# taz.de -- Galeriebesuche in Tunesien: Kunst der Revolution fängt erst an
       
       > Vom Licht Tunesiens schwärmten die Maler Paul Klee und August Macke. Die
       > Künstler Tunesiens ringen heute um Vielfalt, Offenheit und Raum.
       
 (IMG) Bild: „Die große Wäsche“ von Faten Rouissi. Die Installation entstand 2010 für die Kunstaktion „Dream City“.
       
       „Die Stadt ist fabelhaft, am Meer gelegen, winklig und rechteckig und
       wieder winklig. Dann und wann von der Ringmauer ein Blick!! […] Ich
       versuche zu malen. Das Ried- und Buschwerk ist ein schöner Fleckenteppich.
       In der Umgebung köstliche Gärten. Riesige Kakteen bilden Mauern. Ein Weg
       ganz ,hohle Gasse' in Kakteen.“
       
       Diese Zeilen schrieb Paul Klee am 14. April 1914, als er im Rahmen einer
       Tunesien-Reise mit seinen Malerfreunden August Macke und Louis Moilliet die
       Stadt Hammamet erreichte.
       
       Die drei gehörten zu jenen europäischen Künstlern und Schriftstellern, die
       Anfang des 20. Jahrhundert das alte Städtchen an dem gleichnamigen Golf im
       Nordosten Tunesiens für sich entdeckten und von seiner Architektur, seinen
       Farben und seinem Licht fasziniert waren.
       
       Heute, fast ein Jahrhundert später, finden Besucher noch vieles von dem
       wieder, was Klee einst in seinem Reisetagebuch notierte. Die Ringmauer, die
       die Altstadt mit ihrer Burg umschließt, steht noch. In den verwinkelten
       Gässchen ist heute allerdings ein sehr touristisch geprägter kleiner Basar
       untergebracht.
       
       Und am Stadtrand finden sich noch einige der weitläufigen Gärten, ein
       beliebtes Motiv von Klee. Man erreicht die grünen Oasen über Wege, die von
       Mauern aus Kakteen gesäumt sind, die die Erosion verhindern, vor Dieben
       schützen.
       
       Unweit der Altstadt liegt die Galerie des Malers Baker Ben Fredj. In dem
       kleinen, fast quadratischen Raum hängen seine jüngsten Werke in breiten
       Metallrahmen: Fische, Hühner, Dromedare oder Pflanzen füllen die Leinwände
       in warmen Farben. Der 46-Jährige, der entfernt an den Schauspieler Yul
       Brunner erinnert, arbeitet collagenartig, zum Teil mit geätzten
       Kupferschablonen, in Öl und Acryl.
       
       Seinen Werken mutet etwas Grafisches an und sie erinnern auch in der
       Farbgebung an einige Bilder von Klee. „Vor zwanzig Jahren kannte ich Klee
       nicht“, sagt Ben Fredj auf eine entsprechende Frage. Inzwischen schätzt er
       den Maler aber: „Klee und Macke waren sehr empfänglich für das Licht
       Tunesiens.“
       
       ## Revolution noch nicht verdaut
       
       Der Künstler betont, dass die Revolution und der Sturz des Diktators Zine
       el-Abidine Ben Ali am 14. Januar 2011 seine Malweise nicht verändert habe.
       „Man kann ,Es lebe die Revolution!' rufen und trotzdem keine guten Bilder
       malen“, sagt er. „In künstlerischer Hinsicht ist die Revolution noch nicht
       verdaut. Wir diskutieren viel darüber. Die Kunst über die Revolution fängt
       gerade erst an.“
       
       Bei einem Besuch im Atelier Ben Fredjs, das in einem der weitläufigen
       Gärten liegt, zeigt sich allerdings, dass die Revolution zumindest das
       jüngste größere Werk des Malers durchaus beeinflusst hat.
       
       Er arbeitet gerade an einem Triptychon, zu dem ihn, wie er selbst sagt,
       Parolen und Graffiti an den Hauswänden angeregt haben. Auf der
       vorbehandelten Leinwand in Ocker- bis Rottönen wimmeln Buchstaben in
       arabischer Kalligrafie in allen Grauschattierungen, die allerdings keine
       Worte oder Sätze bilden.
       
       „Worte können sehr aggressiv sein“, sagt er zur Begründung. Bei genauem
       Hinsehen entdeckt man zwischen den Lettern Fische, Kamele und Blumen.
       
       ## El Seeds „Kalligraffiti“
       
       Aggressivität ist auch nicht die Sache von [1][El Seed], einem
       franco-tunesischen Künstler, der in Montreal lebt. Seine „Kalligraffiti“
       verbinden Street-Art mit klassisch arabischer Kalligrafie. Mitte August hat
       er sein bisher ehrgeizigstes Werk vollendet: Von einem Kran aus bemalte er
       das mit 57 Metern höchste Minarett Tunesiens in Gabès von zwei Seiten mit
       Suren aus dem Koran, die von Toleranz, Dialog und der Neugier auf den
       Anderen handeln.
       
       Dies war seine Reaktion auf einen Vorfall in La Marsa, einem Vorort von
       Tunis, wo Salafisten im Juni eine Kunstausstellung stürmten und
       anschließend in einer koordinierten Aktion an mehreren Orten der Hauptstadt
       randalierten und sich Straßenschlachten mit der Polizei lieferten.
       
       El Seed spricht in diesem Zusammenhang von „zwei Arten von Extremismus“,
       dem religiösen und dem säkularen Extremismus - wobei es nur die radikalen
       Salafisten sind, die zur Gewalt greifen. Bei manchen Künstlern, sagte er
       kürzlich in einem Interview, habe man den Eindruck, sie freuten sich,
       zensiert zu werden, denn das bringe internationale Anerkennung. Sein Ziel
       sei es, beide Seiten davon zu überzeugen, dass sie falsch liegen.
       
       ## Ein manchmal aggressiver Ton
       
       Aischa Gorgi, die in dem Küstenort Sidi Bou Saïd, wo Klee und seine Freunde
       ebenfalls gezeichnet und gemalt haben, die Galerie Ammar Farhat betreibt,
       erklärt den manchmal aggressiven Ton der Auseinandersetzung mit der
       Erbschaft der Vergangenheit. „Die Diktatur hat Mauern errichtet,“ erläutert
       sie.
       
       „Die Bourgeoisie und das Volk blieben unter sich, man diskutierte nicht
       miteinander. Es ist schwierig, die Angst vor dem jeweils Anderen zu
       überwinden.“ Heute bewege man sich noch im gleichen Denkmuster.
       
       Die Künstlerin [2][Faten Rouissi], die selbst aus einer gutbürgerlichen
       Familie stammt und ebenfalls in Sidi Bou Saïd arbeitet, ist eine von jenen,
       die heute, in nachrevolutionären Zeiten, die Kluft zwischen Bourgeoisie und
       Volk überwinden möchten.
       
       Vor allem mit ihren Installationen möchte sich die 45-Jährige an ein
       breites Publikum wenden. Daher verwendet sie Dinge, die jeder aus dem
       täglichen Leben kennt. Im Rahmen der Ausstellung „Frühling der Kunst“, die
       vom 2. bis 10. Juni unter anderem in La Marsa stattfand, stellte sie ein
       Ensemble in Gelb vor: einen ovalen Tisch mit Mikrofonen, Rollen von
       Toilettenpapier, und statt Stühlen gab es Kloschüsseln.
       
       Die Botschaft ist klar: Die Leute reden, aber es kommt nichts als Scheiße
       dabei raus. Dies lässt sich auch als Kritik an der von der islamistischen
       Ennahda geführten Regierung verstehen.
       
       ## Die drängendsten Probleme
       
       „Der politische Diskurs verläuft völlig getrennt von den tatsächlichen
       Problemen des Landes. Die Religion ist nicht unser Problem. Doch weil die
       Politiker diese Botschaft vermittelt haben, erscheint die Religion als das
       wichtigste Thema.“ Die drängendsten Probleme, fügt sie hinzu, seien die
       Schaffung von Arbeitsplätzen und die Verbesserung der sozialen Lage der
       Bevölkerung.
       
       Rouissi gehört zu einer Vielzahl von Künstlern, die seit der Revolution den
       öffentlichen beziehungsweise virtuellen Raum nutzen – mit Graffiti,
       Fotografie, Installationen, Performances, Happenings, Videos, aber auch
       Malerei.
       
       Im Zusammenhang mit dem Sturm der Salafisten auf die Ausstellung in La
       Marsa geriet Rouissi auf eine im Internet verbreitete Liste mit Namen von
       Künstlern, deren Werke die Islamisten ablehnen. Stein des Anstoßes war
       jedoch nicht ihre aktuelle Präsentation, die an einem zehn Kilometer
       entfernten Ort gezeigt wurde, sondern eine frühere Installation, die sie
       für die Kunstaktion „Dream City“" im Jahr 2010 angefertigt hatte, und die
       die Angreifer im Internet fanden.
       
       ## BHs und Slips in pink
       
       Das Werk mit dem Titel „Die große Wäsche“ zeigte einen Wäscheständer,
       Kleidungsstücke – darunter auch BHs und Slips –, Bügelbrett, Bügeleisen,
       alles in einem kräftigen Pink, fast schon rotviolett. Lila war die Farbe
       der Partei Ben Alis.
       
       In Anspielung auf die tunesische Verfassung schrieben die Salafisten dazu:
       „Die Religion Tunesiens ist der Islam, seine Sprache ist Arabisch und seine
       Kunst ein Slip.“
       
       Rouissi musste lachen, als sie das las. Wäre da nicht der Zusatz „Hier
       sieht man, wohin die Freiheit führen kann“, könnte man meinen, auch
       Tunesiens Salafisten hätten einen gewissen Sinn für Humor. Einschüchtern
       lässt Rouissi sich davon nicht.
       
       ## Die bildende Kunst stößt auf Widerstand
       
       „Nach drei Jahrzehnten des Stummseins gibt es heute eine breite Vielfalt
       künstlerischen Ausdrucks. Die Kunst muss ihr elitäres Ghetto verlassen“,
       sagt auch die Galeristin Gorgi, die vorwiegend Gemälde und Fotografie
       ausstellt, aber auch der Videokunst Raum gibt.
       
       Doch die bildende Kunst stößt im heutigen Tunesien auf Widerstände. Es gibt
       kein Museum für zeitgenössische Kunst, keine formulierte Kulturpolitik der
       Regierung, keinen Zuständigen im Ministerium, kein Unterrichtsfach
       Kunstgeschichte an den Schulen, was schon deshalb wichtig wäre, um
       Vorbehalte abzubauen.
       
       Hinzu kommt, dass Galerien unter Ben Ali nicht die gleiche Funktion hatten
       wie in Europa. Die Kunst war eher „national“ orientiert und betonte das
       Erbe . Daher, so Gorgi, müssen Leute wie sie bei null anfangen und erst
       einmal einen Markt schaffen.
       
       ## Der exotische Blick der Europäer
       
       Im Hinblick auf Europa und dortige Galerien kritisiert Gorgi den exotischen
       Blick. Da ginge es häufig um verschleierte Frauen und Salafisten, das sei
       aber nicht die tunesische Realität. „Man hat uns kein wirkliches Vertrauen
       entgegengebracht. Wir wurden stigmatisiert, mit Terroristen gleichgesetzt“,
       kritisiert sie.
       
       „Dabei gibt es Tausende Akteure im Kunstbereich. Die Kunst ist wichtig, um
       die Kultur kennenzulernen, in einen Dialog einzutreten und Differenzen zu
       tolerieren.“ Letzteres gilt allerdings auch für die tunesische
       Gesellschaft.
       
       12 Jan 2013
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] http://www.elseed-art.com/
 (DIR) [2] http://www.faten.rouissi.sitew.com
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Beate Seel
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