# taz.de -- Koka, Waffen und ein bisschen Hoffnung
> Unterwegs im Südwesten Kolumbiens
(IMG) Bild: Indigene Schutzwache
von Sara Meyer
Pass gut auf dich auf! Gott schütze dich!“, rufen einem die Hauptstädter
hinterher, wenn man in den Südwesten Kolumbiens aufbricht. Sie kennen die
Regionen Cauca und Nariño vor allem wegen des Drogenanbaus, der den
anhaltenden Bürgerkrieg zusätzlich anheizt. Und die Schreckensszenen sehen
sie in den Nachrichten.
Mindestens zwölf Stunden dauert die Reise von Bogotá in das 600 Kilometer
entfernte Popayán, Hauptstadt des Departamento Cauca, das zwischen den
Andenkordilleren liegt, umgeben von Vulkanen und grünen Hügeln.
Es ist fast unmöglich, den Geruch nicht schon aus der Ferne wahrzunehmen.
Ist man mit dem Motorrad unterwegs, steigt einem der Marihuanaduft direkt
in die Nase. Mein Begleiter Rodolfo[1], der aus dem Dorf Piendamó bei
Popayán stammt, gibt mir einen Crashkurs in Sachen Drogenproduktion. „Cauca
ist berühmt für das beste kolumbianische Gras.“ Sogar die Politiker in der
Hauptstadt, heißt es, würden es gern konsumieren.
In den vergangenen Jahren hat eine weitere potenzielle Drogenflanze Cauca
erobert: Koka. Allein 2022 kamen etwa 1000 Hektar Anbaufläche hinzu. In
anderen Teilen Kolumbiens bilden die Kokakulturen schon seit Langem die
Haupteinnahmequelle vieler Familien – und zugleich den finanziellen
Nährboden für kriminelle Strukturen.
In ganz Kolumbien erstreckte sich die Anbaufläche im vergangenen Jahr auf
über 230 000 Hektar, das macht das Land nach wie vor zum weltweit größten
Produzenten. Und die Fläche vergrößerte sich noch um 13 Prozent gegenüber
dem Vorjahr.[2]Laut Rodolfo befinden sich zwischen den Feldern, die sich
vor uns ausbreiten, praktischerweise auch gleich die Kokainküchen.
„Die Gewalt rückt immer näher. Früher war der Drogenanbau weit weg von
hier, auf dem Land“, erklärt uns Daniel Oviedo, Anwalt und Mitglied des
Partido Liberal. Mittlerweile gebe es hier ein großes Problem mit Drogen,
die angebaut, produziert und gehandelt werden. Und nicht nur das: „Auf den
Straßen tummeln sich Abhängige, und die illegalen Felder reichen schon fast
bis in die Stadt hinein.“ Das sei nicht immer so gewesen, „mir macht das
Sorgen“, sagt der 35-Jährige.
Julián Prado, zuständig für Katastrophenmanagement beim Roten Kreuz
Cauca, kann die Zunahme der Gewalt und der Unsicherheit in der Stadt nur
bestätigen. Das Rote Kreuz habe deshalb seine Bürozeiten geändert: „Wir
kommen früher und gehen früher. Mit Einbruch der Dunkelheit wird es zu
gefährlich, draußen unterwegs zu sein.“
Der alte Bahnhof, in dem sich sein Büro befindet, ist nur ein paar
Gehminuten vom Zentrum entfernt. Aber man muss einen Platz überqueren, der
allgemein gemieden wird. Hier liegen neben Plastikmüll und einer löchrigen
Matratze vereinzelt schlafende, halb bekleidete Männer. Ansonsten ist
niemand zu sehen. Es riecht nach verdorbenem Essen, Fäkalien und Abwasser.
Auf dem Land wüten bewaffnete Gruppen. Die Bevölkerung leidet, Familien
flüchten. Die Schießereien, Vertreibungen und gezielten Tötungen erinnern
an die Zeiten vor dem Friedensabkommen mit der Farc-Guerilla. Dabei war es
in den ersten Jahren nach der Ratifizierung des Abkommens im November 2016
ruhiger geworden. Man glaubte, es ginge nun bergauf.
„Die bewaffneten Gruppen sind derzeit fast überall auf den Straßen
präsent“, beklagt Hilario Guejia, der Vorsitzende des Movimiento
Alternativo Indígena y Social (Mais). Die Menschen seien verzweifelt. Er
wünscht sich die Armee zurück. Der erste linke Präsident Kolumbiens,
Gustavo Petro, seit August 2022 im Amt, versprach das Land zu befrieden. Er
hielt Entmilitarisierung für den richtigen Weg.[3]Doch mit dem Abzug der
Truppen verschlechterte sich die Sicherheitslage enorm. Die bewaffneten
Gruppen hätten die Gutgläubigkeit der Regierung ausgenutzt, um ihre
Position zu stärken, sagt Guejia. In absehbarer Zeit sei nur die
Anwesenheit von Truppen „in allen Winkeln unserer Heimat“ Garant für
Sicherheit. Friedliche, kollektive Maßnahmen hätten nichts bewirkt.
„Man merkt das Fehlen staatlicher Autorität“, sagt übereinstimmend der
Liberale Oviedo. Es sei bedauerlich, dass Cauca immer dann besonders leide,
wenn ein neuer Friedensprozess in Gang kommt. Und die Geschichte wiederhole
sich: „In den 2000ern waren es die Paramilitärs, danach die Farc, und jetzt
sind es die ELN.“ Die ELN ist die Guerrillagruppe Ejército de Liberación
Nacional (Nationale Befreiungsarmee), die an dem Abkommen von 2016 nicht
beteiligt war.
Spätestens als sich im August abtrünnige Farc-Kämpfer zu einem
Autobombenattentat und dem Mord an mehreren Polizisten bekannt haben, wurde
die Erinnerung an den Bürgerkrieg in Cauca wieder lebendig. Präsident Petro
reiste umgehend nach Popayán. Auf Bitten der Regionalverwaltung schickte er
schließlich wieder Polizei und Militär – für ihn ein ungewöhnliches
Vorgehen.
Seit Ende August läuft nun die Militäroperation „Trueno“ (Donner), die
Soldaten sollen die illegalen bewaffneten Gruppen im Bezirk Argelia
stoppen. Bisher wurden dort mehr als 20 Kämpfer verhaftet oder getötet,
zahlreiche Minderjährige aus den Fängen der bewaffneten Gruppen befreit,
Waffen beschlagnahmt und Minen geräumt.[4]
## Der Präsident, der alles richtig machen wollte
Infolge der Kämpfe kam es jedoch auch zu Vertreibungen und neuem Leid.
Dabei hatte Präsident Petro alles besser machen wollen: Er reformierte die
Sicherheitskräfte. Friedenssicherung und Achtung der Menschenrechte sollten
auf ihrer Agenda ganz oben stehen. Und er tauschte militärisches Personal
aus. Das Ergebnis ist immerhin, dass die Bevölkerung von Cauca den
staatlichen Truppen weniger misstraut als früher und sogar mit ihnen
zusammenarbeitet, um die kriminellen Banden zu zerschlagen.[5]
Für Ferley Quinayas vom Volk der Yanacona, der kürzlich ins Parlament von
Cauca gewählt wurde, ist der Fall klar: „Dunkle Kräfte und Eliten, wie sie
in Kolumbien schon immer am Werk waren, sind für die Gewalt
verantwortlich.“ Einflussreiche Geschäftsleute und bestimmte Medien seien
schon immer mit Paramilitärs und der Armee im Bunde gewesen. „Jetzt wollen
sie Präsident Petros Projekt für den Frieden sabotieren und die Gegend
destabilisieren.“
Die Ereignisse der letzten Monate könnten Quinayas recht geben. Bei den
landesweiten Wahlen am 29. Oktober gewann überwiegend die Opposition. In
keiner der Großstädte schafften es Linke ins Bürgermeisteramt, lediglich in
2 der 32 Departamentos regieren künftig Gouverneur:innen, die Petros
Bewegung „Pacto Historico“ (Historischer Pakt) angehören. In der
Legislaturperiode 2024 bis 2027 werden also Politiker:innen der
Rechten und der rechten Mitte in den Departamentos regieren. Das Wahlvolk
scheint nicht überzeugt von der bisherigen Arbeit der Regierung, die einen
historischen Wandel versprochen hat.
Generell gilt Cauca als Hochburg von Gustavo Petro: 70 Prozent stimmten bei
den Präsidentschaftswahlen 2022 für ihn. Nun, bei den Regionalwahlen, wurde
Jorge Guzmán aus der politischen Mitte zum Gouverneur gewählt, während die
Region Nariño sich erneut für den linken, regierungsnahen Kandidaten Luis
Alfonso Escobar entschieden hat. Mit Escobar besetzt erstmals ein
Afrokolumbianer das höchste Amt des Verwaltungsgebiets. Sein Fokus auf
nachhaltige Entwicklung, Umwelt und erneuerbare Energien könnte einen
tiefgreifenden Wandel in Nariño bedeuten.
Mit Escobar besetzt erstmals ein Afrokolumbianer das höchste Amt des
Verwaltungsgebiets. Sein Fokus auf nachhaltige Entwicklung, Umwelt und
erneuerbare Energien könnte einen tiefgreifenden Wandel in Nariño bedeuten.
In Wahlkampfzeiten verschlechtert sich für gewöhnlich die Sicherheitslage
in Kolumbien: Drohungen, Attentate und Morde häufen sich. Wer hier etwas an
den alten Strukturen ändern will, lebt gefährlich – und Cauca war dieses
Jahr die gefährlichste Gegend für Politiker:innen. 40 Kandidat:innen
wurden wegen ihrer politischen Aktivitäten bedroht, angegriffen oder
ermordet. Einige von ihnen haben das Land verlassen.
Für Prado, der durch seine Arbeit beim Roten Kreuz viel mitbekommt, ist die
aktuelle Eskalation nichts Neues. Die Gewalt sei immer da gewesen, sie
werde nur wieder sichtbar. Jüngst sei in den Medien viel über die Morde an
líderes sociales (Anführer:innen sozialer Bewegungen) berichtet worden,
doch die gezielten Tötungen von Aktivistinnen und Menschenrechtlern habe es
immer gegeben.
„Cauca ist ein Labor, kein Drogenlabor, wie viele sagen, sondern ein
Gebiet, in dem sich alle bewaffneten Akteure tummeln, die es im Land gibt.“
Außer Paramilitärs, verschiedenen Farc-Splittergruppen, den ELN, mehreren
Drogenbanden und anderen Verbrechern sind nun auch das Militär und die
Polizei wieder aktiv. Laut Prado sind jedoch die bewaffneten Gruppen für
die Zustände nicht allein verantwortlich: Der Zustrom von Migrant:innen
aus Venezuela, die mangelnde Umsetzung der im Friedensabkommen von 2016
vereinbarten Maßnahmen sowie Landkonflikte der indigenen, der
afrokolumbianischen und der bäuerlichen Gemeinschaften führten ebenfalls zu
Gewalt.
Cauca sei keine Ausnahme, Bedingungen wie hier herrschen in vielen
Regionen. „Hier sehen wir das ganze Panorama der Probleme, die Kolumbien
seit Jahren plagen!“ Zumindest, so Prado, respektieren hier alle Parteien
die humanitäre Mission vom Roten Kreuz, das für die Rettung von Menschen
zuständig ist, die nicht oder nicht mehr an den bewaffneten
Feindseligkeiten beteiligt sind. Insbesondere hilft das Rote Kreuz bei der
Übergabe von Geiseln.
Zum jetzigen Zeitpunkt sind sieben solcher illegalen Gruppen in Cauca
aktiv: vier, die zum sogenannten Estado Mayor Central (Zentraler
Generalstab, EMC) gehören (ehemalige Farc-Kämpfer, die sich dem
Friedensvertrag von 2016 nicht angeschlossen haben); eine Allianz von
Guerilleros der Segunda Marquetalia[6]und der ELN[7]; das ELN-Kommando
Manuel Vásquez Castaño; sowie die größte kriminelle Organisation
Kolumbiens, die Autodefensas Gaitanistas de Colombia (AGC), die
international unter dem Namen „Golf-Clan“ bekannt und mit dem mexikanischen
Sinaloa-Kartell verbunden ist. Viele ihrer Mitglieder gehörten früher den
rechtsextremen AUC-Paramilitärs an, die sich 2004 auflösten. Alle diese
Gruppen sind in den lokalen Drogenhandel verwickelt.
Die ELN ist die größte verbliebene Guerilla des Landes – rund 3000 Kämpfer
soll sie laut eigenen Angaben derzeit haben. Sie ist in 23 der 32
kolumbianischen Departamentos präsent und unterhält Stützpunkte im
Nachbarland Venezuela. Der EMC, die größte Splittergruppe der Farc, ist in
der Hälfte der Departamentos aktiv.
Mit beiden Gruppen führt die Regierung seit einer Weile separate
Friedensgespräche. Eine vorübergehende bilaterale Feuerpause wurde mit den
jeweiligen Unterhändlern vereinbart und ist in Kraft – zumindest auf dem
Papier. Die ELN sollen die Waffen seit Anfang August für sechs Monate ruhen
lassen; der Estado Mayor stimmte kürzlich einem dreimonatigen
Waffenstillstand zu, der am 17. Oktober begonnen hat.
Beide Vereinbarungen beziehen sich jedoch nur auf den Umgang mit der Armee.
Immer wieder kommt es trotz der einander versprochenen Rücksichtnahme zu
Gewaltausbrüchen zwischen den Gruppen und gegenüber der Zivilbevölkerung.
Fast täglich werden Feuergefechte und Vertreibungen ganzer Dörfer oder
Gemeinschaften gemeldet.
Weder die ELN noch der EMC verfügen über eine zentrale Kommandostruktur.
Deshalb ist es schwer, das am Verhandlungstisch Erreichte landesweit
umzusetzen, denn die Anführer der lokalen Einheiten stimmen den
Unterhändlern nicht unbedingt zu.
Warum gerade Westkolumbien seit Jahren Schauplatz solch ausufernder Gewalt
ist, zeigt ein Blick auf die Landkarte: Die Departamentos Cauca und Nariño
haben direkten Zugang zum Pazifik – der Drogenroute Richtung USA und
Europa, Ecuador ist nur einen Katzensprung entfernt, und der Cauca-Fluss
verbindet die Region mit Landesteilen, die ebenfalls in den Drogenhandel
involviert sind.
Besonders umkämpft ist der zentral gelegene Cañon Micay. Denn mit dem
illegalen Abbau von Kohle, Nickel und Smaragden lässt sich zusätzlich Geld
verdienen. „Unsere geografische Lage, unser Klima und die Rohstoffe machen
uns zum Opfer von kriminellen Banden und bewaffneten Gruppen. Fehlende
Investitionen von Staat und Wirtschaft tragen mit dazu bei“, meint der
Politiker Oviedo.
Prado, der seit 37 Jahren in Cauca arbeitet und jeden Winkel kennt,
bezeichnet das Gebiet als „instabil und fragil“. An einem Tag sei alles gut
und am nächsten ändern sich die Bedingungen. Gegenden, die im Frühling noch
zugänglich waren, sind inzwischen zur Gefahrenzone erklärt worden.
Die Bevölkerung weiß nicht immer und nie mit Sicherheit, mit wem sie es
gerade zu tun hat. Selbst Guejia, der vom Land kommt und mit diesen
Dynamiken aufgewachsen ist, sagt, er könne die jeweiligen Akteure der
Gewalt nicht eindeutig identifizieren. Sie hätten keine klare politische
oder ideologische Linie mehr: Einige seien abtrünnige Kämpfer, die ihre
Waffen nicht hatten niederlegen wollen; andere seien neu Rekrutierte. Nicht
alle seien einer illegal bewaffneten Gruppe zuzuordnen, sondern stünden in
den Diensten von Drogenbanden.
„Deshalb ist es so schwierig, die Verantwortlichen ausfindig zu machen: Es
gibt keinen direkten Ansprechpartner, und alle schieben einander die Schuld
zu.“ Die Bevölkerung wisse nicht, auf wessen Befehl sie handeln, und kenne
ihre Ziele nicht.
Für Außenstehende sind die Mechanismen der territorialen Kontrolle erst
recht undurchschaubar. Die hiesige Bevölkerung scheint jedoch genau zu
wissen, welches Verhalten erwünscht ist.
Ich bin mit Rodolfo durch mehrere Dörfer gereist. Wir tauchten immer tiefer
in die bergige Landschaft ein. Die geteerten Straßen wurden immer löchriger
und gingen schließlich in Feldwege über. Plötzlich hielt Rodolfo ohne
Vorwarnung an. Die Straße war frei und keine Menschenseele zu sehen. „Ich
muss noch einen Fisch kaufen, damit bezahle ich die Unterkunft für heute
Nacht. Wir müssen hier umkehren. Mich kennen die Guerillas, ich bin hier
geboren. Ich fahre ohne Helm, dann erkennen sie mich schon aus der Ferne.
Aber dich, eine Ausländerin, kennen sie nicht. Da will ich lieber nichts
riskieren!“ Mit derselben Begründung haben zwei Interviewpartner ein
vereinbartes Treffen abgesagt.
Die illegalen Akteure bestimmen über die Anwohner:innen: Sie verhängen
Ausgangssperren und Verbotszonen. Und sie rekrutieren, meist unter Zwang.
Minderjährige werden verschleppt und müssen oft über Jahre bei den
Guerillas dienen. Überwiegend betroffen sind indigene Kinder, obwohl die
nationale Ombudsstelle bereits vor zwei Jahren dagegen eine Kampagne
gestartet hat.
Die Zwangsrekrutierung der Jugend sei nach wie vor das größte Problem, sagt
Jairo, der Anführer der guardía indígena (indigenen Wache), die sich für
die Sicherheit der elf indigenen Territorien des Cauca einsetzt. Ihre 400
Mitglieder durchkämmen das gesamte Gebiet, erstellen Karten mit den
Standorten der bewaffneten Gruppen, warnen die Bevölkerung. Wenn es die
Situation verlange, arbeiten sie auch mit lokalen, nichtindigenen Behörden
zusammen, erklärt Jairo. Sie benutzen keine Waffen. Die Gegner würden
allein durch die Mannschaftsstärke der guardía indígena eingeschüchtert.
Einige ihrer Mitglieder gerieten zwischen die Fronten von Paramilitärs und
Guerillas und wurden dabei getötet.
## Subventionen für den Umstieg von Koka auf Kakao
Trotz des Abkommens mit der Farc und den laufenden Verhandlungen mit der
ELN und dem EMC steigt die Zahl der rekrutierten Kinder: 2021 wurden nach
Angaben der Organisation Save the Children 46 Fälle im Cauca gemeldet, 2022
waren es 164 und 2023 bisher 140. Der Regionalrat der indigenen Völker
Westkolumbiens (Cric) meldete allein für 2021 knapp 300 Fälle verschleppter
indigener Kinder, vier Fünftel davon Mädchen.
Der Wächter Jairo versucht die verschollenen Kinder ausfindig zu machen, um
sie nach Hause zurückzubringen. Mehrmals hatte sein Team Erfolg. Inzwischen
wird der 64-Jährige in diverse Regionen geschickt, um anderen indigenen und
afrokolumbianischen Gemeinschaften das Konzept der friedlichen Verteidigung
beizubringen.
Bei meinem letzten Besuch hat er wenig Zeit, er wirkt gestresst. Die
Ex-Farc haben gerade eine Autobombe hochgehen lassen, die Situation sei
„sehr brenzlig“, man arbeite „Tag und Nacht an einer Strategie“. Er soll in
den kommenden Tagen die Menschenrechtsanwälte des Cric bei ihrer Arbeit in
der Gefahrenzone beschützen, da in mehreren indigenen Territorien seit
Tagen Schusswechsel gemeldet werden. Vor jeder seiner Missionen umarmt der
alleinerziehende Vater seine 15-jährige Tochter, als sei es das letzte Mal.
„Man weiß nie“, sagt er an mich gewandt. Das Mädchen soll nicht wissen, wie
gefährlich seine Arbeit ist.
Das benachbarte Departamento Nariño hat mit ähnlichen Problemen zu kämpfen
wie Cauca. Es gehört neben dem Amazonasgebiet und dem Norte Santander an
der Grenze zu Venezuela zu den größten Anbaugebieten von Koka in
Kolumbien.[8]Auch Nariño befindet sich in einem Limbus, zwischen dem
begonnenen Friedensprozess und neuen Gewaltzyklen.
Im August und im September führten Kämpfe zwischen Ex-Farc und ELN zu einer
Welle von Vertreibungen. Dalia Bolaños, eine 24-jährige alleinerziehende
Mutter aus der Gemeinde Agua Clara ist eine von tausenden Vertriebenen des
Awá-Volks. Vor einigen Wochen ist sie in Pasto angekommen. Nichts von dem,
was sie aus ihrer Heimat kennt, findet sie in der Stadt wieder. Sie
vermisse den Wald, das Essen und den Fluss, sagt sie. Am meisten Sorge
mache ihr, dass ihr Kind ohne seine Kultur aufwächst und die Sprache nicht
mehr spricht. „Man möchte hier in der Stadt nicht Awá sein, man möchte
dazugehören“, sagt sie, während sie in die Chipstüte auf dem Tisch greift.
Seit über einem Jahr sind die Awá vermehrt von Massakern und Übergriffen
betroffen, berichtet der Pressesprecher des Verbands der Awá-Völker
(Unipa). Die Awá gelten international als eines der am meisten bedrohten
Völker der Welt, was 2009 auch das Verfassungsgericht Kolumbiens anerkannt
hat. Seither haben sich die Menschenrechtsverletzungen eher noch
verschlimmert. Nach Angaben des UNHCR gibt es infolge des jahrzehntelangen
Bürgerkriegs in Kolumbien mehr als 8 Millionen Binnenflüchtlinge.
Präsident Petro, ehemals selbst Guerillero der nicht mehr existierenden
M-19, will dem Land den langersehnten Frieden bringen. Der 63-Jährige hat
bei seinem Amtsantritt angekündigt, mit möglichst allen bewaffneten Gruppen
und kriminellen Banden zu sprechen; keine Regierung zuvor hat dergleichen
angeboten. Die Initiative „Paz Total“ soll den Durchbruch bringen.
Tatsächlich bestätigte die Beobachtermission der Vereinten Nationen
kürzlich einen Rückgang der Gewalt, der auf die Waffenruhe mit der
ELN-Guerilla zurückzuführen ist. Noch nie zuvor ist ein Regierungschef in
Richtung Frieden so weit vorangekommen wie Petro; sieben
Vorgängerregierungen scheiterten bei Verhandlungen mit der ELN. Der Leiter
der UN-Beobachtermission, Carlos Ruiz Massieu, sieht auch Fortschritte bei
der Umsetzung der Landreformen, die im Friedensvertrag von 2016 vereinbart
wurden.
Der Präsident betont bei jeder Gelegenheit, dass den illegalen Gruppen die
wirtschaftliche Grundlage entzogen werden müsse. Konkret heißt das: Der
Drogenanbau muss gestoppt werden. „Leben säen, den Drogenhandel verbannen“,
lautet das Motto. Die Landbevölkerung, die Koka anbaut, soll nicht
kriminalisiert werden und Subventionen für den Umstieg erhalten: Kaffee
oder Kakao statt Koka. In der Strategie, die in Zusammenarbeit mit über 270
Organisationen, mehreren Universitäten und Menschenrechtsgruppen entwickelt
wurde, spielt auch der Umweltschutz eine wichtige Rolle.
Das Städtchen Policarpa liegt zwei Autostunden von Nariños Hauptstadt
Pasto entfernt. In der Umgebung sah man bis vor Kurzem ausschließlich
Koka- und Marihuanaplantagen. Derzeit müsse man sich noch schämen, wenn man
aus Policarpa komme, sagt ein Jugendlicher. Seine Familie ist schon auf
legale Landwirtschaft umgestiegen: „Trotzdem werden wir als Drogenbauern
abgestempelt.“
Zwar wird immer noch Land für den Drogenanbau erschlossen, doch mancherorts
haben sich schon die Kakaokulturen durchgesetzt. Asocacao ist eine
Vereinigung von 400 Kleinbäuerinnen, die sich entschlossen haben, den
Drogenanbau hinter sich zu lassen und auf Kakao setzen. Viele von ihnen
sind alleinerziehende Mütter.
Das Friedensabkommen von 2016, das die Finanzierung solcher Projekte
sichern sollte, habe sie zu dieser Entscheidung bewogen, sagt ihre
Sprecherin. Aber: „Bis heute kam kein Peso bei uns an.“ Die Sprecherinnen
seien sogar schon in Bogotá gewesen, um mit den Verantwortlichen zu reden.
Sie würden nur von einer spanischen Stiftung unterstützt, einige von ihnen
seien aus finanzieller Not wieder zum Kokaanbau zurückgekehrt.
Asocacao ist Teil eines staatlichen Bildungsprojekts: Jugendliche sollen in
einer technischen Ausbildung alles über den nachhaltigen Kakaoanbau lernen
– von der Saat bis zur Ernte. Auch die Erderhitzung ist in dem Programm ein
wichtiges Thema: Klimafreundliche Düngung und Wasseraufbereitung werden im
Unterricht behandelt. Ein Lehrer der Initiative sagt, man wolle dem
Nachwuchs beibringen, dass der Drogenanbau keine Option sei. „Nicht für
ihre Familien und auch nicht für Kolumbien.“
1↑ Name auf Wunsch geändert.
2↑ Bericht der Vereinten Nationen, 11. September 2023.
3↑ Siehe Léa Gasquet und Pierre Carles, „[1][Was ist aus der Farc
geworden?“], LMd, August 2022.
4↑ [2][„El cese als fuego bilateral puede afectar a la operación trueno“,]
infobae.com, 14. Oktober 2023.
5↑ [3][Vierter Gewalt-Bericht der Stiftung Frieden und Versöhnung] (Pares)
2022–2023.
6↑ Vgl. Sergio Saffon, [4][„Las ex-FARC mafia en Colombia continúan la
guerra mientras hablan de paz“], insightcrime.com, 11. Oktober 2023.
7↑ Weitere Splittergruppe der Farc, die 2018 wieder zu den Waffen griff,
mit der Begründung, der Staat habe sich nicht an das Friedensabkommen
gehalten.
8↑ [5][„Colombia organized crime news]“, insightcrime.org, März 2017.
9↑ [6][Bericht der Vereinten Nationen über den Kokaanbau in Kolumbien], 11.
September 2023.
Sara Meyer ist Journalistin in Bogotá, Kolumbien.
© LMd,Berlin
9 Nov 2023
## LINKS
(DIR) [1] https://monde-diplomatique.de/artikel/!5871132
(DIR) [2] https://www.infobae.com/colombia/2023/10/14/el-cese-al-fuego-bilateral-puede-afectar-a-la-operacion-trueno/
(DIR) [3] https://www.pares.com.co/post/cuarto-informe-de-violencia-pol%C3%ADtico-electoral-29-de-octubre-2022-29-de-junio-2023
(DIR) [4] https://insightcrime.org/es/noticias/ex-farc-mafia-colombia-continuan-guerra-mientras-hablan-paz/
(DIR) [5] https://insightcrime.org/colombia-organized-crime-news/eln-profile
(DIR) [6] https://www.unodc.org/colombia/es/informe-de-monitoreo-de-territorios-con-presencia-de-cultivos-de-coca-2022.html
## AUTOREN
(DIR) Sara Meyer
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