# taz.de -- Kommentar Kircheneigentum: Erdogans Paukenschlag
       
       > Die Rückgabe von enteignetem Kircheneigentum in der Türkei ist ein
       > historischer Schritt auf dem Weg zur vollen Gleichberechtigung
       > nicht-muslimischer Minderheiten.
       
       Seit seinem dritten Wahlsieg und dem Rücktritt der kompletten Armeeführung
       steht der türkische Ministerpräsident Erdogan auf dem Höhepunkt seiner
       Macht. Nun nutzt er sie für einen Paukenschlag. Sein Dekret, konfiszierte
       Immobilien und Grundstücke an nichtmuslimische Minderheiten zurückzugeben,
       bedeutet einen Bruch mit deren jahrzehntelanger Diskriminierung durch den
       türkischen Staat.
       
       Die sukzessive Verstaatlichung von Kirchen, Schulen, Krankenhäusern und
       anderen Besitztümern gehört zu den größten Problemen, unter denen die
       griechisch-orthodoxe, die armenische und die jüdische Gemeinde des Landes
       bis heute zu leiden haben. Nun dürfen sie hoffen, ihren Besitz
       zurückzubekommen, oder, und das ist neu, eine Entschädigung erwarten, wenn
       dieser verkauft wurde. Das ist ein historischer Schritt auf dem Weg hin zur
       vollen Gleichberechtigung religiöser Minderheiten in der Türkei.
       
       Als gläubiger Muslim, als der er sich gerne präsentiert, mag es Erdogan
       leichter fallen, anderen Glaubensgemeinschaften mehr Religionsfreiheit
       einzuräumen, als etwa in der Kurdenfrage mutig voranzuschreiten. Auch wird
       man sehen müssen, wie diese Verordnung letztlich in die Praxis umgesetzt
       wird.
       
       Dennoch darf man diesen Schritt nicht unterschätzen, rührt er doch am Erbe
       des Republikgründers Atatürk, in dessen Regierungszeit der Beginn der
       staatlichen Enteignungspolitik fällt. Indem er diese Politik in Frage
       stellt, dürfte Erdogan rechte und linke Nationalisten, die traditionell ein
       geradezu paranoides Misstrauen gegen alle Minderheiten im Lande hegen,
       gegen sich aufbringen. Doch das kann er sich jetzt leisten.
       
       Dass er damit eine alte Forderung der EU erfüllt, ist bestenfalls ein
       Nebenaspekt. Denn an einem EU-Beitritt haben die meisten Türken längst das
       Interesse verloren.
       
       30 Aug 2011
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Daniel Bax
       
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