# taz.de -- Explosion der Gewalt in Ecuador
       
       > Politische Morde, einflussreiche Drogenbanden und Verschwörungstheorien
       
 (IMG) Bild: Totenmesse für den ermordeten Präsidentschaftskandidaten Villavicencio
       
       von Maurice Lemoine
       
       Guayaquil, 20. August: In Ecuadors Wirtschaftshauptstadt, der „Perle des
       Pazifiks“, herrscht tiefste Nacht. Soeben erschien auf sämtlichen
       Bildschirmen die Nachricht, dass die linke Kandidatin Luisa González von
       der Bewegung „Bürgerrevolution“ (Movimiento Revolución Ciudadana, RC) die
       erste Runde der Präsidentschaftswahl mit 33,61 Prozent der Stimmen gewonnen
       hat.
       
       In der Stichwahl wird sie gegen Daniel Noboa antreten, den Sohn eines
       Bananenmagnaten, von der Nationalen Demokratischen Aktion (Acción
       Democrática Nacional, ADN), der 23,47 Prozent der Stimmen holte.
       
       Doch von Freudenkundgebungen und Feuerwerk keine Spur – dabei ist es warm,
       fast heiß – ideales Wetter, um auf der Straße zu feiern, wenn die eigene
       Partei gewonnen hat. Da ist aber niemand – abgesehen von etwa 60
       Noboa-Anhängern, die sich vor einem Hotel am Malecón versammelt haben, der
       Uferpromenade am Guaya.
       
       Im Stadtzentrum um die Plaza San Francisco oder den Centenario-Park sieht
       man nur erschreckend viele Obdachlose, die sich im Dunkel der Arkaden
       niedergelassen haben. Rund um den Palacio Municipal, das Rathaus, in dem
       ein RC-Bürgermeister residiert, sieht man keine Menschenseele. Es macht
       sich das Gefühl breit, am Ende der Welt zu sein, das Bauchgefühl sagt:
       Besser nicht zu lange hierbleiben.
       
       Das bestätigt auch einer unserer Interviewpartner am nächsten Tag mit
       hochgezogenen Augenbrauen: „Abends allein draußen herumlaufen? Auf keinen
       Fall! Es ist sehr gefährlich.“
       
       Schusswechsel, Autobomben: Die Stadt wird derzeit oftmals „Guayakill“
       genannt. Doch in den anderen Städten des Landes ist es nicht besser. 2022
       ging als das Jahr mit den meisten Gewalttaten in die Geschichte Ecuadors
       ein: 4450 Tötungsdelikte, davon 84 Prozent mit Schusswaffen. Die Mordrate
       liegt bei 25,5 Fällen auf 100 000 Einwohner:innen. Das Land gilt
       mittlerweile als das gefährlichste der ganzen Region.
       
       Am 9. August 2023 drehte sich die Spirale der Gewalt noch weiter: Zehn Tage
       vor der Wahl wurde der Präsidentschaftskandidat Fernando Villavicencio
       ermordet, ein Parlamentsabgeordneter und ehemaliger Investigativjournalist.
       In der Woche zuvor hatte er von Morddrohungen berichtet und als Drahtzieher
       José Adolfo Macías Villamar (genannt „Fito“) beschuldigt, den inhaftierten
       Boss der Drogenbande Los Choneros.
       
       Im Juli waren bereits drei andere Politiker gewaltsam zu Tode gekommen,
       darunter der Bürgermeister der Hafenstadt Manta, Agustín Intriago. Sechs
       Tage nach Villavicencio wurde der führende RC-Lokalpolitiker Pedro Briones
       in Esmeraldas erschossen.
       
       Unter Präsident Rafael Correa (2007–2017), dem damaligen Anführer der
       „Bürgerrevolution“, galt Ecuador noch als relativ friedliches Land. Was hat
       sich seitdem verändert?
       
       Am 25. August 2023 entdeckte die Polizei im Hafen der spanischen Stadt
       Algeciras 9,5 Tonnen Kokain in Bananencontainern – der größte Fund, der
       je in Spanien gemacht wurde. Herkunftsland der Fracht: Ecuador.[1]
       
       Koka wird in Bolivien, Kolumbien und Peru angebaut und zu Kokain oder
       Kokainpaste verarbeitet. Anschließend wird die Droge über verschiedene
       Verteilzentren verschickt: über Venezuela, Mexiko, Paraguay und das für
       diese Zwecke ideal gelegene Ecuador, das zwischen Kolumbien und Peru liegt.
       Ein weiterer Vorteil: Seit dem Jahr 2000 ist der US-Dollar Landeswährung,
       daher lässt sich hier gut Geld waschen.
       
       „Zwischen 1 und 5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts“, schätzt das
       lateinamerikanische Strategiezentrum für Geopolitik (Celag) die Summe, „das
       sind im Schnitt 3,5 Milliarden Dollar pro Jahr.“[2]Von den Pazifikhäfen
       Guayaquil, Esmeraldas und Manta wird das weiße Pulver in die USA und nach
       Europa verschifft. Koordiniert wird der Handel von den mexikanischen
       Drogenkartellen. Sie sind auf dem gesamten Kontinent vertreten und lassen
       ihre Geschäfte vor Ort von einheimischen Gangs erledigen.
       
       Die älteste Bande Ecuadors ist Los Choneros, die in ihren besten Tagen 12
       000 Mitglieder zählte – heute sind es deutlich weniger – und die mit dem
       Sinaloa-Kartell zusammenarbeitet. Los Tiguerones und Los Lobos konkurrieren
       mit jeweils 8000 Bewaffneten um den zweiten Platz, beide machen Geschäfte
       mit dem Jalisco-Kartell Neue Generation (CJNG).
       
       ## Seit der Pandemie mischt auch die albanische Mafia mit
       
       Darüber hinaus ist ein halbes Dutzend kleinerer Banden in den
       Küstenprovinzen Guayas, Esmeraldas, Manabí und El Oro aktiv, über die
       Hälfte der Morde geht auf ihr Konto. Niemand ist vor ihnen sicher, jeder
       kann sich zur falschen Zeit am falschen Ort befinden oder zufällig zwischen
       die Fronten geraten.
       
       So geschah es einem Hafenarbeiter in Guayaquil, der Ende Juni 2023 seiner
       Familie erzählte, ein paar Leute wollten ihn dazu zwingen, Drogen in den
       Hafenbereich hineinzulassen, um sie zu verschiffen. „Mir könnte was
       passieren, helft mir, einen anderen Job zu finden!“ Doch da war es bereits
       zu spät. Am 1. Juli starb er in der Nähe des Hafens im Kugelhagel, zusammen
       mit vier Kollegen.
       
       Auch ausländische Banden mischen mit, so die große venezolanische Bande
       Tren de Aragua, Abspaltungen der kolumbianischen Farc-Guerilla und andere
       bewaffnete Kriminelle aus dem Süden Kolumbiens;[3]zudem gelangen aus dem
       Norden von Peru Waffen, Munition und Sprengstoff ins Land.
       
       Aber das ist noch nicht alles. Die Internetzeitung La Posta veröffentlichte
       im Januar 2023 eine Reportage mit dem Titel „El Gran Padrino“ („Der große
       Pate“).[4]Darin wurde die Korruption innerhalb der staatlichen Betriebe
       enthüllt – und die guten Verbindungen des Schwagers von Präsident Guillermo
       Lasso zur albanischen Mafia. Es kam zum Amtsenthebungsverfahren gegen den
       Staatschef, der seinerseits die Verfassungsklausel des „wechselseitigen
       Todes“ (muerte cruzada) nutzte, um das Parlament aufzulösen. Innerhalb von
       sechs Monaten mussten Präsident und Nationalversammlung neu gewählt werden.
       
       „Die albanische Mafia!“, ruft Samantha Gordillo von der Beobachtungsstelle
       für Sicherheit in der Stadt Quito. „Das hat uns wirklich umgehauen.“ Zwar
       waren „die Albaner“ schon lange vor Ort, hatten sich bislang aber recht
       diskret an verschiedenen kriminellen Aktivitäten beteiligt – ein wenig
       Prostitution hier, ein wenig Diebstahl, das Übliche eben.
       
       Sie hatten sich nie mit den Mexikanern angelegt. Dann zwang die
       Coronapandemie 2020 das Land in die Knie und behinderte selbst die
       organisierte Kriminalität. Diese Chance nutzten die Albaner. „Das ist
       eigentlich keine Überraschung“, meint Gordillo, „denn der wichtigste Markt
       für Kokain ist derzeit Europa. Sie haben sich also gesagt: Wir könnten die
       Route doch selber managen, warum sollen wir die Mexikaner dafür bezahlen?“
       
       Seitdem streiten sich die Choneros, die Tiguerones, die Lobos und die
       Albaner um die Territorien, die sie sich unter den Nagel gerissen haben,
       als der Staat sich während der Pandemie weitgehend zurückzog. Die kleineren
       „Pandillas“ rivalisieren darin, den großen ihre Dienste anzubieten. „Um
       dich zu beweisen, musst du spektakuläre Taten vorweisen“, so Gordillo, „und
       deshalb gibt es auch so viel tödliche Gewalt.“ Zumal es in der Branche
       nicht an Arbeitskräften mangelt.
       
       Von den Folgen der Coronakrise hat sich Ecuador noch lange nicht erholt –
       36 000 Menschen sind infolge der Pandemie gestorben, bei einer Bevölkerung
       von 17 Millionen. Die Wirtschaft kam zum Erliegen, offizielle wie
       informelle Arbeitsplätze gingen verloren, die Menschen verarmten, das
       Schulsystem litt.
       
       Die Gangs kontrollierten von da an nicht nur verschiedene Landesteile,
       sondern überfluteten rasch und brutal die armen Viertel, vor allem an der
       Küste. „Nach dem Lockdown war es sehr schwer, die Jugendlichen wieder
       zurück in die Schule zu holen“, erzählt Gordillo. „Der Anstieg der Armut
       war die ideale Voraussetzung, um diese jungen Leute anzuheuern – für 50
       Dollar die Woche, mehr als das Doppelte des Mindestlohns.“
       
       Mit einer solchen Armee von Freiwilligen breiteten sich alle Arten von
       Kriminalität im Alltag aus. Jede Woche oder jeden Monat müssen Unternehmen,
       Läden, teilweise sogar Familien die sogenannte vacuna (Impfung) bezahlen,
       das Schutzgeld. Wer sich weigert, bekommt Drohanrufe oder einen
       „Hausbesuch“.
       
       „In den letzten zwei Jahren hat das alles extrem zugenommen“, erzählt uns
       ein Mann aus der Hauptstadt Quito. „Es gibt immer mehr Entführungen mit
       Lösegeldforderungen. Du kannst abends nicht mal draußen ein Bier trinken
       gehen.“
       
       Innenminister Juan Zapata wiegelte ab: „Die gewaltsamen Tode lassen sich
       genau verorten. Ecuador hat 24 Provinzen, und das Problem konzentriert sich
       auf fünf davon, nämlich die, wo die Drogenrouten verlaufen.“ Diese
       Relativierung lässt sich ihrerseits relativieren: Selbst in der Sierra, im
       andinen Landesinneren mit seinen schroffen Hängen, öden Tälern und
       tiefhängenden Wolken berichten die ohnehin schon bettelarmen Kleinbauern
       von Schutzgelderpressungen. Transportfirmen bezahlen schon mal 10 000
       US-Dollar, um einen gestohlenen Lastwagen zurückzubekommen.
       
       Auch in Quito trägt man den Rucksack sicherheitshalber lieber vor dem
       Bauch. Aber in vielen Vierteln haben die Leute die Nase voll und schließen
       sich über Whatsapp-Gruppen zusammen. Sie installieren Überwachungskameras
       und Alarmsysteme. In der Vorstadt Mulauco und im Viertel Llano Chico sieht
       man Plakate mit der Aufschrift „Jeder Dieb wird verbrannt“.
       
       Ein Leben ist nicht mehr viel wert. In den Gefängnissen sitzen derzeit nach
       Angaben der Justizvollzugsbehörden (SNAI) dreimal so viele Strafgefangene
       ein wie vor 15 Jahren: 13 000 im Jahr 2008, und 39 000 im laufenden Jahr
       2023. In den Knästen kommt es zu blutigen Kämpfe zwischen den Tiguerones,
       die in Esmeraldas konzentriert sind, den Lobos, die vor allem in El Inca
       (Quito) einsitzen, und den Choneros, die über alle Gefängnisse verteilt
       sind. Seit Februar 2021 wurden bei einem Dutzend Gangkriegen 420 Insassen
       getötet, durch Schusswaffen oder Handgranaten, manche wurden enthauptet,
       lebendig verbrannt oder verstümmelt.
       
       Wie Villavicencio, der bis zuletzt als erbitterter Gegner von Correas
       „Bürgerrevolution“ auftrat, suchen rechte Parteien und die mit ihnen
       verbundenen Medien die Gründe für das Chaos bei dessen Regierung: Präsident
       Correa hatte 2009 das Abkommen über den US-Militärstützpunkt Manta nicht
       verlängert, der seit 1999 als Basis im „War on Drugs“ diente. Correa nahm
       sogar das Verbot jeder dauerhaften ausländischen Militärpräsenz im Land in
       die Verfassung auf, die durch eine Volksabstimmung bestätigt wurde.
       
       „Das ist so absurd!“, schimpft Gordillo. „In den Kriminalitätsstatistiken
       haben wir die besten Ergebnisse erzielt, nachdem die Basis bereits
       geschlossen war. Und das betraf nicht nur Tötungsdelikte, sondern auch
       sexuelle Gewalt und Menschenhandel.“[5]
       
       Der Aktivist Eduardo Meneses, der von 2013 bis 2016 für die
       Correa-Regierung tätig war und sich als „kritischer Unterstützer“ der RC
       bezeichnet, glaubt: „Die wachsende Unsicherheit hat mit dem Rückzug des
       Staats zu tun.“
       
       Mit dem Amtsantritt von Präsident Lenín Moreno 2017 begann eine neoliberale
       Wende, von der alle Institutionen betroffen waren. Das Justizministerium,
       dem die Gefängnisse unterstellt sind, das Ministerium zur Koordination der
       Sicherheit und der Nationale Rat zur Kontrolle von Betäubungsmitteln wurden
       abgeschafft und im Innenministerium zusammengefasst, dessen Haushaltsmittel
       man drastisch zusammenstrich.
       
       Die Fachschule zur Ausbildung von Justizvollzugspersonal wurde geschlossen.
       „Die jungen Wachleute, die wie die Polizisten nur prekär beschäftigt sind,
       werden nur kurz geschult“, erklärt Meneses. Ihre Arbeit wird schlecht
       entlohnt, mit 800 bis 900 Dollar im Monat. Und sie werden samt Familien oft
       von den Häftlingen unter Druck gesetzt und bedroht. Der Staat bietet ihnen
       keinen Schutz.
       
       Wie in vielen anderen Bereichen verbreitet sich auch hier eine gefährliche
       Mischung aus Angst und Korruption. Häftlinge übernehmen das Kommando. Im
       August 2023 konfiszierten Polizei und Streitkräfte im Verlauf einer
       spektakulären Razzia im gefährlichsten Gefängnis des Landes in Guayas 96
       Schusswaffen, 26 000 Schuss Munition und 8 Handgranaten. Das hielt die
       Insassen jedoch nicht davon ab, weiterhin ihre „Pressekonferenzen“ über
       soziale Medien zu verbreiten.
       
       Bei der Polizei wurde das Budget nicht so stark gekürzt, aber das Geld wird
       offenbar nicht an der richtigen Stelle ausgegeben. „In der Regierungszeit
       der ‚Bürgerrevolution‘ gab es eine Nachbarschaftspolizei und ein ganzes
       Netz von Überwachungskameras, öffentliche Sicherheit und die
       Aufrechterhaltung der Ordnung hatten hohe Priorität“, fährt Meneses fort,
       „das haben sie alles abgeschafft.“
       
       Im Oktober 2019 kam es zu Protesten gegen die Regierung Moreno mit zehn
       Toten, 1300 Verletzten und fast 200 Verhaftungen; im Juni 2022 kamen bei
       einem 18-tägigen landesweiten Streik neun Menschen ums Leben, 318 wurden
       verletzt und 162 verhaftet. „Die Mittel wurden also umgeleitet, um
       Ausrüstung für Aufstandsbekämpfung anzuschaffen, das ging in die Millionen.
       Die Nachrichtendienste kümmerten sich nicht mehr um die organisierte
       Kriminalität und beschäftigten sich mehr mit Überwachung und Infiltration
       von sozialen Bewegungen.“
       
       Die Situation ist mittlerweile völlig außer Kontrolle geraten. Die
       Korruption betrifft selbst die höchsten Ebenen. US-Botschafter Michael
       Fitzpatrick erklärte im Dezember 2021, es gebe Drogen-Generäle in der
       Polizei. Seit Oktober 2021 folgt ein Ausnahmezustand auf den anderen,
       manchmal auch mit Ausgangssperren. Innenminister Zapata will die
       Polizeikräfte bis 2024 von 49 000 auf 82 000 aufstocken. Die Ausbildung
       dauert jedoch nur ein halbes Jahr. Die jungen Polizisten würden schnell von
       den Banden angeworben, meint eine Frau aus Quito. „Ich sehe sie durch die
       Straßen patrouillieren, die haben ja mehr Angst als ich! Sie hoffen bloß,
       dass nichts passiert.“
       
       Bei den Regional- und Gemeindewahlen am 5. Februar 2023 feierte die RC
       wieder Erfolge, während Ex-Präsident Correa weiterhin mit seiner belgischen
       Frau Anne Malherbe in Brüssel lebt und sich in Ecuador aufgrund einer
       Verurteilung wegen Korruption nicht mehr politisch betätigen darf. Die RC
       stellt neun Gouverneure, auch in den bevölkerungsreichen Provinzen
       Pichincha, Guayas und Manabí, und stellt 50 Bürgermeister, darunter in
       Quito und in Guayaquil.
       
       Das Wahlbündnis von Präsident Lasso namens „Gelegenheiten schaffen“
       (Creando Oportunidades, Creo) erhielt dagegen nur 9,03 Prozent der
       Wählerstimmen, konnte keine einzige Provinz gewinnen und darf lediglich in
       25 von 32 Gemeinden weiterregieren.
       
       Dafür gibt es gute Gründe: Zum einen tauchte Lasso in den „Panama Papers“
       auf; zum anderen kam durch die Enthüllungen heraus, dass Danilo Carrera,
       Schwager und Vertrauter des Präsidenten, über seinen Verbindungsmann Rubén
       Cherres Verbindungen zur albanischen Mafia unterhielt. Nach Aussagen der
       Ermittler erleichterte der Einfluss der beiden Männer auf die Zollbehörden
       und das Energieministerium Geldwäsche sowie Waffen- und Drogenhandel. Die
       Polizeiführung hatte versucht, die Sache zu vertuschen, um „dem Präsidenten
       nicht zu schaden“, der seinerseits nichts unternommen hatte.
       
       Dass man hier in trüben Gewässern fischte, wurde deutlich, als Cherres am
       31. März 2023 ermordet wurde. Am 19. April wurde Carrera, der gerade aus
       dem Land fliehen wollte, am Flughafen von Guayaquil verhaftet. Lasso trat
       zurück, bevor er gestürzt werden konnte. Es gab vorgezogene Neuwahlen.
       
       Pachakutik, die politische Partei der Indigenenbewegung, ist gespalten. Der
       Umweltaktivist Yaku Pérez, der 2021 für sie angetreten war, ging an der
       Spitze seines Bündnisses „Claro que se puede“ (Natürlich schaffen wir das)
       mit 19,4 Prozent der Stimmen als Dritter ins Ziel. Die indigene Bewegung
       kann Correa und seiner RC nicht verzeihen, dass er in seiner
       Entwicklungspolitik auf Bergbau und Ölförderung gesetzt hat.[6]Die
       Initiative, das Öl unter dem Yasuní-Nationalpark gegen Zahlungen der
       Industrieländer im Boden zu lassen, gab Correa auf, als die
       Zahlungsbereitschaft des Globalen Nordens sich in Grenzen hielt.[7]
       
       „Wir sind gegen den Extraktivismus“, bestätigt uns Zenaida Yasacama,
       Vizepräsidentin des Bündnisses der indigenen Nationalitäten Ecuadors
       (Conaie). „Wir stellen uns gegen die Ausbeutung von Erz, Holz, fossilen
       Brennstoffen, gegen alles, was die Natur zerstört.“ Diese radikale Haltung
       entspricht den aktuellen und legitimen Sorgen aufgrund der Klimakrise,
       allerdings ist sie innerhalb der Conaie nicht konsistent. 2019 und 2022
       protestierte Conaie, als Preissubventionen für Benzin und Diesel
       abgeschafft werden sollten.
       
       So standen die Dinge, als Villavicencio, der in den Umfragen auf dem
       vierten oder fünften Platz lag, ohne gepanzerten Wagen, Fahrer und
       Leibwächter von Guayaquil zu einer Wahlveranstaltung in die Hauptstadt fuhr
       und von einem Killerkommando ermordet wurde. Von da an fanden politische
       Auftritte und fast der gesamte Wahlkampf nur noch in den sozialen Medien
       statt. Der Journalist Christian Zurita, ein Vertrauter Villavicencios, trat
       an dessen Stelle an die Spitze der Bewegung „Construye“ (Bau auf).
       
       Zurita absolvierte nur einen einzigen Auftritt vor ausgewähltem Publikum,
       in schusssicherer Weste mit Helm und geschützt von einer schwer bewaffneten
       Eskorte: Es war eine Totenmesse für Villavicencio, die ein Polizeipfarrer
       hielt. Die letzte Etappe vor den Wahlen war von einer allgemeinen Paranoia
       geprägt.
       
       Die RC, die das Attentat ebenso verurteilt hatte wie die übrigen
       politischen Parteien, bekam das am meisten zu spüren. Tatsächlich „helfen
       Gewalt und Angst niemals der Linken“, meint Meneses. „Angesichts einer
       derartigen Unsicherheit verfängt die soziale Botschaft der RC nicht mehr.“
       
       In einem traumatisierten Land, das die immer noch heftigen
       Auseinandersetzungen um die Person und die Politik Correas satthat, gelang
       es Noboa, sich aus den Polarisierungen herauszuhalten und als Vertreter
       eines Neoliberalismus mit menschlichem Antlitz zu präsentieren. Er schaffte
       es auch, den rechten Populismus seiner Stellvertreterin Verónica Abad –
       einer ausgewiesenen Libertären, die Donald Trump und Jair Bolsonaro
       bewundert – in den Hintergrund treten zu lassen.
       
       Viele ließen sich von Noboas Jugendlichkeit überzeugen und sahen darüber
       hinweg, dass er die alte Elite verkörpert, die seit jeher eng mit dem
       Unternehmertum verbunden ist. Die Stichwahl am 15. Oktober gewann Noboa mit
       52,3 Prozent der Stimmen.
       
       Dass er versprochen hatte, die Steuern auf Kapitalexporte abzuschaffen,
       interessierte wenige; die Aufmerksamkeit galt vielmehr seinen Versprechen,
       die Häfen und Grenzen militärisch abzusichern, und „schwimmende Gefängnisse
       auf Schiffen“ einzurichten, „weitab von der Küste, auf denen gefährliche
       Kriminelle untergebracht werden, damit sie nicht mehr aus dem Gefängnis
       heraus ihre Operationen leiten können“. Auch die indigene, umweltbewusste
       Wählerschaft im Landesinneren stimmte auf breiter Front für Noboa. An der
       Küste überwogen die Stimmen für Luisa González von der RC.
       
       Am Tag nach Villavicencios Tod klagte seine Witwe Verónica Sarauz Präsident
       Lasso an, der Staat trage eine Mitverantwortung an dem Mord. Und sie fügte
       hinzu: „Ich möchte dem Correa-Lager sagen, dass ich weiß, dass alle mit
       drinstecken.“ Auf den Wänden der Vorstädte von Quito sah man Graffiti:
       „Mörder Correa“. Auch Lasso selbst sprach, ohne sie beim Namen zu nennen,
       von „einer politischen Partei“, die „keinesfalls wieder an die Macht
       kommen“ dürfe.
       
       Innerhalb weniger Stunden nach dem Attentat wurden sechs Kolumbianer
       verhaftet. Das FBI wurde um Amtshilfe gebeten, und das US-Außenministerium
       bot 5 Millionen Dollar für Hinweise auf die Auftraggeber. Am 6. Oktober
       fand man die sechs Kolumbianer erhängt im Gefängnis Guayas 1 in Guayaquil.
       Ein weiterer Verdächtiger wurde einen Tag später im Gefängnis El Inca
       ermordet.
       
       Gleichzeitig erklärten die Kommissare José Luis Erazo und Rodney Rangel,
       die die Ermittlungen in der Affäre um den Präsidentenschwager geführt
       hatten, man habe sie mit dem Tod bedroht; dann seien sie von dem Fall
       abgezogen worden. Rangel floh und erklärte später aus dem Exil, er habe vor
       den Morddrohungen gegen Villavicencio gewarnt, der mit den Ermittlungen
       vertraut gewesen sei und daher über brisante Informationen verfügt habe.
       Das Attentat war wohl keine persönliche Abrechnung. Es war eine politische
       Botschaft der Drogenbosse an die Gesellschaft: „Wir sind da!“
       
       1↑ In Ecuador selbst wurden 2021 und 2022 über 420 Tonnen Drogen
       sichergestellt.
       
       2↑ [1][„Cuánto dinero se lava en el sistema financiero ecuatoriano“],
       Bericht der Celag, 14. Januar 2023.
       
       3↑ Siehe Sara Meyer, [2][„Koka, Waffen und ein bisschen Hoffnung. Unterwegs
       im Südwesten Kolumbiens“], LMd, November 2023.
       
       4↑ [3][„El Gran Padrino“], investigacioneslaposta.com, 9. Januar 2023.
       
       5↑ Nach Zahlen der internationalen [4][Datenbank Datosmacros]: 17,98 Morde
       auf 100 000 Einwohnende in 2008 gegenüber 5,81 in 2017.
       
       6↑ Siehe Aurélien Bernier, [5][„Öko-Poker um Ecuador“], LMd, Juni 2012.
       
       7↑ Siehe Alberto Acosta, [6][„Öl für zehn Tage“], LMd, März 2011.
       
       Aus dem Französischen von Sabine Jainski 
       
       Maurice Lemoine ist Journalist und Schriftsteller. Zuletzt erschien von ihm
       „Juanito la vermine, Roi du Venezuela“, Montreuil (Le Temps des cerises)
       2023.
       
       7 Dec 2023
       
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 (DIR) Maurice Lemoine
       
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