# taz.de -- Sperrstunde soll Touristen vertreiben: Kreuzberger Nächte werden kurz
       
       > Dieser Text erschien am 1. April 2011 in der taz Berlin. Dem Datum
       > entsprechend ist die vermeldete Nachricht nicht ganz ernst zu nehmen, um
       > nicht zu sagen: frei erfunden.
       
 (IMG) Bild: In Kreuzberg sind einfach zu viele Touristen auf der Straße
       
       Schon zu Westberliner Zeiten war Kreuzberg die Partycouch der Republik.
       Möglich war das dank der Alliierten und ihrem Kontrollrat. Anders als in
       Restdeutschland galt in Westberlin keine Sperrstunde. Nun, da Berlin nicht
       mehr nur Partyhauptstadt Deutschlands, sondern ganz Europas ist, könnte die
       Sperrstunde ihre Wiederkehr feiern. Das zumindest haben die Kreuzberger und
       Friedrichshainer Grünen beschlossen.
       
       "Es ist unser letztes Mittel, aber es ist ein Mittel", sagte Daniel
       Wesener, seit Kurzem grüner Landeschef mit politischer Heimat Kreuzberg, am
       Donnerstag beim Redaktionsbesuch in der taz. Seitdem die Grünen Ende
       Februar zu einer Veranstaltung unter dem Motto "Hilfe, die Touris kommen"
       eingeladen hatten, wurden sie die Geister nicht mehr los. Die Touris
       allerdings auch nicht. "Seit den ersten warmen Tagen ist das Problem noch
       größer geworden", klagte Wesener. Rund um die Admiralbrücke habe es sogar
       schon einen Aufruf zur Bildung einer Bürgerwehr gegeben. Mit der Einführung
       einer Sperrstunde ab 24 Uhr in ausgewiesenen Zonen erhoffen sich die Grünen
       nun eine stärkere Regulierung der Touristenströme. "Spandau und Marzahn
       wollen schließlich auch was abhaben vom Kuchen", so Wesener.
       
       Lange Zeit galt die Sperrstunde als Symbol bräsigen Spießertums. In Bayern
       war es verboten, vor bestimmten Feiertagen zu tanzen. Andernorts wurden mit
       der Sperrstunde die Bürgersteige vor den Kneipen um 23 Uhr hochgeklappt.
       Nach der Wende allerdings machte das Berliner Beispiel Schule. Zuerst hob
       Köln die Sperrstunde rund um den Karneval auf. In Bremen durfte dann
       während des Freimarkts rund um die Uhr getrunken wurden. Selbst Bayern zog
       2005 nach. Seitdem muss man bundesweit die Orte suchen, in denen Kneipen
       zum Schutz der Nachtruhe um eine bestimmte Uhrzeit schließen müssen.
       
       Dass nun ausgerechnet das bei Jung und Alt beliebte Kreuzberg seine Gäste
       vor die Tür setzen will, empört nicht nur Kneipenwirte. Auch
       Wirtschaftssenator Harald Wolf (Linke) ist entsetzt. "Das erinnert doch
       sehr an die staatliche Zwangswirtschaft in der DDR", ätzt er in Richtung
       Grüne. Außerdem stelle sich die Frage, wer überhaupt die Einhaltung einer
       Sperrstunde kontrollieren soll. "Die meisten Mitarbeiter im Ordnungsamt
       sind doch schon mit der Parkraumbewirtschaftung überfordert", so Wolf.
       
       Die Industrie- und Handelskammer (IHK) will sogar eine einstweilige
       Verfügung gegen den von den Kreuzbergern geplanten Antrag einreichen. "Hier
       steht nicht nur die Freiheit der Touristen auf dem Spiel, sondern auch die
       Gewerbefreiheit", sagt IHK-Chef Eric Schweitzer.
       
       Die Berliner Grünen lassen sich von der Kritik nicht beeindrucken. "Soll
       Schweitzer doch mal ein Hostel neben seiner Privatwohnung bauen lassen",
       rät Wesener. Den Antrag auf die Einführung einer Sperrstunde will er in der
       nächsten Sitzung der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) einbringen.
       
       Ganz mit der Wirtschaft wollen es sich die Ökos aber nicht verderben. Von
       der grünen Spitzenkandidatin Renate Künast war zu hören, dass man das
       Problem auch gemeinsam angehen könne. Sie forderte eine freiwillige
       Selbstverpflichtung der Hersteller von Rollkoffern. "Wenn wir da
       Flüsterrollen zur Pflicht machen können, wäre schon viel geholfen", hieß es
       aus Künasts Umgebung.
       
       Dem Vorschlag kann auch IHK-Chef Eric Schweitzer etwas abgewinnen. "Das ist
       für mich Green Economy pur", sagte er.
       
       1 Apr 2011
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Uwe Rada
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Debatte über Gewaltprävention: Neue Sperrstunde in Kiel?
       
       Um gegen Gewaltdelikte auf der Kieler Partymeile Bergstraße vorzugehen,
       prüfen Polizei und Stadt Sperrzeiten sowie ein Glasverbot nach Vorbild der
       Reeperbahn.
       
 (DIR) April, April - die besten Scherze: Kreuzberger Nächte um Guttenberg
       
       Thilo Sarrazin kandidiert für die FDP, Karl-Theodor "strg + c" Guttenberg
       übernimmt "Wetten, dass...?" und in Berlin-Kreuzberg droht eine
       Sperrstunde. Eine Auswahl der besten Aprilscherze.
       
 (DIR) Grüne reagieren auf taz-Bericht: Sperrstunde für tazcafé ab 14 Uhr
       
       Die Berliner Grünen reagieren auf die April-Berichterstattung der taz mit
       dem scharfen Schwert des Ordnungsrechts. taz-Cafe soll nachmittags
       schließen. Berghain plant Umzug nach Wien.