# taz.de -- Kämpfe in Nigeria: Söldnerkrieg gegen Boko Haram
       
       > Ein weißer Exkämpfer der südafrikanischen Apartheid-Streitkräfte starb in
       > Nigeria. Er hatte Erfahrung im Kampf gegen „Terroristen“.
       
 (IMG) Bild: Diese Fahrzeuge bieten zu wenig Deckung: nigerianische Soldaten auf Patrouille in Chibok, 8. März.
       
       BERLIN/JOHANNESBURG taz | Der Krieg gegen die islamistische Rebellenarmee
       Boko Haram in Nigeria hat sein bisher schillerndstes Opfer gefordert. Der
       weiße Südafrikaner Leon Lotz starb am Montag an einer Straßensperre nahe
       der Stadt Maiduguri, als ein nigerianischer Panzer angeblich das Feuer auf
       seinen Konvoi eröffnete.
       
       Der Tod des Südafrikaners führt tief in die verborgene Welt privater
       Sicherheitsfirmen in Afrika. Nach jahrelangen Niederlagen gegen Boko Haram
       hatte Nigerias Armee Mitte Februar eine auf sechs Wochen angesetzte
       Offensive gegen die Islamisten gestartet. Sie hat es bisher nach eigenen
       Angaben geschafft, 36 Städte zu befreien.
       
       Der plötzliche Erfolg liegt nicht etwa daran, dass die schlecht
       organisierten und korrupten Streitkräfte Nigerias plötzlich viel besser
       aufgestellt seien. Vielmehr haben sie viel neues Kriegsgerät erworben, vor
       allem Kampfhubschrauber und Panzerfahrzeuge, angesichts derer den
       Islamisten mit ihren Sturmgewehren auf Pick-ups nur die Flucht bleibt.
       
       Mit den Rüstungsgütern hat Nigeria, wie Präsident Goodluck Jonathan bereits
       im Januar ohne Nennung von Einzelheiten bestätigte, private Berater und
       Experten eingekauft. Zu den Neuanschaffungen gehört nach Berichten [1][des
       Fachblogs „Beegeagle“] der neueste Typ des südafrikanischen gepanzerten
       Truppentransporters Reva, der ansonsten auch in Bürgerkriegsländer wie
       Jemen, Somalia und Südsudan geliefert wurde. Die Fahrzeuge seien mit einer
       „Maximum Training Package“ gekauft worden, also samt Ausbildern.
       
       Lotz war angeblich für Schulung in der Wartung von Panzerfahrzeugen
       zuständig. Nach Angaben der südafrikanischen Onlinezeitung Daily Maverick
       arbeitete Lotz für die Sicherheitsfirma Pilgrim Africa, die in Nigerias
       größter Stadt Lagos ansässig ist. Die Firma wurde 2008 vom Südafrikaner
       Cobus Claassens gegründet, wie Leon Lotz ein Veteran des Krieges des
       südafrikanischen Apartheidregimes gegen die Befreiungsbewegung Swapo (South
       West African People’s Organisation) im heutigen Namibia in den 1980er
       Jahren.
       
       ## Südafrikas ANC-Regierung hat Söldneraktivitäten untersagt
       
       Claassens kommandierte damals eine südafrikanische
       Fallschirmspringereinheit; Lotz diente im Elitebataillon „Koevoet“
       (Kuhfuß), eine Sondereinheit der Polizei für verdeckte Operationen gegen
       Swapo-Guerillakämpfer. Diese bestand meist aus regimetreuen Schwarzen unter
       weißem Kommando und wurde für zahlreiche Morde verantwortlich gemacht.
       
       Lotz wurde 1987 von einem Gericht im damaligen Südwestafrika der Tötung
       zweier Häftlinge für schuldig befunden. Damals erfuhr das Gericht, die
       weißen Offiziere würden ihren schwarzen Untergebenen eine Prämie von 50
       Rand (heute 5 Euro) für jeden getöteten „Terroristen“ zahlen.
       
       Gegen Boko Haram in Nigeria einen ähnlichen Krieg zu führen wie gegen Swapo
       im einstigen Südwestafrika vor dreißig Jahren ist nicht undenkbar. Das
       weiße Südafrika stellte Swapo damals als einen Haufen aus dem Nachbarland
       Angola eindringender Terroristen dar – ähnlich wie heute in Nigeria die
       jungen Islamisten von Boko Haram charakterisiert werden. Die Koevoet-Taktik
       bestand darin, jenseits klassischer Militäroperationen gezielt verdeckte
       Jagd auf einzelne Aufständische zu machen. Für Nigerias Streitkräfte kann
       diese Expertise nützlich sein, wenn es darum geht, in frisch eroberten
       Gebieten das erneute Eindringen Boko Harams zu verhindern.
       
       Die weißen Apartheid-Spezialkräfte, die einst gegen die
       Befreiungsbewegungen im südlichen Afrika kämpften, verwandelten sich nach
       Südafrikas Rückzug aus Namibia 1989 und dem Ende der Apartheid in Südafrika
       1992–1994 in Unternehmer, die ihre Erfahrung im Kampf gegen Aufständische
       in ganz Afrika zu Geld machten. Am berühmtesten wurde die Söldnerfirma
       Executive Outcomes, die Angolas Ölindustrie gegen die Unita-Rebellen
       verteidigte und später in Sierra Leone dazu beitrug, die Rebellenarmee RUF
       (Revolutionary United Front) zu besiegen. Boko Haram ist heute ein
       international ähnlich geächteter Gegner wie einst Unita und die RUF. Auch
       Claassens arbeitete einst für Executive Outcomes.
       
       Das Problem: Südafrikas ANC-Regierung hat Söldneraktivitäten untersagt.
       Verteidigungsministerin Nosisiwe Mapisa-Nqakula warnte jetzt: „Die Polizei
       hat die Pflicht, diese Gruppen zu verhaften. Es gibt Konsequenzen für die
       Bereitstellung jeglicher Art von militärischer Unterstützung außer Landes
       als Söldner, die nicht als Teil einer Regierungstruppe arbeiten“, sagte die
       Ministerin am Donnerstag. Ob das für Südafrikaner gilt, die Nigerias Armee
       beraten, ist allerdings unklar.
       
       13 Mar 2015
       
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