# taz.de -- Roman über Asylsuchende in Israel: Tod und Wiedergeburt in der Wüste
       
       > Im Roman „Löwen wecken“ mahnt die israelische Autorin Ayelet
       > Gundar-Goshen einen humaneren Umgang mit Flüchtlingen in Israel an.
       
 (IMG) Bild: Afrikanische Asylsuchende am Holot Detention Center in der Wüste Negev (2014).
       
       Es ist das erste Mal, dass Ayelet Gundar-Goshen einen hellblauen Himmel
       über Berlin sieht. Und sie genießt es. Fünfmal sei sie schon in der Stadt
       gewesen, erzählt sie bei einem Cappuccino in der Oranienburger Straße.
       Immer Anfang Februar zur Berlinale, wo ihre Kurzfilme gezeigt wurden, und
       immer sei es grau und verregnet gewesen. „Ich kann mir überhaupt nicht
       vorstellen, wie man hier Kinder großzieht. Die brauchen doch Sonne“, sagt
       sie in sanftem Ton und zuckt verwundert mit den Schultern.
       
       Die 33-jährige Schriftstellerin, Drehbuchautorin und praktizierende
       Psychologin lebt in Tel Aviv, wo die durchschnittliche Jahrestemperatur um
       die 20 Grad liegt. Von dort stammt auch der Protagonist ihres neuen Romans,
       „Löwen wecken“, der Etan heißt und Arzt ist. Wegen einer Versetzung muss
       Etan jedoch mit Frau und Kindern in die 100 Kilometer südlich liegende
       Stadt Be’er Sheva ziehen, an den Rand der Wüste Negev – wo der Roman
       beginnt.
       
       Statt Mittelmeerbrise weht hier der Staub, er bedeckt die Autos, die
       Straßen, die Menschen. Und statt jungen, schönen Kosmopoliten trifft man
       hier auf verzweifelte Flüchtlinge aus Eritrea. Letztere bemerkt jedoch kaum
       jemand, auch Etan nicht, bis er mitten in der Nacht versehentlich einen
       überfährt – und einfach liegen lässt.
       
       „Ich bin eine wahre Verfechterin des Plots“, sagt Gundar-Goshen, „es ist
       wichtig, die Figuren handeln zu lassen und nicht nur ihr Innenleben zu
       ergründen. Denn ich finde, dass Menschen im wahren Leben eher anhand ihrer
       Taten beurteilt werden und nicht aufgrund ihrer Ideen.“ Und so lässt die
       Autorin ihrem Protagonisten kaum Zeit, um im Wohnzimmer seiner Villa in
       Selbstmitleid zu versinken, sondern konfrontiert ihn direkt am folgenden
       Morgen mit Sirkit, der Frau des Mannes, der bei dem Unfall gestorben ist.
       Sie steht vor seiner Haustür und hält seine Brieftasche in der Hand.
       
       ## Stillschweigen gegen Hilfe
       
       Fortan gerät Etans geordnetes Leben komplett ins Wanken. Er ist gezwungen,
       in einer verlassenen Werkstatt kranke, verwundete und schwangere
       Flüchtlinge zu behandeln, die wegen ihres illegalen Status kein Krankenhaus
       aufsuchen können.
       
       Er stiehlt sich nachts aus dem Haus, klaut Medikamente aus der Klinik,
       täuscht seiner Frau Liat – einer scharfsinnigen Polizistin –
       Bereitschaftsdienste vor und steht immer kurz davor, erwischt zu werden.
       Doch ihm bleibt nichts anderes übrig, denn im Gegenzug verspricht Sirkit
       ihr Stillschweigen zu seiner Fahrerflucht.
       
       Von diesem Deal aus entfaltet sich ein hochinteressantes Gefüge aus
       zahlreichen Figuren und überraschenden Wendungen, das durchaus
       Drehbuchqualitäten aufweist. Eine Adaption als TV-Serie sei schon in
       Arbeit, erzählt Gundar-Goshen, die in Vergangenheit häufig für das
       israelische Fernsehen geschrieben hat. Es ist nicht nur das geheime
       Doppelleben Etans, das „Löwen wecken“ zu einem fesselnden Roman macht. Vor
       allem die Umkehrung der Machtverhältnisse zwischen dem weißen israelischen
       Arzt und der schwarzen Flüchtlingsfrau gibt der Geschichte einen eigenen
       Drive.
       
       Und da ist noch mehr: Sirkit ist als Figur so komplex angelegt, dass es dem
       Leser nicht gelingt, sie aufgrund der Umstände zu bemitleiden oder sie in
       irgendeiner Weise zu durchschauen. „Es gibt nichts Unmenschlicheres als das
       Bild des Opfers“, sagt Gundar-Goshen, deshalb sei die Stärke dieser Figur
       wichtig. So stehen die Ruhe und Bestimmtheit, mit der Sirkit Befehle
       erteilt, in starkem Kontrast zu der Mischung aus Schuld und Aversion, die
       Etan dabei empfindet.
       
       ## Etan entdeckt den Rassisten in sich
       
       „Ich trinke diesen Kaffee“, sagt Gundar-Goshen und hält die Tasse hoch,
       „weil ich es will. Ich liebe Kaffee. Wenn Sie mich aber dazu gezwungen
       hätten, ihn zu trinken, würde ich es hassen. Denn ich möchte die Wahl
       haben.“ So erklärt die Autorin den regelrechten Ekel, den Etan jedes Mal
       verspürt, wenn er einen seiner illegalen Patienten behandelt. Als
       gebildeter Mann aus der Mittelschicht befinde er sich zum ersten Mal in
       einer Situation, in der er zu etwas gezwungen werde.
       
       Zugleich entdecke er den Rassisten in sich, den wir, so findet
       Gundar-Goshen, alle irgendwo in uns tragen: „Hätten Sie Etan vor dem Unfall
       nach seiner politischen Einstellung gefragt, er hätte gesagt, dass er die
       Linke wählt. Er würde sich in Bezug auf die Flüchtlingspolitik in Israel
       sehr tolerant geben. Aber so antworten Leute eben in der Theorie. Deshalb
       müssen sie nicht zwangsläufig auch so handeln, wenn es hart auf hart
       kommt.“
       
       Interessant ist aber auch, dass mit der unausgesprochenen Erotik, die sich
       zwischen Sirkit und Etan einschleicht, das Dominanzverhältnis in ihrer
       Beziehung wieder in die andere Richtung kippt. Zwar fühlt sich auch Sirkit
       zu Etan hingezogen, doch empfindet sie sein Interesse als entwürdigend,
       vergleicht seinen begehrenden Blick mit der Leine am Hals eines Hundes:
       „Man musste gar nicht daran ziehen, der Hund brauchte bloß zu wissen, das
       Halsband war da, und schon war er brav.“
       
       ## Moralische Wertfreiheit
       
       Als Romanautorin verlässt sich Gundar-Goshen vor allem auf ihre Erfahrungen
       aus der psychologischen Praxis. Sie lässt ihre Figuren vorschnelle Urteile
       fällen, einfältigen Gedanken nachjagen und sich aus Bequemlichkeit selbst
       belügen. Die moralische Wertfreiheit gegenüber solchen Verhaltensmustern
       sieht sie dabei als Schnittstelle zwischen ihren beiden Berufen: „Natürlich
       habe ich privat eine Meinung zu bestimmten Dingen. Natürlich finde ich,
       dass wir schlecht mit unseren 100.000 Flüchtlingen umgehen, die in
       Restaurants unsere Tische abräumen, die wir aber nicht einmal bemerken. Und
       ich würde auch eine Petition unterschreiben, die dieses Problem
       thematisiert. Aber als Schriftstellerin wie auch als Psychologin mache ich
       keine Petition, es geht mir um etwas anderes. Ein Patient kommt meistens zu
       mir, weil er denkt, dass er etwas Falsches getan hat. Mir obliegt es nicht,
       zu sagen: Ja, das war falsch. Meine Aufgabe ist es, zu fragen: Warum hat er
       es getan? Mich interessiert das Fragezeichen, nicht der Punkt.“
       
       Auch in „Löwen wecken“ gibt es eine Frage, die ständig präsent ist und die
       bis zum Ende unbeantwortet bleibt: Hätte Etan Fahrerflucht begangen, wenn
       er statt eines eritreischen Flüchtlings ein israelisches Mädchen aus dem
       Kibbuz überfahren hätte? Gundar-Goshen schüttelt den Kopf: „Nein.“ Ihre
       Erklärung klingt simpel, doch irgendwie erschreckend: „Wenn du jemanden
       umfährst, der so aussieht wie du, ist es schwieriger, wegzufahren.“
       
       In die Wüste, in der Gundar-Goshen den fiktiven Unfall ansiedelt, reiste
       die Autorin kürzlich mit einem deutschen Kamerateam. Alle seien sehr
       angetan gewesen von der Landschaft, erzählt die Autorin: „Ja, es ist schön,
       im klimatisierten Jeep dorthin zu fahren, für eine Stunde, und dann wieder
       zurück. Aber für jene, die dort Hunderte Kilometer zu Fuß zurücklegen, ist
       das sicher kein schöner Ort.“
       
       So ist die Wüste für Gundar-Goshen nicht nur ein geografischer, sondern
       auch ein symbolischer Ort. Denn dieselbe Beduinen-Wüste, die heute die
       Eritreer durchqueren, um nach Israel zu gelangen, durchqueren in der Bibel
       die Israeliten, um von Ägypten ins Gelobte Land zu gelangen. „Es ist der
       Ort, an dem der jüdische Mythos geboren wurde“, sagt die Autorin, „und
       zugleich der Ort, an dem er sterben wird. Weil wir nicht umzugehen wissen
       mit den Menschen, die letztlich nur eine Reinkarnation unserer eigenen
       Geschichte sind.“
       
       8 Mar 2015
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Fatma Aydemir
       
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