# taz.de -- Freie Kulturschaffende kritisieren Kulturpolitik: „Mit Füßen getreten“
> In der freien Szene regt sich Unmut: Von der Bettensteuer profitiert sie
> kaum. Und dann hat die Kulturbehörde auch noch die Förderung zweier
> Off-Theater gestrichen.
(IMG) Bild: Schnell zu übersehen: das Theater N.N. in Eimsbüttel.
Der Hellkamp führt einmal quer durch Eimsbüttel, er beginnt bei der
Apostelkirche und endet bei den Hochhäusern der Lenzsiedlung. Es gibt zwei
Ecken, an denen der Hellkamp Straßen mit Geschäften und Restaurants kreuzt.
Alle anderen Abschnitte des Hellkamp sind klassisches Wohngebiet: viele
Altbauten, ab und zu Rotklinker, viele parkende Autos, wenig fahrende.
Das Theater N.N. befindet sich mitten in diesem Wohngebiet in einem rot
geziegelten Eckhaus, das aussieht wie ein Gemeindesaal: Die Fenster sind so
hoch angebracht, dass man von außen nicht reinschauen kann, und der Eingang
ist klein und versteckt unter einem Balkon, der sich ans nächste Haus
anschmiegt.
Selbst wer das Theater N.N. sucht, tut sich schwer, es auf Anhieb zu
finden. Das Theater N.N. hat dieses Problem, seit es vor elf Jahren vom
Altonaer Kulturbahnhof nach Eimsbüttel gezogen ist. Das andere,
existentielle Problem hat unmittelbar mit der schlechten Sichtbarkeit zu
tun. Die Kulturbehörde hat dem Theater N.N. die jährliche Förderung in Höhe
von 30.000 Euro gestrichen mit dem Argument, die Auslastung des Theaters
liege unter 50 Prozent. Tatsächlich sind die rund 50 Plätze nur zu 47
Prozent ausgelastet.
Das gleiche Schicksal hat das Theater in der Washingtonallee in Horn
getroffen: Dort gibt es 40 Plätze und die Auslastung liegt ebenfalls bei 47
Prozent, weshalb die Kulturbehörde die Subvention in Höhe von 24.000 Euro
gestrichen hat. Das Geld wird nun unter anderem dem Lichthof-Theater
zugeschlagen. Trotzdem treffen sich heute die freien Theaterschaffenden vor
dem Theater N.N., um den Eingang symbolisch zu vernageln.
Die 50-Prozent-Grenze stammt aus einer Evaluation der Privattheater aus dem
Jahr 2008. In der sei festgelegt worden, dass die Auslastung dauerhaft über
50 Prozent liegen müsse, um eine Förderung zu rechtfertigen, sagt
Kulturbehörden-Sprecher Enno Isermann. Konstanze Ullmer von der
Theater-Vertretung Hamburg Off will das als Begründung nicht akzeptieren:
In der Evaluation sei im Wortlaut die Rede von „in der Regel mindestens 50
Prozent“. Ullmer: „Man muss also nicht den Theatern deswegen die Subvention
entziehen, aber man kann, wenn man möchte. Und hier möchte man wohl, und
darum geht’s.“
Das Unbehagen, das die freie Szene mit der Hamburger Kulturpolitik hat,
geht über die beiden konkreten Fälle hinaus. Ende Januar gründeten rund 200
Kulturschaffende die [1][„Koalition der Freien“], um gemeinsam an ihrer
„finanziell und räumlich ungenügenden Lage“ etwas zu ändern. Ausgangspunkt
der Initiative war die neu eingeführte Kultur und Tourismustaxe, die der
Stadt rund zwölf Millionen Euro pro Jahr einbringen wird: Die Hälfte wird
für Tourismusförderung und Großveranstaltungen ausgegeben, die andere
Hälfte soll der Kultur der Stadt zugute kommen. Für die freie Szene bleiben
im sogenannten Elbkulturfonds 500.000 Euro übrig. Das ist ihr zu wenig.
Wenn nun auch noch zwei kleinen freien Theatern die Förderung gestrichen
wird, fühlt sich die Szene missachtet und verladen von Kultursenatorin
Barbara Kisseler (parteilos), die sich zu Beginn ihrer Amtszeit die
Förderung der freien Szene groß auf die Fahnen geschrieben hatte. „Da wurde
immer vom kulturellen Humus gesprochen, der die freie Szene sei“, sagt
Ullmer. „Dieser Humus wird jetzt mit Füßen getreten.“
In der Kulturbehörde heißt es, die Stärkung der freien Szene sei „ein
wichtiges Ziel“. Sprecher Isermann verweist auf die 500.000 Euro aus dem
Elbkulturfonds, außerdem habe man aus der Kultur und Tourismustaxe 100.000
Euro zusätzlich für die freie Theater und Tanzszene zur Verfügung gestellt.
„Für die Vergabe der Mittel gelten aber weiter die Kriterien für die
Privattheaterförderung“, so Isermann.
Angelika Landwehr vom Theater in der Washingtonallee versucht nun, die
Kürzung rückgängig zu machen – durch Gespräche, Unterschriften, alles, was
geht. Beim Theater N.N. hingegen arbeiten die sechs Mitglieder des Teams
ehrenamtlich, dementsprechend schwer ist es, Kräfte zu mobilisieren. Die
30.000 Euro braucht das Theater, um die Miete zu bezahlen. Nur die Gruppen,
die auftreten, bekommen eine kleine Gage, vor allem aus den Einnahmen.
Wenn wie am vergangenen Freitag 16 Zuschauer nach Eimsbüttel kommen, um von
weichen Tanztee-Sesseln aus eine Adaption des Tschechow-Romans „Das Duell“
durch die Hamburger Theatergruppe Godot zu betrachten, geht es nicht ums
Geld. „Das sind Schauspielstudenten und junge Profis, die brauchen
Spielpraxis“, sagt Regisseur Wladimir Tarasjanz. „Wenn es das Theater N.N.
nicht mehr gibt, wissen wir nicht mehr, wo wir auftreten sollen.“
11 Feb 2013
## LINKS
(DIR) [1] http://koalition-der-freien.org/
## AUTOREN
(DIR) Klaus Irler
(DIR) Klaus Irler
## TAGS
(DIR) Wasser
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