# taz.de -- Zukunftsforscher Robert Jungk: Vergessenes Wissen
       
       > Vor 100 Jahren wurde Robert Jungk geboren. Seine Kritik des Atomstaates
       > und des ungebremsten Wachstums bleiben wegweisend.
       
 (IMG) Bild: Friedensaktivist Robert Jungk bei der Blockade des US-Militärdepots Mutlangen am 1.September 1983.
       
       BERLIN taz | Wissenstransfer ist groß in Mode: Die Erkenntnisse aus den
       Hochschulen werden in die Unternehmen getragen, um dort für Innovationen zu
       sorgen, aus den Forschungslabors in die Kindergärten und auf die
       Marktplätze, von den Industriestaaten in die Entwicklungsländer. Überall
       fließt Wissen, tagtäglich und überall, zwischen Menschen und Kontinenten.
       Nur an einer Stelle stockt die Übertragung: bei der Weitergabe zwischen den
       Generationen.
       
       Aktuelles Beispiel dafür ist der Wissenschaftsjournalist und Zukunftsdenker
       Robert Jungk, der im Mai vor 100 Jahren in Berlin geboren wurde. Obwohl
       seine Themen – Fortschrittskritik, menschengemäße Technik,
       Bürgerbeteiligung, Solargesellschaft statt Atomstaat – heute so aktuell
       sind wie vor 30 Jahren, werden in Deutschland so gut wie keine
       Gedenkveranstaltungen ausgerichtet.
       
       Nur in Berlin hat der Zukunftsforscher Rolf Kreibich am Mittwoch nach
       Pfingsten zu einer Tagung mit „Zukunftsgespräch“ (siehe Kasten) geladen. Es
       wird ein Treffen der graumelierten Wegbegleiter.
       
       Der Erkenntnisverlust in der Wissensgesellschaft ist keineswegs auf
       Koryphäen beschränkt. Schauplatz: Grimm-Bibliothek der Humboldt-Universität
       in Berlin, wo sich Anfang vergangener Woche junge Ökonomen der Vereinigung
       für Ökologische Wirtschaftsforschung (VÖW) treffen. Ihr Thema: die magere
       Bilanz der Wachstums-Enquete-Kommission des Bundestages und die
       Forschungsarbeiten für eine „Post-Wachstums-Ökonomie“.
       
       Reinhard Loske, jetzt neuer Transformations-Professor an der Universität
       Witten/Herdecke, der als Bremer Umweltsenator die Anregung zur
       Wachstums-Enquete gegeben hatte, belehrt den wirtschaftswissenschaftlichen
       Nachwuchs: „Wir hatten schon in den 70er Jahren eine breite
       wachstumskritische Debatte.“
       
       Ein Anstoß kam von den „Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome, aber auch
       grundlegend andere Sozialentwürfe wie die eines Erich Fromm prägten die
       Diskussion. Es war zugleich die Hoch-Zeit der Zukunfts-Szenarien von Robert
       Jungk.
       
       ## Sendepause bei den Alternativen
       
       Loske: „Dann war zweieinhalb Jahrzehnte lang Sendepause.“ Eine komplette
       Generation verabschiedete sich vom Zukunftsdenken über alternative
       Wirtschaftsweisen. Ein Grund für den Zukunfts-Blackout ist, dass die
       wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Bevorstehenden („Zukünften“)
       zumindest in Deutschland keine akademische Fundierung gefunden hat.
       
       Robert Jungk, der nach seinen publizistischen Erfolgen der 50er Jahre („Die
       Zukunft hat schon begonnen“) zunehmend am Aufbau einer Zukunftsforschung
       mitwirkte, erhielt 1968 an der TU Berlin einen Lehrauftrag für dieses Fach
       und hielt bis 1974 Vorlesungen als Honorarprofessor.
       
       Wegen seines interdisziplinären Herangehens quer durch alle Fachrichtungen
       wurde Jungk von den Ordinarien als „horizontaler Professor“ belächelt.
       Heute wäre die Berufung eines prominenten Vertreters der Zivilgesellschaft
       auf eine Hochschulprofessur undenkbar.
       
       ## Zukunftsforschung an der Uni
       
       Kreibich, der später mit Jungks Unterstützung das private [1][Institut für
       Zukunftsstudien und Technologiebewertung (IZT)] gründete, kritisiert die
       bis heute andauernde Zukunftsverweigerung der deutschen Hochschulen:
       „Während wir über tausend Lehrstühle für die Vergangenheit haben, gibt es
       nur an zwei Universitäten Professuren für die Zukunftsforschung.“ In Berlin
       (FU) und Aachen.
       
       „Die Wegwerfgesellschaft hat keine Überlebenschance“, „In die falsche
       Richtung gewachsen“, „Das Auto ist für Mensch und Umwelt so gefährlich wie
       moderne Waffen“ – für die gegenwärtigen Protagonisten einer „Großen
       Transformation“ in Wirtschaft und Gesellschaft wären die Interviews und
       Texte von Robert Jungk aus den 70er Jahren eine Déjà-vu-Lektüre. Wenn sie
       denn gelesen würden. Aber jede Generation will ihre Zukunft lieber neu
       erfinden.
       
       Der Soziologe Harald Welzer, derzeit Großexperte für ökonomische und
       gesellschaftliche Zukunftsfähigkeit, hat mit dem
       „Futurzwei-Zukunftsalmanach“ und seinen „Geschichten von gelebten
       Gegenentwürfen“ exakt die Aktualisierung von Jungks „Katalog der Hoffnung“
       aus dem Jahr 1990 geliefert.
       
       ## Citizen Science
       
       Erwähnt wird der Vorgänger aber nicht. Zukunftsgänger in Deutschland meiden
       die Fußstapfen früherer Generationen. Zu antiquiert, zu vergangen. „Citizen
       Science“, die Beteiligung der Bürger an der Wissenschaft, ist das neue
       Modewort. Von Robert Jungk als „Zukunftswerkstätten“ 1981 längst
       realisiert.
       
       Der einzig verbliebene Fackelträger des Jungk’schen Erbes ist Walter
       Spielmann, Direktor der [2][Robert-Jungk-Zukunftsbibliothek in Salzburg].
       Hier, wo Jungk 1994 starb und auf dem Jüdischen Friedhof als Ehrenbürger
       der Stadt begraben liegt, besteht seit 1986 die von Kommune und Land
       Salzburg getragene Einrichtung.
       
       Sie baut auf dem Bücherschatz und Archiv des Zukunftsforschers auf. 60
       Veranstaltungen mit 40 Kooperationspartnern stehen im Gedenkjahr auf dem
       Programm der Bibliothek. Österreich gibt eine Briefmarke zu Robert Jungk
       heraus („Betroffene zu Beteiligten machen“); vorige Woche wurde der
       Berliner Politikprofessor Elmar Altvater mit dem Salzburger Zukunftspreis
       geehrt.
       
       ## Es gibt ein Demokratiedefizit
       
       Die Presseresonanz zum 100. Geburtstag am 11. Mai bewertet Spielmann mit 20
       kürzeren und längeren Beiträgen als „durchaus respektabel“. Allerdings sei
       es zutreffend, „dass die Rezeption Robert Jungks in der wissenschaftlichen
       Literatur abgenommen hat“.
       
       Dabei seien dessen Aussagen „heute dringlicher denn je“. Es gebe ein
       Demokratiedefizit und eine globale Mehrfachkrise, deren Elemente von Jungk
       nicht nur bereits angesprochen wurden, sondern für die er auch Lösungen
       entwickelte, sagt Spielmann.
       
       Ganz frisches Beispiel dafür ist das im Nachlass entdeckte „Sonnenbuch“, in
       dem sich Jungk grundlegende Gedanken zum bevorstehenden Solarzeitalter
       macht.
       
       21 May 2013
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] http://www.izt.de/
 (DIR) [2] http://www.jungk-bibliothek.at/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Manfred Ronzheimer
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Friedensforschung
 (DIR) Hochschule
 (DIR) Bürgerbeteiligung
 (DIR) Bund
 (DIR) Forschungspolitik
 (DIR) Forschungspolitik
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Zukunftsforschung in der Nische: Das Undenkbare denken
       
       In Deutschland konnte die Zukunftsforschung nie richtig Fuß fassen.
       Bundesweit gibt es nur einen Master-Studiengang für den Blick in die
       Zukunft.
       
 (DIR) Technikfolgenabschätzung öffnet sich: Bürgerwissen wurde lange ignoriert
       
       Das Büro für Technikfolgenabschätzung des Bundestags hat sich neu
       aufgestellt. Künftig soll gesellschaftliches Wissen fürs Parlament nutzbar
       gemacht werden.
       
 (DIR) Umbau der Forschungslandschaft: Die Machtfrage stellen
       
       Eine nachhaltige Forschung wurde von Umweltverbänden und Forschern vor zwei
       Jahren gefordert. Auf einer Konferenz wurde jetzt Bilanz gezogen.
       
 (DIR) Zivilgesellschaftliche Forderungen: Mehr Einfluss auf Forschung
       
       Umweltverbände fordern eine bessere Einbindung der Zivilgesellschaft bei
       der Forschungsplanung. Das Praxiswissen der Gesellschaft dürfe nicht
       ignoriert werden.
       
 (DIR) Energiewende zu Hause: Strom ist machbar, Herr Nachbar
       
       Das Lagerhaus im Viertel sucht Nachbarn, die sich an der gemeinsamen Wärme-
       und Stromversorgung beteiligen. Der Anfang ist gemacht.
       
 (DIR) SPD-Forderungen zur Forschung: Die Wende vorbereiten
       
       Mehr Umweltforschung und Möglichkeiten zur Mitentscheidung der Bürger bei
       der Forschungsplanung –das fordert die Bundestagsfraktion der SPD.
       
 (DIR) Alternativer Nobelpreis: Award ehrt Friedensaktivisten
       
       Ein Jurist aus Sri Lanka, eine kenianische Friedensaktivistin und ein
       Farmer-Ehepaar aus Kanada erhalten den diesjährigen "Right Livelihood
       Award".