# taz.de -- Experiment am Theater Hannover: Planet der Pflanzen
> Ein Theater, bei dem Pflanzen auftreten und möglichst keine Menschen,
> erprobt das Schauspiel Hannover seit einem Jahr. Das Projekt heißt "Die
> Welt ohne uns" und ist in vierzehn Folgen aufgeteilt. Jetzt hat die
> vierte Folge namens "Unwetter" Premiere
(IMG) Bild: Das Team am Originalschauplatz: Dramaturgin Friederike Trudzinski (hinten), Ausstatterin Kirsten Hamm und Regisseur Mirko Borscht
HANNOVER taz | "Der Auftrag des Theaters ist die Irritation", sagt
Regisseur Volker Lösch. Normalerweise stellt sich die Irritation im Theater
während der Aufführung ein: aufgrund dessen, was auf der Bühne passiert.
Beim Stück "Die Welt ohne uns" ist das anders: Da beginnt die Irritation
bereits vor der Aufführung.
Sie beginnt bei der Konzeption des Stückes, dessen zentrales Anliegen darin
besteht, ohne Menschen auszukommen: Die Darsteller in "Die Welt ohne uns"
sollen Pflanzen sein.
Volker Lösch hat mit dem Stück nichts zu tun. Aber mögen würde der
politische Regisseur es vermutlich, zumal das Pflanzen-Theater des
Schauspiels Hannover ebenfalls politisches Theater ist - auch wenn das
hannöversche Haus lieber von "botanischem Langzeittheater" sprich.
"Die Welt ohne uns" besteht, wie eine TV-Serie, aus mehreren Folgen. Jede
der insgesamt vierzehn Folgen dauert ungefähr eineinhalb Stunden, pro
Spielzeit gibt es am Schauspiel Hannover drei Folgen, damit ist das
Langzeit-Theaterprojekt auf fünf Jahre angelegt.
Der Zeitraum, von dem die vierzehn Folgen erzählen, umfasst eine Million
Jahre - es geht darum, wie es auf der Erde weiter ginge, wenn die
Menschheit aussterben würde. Am heutigen Donnerstag hat die vierte Folge
namens "Unwetter" in Hannover Premiere.
Wie alle anderen Folgen auch kann diese vierte Folge ohne Vorkenntnisse
rezipiert werden. Wissen müssen die Zuschauer nur, wo sie sich auf dem
Eine-Million-Jahre-Zeitstrahl befinden: Folge vier spielt im fünfzehnten
Jahr, nachdem die Menschheit von der Erde verschwunden ist.
Warum die Menschen weg sind, ist dabei egal. Wichtig ist nur: Sie sind weg,
und seit anderthalb Jahrzehnten ist die Natur sich selbst überlassen.
Daraus ergibt sich eine Szenerie, in der die Pflanzen und Tiere die
Herrschaft übernommen haben. Der Ort hat sich seit der ersten Folge nicht
verändert - nur Zeit ist vergangen.
In der Logik des Stückes ist es auch egal, wo auf der Welt sich der Ort
befindet. In der Realität der Aufführung befindet er sich auf dem Gelände
einer ehemaligen Kaserne im Nordosten Hannovers. Eine Kulisse erster Güte:
Baracke reiht sich an Baracke, die Fenster sind eingeworfen, es gibt Löcher
in den Mauern und verkohlte Türstöcke.
Auf einem der Barackenvorplätze sitzen die Zuschauer in einem Container,
dessen Frontseite verglast ist. Wie in einem Cockpit sehen sie nur, was vor
ihnen passiert, und hören, was Außenmikrofone übertragen. Die Zuschauer
sind mittendrin und abgenabelt zugleich.
Bei der Folge "Unwetter" sehen die Zuschauer eine Telefonzelle, die wie vom
Himmel gefallen in die Erde gerammt ist. In der Telefonzelle schwimmt ein
Aal. Sie sehen eine riesige Röhre aus Metall aus irgend einem
Industriebetrieb, in dem es ums Grobe gegangen sein muss.
Im Hintergrund sehen sie die alten Kasernengebäude mit eingeschlagenen
Fenstern und Graffiti an den Wänden. Aus einem der Fenster wächst ein
Gebüsch. Möglicherweise zeigen sich den Zuschauer auch die beiden Wölfe,
auf dem Gelände unterwegs sind - von einem Zaun umgeben.
Und dann? Passiert erstmal nicht viel. Die Zuschauer werden einiges zum
Schauen haben, weil sie auf dem Weg vom Schauspielhaus zur Spielstätte
gemeinsam in einem Bus ein Hörspiel gehört haben, das die Situation
erklärt. Sie werden sich mit dem Gedanken beschäftigt haben, wie es wohl
mal aussehen wird auf der Welt, wenn der Mensch weg ist.
"Man kann das Stück eine Meditation nennen", sagt Regisseur Mirko Borscht.
"Einen Moment der Besinnung. Der Weltuntergang wird immer als etwas
Tragisches empfunden. Aber das ist eine egoistische Perspektive: Es würde
der Welt gut tun, sie sich selbst zu überlassen."
Bei der Meditation alleine wird es diese vierte Folge aber nicht bewenden
lassen. Es wird ein Bildschirm auf dem Gelände stehen, der ebenfalls wirkt
wie vom Himmel gefallen. Darauf ist zu sehen, wie zwei doch noch
zurückgekehrte Menschen die verfallenen Baracken von innen untersuchen.
Außerdem wird es schneien und regnen und die echte Wölfe werden -
möglicherweise - heulen, wenn es die Wölfe auf dem Bildschirm tun. Im
Vergleich zu herkömmlichen Stücken wird "Unwetter" trotzdem mit wenig
Dramatik auskommen. Es wird wieder eine Schule der Wahrnehmung sein -
ähnlich wie die ersten drei Folgen, nur möglicherweise ruhiger.
Bei denen war es um das Abschiedsfest der Menschen gegangen (I), um die
Fortpflanzung (II) sowie um das Wachsen und Weichen (III). Regie führte in
allen drei Fällen Tobias Rausch, der sich das Gesamtkonzept zusammen mit
seiner Gruppe "Lunatiks Produktion" ausgedacht hat. Als Inspiration diente
den Theatermachern Alan Weismans Buch "Die Welt ohne uns".
In Rauschs ersten drei Inszenierungen ging es deutlich mehr um die Pflanzen
als nun in Folge vier: Beim "Abschiedsfest" gabs geröstete Lilienblüten vom
Pflanzengrill, bei der "Fortpflanzung" wurde vom Gruppensex der Nebelkappen
und den 13 Geschlechtern von Schleimpilzen berichtet und beim "Wachsen und
Weichen" landete eine Primel in einer Mikrowelle um zu demonstrieren, wie
es ist, wenn eine Buche anderen Pflanzen den Lebenssaft entzieht.
Eigentlich ist die Idee bei "Die Welt ohne uns", auf menschliche
Schauspieler ganz zu verzichten - das allerdings hat in radikaler Form
bisher nicht geklappt. Auch das Vorhaben, neue Formen des Erzählens zu
entdecken, ist nicht immer geglückt: "Wachsen und Weichen" sei eine
"Referatsperformance" gewesen, schrieb das Online-Magazin Nachtkritik. "Die
Pflanzen werden angespielt von Darstellern, die auch ein bisschen singen,
ein wenig scherzen, vor allem aber Informationen wieder geben."
Das "Unwetter" von Regisseur Mirko Borscht, 40, wird nun allerdings eine
andere Tonlage anschlagen. "Es ist der Versuch, die Menschen in einem
ruhigen Sinne in einen Rauschzustand zu versetzen. Sie sollen gefangen sein
im Besuch dieser Welt."
Borscht möchte das "Gefühl einer Atmosphäre" herstellen, er will den
Verfall in seiner Schönheit zeigen, will einen Ort kreieren, der bei allem
Niedergang eine positive Ausstrahlung hat. "Wenn die Menschheit aussterben
würde, wäre das für die Erde eigentlich ganz gut", sagt Borscht. "Das ist
unsere ketzerische These."
13 Apr 2011
## AUTOREN
(DIR) Klaus Irler
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