# taz.de -- Fußballfans entern englische Facebookseite: Schlachtrufe auf der Pinnwand
       
       > Eine altbekannte Feindschaft zwischen Deutschland und England wird im
       > Netz wiederbelebt. Gleichzeitig wird offenbart, wie rückständig der DFB
       > sich in sozialen Medien bewegt.
       
 (IMG) Bild: Hämische Kommentare der deutschen Fans auf der Facebookseite der englischen Nationalmannschaft.
       
       In Zeiten von Onlinedemos und Shitstorms werden keine Tribünen mehr
       gestürmt, nur noch Pinnwände. Eine simple Meldung der Bild, dass die
       [1][deutsche Nationalmannschaft] jetzt mehr Fans auf Facebook habe als die
       [2][englische], hat ausgereicht, um hunderte DFB-Anhänger auf die Seite der
       Three Lions zu spülen. Genüsslich erinnerten die Kommentare an die
       vergangenen Niederlagen der englischen Auswahl, insbesondere das in England
       düster aufgenommene 4:1 im Achtelfinale 2010.
       
       Zwischendrin tönte immer wieder der Schlachtruf "GERMANY!", völlig
       unbehelligt von englischen Moderatoren, über Tage ging das so. Die Bild
       feierte bereits den ersten Europameisterschaftstitel für die
       Nationalmannschaft. Nennenswert englische Fans, die sich zur Wehr setzen,
       gab es nicht, und weil die offizielle englische Fanseite offenbar so gut
       aufgestellt ist wie ihre Innenverteidigung, verweigerte sie sich dem
       Zweikampf und sperrte kurzerhand ihre Seite für deutsche Besucher.
       
       Was sich im ersten Moment wie eine nebensächliche Posse anhört, illustriert
       auf den zweiten Blick ganz gut den Bedeutungswandel der neuen Medien im
       deutschen Fußball. In anderen Bereichen gilt Facebook schon längst als
       Metapher für Relevanz. In der Bundesliga haben die Verantwortlichen diesen
       Trend komplett verschlafen: man widmete sich lieber der Pflege der eigenen
       Homepage. Erst im Jahr 2010 orientierte man sich Richtung Netz 2.0, selbst
       im August 2011 hatte [3][Schalke 04] noch keine offizielle
       Facebook-Fanpage. Es hat also sehr lange gedauert, bis die Verantwortlichen
       Social Media als Möglichkeit, Sympathisanten überall auf der Welt zu
       erreichen, erkannt haben.
       
       So kommt es, dass der beliebteste deutsche Nationalspieler [4][Mesut Özil]
       über eine Million mehr Likes gesammelt hat als der deutsche Rekordmeister
       [5][Bayern München], der 2,7 Millionen Fans auf sich vereint. Damit ist man
       weit entfernt von der europäischen Spitze. [6][Real Madrid], der [7][FC
       Barcelona] und [8][Manchester United] haben jeweils schon über 20 Millionen
       Fans.
       
       Aber man holt auf in München und dem Rest der Republik, man hat die Zeichen
       der Zeit erkannt. Keinen Augenblick zu früh allerdings, das nächste große
       Ding ist schon am Drehen: Es geht um die Videovermarktung der Vereine im
       Netz.
       
       ## Netz vor TV
       
       Sämtliche großen Vereine produzieren Hintergrundberichte, Interviews und
       sonstige Features, Manchester City verhandelt gerade mit Youtube über die
       Übertragungsrechte seiner Freundschaftsspiele, und jetzt hat das Kartellamt
       der DFL erlaubt, die Höhepunkte eines Spieltages zuerst im Netz zu zeigen,
       während Fernsehübertragungen dann erst ab 21.45 Uhr möglich werden. Yahoo
       und Vodafone haben Interesse angemeldet, die Netzrechte zu erwerben:
       sollten sie aus dem Wettbieten als Sieger hervorgehen, ist die Sportschau
       Geschichte.
       
       Überhaupt kommen interessante Jahre auf den Fernsehjournalismus zu. Schon
       jetzt beklagen sich Kollegen, dass sie wegen live gestreamter
       Pressekonferenzen und anderer Echtzeit-Berichterstattung ihren
       Informationsvorsprung verlieren. Den brauchen sie aber, denn ihre anderen
       Fähigkeiten, wie Begeisterung zu transportieren oder Nähe zu suggerieren,
       kurzum: [9][Entertainment zu machen], beherrschen andere in aller Regel
       [10][besser]. Man muss nur Boris Becker als Field Reporter gesehen haben,
       um sich der ganzen Misere bewusst zu werden.
       
       ## Nicht mehr nur Abbild
       
       Der Schwenk des deutschen Fußball ins Netz, so er denn die nächste Hürde
       nimmt, wird dem jetzigen Berichterstatterwesen zwar hart zusetzen, ist aber
       im Endeffekt eine große Chance: weil Geld und Sendezeit frei werden, um
       damit den Fußball nicht mehr einfach abzubilden, sondern mit kritischen
       Analysen zu begleiten.
       
       17 Jan 2012
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] http://www.facebook.com/DieNationalmannschaft
 (DIR) [2] http://www.facebook.com/pages/Come-on-England-/122951167737104
 (DIR) [3] http://www.facebook.com/S04
 (DIR) [4] http://www.facebook.com/mesutoezil
 (DIR) [5] http://www.facebook.com/FCBayern
 (DIR) [6] http://www.facebook.com/RealMadrid
 (DIR) [7] http://www.facebook.com/fcbarcelona
 (DIR) [8] http://www.facebook.com/manchesterunited?lid=Splashfbfind
 (DIR) [9] http://www.trainer-baade.de/keiner-ist-unnutz-er-kann-immer-noch-als-schlechtes-beispiel-dienen/
 (DIR) [10] /!65953/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Frédéric Valin
       
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