# taz.de -- Explosion der Gewalt in Ecuador
> Politische Morde, einflussreiche Drogenbanden und Verschwörungstheorien
(IMG) Bild: Totenmesse für den ermordeten Präsidentschaftskandidaten Villavicencio
von Maurice Lemoine
Guayaquil, 20. August: In Ecuadors Wirtschaftshauptstadt, der „Perle des
Pazifiks“, herrscht tiefste Nacht. Soeben erschien auf sämtlichen
Bildschirmen die Nachricht, dass die linke Kandidatin Luisa González von
der Bewegung „Bürgerrevolution“ (Movimiento Revolución Ciudadana, RC) die
erste Runde der Präsidentschaftswahl mit 33,61 Prozent der Stimmen gewonnen
hat.
In der Stichwahl wird sie gegen Daniel Noboa antreten, den Sohn eines
Bananenmagnaten, von der Nationalen Demokratischen Aktion (Acción
Democrática Nacional, ADN), der 23,47 Prozent der Stimmen holte.
Doch von Freudenkundgebungen und Feuerwerk keine Spur – dabei ist es warm,
fast heiß – ideales Wetter, um auf der Straße zu feiern, wenn die eigene
Partei gewonnen hat. Da ist aber niemand – abgesehen von etwa 60
Noboa-Anhängern, die sich vor einem Hotel am Malecón versammelt haben, der
Uferpromenade am Guaya.
Im Stadtzentrum um die Plaza San Francisco oder den Centenario-Park sieht
man nur erschreckend viele Obdachlose, die sich im Dunkel der Arkaden
niedergelassen haben. Rund um den Palacio Municipal, das Rathaus, in dem
ein RC-Bürgermeister residiert, sieht man keine Menschenseele. Es macht
sich das Gefühl breit, am Ende der Welt zu sein, das Bauchgefühl sagt:
Besser nicht zu lange hierbleiben.
Das bestätigt auch einer unserer Interviewpartner am nächsten Tag mit
hochgezogenen Augenbrauen: „Abends allein draußen herumlaufen? Auf keinen
Fall! Es ist sehr gefährlich.“
Schusswechsel, Autobomben: Die Stadt wird derzeit oftmals „Guayakill“
genannt. Doch in den anderen Städten des Landes ist es nicht besser. 2022
ging als das Jahr mit den meisten Gewalttaten in die Geschichte Ecuadors
ein: 4450 Tötungsdelikte, davon 84 Prozent mit Schusswaffen. Die Mordrate
liegt bei 25,5 Fällen auf 100 000 Einwohner:innen. Das Land gilt
mittlerweile als das gefährlichste der ganzen Region.
Am 9. August 2023 drehte sich die Spirale der Gewalt noch weiter: Zehn Tage
vor der Wahl wurde der Präsidentschaftskandidat Fernando Villavicencio
ermordet, ein Parlamentsabgeordneter und ehemaliger Investigativjournalist.
In der Woche zuvor hatte er von Morddrohungen berichtet und als Drahtzieher
José Adolfo Macías Villamar (genannt „Fito“) beschuldigt, den inhaftierten
Boss der Drogenbande Los Choneros.
Im Juli waren bereits drei andere Politiker gewaltsam zu Tode gekommen,
darunter der Bürgermeister der Hafenstadt Manta, Agustín Intriago. Sechs
Tage nach Villavicencio wurde der führende RC-Lokalpolitiker Pedro Briones
in Esmeraldas erschossen.
Unter Präsident Rafael Correa (2007–2017), dem damaligen Anführer der
„Bürgerrevolution“, galt Ecuador noch als relativ friedliches Land. Was hat
sich seitdem verändert?
Am 25. August 2023 entdeckte die Polizei im Hafen der spanischen Stadt
Algeciras 9,5 Tonnen Kokain in Bananencontainern – der größte Fund, der
je in Spanien gemacht wurde. Herkunftsland der Fracht: Ecuador.[1]
Koka wird in Bolivien, Kolumbien und Peru angebaut und zu Kokain oder
Kokainpaste verarbeitet. Anschließend wird die Droge über verschiedene
Verteilzentren verschickt: über Venezuela, Mexiko, Paraguay und das für
diese Zwecke ideal gelegene Ecuador, das zwischen Kolumbien und Peru liegt.
Ein weiterer Vorteil: Seit dem Jahr 2000 ist der US-Dollar Landeswährung,
daher lässt sich hier gut Geld waschen.
„Zwischen 1 und 5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts“, schätzt das
lateinamerikanische Strategiezentrum für Geopolitik (Celag) die Summe, „das
sind im Schnitt 3,5 Milliarden Dollar pro Jahr.“[2]Von den Pazifikhäfen
Guayaquil, Esmeraldas und Manta wird das weiße Pulver in die USA und nach
Europa verschifft. Koordiniert wird der Handel von den mexikanischen
Drogenkartellen. Sie sind auf dem gesamten Kontinent vertreten und lassen
ihre Geschäfte vor Ort von einheimischen Gangs erledigen.
Die älteste Bande Ecuadors ist Los Choneros, die in ihren besten Tagen 12
000 Mitglieder zählte – heute sind es deutlich weniger – und die mit dem
Sinaloa-Kartell zusammenarbeitet. Los Tiguerones und Los Lobos konkurrieren
mit jeweils 8000 Bewaffneten um den zweiten Platz, beide machen Geschäfte
mit dem Jalisco-Kartell Neue Generation (CJNG).
## Seit der Pandemie mischt auch die albanische Mafia mit
Darüber hinaus ist ein halbes Dutzend kleinerer Banden in den
Küstenprovinzen Guayas, Esmeraldas, Manabí und El Oro aktiv, über die
Hälfte der Morde geht auf ihr Konto. Niemand ist vor ihnen sicher, jeder
kann sich zur falschen Zeit am falschen Ort befinden oder zufällig zwischen
die Fronten geraten.
So geschah es einem Hafenarbeiter in Guayaquil, der Ende Juni 2023 seiner
Familie erzählte, ein paar Leute wollten ihn dazu zwingen, Drogen in den
Hafenbereich hineinzulassen, um sie zu verschiffen. „Mir könnte was
passieren, helft mir, einen anderen Job zu finden!“ Doch da war es bereits
zu spät. Am 1. Juli starb er in der Nähe des Hafens im Kugelhagel, zusammen
mit vier Kollegen.
Auch ausländische Banden mischen mit, so die große venezolanische Bande
Tren de Aragua, Abspaltungen der kolumbianischen Farc-Guerilla und andere
bewaffnete Kriminelle aus dem Süden Kolumbiens;[3]zudem gelangen aus dem
Norden von Peru Waffen, Munition und Sprengstoff ins Land.
Aber das ist noch nicht alles. Die Internetzeitung La Posta veröffentlichte
im Januar 2023 eine Reportage mit dem Titel „El Gran Padrino“ („Der große
Pate“).[4]Darin wurde die Korruption innerhalb der staatlichen Betriebe
enthüllt – und die guten Verbindungen des Schwagers von Präsident Guillermo
Lasso zur albanischen Mafia. Es kam zum Amtsenthebungsverfahren gegen den
Staatschef, der seinerseits die Verfassungsklausel des „wechselseitigen
Todes“ (muerte cruzada) nutzte, um das Parlament aufzulösen. Innerhalb von
sechs Monaten mussten Präsident und Nationalversammlung neu gewählt werden.
„Die albanische Mafia!“, ruft Samantha Gordillo von der Beobachtungsstelle
für Sicherheit in der Stadt Quito. „Das hat uns wirklich umgehauen.“ Zwar
waren „die Albaner“ schon lange vor Ort, hatten sich bislang aber recht
diskret an verschiedenen kriminellen Aktivitäten beteiligt – ein wenig
Prostitution hier, ein wenig Diebstahl, das Übliche eben.
Sie hatten sich nie mit den Mexikanern angelegt. Dann zwang die
Coronapandemie 2020 das Land in die Knie und behinderte selbst die
organisierte Kriminalität. Diese Chance nutzten die Albaner. „Das ist
eigentlich keine Überraschung“, meint Gordillo, „denn der wichtigste Markt
für Kokain ist derzeit Europa. Sie haben sich also gesagt: Wir könnten die
Route doch selber managen, warum sollen wir die Mexikaner dafür bezahlen?“
Seitdem streiten sich die Choneros, die Tiguerones, die Lobos und die
Albaner um die Territorien, die sie sich unter den Nagel gerissen haben,
als der Staat sich während der Pandemie weitgehend zurückzog. Die kleineren
„Pandillas“ rivalisieren darin, den großen ihre Dienste anzubieten. „Um
dich zu beweisen, musst du spektakuläre Taten vorweisen“, so Gordillo, „und
deshalb gibt es auch so viel tödliche Gewalt.“ Zumal es in der Branche
nicht an Arbeitskräften mangelt.
Von den Folgen der Coronakrise hat sich Ecuador noch lange nicht erholt –
36 000 Menschen sind infolge der Pandemie gestorben, bei einer Bevölkerung
von 17 Millionen. Die Wirtschaft kam zum Erliegen, offizielle wie
informelle Arbeitsplätze gingen verloren, die Menschen verarmten, das
Schulsystem litt.
Die Gangs kontrollierten von da an nicht nur verschiedene Landesteile,
sondern überfluteten rasch und brutal die armen Viertel, vor allem an der
Küste. „Nach dem Lockdown war es sehr schwer, die Jugendlichen wieder
zurück in die Schule zu holen“, erzählt Gordillo. „Der Anstieg der Armut
war die ideale Voraussetzung, um diese jungen Leute anzuheuern – für 50
Dollar die Woche, mehr als das Doppelte des Mindestlohns.“
Mit einer solchen Armee von Freiwilligen breiteten sich alle Arten von
Kriminalität im Alltag aus. Jede Woche oder jeden Monat müssen Unternehmen,
Läden, teilweise sogar Familien die sogenannte vacuna (Impfung) bezahlen,
das Schutzgeld. Wer sich weigert, bekommt Drohanrufe oder einen
„Hausbesuch“.
„In den letzten zwei Jahren hat das alles extrem zugenommen“, erzählt uns
ein Mann aus der Hauptstadt Quito. „Es gibt immer mehr Entführungen mit
Lösegeldforderungen. Du kannst abends nicht mal draußen ein Bier trinken
gehen.“
Innenminister Juan Zapata wiegelte ab: „Die gewaltsamen Tode lassen sich
genau verorten. Ecuador hat 24 Provinzen, und das Problem konzentriert sich
auf fünf davon, nämlich die, wo die Drogenrouten verlaufen.“ Diese
Relativierung lässt sich ihrerseits relativieren: Selbst in der Sierra, im
andinen Landesinneren mit seinen schroffen Hängen, öden Tälern und
tiefhängenden Wolken berichten die ohnehin schon bettelarmen Kleinbauern
von Schutzgelderpressungen. Transportfirmen bezahlen schon mal 10 000
US-Dollar, um einen gestohlenen Lastwagen zurückzubekommen.
Auch in Quito trägt man den Rucksack sicherheitshalber lieber vor dem
Bauch. Aber in vielen Vierteln haben die Leute die Nase voll und schließen
sich über Whatsapp-Gruppen zusammen. Sie installieren Überwachungskameras
und Alarmsysteme. In der Vorstadt Mulauco und im Viertel Llano Chico sieht
man Plakate mit der Aufschrift „Jeder Dieb wird verbrannt“.
Ein Leben ist nicht mehr viel wert. In den Gefängnissen sitzen derzeit nach
Angaben der Justizvollzugsbehörden (SNAI) dreimal so viele Strafgefangene
ein wie vor 15 Jahren: 13 000 im Jahr 2008, und 39 000 im laufenden Jahr
2023. In den Knästen kommt es zu blutigen Kämpfe zwischen den Tiguerones,
die in Esmeraldas konzentriert sind, den Lobos, die vor allem in El Inca
(Quito) einsitzen, und den Choneros, die über alle Gefängnisse verteilt
sind. Seit Februar 2021 wurden bei einem Dutzend Gangkriegen 420 Insassen
getötet, durch Schusswaffen oder Handgranaten, manche wurden enthauptet,
lebendig verbrannt oder verstümmelt.
Wie Villavicencio, der bis zuletzt als erbitterter Gegner von Correas
„Bürgerrevolution“ auftrat, suchen rechte Parteien und die mit ihnen
verbundenen Medien die Gründe für das Chaos bei dessen Regierung: Präsident
Correa hatte 2009 das Abkommen über den US-Militärstützpunkt Manta nicht
verlängert, der seit 1999 als Basis im „War on Drugs“ diente. Correa nahm
sogar das Verbot jeder dauerhaften ausländischen Militärpräsenz im Land in
die Verfassung auf, die durch eine Volksabstimmung bestätigt wurde.
„Das ist so absurd!“, schimpft Gordillo. „In den Kriminalitätsstatistiken
haben wir die besten Ergebnisse erzielt, nachdem die Basis bereits
geschlossen war. Und das betraf nicht nur Tötungsdelikte, sondern auch
sexuelle Gewalt und Menschenhandel.“[5]
Der Aktivist Eduardo Meneses, der von 2013 bis 2016 für die
Correa-Regierung tätig war und sich als „kritischer Unterstützer“ der RC
bezeichnet, glaubt: „Die wachsende Unsicherheit hat mit dem Rückzug des
Staats zu tun.“
Mit dem Amtsantritt von Präsident Lenín Moreno 2017 begann eine neoliberale
Wende, von der alle Institutionen betroffen waren. Das Justizministerium,
dem die Gefängnisse unterstellt sind, das Ministerium zur Koordination der
Sicherheit und der Nationale Rat zur Kontrolle von Betäubungsmitteln wurden
abgeschafft und im Innenministerium zusammengefasst, dessen Haushaltsmittel
man drastisch zusammenstrich.
Die Fachschule zur Ausbildung von Justizvollzugspersonal wurde geschlossen.
„Die jungen Wachleute, die wie die Polizisten nur prekär beschäftigt sind,
werden nur kurz geschult“, erklärt Meneses. Ihre Arbeit wird schlecht
entlohnt, mit 800 bis 900 Dollar im Monat. Und sie werden samt Familien oft
von den Häftlingen unter Druck gesetzt und bedroht. Der Staat bietet ihnen
keinen Schutz.
Wie in vielen anderen Bereichen verbreitet sich auch hier eine gefährliche
Mischung aus Angst und Korruption. Häftlinge übernehmen das Kommando. Im
August 2023 konfiszierten Polizei und Streitkräfte im Verlauf einer
spektakulären Razzia im gefährlichsten Gefängnis des Landes in Guayas 96
Schusswaffen, 26 000 Schuss Munition und 8 Handgranaten. Das hielt die
Insassen jedoch nicht davon ab, weiterhin ihre „Pressekonferenzen“ über
soziale Medien zu verbreiten.
Bei der Polizei wurde das Budget nicht so stark gekürzt, aber das Geld wird
offenbar nicht an der richtigen Stelle ausgegeben. „In der Regierungszeit
der ‚Bürgerrevolution‘ gab es eine Nachbarschaftspolizei und ein ganzes
Netz von Überwachungskameras, öffentliche Sicherheit und die
Aufrechterhaltung der Ordnung hatten hohe Priorität“, fährt Meneses fort,
„das haben sie alles abgeschafft.“
Im Oktober 2019 kam es zu Protesten gegen die Regierung Moreno mit zehn
Toten, 1300 Verletzten und fast 200 Verhaftungen; im Juni 2022 kamen bei
einem 18-tägigen landesweiten Streik neun Menschen ums Leben, 318 wurden
verletzt und 162 verhaftet. „Die Mittel wurden also umgeleitet, um
Ausrüstung für Aufstandsbekämpfung anzuschaffen, das ging in die Millionen.
Die Nachrichtendienste kümmerten sich nicht mehr um die organisierte
Kriminalität und beschäftigten sich mehr mit Überwachung und Infiltration
von sozialen Bewegungen.“
Die Situation ist mittlerweile völlig außer Kontrolle geraten. Die
Korruption betrifft selbst die höchsten Ebenen. US-Botschafter Michael
Fitzpatrick erklärte im Dezember 2021, es gebe Drogen-Generäle in der
Polizei. Seit Oktober 2021 folgt ein Ausnahmezustand auf den anderen,
manchmal auch mit Ausgangssperren. Innenminister Zapata will die
Polizeikräfte bis 2024 von 49 000 auf 82 000 aufstocken. Die Ausbildung
dauert jedoch nur ein halbes Jahr. Die jungen Polizisten würden schnell von
den Banden angeworben, meint eine Frau aus Quito. „Ich sehe sie durch die
Straßen patrouillieren, die haben ja mehr Angst als ich! Sie hoffen bloß,
dass nichts passiert.“
Bei den Regional- und Gemeindewahlen am 5. Februar 2023 feierte die RC
wieder Erfolge, während Ex-Präsident Correa weiterhin mit seiner belgischen
Frau Anne Malherbe in Brüssel lebt und sich in Ecuador aufgrund einer
Verurteilung wegen Korruption nicht mehr politisch betätigen darf. Die RC
stellt neun Gouverneure, auch in den bevölkerungsreichen Provinzen
Pichincha, Guayas und Manabí, und stellt 50 Bürgermeister, darunter in
Quito und in Guayaquil.
Das Wahlbündnis von Präsident Lasso namens „Gelegenheiten schaffen“
(Creando Oportunidades, Creo) erhielt dagegen nur 9,03 Prozent der
Wählerstimmen, konnte keine einzige Provinz gewinnen und darf lediglich in
25 von 32 Gemeinden weiterregieren.
Dafür gibt es gute Gründe: Zum einen tauchte Lasso in den „Panama Papers“
auf; zum anderen kam durch die Enthüllungen heraus, dass Danilo Carrera,
Schwager und Vertrauter des Präsidenten, über seinen Verbindungsmann Rubén
Cherres Verbindungen zur albanischen Mafia unterhielt. Nach Aussagen der
Ermittler erleichterte der Einfluss der beiden Männer auf die Zollbehörden
und das Energieministerium Geldwäsche sowie Waffen- und Drogenhandel. Die
Polizeiführung hatte versucht, die Sache zu vertuschen, um „dem Präsidenten
nicht zu schaden“, der seinerseits nichts unternommen hatte.
Dass man hier in trüben Gewässern fischte, wurde deutlich, als Cherres am
31. März 2023 ermordet wurde. Am 19. April wurde Carrera, der gerade aus
dem Land fliehen wollte, am Flughafen von Guayaquil verhaftet. Lasso trat
zurück, bevor er gestürzt werden konnte. Es gab vorgezogene Neuwahlen.
Pachakutik, die politische Partei der Indigenenbewegung, ist gespalten. Der
Umweltaktivist Yaku Pérez, der 2021 für sie angetreten war, ging an der
Spitze seines Bündnisses „Claro que se puede“ (Natürlich schaffen wir das)
mit 19,4 Prozent der Stimmen als Dritter ins Ziel. Die indigene Bewegung
kann Correa und seiner RC nicht verzeihen, dass er in seiner
Entwicklungspolitik auf Bergbau und Ölförderung gesetzt hat.[6]Die
Initiative, das Öl unter dem Yasuní-Nationalpark gegen Zahlungen der
Industrieländer im Boden zu lassen, gab Correa auf, als die
Zahlungsbereitschaft des Globalen Nordens sich in Grenzen hielt.[7]
„Wir sind gegen den Extraktivismus“, bestätigt uns Zenaida Yasacama,
Vizepräsidentin des Bündnisses der indigenen Nationalitäten Ecuadors
(Conaie). „Wir stellen uns gegen die Ausbeutung von Erz, Holz, fossilen
Brennstoffen, gegen alles, was die Natur zerstört.“ Diese radikale Haltung
entspricht den aktuellen und legitimen Sorgen aufgrund der Klimakrise,
allerdings ist sie innerhalb der Conaie nicht konsistent. 2019 und 2022
protestierte Conaie, als Preissubventionen für Benzin und Diesel
abgeschafft werden sollten.
So standen die Dinge, als Villavicencio, der in den Umfragen auf dem
vierten oder fünften Platz lag, ohne gepanzerten Wagen, Fahrer und
Leibwächter von Guayaquil zu einer Wahlveranstaltung in die Hauptstadt fuhr
und von einem Killerkommando ermordet wurde. Von da an fanden politische
Auftritte und fast der gesamte Wahlkampf nur noch in den sozialen Medien
statt. Der Journalist Christian Zurita, ein Vertrauter Villavicencios, trat
an dessen Stelle an die Spitze der Bewegung „Construye“ (Bau auf).
Zurita absolvierte nur einen einzigen Auftritt vor ausgewähltem Publikum,
in schusssicherer Weste mit Helm und geschützt von einer schwer bewaffneten
Eskorte: Es war eine Totenmesse für Villavicencio, die ein Polizeipfarrer
hielt. Die letzte Etappe vor den Wahlen war von einer allgemeinen Paranoia
geprägt.
Die RC, die das Attentat ebenso verurteilt hatte wie die übrigen
politischen Parteien, bekam das am meisten zu spüren. Tatsächlich „helfen
Gewalt und Angst niemals der Linken“, meint Meneses. „Angesichts einer
derartigen Unsicherheit verfängt die soziale Botschaft der RC nicht mehr.“
In einem traumatisierten Land, das die immer noch heftigen
Auseinandersetzungen um die Person und die Politik Correas satthat, gelang
es Noboa, sich aus den Polarisierungen herauszuhalten und als Vertreter
eines Neoliberalismus mit menschlichem Antlitz zu präsentieren. Er schaffte
es auch, den rechten Populismus seiner Stellvertreterin Verónica Abad –
einer ausgewiesenen Libertären, die Donald Trump und Jair Bolsonaro
bewundert – in den Hintergrund treten zu lassen.
Viele ließen sich von Noboas Jugendlichkeit überzeugen und sahen darüber
hinweg, dass er die alte Elite verkörpert, die seit jeher eng mit dem
Unternehmertum verbunden ist. Die Stichwahl am 15. Oktober gewann Noboa mit
52,3 Prozent der Stimmen.
Dass er versprochen hatte, die Steuern auf Kapitalexporte abzuschaffen,
interessierte wenige; die Aufmerksamkeit galt vielmehr seinen Versprechen,
die Häfen und Grenzen militärisch abzusichern, und „schwimmende Gefängnisse
auf Schiffen“ einzurichten, „weitab von der Küste, auf denen gefährliche
Kriminelle untergebracht werden, damit sie nicht mehr aus dem Gefängnis
heraus ihre Operationen leiten können“. Auch die indigene, umweltbewusste
Wählerschaft im Landesinneren stimmte auf breiter Front für Noboa. An der
Küste überwogen die Stimmen für Luisa González von der RC.
Am Tag nach Villavicencios Tod klagte seine Witwe Verónica Sarauz Präsident
Lasso an, der Staat trage eine Mitverantwortung an dem Mord. Und sie fügte
hinzu: „Ich möchte dem Correa-Lager sagen, dass ich weiß, dass alle mit
drinstecken.“ Auf den Wänden der Vorstädte von Quito sah man Graffiti:
„Mörder Correa“. Auch Lasso selbst sprach, ohne sie beim Namen zu nennen,
von „einer politischen Partei“, die „keinesfalls wieder an die Macht
kommen“ dürfe.
Innerhalb weniger Stunden nach dem Attentat wurden sechs Kolumbianer
verhaftet. Das FBI wurde um Amtshilfe gebeten, und das US-Außenministerium
bot 5 Millionen Dollar für Hinweise auf die Auftraggeber. Am 6. Oktober
fand man die sechs Kolumbianer erhängt im Gefängnis Guayas 1 in Guayaquil.
Ein weiterer Verdächtiger wurde einen Tag später im Gefängnis El Inca
ermordet.
Gleichzeitig erklärten die Kommissare José Luis Erazo und Rodney Rangel,
die die Ermittlungen in der Affäre um den Präsidentenschwager geführt
hatten, man habe sie mit dem Tod bedroht; dann seien sie von dem Fall
abgezogen worden. Rangel floh und erklärte später aus dem Exil, er habe vor
den Morddrohungen gegen Villavicencio gewarnt, der mit den Ermittlungen
vertraut gewesen sei und daher über brisante Informationen verfügt habe.
Das Attentat war wohl keine persönliche Abrechnung. Es war eine politische
Botschaft der Drogenbosse an die Gesellschaft: „Wir sind da!“
1↑ In Ecuador selbst wurden 2021 und 2022 über 420 Tonnen Drogen
sichergestellt.
2↑ [1][„Cuánto dinero se lava en el sistema financiero ecuatoriano“],
Bericht der Celag, 14. Januar 2023.
3↑ Siehe Sara Meyer, [2][„Koka, Waffen und ein bisschen Hoffnung. Unterwegs
im Südwesten Kolumbiens“], LMd, November 2023.
4↑ [3][„El Gran Padrino“], investigacioneslaposta.com, 9. Januar 2023.
5↑ Nach Zahlen der internationalen [4][Datenbank Datosmacros]: 17,98 Morde
auf 100 000 Einwohnende in 2008 gegenüber 5,81 in 2017.
6↑ Siehe Aurélien Bernier, [5][„Öko-Poker um Ecuador“], LMd, Juni 2012.
7↑ Siehe Alberto Acosta, [6][„Öl für zehn Tage“], LMd, März 2011.
Aus dem Französischen von Sabine Jainski
Maurice Lemoine ist Journalist und Schriftsteller. Zuletzt erschien von ihm
„Juanito la vermine, Roi du Venezuela“, Montreuil (Le Temps des cerises)
2023.
7 Dec 2023
## LINKS
(DIR) [1] https://www.celag.org/cuanto-dinero-se-lava-en-el-sistema-financiero-ecuatoriano-una-aproximacion-desde-las-cifras-macroeconomicas/
(DIR) [2] https://monde-diplomatique.de/artikel/!5970352
(DIR) [3] https://investigacioneslaposta.com/
(DIR) [4] https://datosmacro.expansion.com/paises/ecuador
(DIR) [5] https://monde-diplomatique.de/artikel/!586653
(DIR) [6] https://monde-diplomatique.de/artikel/!316271
## AUTOREN
(DIR) Maurice Lemoine
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