# taz.de -- Sachbuch zu Reformpädagogik-Geschichte: Kämpfe im überwallenden Herzen
       
       > "Eros und Herrschaft", Jürgen Oelkers' ernüchternde Bilanz der
       > Landerziehungsheimbewegung, legt die lange Vorgeschichte der
       > Missbrauchsfälle an der Odenwaldschule dar.
       
 (IMG) Bild: Hinter diesen Mauern… im hessischen Schloss Bieberstein gründete Hermann Lietz 1904 ein reformpädagogisches Landerziehungsheim.
       
       Nein, die Jahrzehnte währende Praxis des sexuellen Missbrauchs
       schutzbefohlener Schülerinnen und Schüler an der renommierten
       Odenwaldschule war kein einer zufälligen personalen Konstellation
       geschuldeter Betriebsunfall. Und: ebenfalls nein, sie war auch nicht
       Ausdruck "der Reformpädagogik" als solcher. Aber doch: Sie war Ausdruck
       einer bestimmten Ideologie und eines Menschentypus, der sich dieser
       Ideologie verpflichtet sah und sich zu ihr hingezogen fühlte: der Ideologie
       der Landerziehungsheime, die wiederum in den breiten Strom der
       Reformpädagogik gehört.
       
       Jürgen Oelkers, der sich als Erziehungshistoriker und -kritiker schon
       früher intensiv mit Geschichte und Logik von Theorien, die über die Formung
       einzelner Menschen zu einer Veränderung der ganzen Gesellschaft, ja zur
       Schaffung eines "neuen Menschen" gelangen wollten, auseinandersetzte, hat
       das in seinem neuen Buch "Eros und Herrschaft. Die dunklen Seiten der
       Reformpädagogik" unwiderleglich bewiesen.
       
       Das bestens recherchierte und alle seine auch strittigen Behauptungen
       zuverlässig belegende Werk bezeichnet der Autor als das einzige Buch, das
       er ungern geschrieben hat. Er entfaltet ein Panorama, das von den
       englischen Landerziehungsheimen des späten 19. Jahrhunderts nach Haubinda,
       Ilsenburg, Wickersdorf und Oberhambach führt und die Leser mit Exzentrikern
       wie Hermann Lietz, Paul Geheeb und vor allem Gustav Wyneken vertraut macht.
       
       ## Unterfinanzierte Erziehungsheime
       
       Besonderen Wert legt Oelkers, der es nicht bei einer Kritik der dort
       herrschenden Ideologien belässt, darauf, die ökonomische Seite dieser
       Unternehmungen zu analysieren. Er kann so den schlüssigen Nachweis führen,
       dass es sich bei den Landerziehungsheimen in aller Regel um
       unterfinanzierte, um bildungsbürgerliche Kundschaft buhlende Unternehmen
       handelte, die ihre Lehrkräfte ungenügend entlohnten, deshalb eine hohe
       Fluktuation des Lehrpersonals hinnehmen mussten.
       
       Das führte zu Spannungen, ebenso wie zu dem Umstand, dass eben vor allem
       solches Lehrpersonal dort blieb, das ein besonderes, über das übliche
       pädagogische Wohlwollen hinausgehendes Interesse an Kindern und
       Jugendlichen hatte.
       
       Dieses – weltanschaulich kaschierte – Interesse verbarg sich über
       Jahrzehnte hinter dem Begriff des "pädagogischen Eros", eines Begriffs, den
       man nach der Lektüre von Oelkers' Studie getrost ad acta legen kann. Der
       mit diesem Ideologem einhergehende Bezug auf Platon und die antike
       Knabenliebe, war so nicht nur, mit ganz wenigen Ausnahmen, in der deutschen
       Landerziehungsheimbewegung und eben in der internationalen Reformpädagogik
       zu finden.
       
       In Deutschland verband sich dies freilich mit einem sportiven Zucht- und
       Erziehungswesen, wie es aus Großbritannien kam. Beides – der Wille, eine
       männliche Jugend der Zucht zu unterwerfen und sie zugleich zu lieben –
       gehörte zum Kern eines sich unter dem Druck der sexuellen Repression von
       Kaiserreich und Weimarer Republik artikulierenden Diskurses homosexueller
       Bildungsbürger. Dafür präsentiert Oelkers in der Gestalt eines
       zweitklassigen Autors jener Zeit ein überzeugendes Beispiel, gleichsam ein
       geistiges Leitfossil.
       
       So publizierte der Jurist und Altphilologe Otto Kiefer in der
       Homosexuellen-Zeitschrift Der Eigene. Ein Blatt für männliche Kultur 1924
       unter Pseudonym den Beitrag "Der Eros und die Landerziehungsheime". Der
       Autor, ab 1918 Lehrer an der Odenwaldschule, hatte schon seit 1902
       entsprechende Erzählungen verfasst und in pädagogischen Schriften
       "begeisterte echte Lehrer" "inhaltlosen Pflichtmaschinen"
       gegenübergestellt.
       
       Kiefer, der in einschlägigen Traktaten als "Dr. Reifegg" firmierte, räumte
       dabei durchaus ein, dass ein liebender Erzieher "in einer schwachen Stunde
       Kämpfe in seinem überwallenden Herzen auszufechten habe", was aber mit dem
       Feuer vergolten werde, das jeder echte Lehrer im Zögling zu entfachen
       vermöge. Beinahe von selbst versteht sich, dass sich Kiefer auch über den
       Eros bei Stefan George ausließ. Oelkers gelingt so der Nachweis, dass sich
       beinahe alle Befürworter des "pädagogischen Eros" an einer – wie es damals
       hieß – "uranischen" Literaturszene orientierten.
       
       Ihr ging es nicht nur um die Feier gleichgeschlechtlichen Empfindens,
       sondern auch um das vergängliche Glück "in der Liebe des reifen Mannes zum
       Knaben". Otto Kiefer war als Lehrer unbeherrscht. Gleichwohl sprach er sich
       1904 in einem Buch zunächst gegen die Prügelstrafe aus – eine Position, die
       er vier Jahre später zurücknahm, um dieses Instrument in die Hand
       "verantwortungsvoller Pädagogen" zu legen.
       
       ## Ertüchtiger und Züchtiger
       
       Somit stellt Otto Kiefer den Idealtyp des Landerziehungsheimpädagogen dar,
       eine zweitklassige Gestalt, in der wesentliche Züge der "Gründer" der
       Landerziehungsheime, des Ertüchtigers und Züchtigers Hermann Lietz, des
       verstiegenen, den Reizen junger Mädchen nicht abgeneigten Lebensreformers
       Paul Geheeb und – last not least – Gustav Wynekens wie in einer Karikatur
       zusammenflossen.
       
       Gustav Wyneken, Mitgründer der Freien Schulgemeinde Wickersdorf sowie einer
       der erwachsenen Stichwortgeber der deutschen Jugendbewegung – ein Mann,
       unter dessen Einfluss bis 1915, bis zu seiner Kriegsbefürwortung, auch der
       junge Walter Benjamin stand – mag als Zentralfigur der deutschen
       Landerziehungsheimideologie gelten.
       
       Entsprechend stellt das Kapitel "Der 'Eros' des Gustav Wyneken" den
       zentralen Teil von Oelkers Buch dar. Hochreflektiert, hochgebildet, in
       seiner geistigen und psychischen Entwicklung stets gebrochen, war Wyneken
       nicht nur ein pädagogischer Gründer von Graden und immer wieder der
       Päderastie bezichtigter Charismatiker, sondern auch ein Theoretiker, der
       das Lebensalter der "Kindheit" grundsätzlich ablehnte und zudem der
       Überzeugung war, dass Erziehung stets "Vergewaltigung der Natur" sei.
       
       Oelkers zitiert aus den Protokollen eines Strafprozesses wegen sexueller
       Belästigung und Missbrauch zweier Minderjähriger durch Wyneken. Drastische
       Szenen, wie sie auch in den Berichten über die Odenwaldschule zu Ohren
       einer entsetzten Öffentlichkeit kamen und unausweichlich die Frage nach dem
       Verhältnis dieses Typs von Reformpädagogik, von Homosexualität und
       Pädophilie aufwerfen.
       
       Um jedem Missverständnis vorzubeugen: Aus sexualpsychologischer Sicht haben
       Homosexualität und Päderastie ebenso viel miteinander zu tun wie
       Heterosexualität und Pädophilie, nämlich nichts! Allerdings: Sexualität ist
       allemal Kind und Ausdruck ihrer Zeit, von Homosexualität so gut wie von
       Heterosexualität.
       
       ## Auf lange Jahre ein Standardwerk
       
       Im wilhelminischen Kaiserreich mit seiner hegemonial männerbündischen,
       frauenfeindlichen und vor allem militaristischen Kultur lag es besonders
       nahe, sexuelle Wünsche diesem Herrschaftstypus, dem Militarismus und seinen
       bildungsbürgerlichen Ausdrucksformen ("die Griechen"!) zu assimilieren und
       dafür Institutionen und Praxen zu erfinden, in denen sie, wenn auch
       verklemmt und verstümmelt, gelebt werden konnten.
       
       Davon vor allem handelt dieses Buch, das auf lange Jahre das Standardwerk
       nicht nur für die Geschichte der Landerziehungsheime, sondern auch einer
       jeden künftigen sozialgeschichtlich informierten Ideologiekritik der
       Pädagogik und ihrer unvermeidlichen Ideologien bleiben wird.
       
       Das auch dieser traurigen Geschichte zugrunde liegende Problem nach den im
       Guten wie im Schlechten triebhaften Komponenten jeden Erziehungsgeschehens
       wird dadurch nicht gelöst, wohl aber umso greller beleuchtet: das
       Verhältnis von Nähe und Distanz zwischen den Generationen in all seiner
       Vielfalt – zu Hause, im Kindergarten und in der Schule. Es war Walter
       Benjamin, der in seiner Aphorismensammlung "Einbahnstraße" dafür plädierte,
       an die Stelle der Beherrschung von Kindern die Beherrschung der
       Generationenverhältnisse zu setzen.
       
       Jürgen Oelkers: "Eros und Herrschaft. Die dunklen Seiten der
       Reformpädagogik". Beltz Verlag, Weinheim/Basel 2011, 340 Seiten, 22,95
       Euro.
       
       5 Oct 2011
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Micha Brumlik
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Prügelstrafe
 (DIR) Reformpädagogik
       
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