einer "kulturell anspruchsvollen
       Vielfalt".
       
       Für LeineHertz-Gesellschafter Johannes Janke sind das nur die Ansichten
       eines kleinen Teils der HörerInnenschaft. "Wir senden aber nicht nur für
       ein, zwei Stadtteile", sagt er.
       
       Der Auftrag des Senders sei es, möglichst viele HörerInnen zu erreichen.
       "Wir versuchen, die Musik so zu gestalten, dass niemand abschaltet",
       erklärt Mitgesellschafter Hans-Christof Vetter.
       
       Mit den aktuellen Debatten setzt sich ein jahrelanger Richtungsstreit in
       Hannovers Bürgerfunkszene fort. Das linksalternative "Radio Flora" hatte im
       Frühjahr 2009 die Sendelizenz verloren, LeineHertz rückte nach.
       
       Die Niedersächsische Landesmedienanstalt (NLM) begründete den Lizenzentzug
       von Radio Flora mit den niedrigen Einschaltquoten. Seither sendet Radio
       Flora nur noch eingeschränkt über das Internet.
       
       Zu den Kritikern der neuen Linie bei LeineHertz gehören auch Redakteure des
       Senders.
       
       Ihm gehe es nicht nur um seine eigenen Sendungen, sagte etwa Musikredakteur
       Oliver Müller auf dem Podium im Faust. "Es geht mir um das Medium
       Bürgerradio: es wird gegen die Wand gefahren!"
       
       Auch der Führungsstil der Senderspitze stößt hausintern auf Kritik. "Wir
       fühlen uns im Sender wie Fremdkörper", sagt der ehrenamtliche
       Kulturredakteur Stephan Rykena.
       
       Er vermisst bei LeineHertz, das kein Verein, sondern eine gemeinnützige
       GmbH ist, "den Geist eines Bürgerradios". Entscheidungen würden
       hierarchisch und nicht basisdemokratisch getroffen.
       
       Die Debatte um das neue Auftreten des Bürgerfunksenders hat auch den
       Landtag erreicht. "Was bei diesem Sender passiert, lässt sich als eine Art
       vorauseilender Gehorsam beim Kulturabbau begreifen", sagt Kreszentia
       Flauger von der Linksfraktion.
       
       Von einer "beklagenswerten kulturellen Verarmung" spricht der
       Grünen-Abgeordnete Enno Hagenah. Die CDU begrüßte die Änderungen und
       geißelte die Senderschelte als "Eingriff in die Pressefreiheit".
       
       Laut niedersächsischem Mediengesetz sollen Bürgerradios für eine
       "publizistische Ergänzung" des kommerziellen Angebots sorgen. Deswegen
       bekommen sie Zuschüsse vom Land. Die Frage ist nur, ob zur publizistischen
       auch die musikalische Vielfalt gehört.
       
       "Musik ist keine Publizistik", meint LeineHertz-Gesellschafter Vetter.
       "Musik ist auch eine Möglichkeit, publizistisch zu ergänzen", sagt hingegen
       der Vorsitzende des Bundesverbands Bürgermedien, Georg May. Ursprünglich
       sei es bei der Einführung von Bürgerfunk allerdings vor allem darum
       gegangen, den Meinungsmonopolen der großen Verlagshäuser etwas
       entgegenzusetzen.
       
       Dass Bürgerradios sich zunehmend auch an den Einschaltquoten orientieren,
       kann May nachvollziehen. "Es wäre blauäugig zu sagen, Quote spiele keine
       Rolle.
       
       "Zwar steht es nicht in den Gesetzen, aber die Medienanstalten wünschen
       sich "Hörerakzeptanz". Wie in Hannover wurden auch anderswo Sender
       geschlossen, weil die Einschaltquoten zu gering waren.
       
       Bereits 2003 fiel dieser Logik der Offene Kanal Hamburg zum Opfer. Auch in
       Nordrhein-Westfalen sind viele Bürgerfunk-Gruppen, die dort Sendefenster im
       kommerziellen Rundfunk haben, faktisch abgewickelt. Derzeit bangen in
       Sachsen mehrere freie Radios um ihre Zukunft.
       
       Den Sendern werden die Fördermittel gestrichen, oder ihnen wird gleich die
       Lizenz entzogen. Mit der Konsequenz, dass immer mehr von ihnen glauben,
       sich anpassen zu müssen.
       
       Die Diskussionen in Hannover laufen weiter, am Donnerstag ist das nächste
       Gespräch zwischen Senderspitze und KritikerInnen anberaumt - auf Wunsch des
       Senders hinter verschlossenen Türen.
       
       "Es ist aus unserer Sicht alles gesagt worden", meint Gesellschafter Janke.
       Für ihn ist die Umstellung erst einmal ein Experiment. Janke: "Das kann
       sich auch wieder ändern."
       
       9 Mar 2011
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Benjamin Laufer
 (DIR) Benjamin Laufer
       
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       Für Eros Ramazzotti und Tina Turner braucht man kein Bürgerradio. Man
       braucht es für die vielen Stimmen in der Stadt, die interessant sind, aber
       zu unbekannt, um es in die Mainstream-Medien zu schaffen.