# taz.de -- Koka, Waffen und ein bisschen Hoffnung
       
       > Unterwegs im Südwesten Kolumbiens
       
 (IMG) Bild: Indigene Schutzwache
       
       von Sara Meyer
       
       Pass gut auf dich auf! Gott schütze dich!“, rufen einem die Hauptstädter
       hinterher, wenn man in den Südwesten Kolumbiens aufbricht. Sie kennen die
       Regionen Cauca und Nariño vor allem wegen des Drogenanbaus, der den
       anhaltenden Bürgerkrieg zusätzlich anheizt. Und die Schreckensszenen sehen
       sie in den Nachrichten.
       
       Mindestens zwölf Stunden dauert die Reise von Bogotá in das 600 Kilometer
       entfernte Popayán, Hauptstadt des Departamento Cauca, das zwischen den
       Andenkordilleren liegt, umgeben von Vulkanen und grünen Hügeln.
       
       Es ist fast unmöglich, den Geruch nicht schon aus der Ferne wahrzunehmen.
       Ist man mit dem Motorrad unterwegs, steigt einem der Marihuanaduft direkt
       in die Nase. Mein Begleiter Rodolfo[1], der aus dem Dorf Piendamó bei
       Popayán stammt, gibt mir einen Crashkurs in Sachen Drogenproduktion. „Cauca
       ist berühmt für das beste kolumbianische Gras.“ Sogar die Politiker in der
       Hauptstadt, heißt es, würden es gern konsumieren.
       
       In den vergangenen Jahren hat eine weitere potenzielle Drogenflanze Cauca
       erobert: Koka. Allein 2022 kamen etwa 1000 Hektar Anbaufläche hinzu. In
       anderen Teilen Kolumbiens bilden die Kokakulturen schon seit Langem die
       Haupteinnahmequelle vieler Familien – und zugleich den finanziellen
       Nährboden für kriminelle Strukturen.
       
       In ganz Kolumbien erstreckte sich die Anbaufläche im vergangenen Jahr auf
       über 230 000 Hektar, das macht das Land nach wie vor zum weltweit größten
       Produzenten. Und die Fläche vergrößerte sich noch um 13 Prozent gegenüber
       dem Vorjahr.[2]Laut Rodolfo befinden sich zwischen den Feldern, die sich
       vor uns ausbreiten, praktischerweise auch gleich die Kokainküchen.
       
       „Die Gewalt rückt immer näher. Früher war der Drogenanbau weit weg von
       hier, auf dem Land“, erklärt uns Daniel Oviedo, Anwalt und Mitglied des
       Partido Liberal. Mittlerweile gebe es hier ein großes Problem mit Drogen,
       die angebaut, produziert und gehandelt werden. Und nicht nur das: „Auf den
       Straßen tummeln sich Abhängige, und die illegalen Felder reichen schon fast
       bis in die Stadt hinein.“ Das sei nicht immer so gewesen, „mir macht das
       Sorgen“, sagt der 35-Jährige.
       
       Julián Prado, zuständig für Katastrophenmanagement beim Roten Kreuz
       Cauca, kann die Zunahme der Gewalt und der Unsicherheit in der Stadt nur
       bestätigen. Das Rote Kreuz habe deshalb seine Bürozeiten geändert: „Wir
       kommen früher und gehen früher. Mit Einbruch der Dunkelheit wird es zu
       gefährlich, draußen unterwegs zu sein.“
       
       Der alte Bahnhof, in dem sich sein Büro befindet, ist nur ein paar
       Gehminuten vom Zentrum entfernt. Aber man muss einen Platz überqueren, der
       allgemein gemieden wird. Hier liegen neben Plastikmüll und einer löchrigen
       Matratze vereinzelt schlafende, halb bekleidete Männer. Ansonsten ist
       niemand zu sehen. Es riecht nach verdorbenem Essen, Fäkalien und Abwasser.
       
       Auf dem Land wüten bewaffnete Gruppen. Die Bevölkerung leidet, Familien
       flüchten. Die Schießereien, Vertreibungen und gezielten Tötungen erinnern
       an die Zeiten vor dem Friedensabkommen mit der Farc-Guerilla. Dabei war es
       in den ersten Jahren nach der Ratifizierung des Abkommens im November 2016
       ruhiger geworden. Man glaubte, es ginge nun bergauf.
       
       „Die bewaffneten Gruppen sind derzeit fast überall auf den Straßen
       präsent“, beklagt Hilario Guejia, der Vorsitzende des Movimiento
       Alternativo Indígena y Social (Mais). Die Menschen seien verzweifelt. Er
       wünscht sich die Armee zurück. Der erste linke Präsident Kolumbiens,
       Gustavo Petro, seit August 2022 im Amt, versprach das Land zu befrieden. Er
       hielt Entmilitarisierung für den richtigen Weg.[3]Doch mit dem Abzug der
       Truppen verschlechterte sich die Sicherheitslage enorm. Die bewaffneten
       Gruppen hätten die Gutgläubigkeit der Regierung ausgenutzt, um ihre
       Position zu stärken, sagt Guejia. In absehbarer Zeit sei nur die
       Anwesenheit von Truppen „in allen Winkeln unserer Heimat“ Garant für
       Sicherheit. Friedliche, kollektive Maßnahmen hätten nichts bewirkt.
       
       „Man merkt das Fehlen staatlicher Autorität“, sagt übereinstimmend der
       Liberale Oviedo. Es sei bedauerlich, dass Cauca immer dann besonders leide,
       wenn ein neuer Friedensprozess in Gang kommt. Und die Geschichte wiederhole
       sich: „In den 2000ern waren es die Paramilitärs, danach die Farc, und jetzt
       sind es die ELN.“ Die ELN ist die Guerrillagruppe Ejército de Liberación
       Nacional (Nationale Befreiungsarmee), die an dem Abkommen von 2016 nicht
       beteiligt war.
       
       Spätestens als sich im August abtrünnige Farc-Kämpfer zu einem
       Autobombenattentat und dem Mord an mehreren Polizisten bekannt haben, wurde
       die Erinnerung an den Bürgerkrieg in Cauca wieder lebendig. Präsident Petro
       reiste umgehend nach Popayán. Auf Bitten der Regionalverwaltung schickte er
       schließlich wieder Polizei und Militär – für ihn ein ungewöhnliches
       Vorgehen.
       
       Seit Ende August läuft nun die Militäroperation „Trueno“ (Donner), die
       Soldaten sollen die illegalen bewaffneten Gruppen im Bezirk Argelia
       stoppen. Bisher wurden dort mehr als 20 Kämpfer verhaftet oder getötet,
       zahlreiche Minderjährige aus den Fängen der bewaffneten Gruppen befreit,
       Waffen beschlagnahmt und Minen geräumt.[4]
       
       ## Der Präsident, der alles richtig machen wollte
       
       Infolge der Kämpfe kam es jedoch auch zu Vertreibungen und neuem Leid.
       Dabei hatte Präsident Petro alles besser machen wollen: Er reformierte die
       Sicherheitskräfte. Friedenssicherung und Achtung der Menschenrechte sollten
       auf ihrer Agenda ganz oben stehen. Und er tauschte militärisches Personal
       aus. Das Ergebnis ist immerhin, dass die Bevölkerung von Cauca den
       staatlichen Truppen weniger misstraut als früher und sogar mit ihnen
       zusammenarbeitet, um die kriminellen Banden zu zerschlagen.[5]
       
       Für Ferley Quinayas vom Volk der Yanacona, der kürzlich ins Parlament von
       Cauca gewählt wurde, ist der Fall klar: „Dunkle Kräfte und Eliten, wie sie
       in Kolumbien schon immer am Werk waren, sind für die Gewalt
       verantwortlich.“ Einflussreiche Geschäftsleute und bestimmte Medien seien
       schon immer mit Paramilitärs und der Armee im Bunde gewesen. „Jetzt wollen
       sie Präsident Petros Projekt für den Frieden sabotieren und die Gegend
       destabilisieren.“
       
       Die Ereignisse der letzten Monate könnten Quinayas recht geben. Bei den
       landesweiten Wahlen am 29. Oktober gewann überwiegend die Opposition. In
       keiner der Großstädte schafften es Linke ins Bürgermeisteramt, lediglich in
       2 der 32 Departamentos regieren künftig Gouverneur:innen, die Petros
       Bewegung „Pacto Historico“ (Historischer Pakt) angehören. In der
       Legislaturperiode 2024 bis 2027 werden also Politiker:innen der
       Rechten und der rechten Mitte in den Departamentos regieren. Das Wahlvolk
       scheint nicht überzeugt von der bisherigen Arbeit der Regierung, die einen
       historischen Wandel versprochen hat.
       
       Generell gilt Cauca als Hochburg von Gustavo Petro: 70 Prozent stimmten bei
       den Präsidentschaftswahlen 2022 für ihn. Nun, bei den Regionalwahlen, wurde
       Jorge Guzmán aus der politischen Mitte zum Gouverneur gewählt, während die
       Region Nariño sich erneut für den linken, regierungsnahen Kandidaten Luis
       Alfonso Escobar entschieden hat. Mit Escobar besetzt erstmals ein
       Afrokolumbianer das höchste Amt des Verwaltungsgebiets. Sein Fokus auf
       nachhaltige Entwicklung, Umwelt und erneuerbare Energien könnte einen
       tiefgreifenden Wandel in Nariño bedeuten.
       
       Mit Escobar besetzt erstmals ein Afrokolumbianer das höchste Amt des
       Verwaltungsgebiets. Sein Fokus auf nachhaltige Entwicklung, Umwelt und
       erneuerbare Energien könnte einen tiefgreifenden Wandel in Nariño bedeuten.
       
       In Wahlkampfzeiten verschlechtert sich für gewöhnlich die Sicherheitslage
       in Kolumbien: Drohungen, Attentate und Morde häufen sich. Wer hier etwas an
       den alten Strukturen ändern will, lebt gefährlich – und Cauca war dieses
       Jahr die gefährlichste Gegend für Politiker:innen. 40 Kandidat:innen
       wurden wegen ihrer politischen Aktivitäten bedroht, angegriffen oder
       ermordet. Einige von ihnen haben das Land verlassen.
       
       Für Prado, der durch seine Arbeit beim Roten Kreuz viel mitbekommt, ist die
       aktuelle Eskalation nichts Neues. Die Gewalt sei immer da gewesen, sie
       werde nur wieder sichtbar. Jüngst sei in den Medien viel über die Morde an
       líderes sociales (Anführer:innen sozialer Bewegungen) berichtet worden,
       doch die gezielten Tötungen von Aktivistinnen und Menschenrechtlern habe es
       immer gegeben.
       
       „Cauca ist ein Labor, kein Drogenlabor, wie viele sagen, sondern ein
       Gebiet, in dem sich alle bewaffneten Akteure tummeln, die es im Land gibt.“
       Außer Paramilitärs, verschiedenen Farc-Splittergruppen, den ELN, mehreren
       Drogenbanden und anderen Verbrechern sind nun auch das Militär und die
       Polizei wieder aktiv. Laut Prado sind jedoch die bewaffneten Gruppen für
       die Zustände nicht allein verantwortlich: Der Zustrom von Migrant:innen
       aus Venezuela, die mangelnde Umsetzung der im Friedensabkommen von 2016
       vereinbarten Maßnahmen sowie Landkonflikte der indigenen, der
       afrokolumbianischen und der bäuerlichen Gemeinschaften führten ebenfalls zu
       Gewalt.
       
       Cauca sei keine Ausnahme, Bedingungen wie hier herrschen in vielen
       Regionen. „Hier sehen wir das ganze Panorama der Probleme, die Kolumbien
       seit Jahren plagen!“ Zumindest, so Prado, respektieren hier alle Parteien
       die humanitäre Mission vom Roten Kreuz, das für die Rettung von Menschen
       zuständig ist, die nicht oder nicht mehr an den bewaffneten
       Feindseligkeiten beteiligt sind. Insbesondere hilft das Rote Kreuz bei der
       Übergabe von Geiseln.
       
       Zum jetzigen Zeitpunkt sind sieben solcher illegalen Gruppen in Cauca
       aktiv: vier, die zum sogenannten Estado Mayor Central (Zentraler
       Generalstab, EMC) gehören (ehemalige Farc-Kämpfer, die sich dem
       Friedensvertrag von 2016 nicht angeschlossen haben); eine Allianz von
       Guerilleros der Segunda Marquetalia[6]und der ELN[7]; das ELN-Kommando
       Manuel Vásquez Castaño; sowie die größte kriminelle Organisation
       Kolumbiens, die Autodefensas Gaitanistas de Colombia (AGC), die
       international unter dem Namen „Golf-Clan“ bekannt und mit dem mexikanischen
       Sinaloa-Kartell verbunden ist. Viele ihrer Mitglieder gehörten früher den
       rechtsextremen AUC-Paramilitärs an, die sich 2004 auflösten. Alle diese
       Gruppen sind in den lokalen Drogenhandel verwickelt.
       
       Die ELN ist die größte verbliebene Guerilla des Landes – rund 3000 Kämpfer
       soll sie laut eigenen Angaben derzeit haben. Sie ist in 23 der 32
       kolumbianischen Departamentos präsent und unterhält Stützpunkte im
       Nachbarland Venezuela. Der EMC, die größte Splittergruppe der Farc, ist in
       der Hälfte der Departamentos aktiv.
       
       Mit beiden Gruppen führt die Regierung seit einer Weile separate
       Friedensgespräche. Eine vorübergehende bilaterale Feuerpause wurde mit den
       jeweiligen Unterhändlern vereinbart und ist in Kraft – zumindest auf dem
       Papier. Die ELN sollen die Waffen seit Anfang August für sechs Monate ruhen
       lassen; der Estado Mayor stimmte kürzlich einem dreimonatigen
       Waffenstillstand zu, der am 17. Oktober begonnen hat.
       
       Beide Vereinbarungen beziehen sich jedoch nur auf den Umgang mit der Armee.
       Immer wieder kommt es trotz der einander versprochenen Rücksichtnahme zu
       Gewaltausbrüchen zwischen den Gruppen und gegenüber der Zivilbevölkerung.
       Fast täglich werden Feuergefechte und Vertreibungen ganzer Dörfer oder
       Gemeinschaften gemeldet.
       
       Weder die ELN noch der EMC verfügen über eine zentrale Kommandostruktur.
       Deshalb ist es schwer, das am Verhandlungstisch Erreichte landesweit
       umzusetzen, denn die Anführer der lokalen Einheiten stimmen den
       Unterhändlern nicht unbedingt zu.
       
       Warum gerade Westkolumbien seit Jahren Schauplatz solch ausufernder Gewalt
       ist, zeigt ein Blick auf die Landkarte: Die Departamentos Cauca und Nariño
       haben direkten Zugang zum Pazifik – der Drogenroute Richtung USA und
       Europa, Ecuador ist nur einen Katzensprung entfernt, und der Cauca-Fluss
       verbindet die Region mit Landesteilen, die ebenfalls in den Drogenhandel
       involviert sind.
       
       Besonders umkämpft ist der zentral gelegene Cañon Micay. Denn mit dem
       illegalen Abbau von Kohle, Nickel und Smaragden lässt sich zusätzlich Geld
       verdienen. „Unsere geografische Lage, unser Klima und die Rohstoffe machen
       uns zum Opfer von kriminellen Banden und bewaffneten Gruppen. Fehlende
       Investitionen von Staat und Wirtschaft tragen mit dazu bei“, meint der
       Politiker Oviedo.
       
       Prado, der seit 37 Jahren in Cauca arbeitet und jeden Winkel kennt,
       bezeichnet das Gebiet als „instabil und fragil“. An einem Tag sei alles gut
       und am nächsten ändern sich die Bedingungen. Gegenden, die im Frühling noch
       zugänglich waren, sind inzwischen zur Gefahrenzone erklärt worden.
       
       Die Bevölkerung weiß nicht immer und nie mit Sicherheit, mit wem sie es
       gerade zu tun hat. Selbst Guejia, der vom Land kommt und mit diesen
       Dynamiken aufgewachsen ist, sagt, er könne die jeweiligen Akteure der
       Gewalt nicht eindeutig identifizieren. Sie hätten keine klare politische
       oder ideologische Linie mehr: Einige seien abtrünnige Kämpfer, die ihre
       Waffen nicht hatten niederlegen wollen; andere seien neu Rekrutierte. Nicht
       alle seien einer illegal bewaffneten Gruppe zuzuordnen, sondern stünden in
       den Diensten von Drogenbanden.
       
       „Deshalb ist es so schwierig, die Verantwortlichen ausfindig zu machen: Es
       gibt keinen direkten Ansprechpartner, und alle schieben einander die Schuld
       zu.“ Die Bevölkerung wisse nicht, auf wessen Befehl sie handeln, und kenne
       ihre Ziele nicht.
       
       Für Außenstehende sind die Mechanismen der territorialen Kontrolle erst
       recht undurchschaubar. Die hiesige Bevölkerung scheint jedoch genau zu
       wissen, welches Verhalten erwünscht ist.
       
       Ich bin mit Rodolfo durch mehrere Dörfer gereist. Wir tauchten immer tiefer
       in die bergige Landschaft ein. Die geteerten Straßen wurden immer löchriger
       und gingen schließlich in Feldwege über. Plötzlich hielt Rodolfo ohne
       Vorwarnung an. Die Straße war frei und keine Menschenseele zu sehen. „Ich
       muss noch einen Fisch kaufen, damit bezahle ich die Unterkunft für heute
       Nacht. Wir müssen hier umkehren. Mich kennen die Guerillas, ich bin hier
       geboren. Ich fahre ohne Helm, dann erkennen sie mich schon aus der Ferne.
       Aber dich, eine Ausländerin, kennen sie nicht. Da will ich lieber nichts
       riskieren!“ Mit derselben Begründung haben zwei Interviewpartner ein
       vereinbartes Treffen abgesagt.
       
       Die illegalen Akteure bestimmen über die Anwohner:innen: Sie verhängen
       Ausgangssperren und Verbotszonen. Und sie rekrutieren, meist unter Zwang.
       Minderjährige werden verschleppt und müssen oft über Jahre bei den
       Guerillas dienen. Überwiegend betroffen sind indigene Kinder, obwohl die
       nationale Ombudsstelle bereits vor zwei Jahren dagegen eine Kampagne
       gestartet hat.
       
       Die Zwangsrekrutierung der Jugend sei nach wie vor das größte Problem, sagt
       Jairo, der Anführer der guardía indígena (indigenen Wache), die sich für
       die Sicherheit der elf indigenen Territorien des Cauca einsetzt. Ihre 400
       Mitglieder durchkämmen das gesamte Gebiet, erstellen Karten mit den
       Standorten der bewaffneten Gruppen, warnen die Bevölkerung. Wenn es die
       Situation verlange, arbeiten sie auch mit lokalen, nichtindigenen Behörden
       zusammen, erklärt Jairo. Sie benutzen keine Waffen. Die Gegner würden
       allein durch die Mannschaftsstärke der guardía indígena eingeschüchtert.
       Einige ihrer Mitglieder gerieten zwischen die Fronten von Paramilitärs und
       Guerillas und wurden dabei getötet.
       
       ## Subventionen für den Umstieg von Koka auf Kakao
       
       Trotz des Abkommens mit der Farc und den laufenden Verhandlungen mit der
       ELN und dem EMC steigt die Zahl der rekrutierten Kinder: 2021 wurden nach
       Angaben der Organisation Save the Children 46 Fälle im Cauca gemeldet, 2022
       waren es 164 und 2023 bisher 140. Der Regionalrat der indigenen Völker
       Westkolumbiens (Cric) meldete allein für 2021 knapp 300 Fälle verschleppter
       indigener Kinder, vier Fünftel davon Mädchen.
       
       Der Wächter Jairo versucht die verschollenen Kinder ausfindig zu machen, um
       sie nach Hause zurückzubringen. Mehrmals hatte sein Team Erfolg. Inzwischen
       wird der 64-Jährige in diverse Regionen geschickt, um anderen indigenen und
       afrokolumbianischen Gemeinschaften das Konzept der friedlichen Verteidigung
       beizubringen.
       
       Bei meinem letzten Besuch hat er wenig Zeit, er wirkt gestresst. Die
       Ex-Farc haben gerade eine Autobombe hochgehen lassen, die Situation sei
       „sehr brenzlig“, man arbeite „Tag und Nacht an einer Strategie“. Er soll in
       den kommenden Tagen die Menschenrechtsanwälte des Cric bei ihrer Arbeit in
       der Gefahrenzone beschützen, da in mehreren indigenen Territorien seit
       Tagen Schusswechsel gemeldet werden. Vor jeder seiner Missionen umarmt der
       alleinerziehende Vater seine 15-jährige Tochter, als sei es das letzte Mal.
       „Man weiß nie“, sagt er an mich gewandt. Das Mädchen soll nicht wissen, wie
       gefährlich seine Arbeit ist.
       
       Das benachbarte Departamento Nariño hat mit ähnlichen Problemen zu kämpfen
       wie Cauca. Es gehört neben dem Amazonasgebiet und dem Norte Santander an
       der Grenze zu Venezuela zu den größten Anbaugebieten von Koka in
       Kolumbien.[8]Auch Nariño befindet sich in einem Limbus, zwischen dem
       begonnenen Friedensprozess und neuen Gewaltzyklen.
       
       Im August und im September führten Kämpfe zwischen Ex-Farc und ELN zu einer
       Welle von Vertreibungen. Dalia Bolaños, eine 24-jährige alleinerziehende
       Mutter aus der Gemeinde Agua Clara ist eine von tausenden Vertriebenen des
       Awá-Volks. Vor einigen Wochen ist sie in Pasto angekommen. Nichts von dem,
       was sie aus ihrer Heimat kennt, findet sie in der Stadt wieder. Sie
       vermisse den Wald, das Essen und den Fluss, sagt sie. Am meisten Sorge
       mache ihr, dass ihr Kind ohne seine Kultur aufwächst und die Sprache nicht
       mehr spricht. „Man möchte hier in der Stadt nicht Awá sein, man möchte
       dazugehören“, sagt sie, während sie in die Chipstüte auf dem Tisch greift.
       
       Seit über einem Jahr sind die Awá vermehrt von Massakern und Übergriffen
       betroffen, berichtet der Pressesprecher des Verbands der Awá-Völker
       (Unipa). Die Awá gelten international als eines der am meisten bedrohten
       Völker der Welt, was 2009 auch das Verfassungsgericht Kolumbiens anerkannt
       hat. Seither haben sich die Menschenrechtsverletzungen eher noch
       verschlimmert. Nach Angaben des UNHCR gibt es infolge des jahrzehntelangen
       Bürgerkriegs in Kolumbien mehr als 8 Millionen Binnenflüchtlinge.
       
       Präsident Petro, ehemals selbst Guerillero der nicht mehr existierenden
       M-19, will dem Land den langersehnten Frieden bringen. Der 63-Jährige hat
       bei seinem Amtsantritt angekündigt, mit möglichst allen bewaffneten Gruppen
       und kriminellen Banden zu sprechen; keine Regierung zuvor hat dergleichen
       angeboten. Die Initiative „Paz Total“ soll den Durchbruch bringen.
       
       Tatsächlich bestätigte die Beobachtermission der Vereinten Nationen
       kürzlich einen Rückgang der Gewalt, der auf die Waffenruhe mit der
       ELN-Guerilla zurückzuführen ist. Noch nie zuvor ist ein Regierungschef in
       Richtung Frieden so weit vorangekommen wie Petro; sieben
       Vorgängerregierungen scheiterten bei Verhandlungen mit der ELN. Der Leiter
       der UN-Beobachtermission, Carlos Ruiz Massieu, sieht auch Fortschritte bei
       der Umsetzung der Landreformen, die im Friedensvertrag von 2016 vereinbart
       wurden.
       
       Der Präsident betont bei jeder Gelegenheit, dass den illegalen Gruppen die
       wirtschaftliche Grundlage entzogen werden müsse. Konkret heißt das: Der
       Drogenanbau muss gestoppt werden. „Leben säen, den Drogenhandel verbannen“,
       lautet das Motto. Die Landbevölkerung, die Koka anbaut, soll nicht
       kriminalisiert werden und Subventionen für den Umstieg erhalten: Kaffee
       oder Kakao statt Koka. In der Strategie, die in Zusammenarbeit mit über 270
       Organisationen, mehreren Universitäten und Menschenrechtsgruppen entwickelt
       wurde, spielt auch der Umweltschutz eine wichtige Rolle.
       
       Das Städtchen Policarpa liegt zwei Autostunden von Nariños Hauptstadt
       Pasto entfernt. In der Umgebung sah man bis vor Kurzem ausschließlich
       Koka- und Marihuanaplantagen. Derzeit müsse man sich noch schämen, wenn man
       aus Policarpa komme, sagt ein Jugendlicher. Seine Familie ist schon auf
       legale Landwirtschaft umgestiegen: „Trotzdem werden wir als Drogenbauern
       abgestempelt.“
       
       Zwar wird immer noch Land für den Drogenanbau erschlossen, doch mancherorts
       haben sich schon die Kakaokulturen durchgesetzt. Asocacao ist eine
       Vereinigung von 400 Kleinbäuerinnen, die sich entschlossen haben, den
       Drogenanbau hinter sich zu lassen und auf Kakao setzen. Viele von ihnen
       sind alleinerziehende Mütter.
       
       Das Friedensabkommen von 2016, das die Finanzierung solcher Projekte
       sichern sollte, habe sie zu dieser Entscheidung bewogen, sagt ihre
       Sprecherin. Aber: „Bis heute kam kein Peso bei uns an.“ Die Sprecherinnen
       seien sogar schon in Bogotá gewesen, um mit den Verantwortlichen zu reden.
       Sie würden nur von einer spanischen Stiftung unterstützt, einige von ihnen
       seien aus finanzieller Not wieder zum Kokaanbau zurückgekehrt.
       
       Asocacao ist Teil eines staatlichen Bildungsprojekts: Jugendliche sollen in
       einer technischen Ausbildung alles über den nachhaltigen Kakaoanbau lernen
       – von der Saat bis zur Ernte. Auch die Erderhitzung ist in dem Programm ein
       wichtiges Thema: Klimafreundliche Düngung und Wasseraufbereitung werden im
       Unterricht behandelt. Ein Lehrer der Initiative sagt, man wolle dem
       Nachwuchs beibringen, dass der Drogenanbau keine Option sei. „Nicht für
       ihre Familien und auch nicht für Kolumbien.“
       
       1↑ Name auf Wunsch geändert.
       
       2↑ Bericht der Vereinten Nationen, 11. September 2023.
       
       3↑ Siehe Léa Gasquet und Pierre Carles, „[1][Was ist aus der Farc
       geworden?“], LMd, August 2022.
       
       4↑ [2][„El cese als fuego bilateral puede afectar a la operación trueno“,]
       infobae.com, 14. Oktober 2023.
       
       5↑ [3][Vierter Gewalt-Bericht der Stiftung Frieden und Versöhnung] (Pares)
       2022–2023.
       
       6↑ Vgl. Sergio Saffon, [4][„Las ex-FARC mafia en Colombia continúan la
       guerra mientras hablan de paz“], insightcrime.com, 11. Oktober 2023.
       
       7↑ Weitere Splittergruppe der Farc, die 2018 wieder zu den Waffen griff,
       mit der Begründung, der Staat habe sich nicht an das Friedensabkommen
       gehalten.
       
       8↑ [5][„Colombia organized crime news]“, insightcrime.org, März 2017.
       
       9↑ [6][Bericht der Vereinten Nationen über den Kokaanbau in Kolumbien], 11.
       September 2023.
       
       Sara Meyer ist Journalistin in Bogotá, Kolumbien.
       
       © LMd,Berlin
       
       9 Nov 2023
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://monde-diplomatique.de/artikel/!5871132
 (DIR) [2] https://www.infobae.com/colombia/2023/10/14/el-cese-al-fuego-bilateral-puede-afectar-a-la-operacion-trueno/
 (DIR) [3] https://www.pares.com.co/post/cuarto-informe-de-violencia-pol%C3%ADtico-electoral-29-de-octubre-2022-29-de-junio-2023
 (DIR) [4] https://insightcrime.org/es/noticias/ex-farc-mafia-colombia-continuan-guerra-mientras-hablan-paz/
 (DIR) [5] https://insightcrime.org/colombia-organized-crime-news/eln-profile
 (DIR) [6] https://www.unodc.org/colombia/es/informe-de-monitoreo-de-territorios-con-presencia-de-cultivos-de-coca-2022.html
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Sara Meyer
       
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