# taz.de -- Zum Werk von Vincent Dieutre: Glühwürmchen über Palermo
       
       > Theorie, Kino, Politik: Das Festival Visions du Réel präsentiert in Nyon
       > das Werk des französischen Regisseurs Vincent Dieutre.
       
 (IMG) Bild: Vincent Dieutre (rechts) und sein Patensohn reisen in Mon voyage d'hiver“ (2003) durch ein kaltes Deutschland.
       
       Einige Monate bevor er im November 1975 ermordet wurde, hatte Pier Paolo
       Pasolini einen zutiefst kulturkritischen Text verfasst, „Das Machtvakuum in
       Italien“. Die Massenkultur, das Fernsehen, die Herabstufung des Bürgers zum
       Konsumenten, all dies trage unumkehrbar zu einer Aushöhlung der Kultur und
       zu einer Verdummung der Menschen bei.
       
       Pasolinis Tonfall war apodiktisch, und wer sich vor Augen führt, wie sich
       die Amtszeiten Silvio Berlusconis auf Italien ausgewirkt haben, für den mag
       es naheliegen, in den Abgesang einzustimmen. In dieser pessimistischen
       Perspektive hätte sich längst in postdemokratischen Alltag verwandelt, was
       für Pasolini noch die sich anbahnende Katastrophe war.
       
       Auftritt Georges Didi-Huberman. Der französische Theoretiker („Bilder trotz
       allem“) hat Pasolini in seinem Buch „Survivance des lucioles“ („Vom
       Überleben der Glühwürmchen“; die deutsche Ausgabe erschien 2012)
       widersprochen, und er hat sich vor einem Bücherregal dabei filmen lassen,
       wie er seine Ideen zu einer Widerständigkeit im Kleinen darlegt. Der Film
       heißt „Orlando ferito Roland blessé“ (Verwundeter Roland, 2013), und der
       Titel legt nahe, dass er noch mehr als die Gegenüberstellung von Pasolini
       und Didi-Huberman beinhaltet.
       
       Eine fiktive Figur aus dem frühen 16. Jahrhundert kommt hinzu, der rasende
       Roland, Held in Ariosts mäanderndem, bis zum Mond reisenden Versepos; eine
       Marionettentheatertruppe in Palermo bringt es auf die Bühne. Wer sich nun
       ungläubig fragt, wie um alles in der Welt das zusammengeht – Theorie und
       Politik, Mondreise und Glühwürmchen –, der hat noch keinen Film des
       französischen Regisseurs Vincent Dieutre gesehen.
       
       ## Tastend und tentativ
       
       Das Filmfestival Visions du Réel in der Westschweizer Kleinstadt Nyon
       widmet Dieutre gerade eines seiner beiden Ateliers, eine Retrospektive,
       flankiert von einem intensiven Werkstattgespräch, das am Donnerstag
       stattfindet. Eine gute Gelegenheit, zu verfolgen, wie der Pariser
       Filmemacher Entlegenes zusammenbringt, kombiniert und kontrastiert und
       dabei Bereiche fürs Kino erschließt, die normalerweise Buchautoren
       vorbehalten sind.
       
       Bei Dieutre geht es nämlich immer wieder um Theorie und Diskurs, um
       Kunstbetrachtung und -kritik. Seine Arbeitsweise in Filmen wie „Mon voyage
       d’hiver“ (2003), „Jaurès“ (2012), „Bologna Centrale“ (2003), „Leçons de
       ténèbres“ (2000) oder eben „Orlando ferito Roland blessé“ ist essayistisch
       im besten Sinne des Wortes: tastend und tentativ. Er tritt nicht mit der
       Geste desjenigen an, der Neues in die Welt setzt, sondern beschäftigt sich
       mit Vorhandenem – seien es Bücher, Gemälde, Filme oder Musikstücke –, und
       er tut dies auf eine offene, vagabundierende Weise, deshalb ist es auch
       nicht leicht, seine Arbeit auf den Punkt zu bringen.
       
       „In Orlando Ferito Roland blessé“ zum Beispiel mischen sich Theorie,
       Politik, schwule Liebes- und Bettgeschichten, sizilianisches Tagebuch und
       abgefilmtes Marionettentheater. Die Glühwürmchen, die metaphorischen
       Statthalter für die Möglichkeit von Einspruch und Veränderung, tanzen als
       digitale Leuchtkörper über den Dächern Palermos und als echte Tiere in
       einem üppigen Garten. In anderen Szenen verwandeln sie sich in aufglimmende
       Zigaretten (Dieutre raucht viel, in den Filmen genauso wie beim Gespräch),
       in wieder anderen treten die Aktivisten, die 2012 das Teatro Garibaldi in
       Palermo besetzen, an die Stelle der Glühwürmchen, später diejenigen, die
       den auf Lampedusa anlandenden Flüchtlingen zur Seite stehen.
       
       Das Teatro Garibaldi, führt Didi-Huberman in charmantem Italienisch aus,
       werde zwar geräumt, aber das sei kein Grund, die Besetzung für nutzlos zu
       erklären. Auch wenn sie nicht von Dauer ist, hinterlässt sie eine Spur, und
       diese Spur markiert eine Differenz. In Anlehnung an Walter Benjamin spricht
       Didi-Huberman von „organisiertem Pessimismus“: Die Spielräume sind klein
       bis nichtig, die Handlungsmöglichkeiten eingeschränkt, und was man in
       Angriff nimmt, ist zum Scheitern verurteilt. Und doch macht es einen
       Unterschied, ob man handelt oder ob man verzagt.
       
       ## Im 19. Arrondissement von Paris
       
       Eine ähnliche Geste lässt sich in „Jaurès“ erkennen, dem Protokoll einer
       vorübergehenden Besetzung. Flüchtlinge, junge Männer aus Afghanistan,
       campieren an einem Kanal im 19. Arrondissement von Paris, in der Nähe der
       nach einem Sozialisten benannten Metrostation Jaurès. Der Zufall will es,
       dass Dieutres Geliebter Simon eine Wohnung hat, deren Fenster auf das
       improvisierte Camp blicken. Dieutre verbringt die Nächte bei Simon, einen
       Schlüssel zur Wohnung hat er nicht, Simon definiert sich nicht als schwul,
       und Dieutre bleibt Gast in seinem Leben, irgendwann gehen die beiden
       auseinander.
       
       Doch solange Dieutre bei Simon übernachtet, filmt er vom Fenster aus die
       Flüchtlinge. Er geht nicht zu ihnen, er interviewt sie nicht, er gibt nicht
       vor, Informationen zu sammeln, die Fremdheit zu überwinden, zu helfen.
       Trotzdem legt der Blick aus der Ferne nach und nach Routinen, Tagesabläufe
       und den Einfallsreichtum frei, den die Not gebiert. Am Ende wird das Camp
       geräumt, die Zukunft der Männer ist ungewiss. Und doch macht es einen
       Unterschied, dass sie dort gewesen sind, so wie es einen Unterschied macht,
       dass Dieutre für eine Zeit Gast im Leben von Simon gewesen ist.
       
       „Ich bin froh, das es noch Leute gibt, die militantes Kino machen“, sagt
       Dieutre, als wir uns am Sonntagmittag auf der Place Perdtemps in Nyon
       gegenübersitzen. „Ich bin auch selbst in gewisser Weise militant, aber
       meine Filme legen keine Probleme dar, sie beobachten eher, wie ein Problem
       zu mir kommt.“ Dieutre ist 54 Jahre alt, die Haare und der Bart sind grau,
       die Falten um die Augen herum ausgeprägt. Wer mehrere seiner Filme
       hintereinander sieht, kann verfolgen, wie der Filmemacher älter wird.
       
       Denn Dieutre setzt sich in allen seinen Filmen in Szene, als Stimme aus dem
       Off und als Akteur im Bild, meistens in einem Hotelzimmer oder in
       Wohnungen, die Freunde dem Reisenden zur Verfügung stellen. Es verschlägt
       ihn nach Buenos Aires und Bologna, nach Catania und Dresden, nach Utrecht
       und Neapel, oft teilt er das Bett mit einem anderen Mann, mit Gaspare,
       Luigi, Werner, Tadeusz, Simon oder George, und manchmal – etwa in „Después
       de la revolución“ (2007), einem Travelogue aus Buenos Aires – geht es
       überraschend explizit zu.
       
       ## Schatten einer Sehne
       
       In einer zittrig-fiebrigen Bilderfolge, die vieles im Unscharfen belässt
       und sich an einzelnen, kaum zu definierenden Körperteilen festhält, blitzen
       Einstellungen auf einen erigierten Schwanz und eine anale Penetration auf.
       Mit Kondom. In „Leçon des ténèbres“ (2000) wiederum stellt das
       Zusammenspiel zweier Männerkörper in spärlichem Licht nach, was die Malerei
       des 16. und 17. Jahrhunderts so besonders macht: die Chiaroscuro-Effekte,
       das Modellieren von Körpern aus der Dunkelheit heraus. Der Schattenwurf
       einer gespannten Sehne auf einem Gemälde, das Dieutre betrachtet, findet
       ein visuelles Echo, wenn der Filmemacher im Schein einer Lampe seinen
       Geliebten umarmt.
       
       Erneut trifft zusammen, was auf den ersten Blick nicht zusammengehört:
       Hochkultur und schwuler Sex, Caravaggios Gemälde und der von jeder
       Schüchternheit befreite Blick auf Lust. „Ich mische immer das, was ich
       kulturelle Ideen nennen würde“, sagt Dieutre, „also Caravaggio in Rom oder
       Schubert in Deutschland, mit der materiellen Wahrheit von
       Männerbegegnungen, mit Cruising und Drogen.“
       
       Auch was das Material anbelangt, herrscht Vielfalt aus 35 mm, Super 8,
       analogem und digitalem Video. Wenn Dieutre anderen Filmemachern Tribut
       zollt, wenn er sich zum Beispiel in „Viaggio nella dopo-storia“ (2015) vor
       Roberto Rossellinis „Viaggio in Italia“ verbeugt, dann sieht man die Szenen
       aus dem Originalfilm nicht in guter Qualität, sondern unscharf,
       kontrastarm. Denn Dieutre findet sie im Internet und filmt sie von seinem
       Laptop ab. Das hat zum einen rechtliche Gründe, zum anderen liegt Dieutre
       viel an der Idee der Collage.
       
       „Ich beziehe mich auf die großen Gesten der modernen Kunst“, sagt er. „Es
       gibt zwei Thematiken: die des monochromen Bildes, der Leinwand, die man
       dann weiß anmalt. Das wäre die Landschaft, man stellt die Kamera auf und
       schaltet sie ein, und das ist’s. Die andere ist die des Readymades. Man
       findet etwas auf der Straße und sagt: ’Das ist mein Werk.‘ Die
       Duchamp-Geste. Das wären Amateuraufnahmen, Archivbilder oder Werbung. Nach
       diesen zwei großen Gesten kam Dada und erfand die Collage.“
       
       Das verbindende Moment in Dieutres Collagen, der Klebstoff, ist eine
       besondere Freigebigkeit: die Großzügigkeit derjenigen, die dem Reisenden
       ihre Wohnungen zur Verfügung stellen, die Hilfsbereitschaft derer, die
       Flüchtlinge unterstützen, die Offenheit derer, die ihre Körper und ihre
       Lust anbieten, die Gabe, in einer anderen als der eigenen Sprache zu reden.
       In Dieutres Filmen schottet sich nichts und niemanden ab, alles – Bilder,
       Menschen, Gedanken – strebt nach Austausch und Kontakt. Es ist eine
       allumfassende Zärtlichkeit, der man sich nicht entziehen kann und die in
       diesen Tagen, in denen die Abschottung Europas besonders fatale
       Konsequenzen hat, nötiger denn je ist.
       
       22 Apr 2015
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Cristina Nord
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Pier Paolo Pasolini
 (DIR) Kolonialismus
       
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