# taz.de -- Buch über Diktatur in Brasilien: Der Aufruhr der Zeit
       
       > „Alles in diesem Buch ist erfunden, doch fast alles ist geschehen“:
       > Bernardo Kucinski erzählt von der brasilianischen Militärdiktatur.
       
 (IMG) Bild: Bulle zückt Waffe: Bodenkampf zwischen Student und Polizist in Rio de Janeiro, 1968.
       
       K. sucht seine verschwundene Tochter. Ana ist ihm das liebste seiner
       Kinder. Versunken in seine Jiddisch-Studien entgehen ihm gewisse Signale.
       Ana führt neben ihrem Leben als Chemie-Dozentin noch ein anderes, ein
       zweites Leben: sie und ihr Mann Wilson kämpfen in der von Carlos Marighela
       geleiteten Stadtguerilla Acción Libertadora Nacional (ALN) gegen die
       brasilianische Militärdiktatur.
       
       „Alles in diesem Buch ist erfunden, doch fast alles ist geschehen“ – dieses
       dem Roman vorangestellte Motto könnte ein Wink des Autors sein: meine
       Fiktion, liebe Leserin, lieber Leser, ist nur ein Wimpernschlag von den
       realen Personen und Ereignissen entfernt, aber sie erlaubt mir, von
       Gefühlen zu berichten.
       
       Wir begleiten K. auf seiner Suche nach der entführten und ermordeten
       Tochter. Wir erfahren von Hoffnung und Enttäuschung, Tapferkeit und
       Müdigkeit, Illusion und Trauer, Schlaftabletten und Handlungszwang. Wir
       tauchen ein ins Innere der brasilianischen Militärdiktatur – wenn man so
       will das Pilotprojekt, dem weitere US-amerikanisch gestützte Diktaturen in
       so gut wie allen süd- und mittelamerikanischen Ländern folgen sollten.
       
       „Scheiße, Mineirinho, weißt du, wer Kissinger ist? Er ist der Typ, der den
       ganzen Plan ausgeheckt hat. Dieser Amerikaner, helles Köpfchen.“ Fleury,
       der berüchtigte Chef der Departamento de Ordem Política e Social (DOPS),
       einer von der Militärdiktatur gegründeten Geheimpolizei, erklärt seinen
       Chargen fürs Grobe, was es mit diesem Befehl aus Washington auf sich hat,
       Ana und ihren Mann Wilson freizulassen. Das American Jewish Commitee macht
       Druck. Aber die beiden sind tot, ihre Leichen zerlegt und entsorgt. Waren
       es nicht die Amerikaner, die auf Diskretion insistierten?
       
       ## Zivilrechte außer Kraft gesetzt
       
       Im Jahr 1964 putscht die brasilianische Armee gegen die gewählte
       Links-Regierung von João Goulart. Zehn Jahre nach Ende des Koreakriegs war
       die heiße Phase des Kalten Kriegs in Lateinamerika angekommen. Vier Jahre
       später dann der Putsch im Putsch. Mit dem institutionellen Dekret Nummer
       fünf wird die bleierne Phase der Diktatur eingeleitet. Die letzten
       Zivilrechte werden außer Kraft gesetzt.
       
       Es sollten mehr als 20 Jahre vergehen, bis Brasilien zur Demokratie
       zurückkehrt. An jenen bleiernen Jahren, in denen Folter, Mord und
       Entführungen zur brasilianischen Normalität werden, arbeitet sich der Autor
       Bernardo Kucinski, im wirklichen Leben der Bruder von Ana, ab. Der
       Journalist Kucinski, der Berater des Expräsidenten Luiz Inácio Lula da
       Silva war, hat Jahrzehnte gebraucht, bis er darüber schreiben konnte. Sein
       Buch ist auch ein therapeutischer Bericht.
       
       Der Leser begleitet K. auf seinem langen Weg der Suche und Ungewissheit,
       während er zwischen Hoffnung und Verzweiflung schwankt, sich Schuldgefühlen
       aussetzt. Wie konnte einer wie er, polnischer Jude mit eigener Geschichte
       im jüdischen Widerstand, „die Augen verschließen vor dem Aufruhr der neuen
       Zeit“? Die Schuldgefühle, die geliebte Tochter nicht vom verhängnisvollen
       Weg abgebracht zu haben, lassen ihn nicht mehr los. Beim Apotheker in der
       Nachbarschaft, in São Paulos jüdisch geprägtem Viertel Bom Retiro, beginnt
       die Erkundung.
       
       ## Verstohlene Blicke
       
       Ängstlich, aber mit der Arglosigkeit des Anfängers will er Anas Kolleginnen
       im Chemischen Institut der Universität von São Paulo befragen, nur im
       Freien wollen sie mit ihm sprechen. Verstohlene Blicke gehen unter den
       Frauen hin und her. Zum ersten Mal spürt er, was im Lauf der Ermittlung zur
       Gewissheit werden wird: die Mauern aus Angst und Schweigen, Lüge und
       Opportunismus, Kollaboration und Einschüchterung, in denen er sich
       verlieren sollte.
       
       Der Institutsrat hat ihre Dozentin, in vorauseilendem Gehorsam, wegen
       Nichterscheinens am Arbeitsplatz gekündigt. Ein Verwaltungsakt, den die
       Universität, Wahrheitskommission hin oder her, bis zum heutigen Tag nicht
       revidiert. K. lässt sich ein auf die bezahlten Dienste von Polizeispitzeln,
       die ihn einem Wechselbad von Desinformation aussetzen. Er, dessen
       kulturelle Heimat sein geliebtes Jiddisch ist, betritt zum ersten Mal in
       seinem Leben eine katholische Kirche. Ein mutiger Erzbischof, Dom Paulo
       Evaristo Arns, hatte eine Hilfsaktion für „Familienangehörige
       verschwundener politischer Oppositioneller“ in Gang gesetzt.
       
       Stundenlang hört er die Berichte anderer Angehöriger, Menschen aus allen
       Bevölkerungsschichten. Eine junge Frau stellt sich vor – als seine
       Schwägerin. Seine Tochter, verheiratet? In der Illegalität? Soll er den
       Schwiegersohn, den er nie kennenlernen konnte und nie kennenlernen wird,
       hassen oder achten? Er sucht Hilfe beim Roten Kreuz in der Schweiz, bei
       Amnesty International in London, bei der Menschenrechtskommission der
       Organisation Amerikanischer Staaten und beim American Jewish Commitee in
       New York. Erfolglos.
       
       ## Jesuinas Therapiestunde
       
       Viele Akteure kommen zu Wort. Wir tauchen ein in Welten, die
       unterschiedlicher nicht sein könnten. Kucinski leuchtet ein komplexes Thema
       aus – dies gelingt ihm mit narrativem Facettenreichtum in sanfter bis
       schriller Vielstimmigkeit und schroffen Perspektivwechseln. Hier ist eine
       fiktive Wahrheitskommission am Werk. Wir lesen Anas Brief an die Freundin
       mit all den Zweifeln über ihren Weg und ihre Bitterkeit über die Indolenz
       der Uni-Kollegen: „Alle tun so, als ob das Leben normal weitergeht, alle
       benehmen sich so, als ob sich nichts ereignete.“ Wie widersprüchlich, wie
       menschlich das Bild, das der Autor von seiner Schwester zeichnet!
       
       Und dann hat der Leser noch teil an Jesuinas Therapiestunde. Ehedem Putz-
       und Sexhilfe in der Casa da Morte in Petropolis, dem Todeshaus von Fleury,
       stottert die schwer traumatisierte Frau ihre unaussprechlichen Erlebnisse
       hervor. Fleury selbst liefert hingegen einen flotten Bericht, wie er seine
       Todesschwadron schmeißt. Eine junge Rechtsanwältin wendet sich an uns, um
       Verständnis bemüht. „Ich rede ihn mit Chef an und er nennt mich mein
       Mädchen.“ Sie wird Fleurys Geliebte, die im Austausch den lebensrettenden
       Pass für den Bruder bekommt.
       
       Schließlich offenbart sich K. mit seiner unendlich oft erzählten Geschichte
       auch noch den politischen Gefangenen in einem Militärgefängnis, die er,
       eine Stange Zigaretten unterm Arm, besuchen darf. „Am Ende dieser Schriften
       werde ich erneut ein Schatten sein ohne Stimme“, lesen wir im Aufschlag des
       Buches – Worte des mosambikanischen Dichters Mia Couto. Über den Zeitraum
       seiner Suche hinweg wirkt K. wie herausgefallen aus einer Welt, in der er
       nichts mehr zu suchen hat.
       
       „’K.‘ sollte zur Pflichtlektüre für alle Mitglieder unserer schüchternen
       Wahrheitskommission werden, die mit vier Jahrzehnten Verspätung ins Leben
       gerufen wurde, von der gegenwärtigen Regierung der ehemaligen politischen
       Gefangenen Dilma Rousseff“, so die brasilianische Psychoanalytikerin und
       Chronistin Maria Rita Kehl. Sie ist eine der sieben Mitglieder der
       Wahrheitskommission zur Untersuchung von Menschenrechtsverletzungen vor,
       während und nach der Militärdiktatur von 1964 bis 1985.
       
       ## Aufklärung und Gedächtnisarbeit
       
       Auf der diesjährigen Buchmesse in Frankfurt wird sie zum Thema sprechen.
       Dieses befremdliche „vor“ und „nach“ haben dabei die Militärs durchgesetzt.
       Es ist nicht die einzige Verwässerung. Die Kommission darf weder bestrafen
       noch Bestrafung empfehlen. Es mehren sich die Stimmen, die vor der
       folgenschweren Konsequenz eines banalen Schlusspunkts warnen. Anders als in
       Argentinien, Chile oder Uruguay brauchen die Täter in Brasilien eine
       Verurteilung bis heute kaum befürchten.
       
       Bernardo Kucinskis Erzählung leistet Aufklärung und Gedächtnisarbeit im
       allerbesten Sinne – ein politisches Buch von hoher literarischer Qualität,
       von den brasilianischen Literaturkritikern hoch gelobt. Mit großem
       Einfühlungsvermögen breitet der Autor ein Geflecht aus Fakten und
       Dokumenten, Aussagen und Enthüllungen aus. Vieles lässt er offen, vieles
       bleibt ergänzungsbedürftig. Das Geflecht ist lückenhaft – und damit ein
       Spiegel der real existierenden (Nicht-) Aufarbeitung in der brasilianischen
       Gesellschaft.
       
       Bei seinem Staatsbesuch in Brasilien 1968 erörterte der damalige
       Außenminister Willy Brandt mit den Putschisten die Möglichkeit einer
       nuklearen Zusammenarbeit. Im Jahr 1974 legte General Ernesto Geisel dem
       Oberkommando der Armee die Pläne für den Bau einer brasilianischen
       Atombombe vor. Mitte August 2013, mit der Öffnung bis dahin geheim
       gehaltener Dokumente, wurde dies zur offiziellen Gewissheit.
       
       Die damalige Regierung der Bundesrepublik schloss 1975 mit dem Regime
       Ernesto Geisel das „Deutsch-brasilianische Abkommen über Zusammenarbeit auf
       dem Gebiet der friedlichen Nutzung der Kernenergie“, in dessen Rahmen die
       Anreicherung von atomwaffenfähigem Material indes durchaus vorgesehen war.
       Die brasilianischen Medien feierten den Kontrakt damals übrigens als
       „Jahrhundertvertrag“.
       
       1 Sep 2013
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Lutz Taufer
       
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