# taz.de -- FOTOGRAFIE: Die Welt der Konstrukteure
       
       > Die Ausstellung "Photography Calling!" im hannoverschen Sprengel Museum
       > versucht, die künstlerische Fotografie seit den 1960er Jahren ausgehend
       > vom "dokumentarischen Stil" zu betrachten. Für die gezeigten Werke greift
       > der Begriff aber zu kurz.
       
 (IMG) Bild: Auch die "New Topographics" wurden weiterentwickelt: Hier eine unbetitelte Arbeit von Elisabeth Neudörfl aus dem Jahr 2011.
       
       HANNOVER taz | Könnte der 1975 verstorbene Fotokünstler Walker Evans diese
       Ausstellung sehen, er würde sich wohl die Augen reiben. Da hängen
       großformatige Farbfotos von inszenierten Schnittblumen neben
       kleinformatigen Schwarz-Weiß-Fotos von graubraunen Feldwegen. Eine Serie
       von Frauen, die kurz nach der Entbindung nackt mit ihrem Neugeborenem im
       Arm für die Kamera posieren, hängt gegenüber einer Serie von frontal
       abgelichteten Industriebauten. All das, so will es das Ausstellungskonzept,
       soll seinen Ausgangspunkt haben im Begriff des "dokumentarischen Stils",
       den Walker Evans im Jahr 1971 geprägt hat.
       
       Evans wollte mit dem Begriff des "dokumentarischen Stils" klarmachen, dass
       er seine Fotos nicht nur für Dokumente hält, sondern für den Ausdruck einer
       subjektiven Sicht auf die Welt und damit für Kunst. In der Ausstellung
       "Photography Calling!" im Sprengel Museum in Hannover wollen die beiden
       Kuratoren Inka Schube und Thomas Weski zeigen, wie sich die künstlerische
       Fotografie ausgehend von Evans "dokumentarischem Stil" entwickelt hat.
       Gezeigt werden insgesamt 430 Werke von 31 FotografInnen. Arbeiten von Evans
       sind nicht dabei.
       
       Rund die Hälfte der Fotos stammt aus der Sammlung der Niedersächsischen
       Sparkassenstiftung, die als Kooperationspartnerin an der Ausstellung
       beteiligt ist. Die Bandbreite reicht von Robert Adams und Lewis Baltz über
       Diane Arbus, Elisabeth Neudörfl, Lee Friedlander zu Thomas Demand, Andreas
       Gursky und Tobias Zielony. Für alle greift der Begriff des
       "dokumentarischen Stils" zu kurz: Sie dokumentieren nicht nur, was ihnen
       die Welt bietet, sondern sie konstruieren sie zugleich.
       
       Bereits jene Künstler, die Mitte der 1970er Jahre unter dem Label "New
       Topographics" bekannt geworden sind, verfolgen keinen dokumentarischen
       Ansatz mehr, sondern arbeiten mit einer konzeptionellen Herangehensweise,
       die ihre Arbeiten anschlussfähig machte an den Kunstdiskurs ihrer Zeit.
       
       Die Fotos von Robert Adams und Lewis Baltz etwa zeigen, wie amerikanische
       Naturlandschaften und Siedlungen ineinander übergehen. Die Darstellung des
       unspektakulären Alltags bewerkstelligen Adams und Baltz mit unspektakulären
       fotografischen Mitteln. Das Konzept der fotografischen Objektivität wird
       streng durchgehalten. Seinerzeit war von einem "stillosen Stil" die Rede.
       Wiederzufinden ist dieser auch bei den Industriebauten-Fotos von Bernd und
       Hilla Becher, die ebenfalls in Hannover gezeigt werden.
       
       Zu sehen ist, wie Elisabeth Neudörfl die Ideen von "New Topographics"
       weiterentwickelt: Ihre Siedlungsränder und ins Nichts laufenden Betonwege
       hat sie im Berliner Umland gefunden. Thomas Ruff arbeitet auch mit der
       Weite von Landschaften, allerdings konfrontiert er den Betrachter damit,
       wie limitiert so eine Betrachterperspektive sein kann: Seine Fotos der
       Marsoberfläche lassen keinen Schluss darauf zu, aus welcher Entfernung sie
       aufgenommen wurden.
       
       Nah am Menschen als sozial verfasstes Wesen bleibt dagegen Diane Arbus, die
       die Mitte der amerikanischen Gesellschaft untersucht, indem sie Motive
       wählt, die von dieser Mitte abweichen - die Kleinfamilie mit dem
       schielenden Kind etwa oder die Zwillinge, die so nebeneinander stehen, dass
       man nicht weiß, ob sie zusammengewachsen sind.
       
       Ein ähnliches Interesse hat Boris Mikhailov: Er porträtierte Bürger aus
       Braunschweig, die 2008 beim Festival Theaterformen den 300 Personen starken
       Chor in Aischylos' "Die Perser" gaben. Die Chorteilnehmer sah Mikhailov als
       prototypische Vertreter eines Gemeinwesens.
       
       Die Ähnlichkeit der Ansätze von Arbus und Mikhailov versuchen die Kuratoren
       zu verdeutlichen, indem sie die Arbeiten einander gegenübergehängt haben.
       Die Zusammenhänge aber erschließen sich nicht von selbst. Zumal sich
       mitunter auch Arbeiten gegenüber finden, die allenfalls im Kontrast
       aufeinander bezogen werden können: Jitka Hanzlovás grobkörnige
       Naturaufnahmen aus einem Wald in den Nordkapaten begegnen Andreas Gurskys
       fünf Meter breitem, gestochen scharfem und digital konstruiertem Bild einer
       Frankfurter Nachtklubszene.
       
       An einer anderen Stelle konfrontieren die Kuratoren die der
       Wissenschaftsfotografie verbundenen Tierstudien Jochen Lemperts mit den
       Bildern von Thomas Demand. Letztere zeigen mediale Szenerien wie etwa das
       Kerzenmeer nach der Katastrophe bei der Duisburger Loveparade im Jahr 2010.
       Allerdings hat Demand diese Szenen aus Pappe nachgebaut und fotografiert.
       Demands Arbeiten liegt der Gedanke zugrunde, dass der Fotograf nicht die
       Wirklichkeit dokumentiert, sondern konstruiert: Er ist im Wortsinn der
       Konstrukteur der Welt, die er abbildet, und kein registrierender Beobachter
       im Sinne des "dokumentarischen Stils". Auch hat Demand nicht mehr Walker
       Evans subjektiven Blick auf die Welt, sondern nur noch Medienbilder, die
       ihm die Welt sind.
       
       Demands Arbeiten dennoch auf den "dokumentarischen Stil" zurückzuführen,
       unterschlägt die Diskussion um den Dokumentarismus. Konzeptionell bleibt
       die Ausstellung "Photography Calling!" daher schwach und steht letztlich
       vor allem im Zeichen einer Sammlungspräsentation. Die Kuratoren versuchen
       gegenzusteuern, indem sie parallel zur Sammlungspräsentation in einem
       Projektraum wechselnde Ausstellungen zeigen. Beteiligt sind die Künstler
       Thierry Geoffroy, Markus Schaden und Wilhelm Schürmann. Aber wie die dann
       mit der Hauptschau zusammenhängen, steht auf einem anderen Blatt.
       
       Bis 15. 1. 2012, Sprengel Museum Hannover. Der Katalog ist bei Steidl
       erschienen und kostet 29 Euro
       
       14 Nov 2011
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Klaus Irler
 (DIR) Klaus Irler
       
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