# taz.de -- Frauen und Computerspiele: Die verheimlichte Revolution
       
       > Unter Gamern und Spieleentwicklern gibt es immer mehr Frauen – sie sorgen
       > für anspruchsvollere Handlungen. Nur vor der Kamera bleiben sie eine
       > Randgruppe.
       
 (IMG) Bild: Von einer Frau geschrieben und dennoch eine Seltenheit: weibliche Figur bei Gears of War 3.
       
       LONDON taz | "Wir brauchen mehr Frauen in Videospielen", lautete die
       Überschrift des Games Blogs der britischen Tageszeitung The Guardian vor
       einiger Zeit. Blogger Jacob Aron beklagte die schmerzliche Abwesenheit von
       weiblichen Videospielcharakteren von denen 85 Prozent immer noch männlich
       seien.
       
       Das mag der Status Quo vor der "Kamera" sein, aber hinter den Kulissen
       sieht es inzwischen anders aus – zumindest in Großbritannien. Knapp die
       Hälfte aller britischen Gamer sind Frauen und drei der größten
       Videospiel-Releases diesen Winter – "Gears of War 3", "Uncharted 3", "Deus
       Ex: Human Revolution" – wurden von Frauen geschrieben.
       
       Das ist ungewöhnlich, denn laut einer Umfrage des Handelsinstituts Tiga,
       das die britische Videospielindustrie repräsentiert, machen Frauen nur 12
       Prozent der Entwickler im Gaming-Sektor aus. In den USA und Kanada ergaben
       verschiedene Umfragen ähnliche Ergebnisse. Der Grund: Videospiele wurden in
       der Vergangenheit traditionell von Personen mit IT-Background kreiert und
       das waren in aller Regel Männer.
       
       "Frauen haben natürlich immer schon Videospiele gespielt", erklärt die
       Britin Mitu Khandaker, die ihr eigenes unabhängiges Entwicklungsstudio,
       Tiniest Sharks, betreibt, "aber es gibt viele Dinge in punkto Games über
       die Frauen sagen könnten 'das ist nichts für mich', seien es die stark
       sexualisierten weiblichen Charaktere oder die offene, frauenfeindliche
       Attitüde, die in vielen Gaming-Gemeinschaften vorhanden ist."
       
       Das hat allerdings die Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts bislang
       nicht davon abgehalten, fleißig zu daddeln. Laut einer Studie des
       britischen Internet Advertising Bureaus sind 49 Prozent aller Gamer in
       Großbritannien Frauen.
       
       ## Was ist die Stimmung, was das Gefühl?
       
       Die Britin Siobhan Reddy, Studiomanagerin bei dem Spieleentwickler Media
       Molecule im englischen Guildford, glaubt, das Games-Entwickler heute für
       Mädchen als potentieller Berufswunsch in Frage komme, weil es nicht mehr
       nur um Computer gehe, sondern auch um Telefone, Laptops und soziale
       Netzwerke. "Die jungen Frauen, die jetzt die Schulbank drücken", sagt
       Reddy, "sind alle mit Technologie aufgewachsen in einer Welt, wo
       Unterhaltung, Videospiele und Musik verknüpft sind.
       
       "Die Studioleiterin kam über Umwege zur Videospielindustrie. Als Teenager
       fertigte sie mit Eifer kleine Fanzines und Filme an und beobachtete mit
       wachsender Begeisterung das Zusammenwachsen von Kunst und Technologie.
       Später dann entwickelte sie großes Interesse an Videospielen. Und sie ist
       nicht die Einzige: "In den letzten drei Jahren war ich jedesmal auf der
       Games Developers Conference", erinnert sich Khandaker, "aber dieses Jahr
       gab es zum ersten Mal auch eine Schlange vor den Frauenklos. Ein Zeichen
       von Fortschritt."
       
       Als Fortschritt kann auch gewertet werden, dass Frauen der Games-Industrie
       neue Perspektiven eröffnen. Alles in allem sind die von weiblicher Hand
       gestalteten Videospielcharaktere komplexer und die Handlungen
       anspruchsvoller. "Wir bringen eine andere Sichtweise mit", erklärt die
       ehemalige Autorin von Fantasy- und Science-Fiction-Romanen Mary DeMarle,
       die an der Entwicklung von "Deus Ex" beteiligt war: "Und je mehr Frauen an
       Videospielen mitarbeiten, desto stärker wird sich das bemerkbar machen."
       
       Einen ganz eigenen Ansatz bei der Gestaltung von Videospielen hat die
       Amerikanerin Kellee Santiago, Gründerin von thatgamecompany in Los Angeles,
       entwickelt. "Wir fragen uns zunächst, was ist die Stimmung oder das Gefühl,
       die wir in einem Videospiel ausdrücken wollen", erklärt Santiago ihre
       Vorgehensweise, "Dann machen wir uns daran, die Mechanik, das Visuelle und
       den Sound, den wir dafür brauchen, zu entdecken." Santiagos Methode fand in
       der Vergangenheit bei der Gestaltung von PlayStation-Spielen wie "Flower"
       und "Journey" Anwendung.
       
       ## Wenig Aufmerksamkeit für Vorbilder
       
       Für den weiblichen Nachwuchs haben Frauen wie Santiago und ihre
       Co-Produzentin Robin Hunicke Vorbildcharakter: "Sie sind beliebt wegen
       ihrer Kreativität und ihrer großartigen Entwürfe", sagt die Britin Kate
       Killick, Studentin des Faches Videospiel-Design an der Universität von
       Newport. "Beide Frauen unterstützen aktiv andere und fördern Kreativität in
       der Industrie." Killick berichtet weiter, wie ein Vortrag von Hunicke beim
       GameCity Festival im englischen Nottingham, sie sehr inspiriert habe – als
       Frau, aber auch als unabhängige Designerin von Videospielen.
       
       Trotz dieser positiven Entwicklungen gibt die in London lebende Rhianna
       Pratchett, die bereits an Titeln wie "Heavenly Sword" und "Mirror’s Edge"
       gearbeitet hat, zu Bedenken, dass den Frauen oft nicht genug Aufmerksamkeit
       zuteil würde: "Es gibt so viele großartige, weibliche Vorbilder in der
       Games-Industrie, aber sie bekommen nur selten die Aufmerksamkeit, die sie
       verdienen."
       
       Guardian-Blogger Keith Stuart beklagt sogar einen Mangel an
       Videospiel-Desigern in Großbritannien, der vielleicht mit Hilfe von
       weiblichen Nachwuchskräften behoben werden könnte. Wie die britische
       Wochenzeitung The Economist berichtete, können Mädchen inzwischen in
       Fächern wie Mathe und Physik mit Jungs mithalten oder sie sogar
       übertreffen.
       
       Und weil sich die Gaming-Welt mit Spielen wie "Singstar", "Guitar Hero" und
       "GTA IV" aus der Streber-Ecke herausgewagt und in eine
       Mainstream-Unterhaltungsindustrie verwandelt hat, könnten auch immer mehr
       Frauen bald ihren "inneren Gamer" entdecken.
       
       1 Feb 2012
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Frank Heinz Diebel
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Videospiele
 (DIR) Ausstellung
       
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