# taz.de -- Gastspiel im Wendland: Zwangsbeglückung auf dem Gutshof
> Die Allgäuer Bastard-Popband "Rainer von Vielen" und das Junge Schauspiel
> Hannover schaffen in einer Gegend, die sie den "widerspenstigsten Ort
> Deutschlands" nennen, die Freiheit ab, und fast alle sind glücklich.
> Falls nicht, wird exorziert.
(IMG) Bild: Schöne neue Welt: auf dem Gutshof Salderatzen im Wendland wurde sie schon mal geprobt.
SALDERATZEN taz | Auf der Bundesstraße parkt ein großer weißer Reisebus.
Seine Insassen: viele grauhaarige Ehepaare und Frauen in Leinengewändern
aus Hannover. Sie überqueren die Fahrbahn, betreten den wendländischen
Dorfrundling Salderatzen, gehen vorüber an einem eingewachsenen
Fachwerkhaus – „zu verkaufen an Liebhaber/in“ – und stehen im großzügig
angelegten Hof des Gutshauses Salderatzen.
Die Busreisenden wollen ins Theaterkonzert „Mythen der Freiheit“, das die
Allgäuer Bastard-Pop-Band „Rainer von Vielen“ und das Junge Schauspiel
Hannover nach Salderatzen ins Wendland bringen, an den „widerspenstigsten
Ort Deutschlands“, bevor es im Herbst nach Hannover kommt. In der
Abendsonne, zwischen Findlingssteinen, Rosenblüten und Lavendel genehmigen
sich die Gäste Weißweinschorle und wendländisches Bier. Ein vegetarischer
Burger kostet 2,50 Euro. Ein Mann mit weißem Strickpulli über der Schulter
sinniert vor dem Hühnergehege.
Backstage kabbeln sich ein paar Männer, die später auf der Bühne zu sehen
sein werden. Backstage, das ist in diesem Fall hinter der Scheune und vor
dem Gartenteich, sozusagen mitten auf der Wiese. Im Innern der Scheune, die
als Theatersaal fungiert, verkündet eine überdimensionale Todesanzeige den
„Tod der Freiheit“. Der Saal ist voll, die Hälfte der Leute muss stehen,
weil später getanzt werden soll.
Das Stück fällt mit der Tür ins Haus. Rasant und penetrant wird man in die
Erziehungskünste eines Paares einbezogen, das vom Bühnenrand aus
verzweifelt versucht, seinem Sohn etwas nahe zu bringen. Die Eltern möchten
ihn nicht beschränken, erwarten trotzdem Manieren und treten sich mit ihrer
Inkonsequenz selbst auf die Füße.
Ein Paradebeispiel an gescheiterter Freiheit: die antiautoritäre Erziehung,
bei der sowohl Eltern als auch Kind völlig überfordert sind. Das Publikum
muss ob des Wortwitzes lachen, aber das Kind, das „doch nicht bei Aldi an
der Kasse landen“ soll, lässt seine Mutter gerade noch sagen: „Du sollst
nach Möglichkeit nicht deinen Vater umbringen?“, da fällt sie selbst ihrem
Sohn zum Opfer. Das alles ist wohl nur ein Traum, in dem der Junge aber
völlig allein auf einer menschenleeren Welt erwacht, alle gelernten Regeln
dekonstruiert und letztlich die Atombombe zündet: das passiert als Ergebnis
völliger, sinnentleerter Freiheit. Das Fazit ist: die Freiheit ist
verkommen, „wir sind alle leer“.
Die Frau auf der Bühne im weißen Plastikkleid nickt resigniert und
erschöpft, weil im „tu, was du willst“ zu viele Möglichkeiten liegen. Und
dann ist es soweit: Der „Anti-Freist“ wird beschworen. Eine Figur, die aus
einem überdimensionalem, später als Reliquie ausgestellten Ei schlüpft und
sich in dem zitternden, erwartungsgeladenen Saal wie ein Sektenführer in
Rage predigt. Das Publikum und die Bühnenakteure werden seine Anhänger, die
„liebe Versammlung“.
Es gebe zwei Arten von Freiheit, erklärt der Sektenführer: die eine ist
gefährlich, die andere gibt es nicht. Er redet von der Freiheit der
Finanzmärkte, der Presse, der Liebe, der Wissenschaft. Die „andere
Freiheit“, die „individuelle“, existiere nicht einmal, weil niemand allein
auf der Welt sei.
So langsam wissen die Zuschauer einzuordnen, wo sie hier gelandet sind. Der
Plan des Sektenführers sieht die Abschaffung aller Freiheiten weltweit und
damit die Rettung der Menschheit vor. „Die Versammlung“ soll ihm mit einem
adaptierten, christlichen Lobgesang huldigen. Ein paar lassen sich
überzeugen, dazu aufzustehen, doch auch die eifrigsten Anhänger befällt
immer wieder Zweifel. Die junge Frau liebt zwar ihren Freund, aber sie
„weiß einfach, dass er ihr nicht alles geben kann“. Der Sektenführer
schlägt eine Heiratslotterie vor, Entscheidungen muss man hier nicht selbst
fällen, und fängt damit an, die Gäste zu vermitteln, die sich auf einmal
neben ganz anderen Sitznachbarn wiederfinden.
Überhaupt hat das Publikum zu leiden, von Entspannung kann keine Rede sein.
Um zu demonstrieren, dass der Mensch mit Freiheit sowieso nichts anfangen
kann, pickt der Sektenführer sich „Anna aus Lüneburg“ aus der Menge heraus
und stellt sie auf den „Freiheitsspot“. Dort soll sie fünfzehn Minuten
„frei“ entscheiden, was sie tun möchte. Anna löst das elegant, indem sie zu
meditieren beginnt. Der Sektenführer sieht sich allerdings bestätigt: Klar,
sie flieht sich in eine „Ersatzreligion“. Anna aus Lüneburg schreitet
trotzdem vom Mittelsteg, als hätte sie einen Preis gewonnen.
Der Sektenführer predigt weiter gegen die Freiheit, auch Goethes
Zauberlehrling verliert einen Satz dazu: „In die Ecke, Besen! Besen!?“ Anna
aus Lüneburg tanzt mit breitem Grinsen im Gesicht, die Arme in der Luft,
als hätte sie eine Performance einstudiert, als ein Abtrünniger auftritt.
Er kann nicht begreifen, dass so viele, die für die Freiheit gekämpft
haben, umsonst gestorben sein sollen, die Verzweiflung zwingt ihn in die
Knie, er muss vom Sektenführer persönlich überwältigt und exorziert werden,
was in schier unerträglicher Lautstärke erfolgt. Das Publikum versinkt in
„Fort mit der Freiheit!“-Skandierungen und möchte jetzt eigentlich gern
gehen, weil Prediger und Anhänger zappeln und zucken wie nach zwei Tagen
auf Speed.
Doch nach der völligen Verausgabung kommt die Erlösung. Der alte
Freiheits-Staat wird abgeschafft, im neuen System gibt es keine Freiheit
und keine Strafe mehr, nur noch Verantwortung. Eine revolutionäre
Faszination macht sich breit, die entzückende Erkenntnis der richtigen
Welt, und in dieser Welt wird jetzt auf jeden Fall gefeiert. Manche gucken
immer noch erstaunt, als fragten sie sich, ob sie das Stück richtig
verstanden haben. Der Rest tanzt in Salderatzen die konservative
Revolution, allen voran Anna aus Lüneburg.
10 Jul 2012
## AUTOREN
(DIR) Anna Nieweler
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