# taz.de -- Was ist aus der Farc geworden?
> Seit dem 7. August hat Kolumbien erstmals eine linke Regierung. Präsident
> Gustavo Petro und Vizepräsidentin Francia Márquez versprechen dem Land
> wirklichen Frieden. Ehemalige Angehörige der Farc hoffen nun auf ein
> Leben in Sicherheit.
(IMG) Bild: Große Wäsche bei den Guerilleros, September 2016
von Léa Gasquet und Pierre Carles
Sie haben ihre Khaki-Westen und ihre berühmten Gummistiefel gegen weiße
T-Shirts und weiße Schuhe eingetauscht. Als sie sich am 7. März 2022 in
Bogotá treffen, tragen manche ihre alte Kampfmontur über dem Arm,
geschmückt mit Blumen. Die 200 ehemaligen Kämpferinnen und Kämpfer der
Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens – Volksarmee (Farc-EP) sind aus dem
ganzen Land zu einem „Pilgermarsch für das Leben und den Frieden“
aufgebrochen. „Passt auf, nicht den Verkehr stören“, mahnt ein Ordner, als
der Zug auf die wichtigste Verkehrsader der Hauptstadt, die Septima,
einbiegt. Heutzutage melden die Ex-Guerilleros ihre Demonstrationen an und
sind Pazifisten.
Sie tragen Fotos ihrer ermordeten Kameradinnen und Kameraden. „Manuel
Antonio González Buelva. 1988–2019“. Manuel hatte 12 seiner 31 Lebensjahre
in der Guerilla verbracht. Nach dem Frieden wurde er Motorradtaxifahrer und
bekam eine Tochter, erzählt sein Vater. Seit der endgültigen Ratifizierung
des Abkommens zwischen der Farc und der Regierung von Juan Manuel Santos
(2010–2018) im November 2016 wurden 320 ehemalige Guerillaangehörige
ermordet, 2,5 Prozent von 13 000, die sich damals für die
Wiedereingliederung in die Gesellschaft entschieden hatten. Bis heute kam
keiner dieser Morde vor Gericht.
Das ist ein „nicht verfassungsgemäßer Zustand“, befand das kolumbianische
Verfassungsgericht im Januar 2022 im Hinblick auf die „ständigen, massiven
Verletzungen grundlegender Rechte dieser Bürger und das Versäumnis der
zuständigen Behörden, entsprechende Maßnahmen zu ergreifen“. Der Staat
schützt die entwaffneten Kämpferinnen und Kämpfer nicht wirklich, obwohl er
1800 Bodyguards eingestellt hat, die meist aus den Reihen der Farc stammen.
„Es ist keine Lösung, allen cameradas einen Leibwächter zur Seite zu
stellen. Wir bräuchten das alles nicht, wenn sich die Regierung an das
Abkommen halten würde: Die paramilitärischen Gruppen wurden nämlich nicht
aufgelöst, und die Umstellung vom Kokaanbau auf andere Produkte kommt
nicht voran“, erklärt Julio César Orjuela alias Federico Nariño, einst
Comandante der Farc und Delegationsmitglied bei den Friedensverhandlungen
in Kuba, während sich der Zug dem Justizpalast nähert.
Knapp sechs Jahre nach dem Frieden könnte die kolumbianische Gesellschaft
eine progressivere Richtung einschlagen: Die große Protestbewegung (Paro
Nacional) von 2021 verhinderte eine Steuerreform, die die bestehenden
sozialen Ungleichheiten verschärft hätte.[1]Im März 2022 legalisierte das
Verfassungsgericht die Abtreibung. Am 26. Juni wurden dann erstmals mit
Gustavo Petro ein Linker zum Präsidenten und mit Francia Márquez die erste
schwarze Frau zur Vizepräsidentin gewählt, dank eines breiten
„historischen“ Bündnisses, das von Kommunisten bis zu
Mitte-links-Parteien reichte.
In den letzten vier Jahren der konservativen Regierung von Iván Duque war
der Friedensprozess zum Stillstand gekommen. Von 107 Gesetzesvorhaben, die
zur Umsetzung des Friedensabkommens von Havanna erforderlich gewesen wären,
wurden nur fünf verabschiedet. Nach wir vor gibt es bewaffnete Konflikte,
zumeist zwischen kolumbianischen Streitkräften und nichtstaatlichen
bewaffneten Gruppen.[2]
## Eine Bar namens Lubianka
Nach einem Bericht der Vereinten Nationen wurden 2021 73 300 Menschen
vertrieben und 150 durch Antipersonenminen verletzt oder getötet. „Die Lage
hat sich seit 2017 kontinuierlich verschlechtert. Damals war der bewaffnete
Konflikt tatsächlich stark abgeflaut“, meint ein Historiker, der anonym
bleiben möchte. „Der Paramilitarismus ist nicht mehr so sichtbar, wird aber
immer stärker.“ Er sieht alle Voraussetzungen für einen neuen Zyklus
bewaffneter Kämpfe, jetzt aber um die Kontrolle über die vom Staat
vernachlässigten Gebiete. Dort erpressen bewaffnete Gruppen Schutzgelder,
vor allem bei Kokabauern, und mischen im Drogenhandel mit.
Im Teusaquillo-Viertel von Bogotá treffen wir Pastor Alape in der Bar
Lubianka. Das nach dem Sitz der sowjetischen Geheimpolizei benannte Lokal
wird von Ex-Guerillas betrieben. Alape war früher Comandante einer der
sieben Divisionen der Farc und Mitglied des Farc-Sekretariats. Heute ist er
Delegierter der Comunes-Partei im Nationalen Rat für Wiedereingliederung
(CNR), der paritätisch mit Vertretern von Regierung und Farc-Veteranen
besetzt ist. Vier Panzerwagen und acht Sicherheitsleute bewachen den
Eingang der Bar. Im Obergeschoss gibt es eine Runde Flaschenbier der Marke
„Alap(e)az“, die den Namen Alape mit „la paz“, also Frieden verbindet.
Kleine Brauereien und Bars von Ex-Guerillas gibt es zuhauf in diesem
Viertel. Die Casa Alternativa zapft La-Roja-Bier (Das Rote), die Casa de la
Paz La Trocha (Der Pfad).
Eigentlich ging es bei den Verhandlungen in Havanna über die
wirtschaftliche Reintegration nicht um Bier, sondern um landwirtschaftliche
Kooperativen, da die Farc-Basis vorwiegend bäuerlich war. Auch konnten die
Unterzeichnenden für eigene Betriebe oder Kooperativen eine Starthilfe von
8 Millionen Pesos (etwa 2000 Euro) beziehen. Ende 2021 bewilligte der CNR
116 Gemeinschaftsprojekte, davon 80 Prozent in der Landwirtschaft, für
insgesamt 3855 Menschen.
Die Kosten von 43,5 Milliarden Pesos machten mehr als ein Viertel des
internationalen Friedensfonds aus, erklärt Alape. Und die staatliche
Behörde für Wiedereingliederung genehmigte weitere knapp 4000 Projekte. In
den Genuss einer solchen Unterstützung kam damit über die Hälfte der
ehemaligen Farc-Angehörigen.
Eines der Vorzeigeobjekte ist die Fabrik für La-Montaña-Rucksäcke, die in
Antioquia gefertigt werden; und bei einem Treffen der NGO Concordia in New
York trug Milliardär Warren Buffet gelbe Boots, die ihm Präsident Duque
geschenkt hatte – hergestellt von Ex-Guerilleros in Tierra Grata.
Doch Alape sieht eine Menge Probleme: „Keines der bewilligten Projekte
konnte sich bislang wirklich behaupten. Bei den Soloselbstständigen ist die
Situation noch schlimmer. So viel wir wissen, gehen 90 Prozent gerade
pleite. Mit 8 Millionen Pesos konnte man gerade mal drei Waschmaschinen
kaufen, um eine Wäscherei zu eröffnen, oder ein paar Kühe, mehr war kaum
drin.“
Auf dem Land, weit weg von der Hauptstadt, kommen die Agrarkooperativen
nicht in Gang, weil die Subventionen zu spät ausgezahlt werden und
Anbauflächen schwer zu finden sind. „Seit Beginn des Bürgerkriegs 1964 hat
sich die Situation kaum verändert. Das Problem ist immer noch dasselbe“,
klagt Erika Montero, ehemalige Comandante und Comunes-Vertreterin in der
Wiedereingliederungszone (Espacio Territorial de Capacitación y
Reincorporación, ETCR) von Llano Grande im Departamento Antioquia. Von der
Terrasse ihres Hauses blickt man auf die Barackensiedlung am Fuße des
Paramillo-Gebirges.
Ursprünglich sah die von der Farc verhandelte Landreform vor, dass 7
Millionen Hektar Land, die von Bäuerinnen und Bauern ohne Eigentumsrechte
bewirtschaftet wurden, legalisiert werden. Weitere 3 Millionen Hektar
sollen an andere Landlose (darunter auch Ehemalige der Farc) verteilt
werden. Doch das Kataster ist immer noch in Arbeit. Recherchen der Zeitung
El Espectador zufolge wurden von den 400 000 Hektar, die nach Angaben der
nationalen Landbehörde bereits verteilt sein sollten, lediglich 3000 Hektar
an neue Besitzer übergeben.[3]
Die „Zone“ von Llano Grande ist sieben Fahrstunden – auf chaotischen
Straßen – von Medellín entfernt und bietet exakt denselben Anblick wie die
anderen 24 Lager, die über das Land verstreut sind: Baracken mit
Metallskeletten, Wänden aus Gips und Dächern aus Wellblech. Eigentlich
sollten sie nur als provisorische Unterkunft für ein halbes Jahr dienen.
Die zuversichtlichsten Bewohner haben sie mit leuchtenden Farben bemalt und
Begonien und Yuccapalmen davor gepflanzt. Hinter den Baracken ziehen sich
Hühnergehege und Gemüsegärten den steilen Berghang hinauf.
Die Agrarkooperative des Lagers namens Agroprogreso hat endlich 250 Hektar
Land für die Rinderhaltung bekommen, sie will Milch und Fleisch
produzieren. Doch das Grundstück liegt zwei Fahrstunden entfernt, das Vieh
ist noch nicht gekauft. Auch eine längst geplante Zitronenplantage gibt es
noch nicht, aber immerhin hat man dieses Jahr zum ersten Mal Kaffee
geerntet.
Die Kooperative hat auch auf Ökotourismus gesetzt und dafür ein
Guerillacamp rekonstruiert, dazu ein kleines Hotel. Die Pandemie machte ihr
einen Strich durch die Rechnung, jetzt übernachten hier gelegentlich
Naturwissenschaftler, die im Naturpark Paramillo forschen. Ihren
Lebensunterhalt können die Lagerbewohner nicht selbst bestreiten.
Die renta basica, ein Grundeinkommen in Höhe von 90 Prozent des
Mindestlohns (etwa 215 Euro), und die ständig neu verhandelten
Lebensmittelrationen reichen nicht aus, zumal sich die Familien nach dem
Krieg vergrößert haben, eine Folge von Familienzusammenführung und
steigenden Geburtenzahlen. Von den 320 Ehemaligen der Farc, die ihre Waffen
abgegeben haben, wohnt nicht einmal mehr ein Drittel im Camp. Viele sind
auf der Suche nach Jobs weggezogen, oft arbeiten sie als Tagelöhner auf
Plantagen.
Während der Aufbau der Kooperativen stagniert, löst sich das
Gemeinschaftsleben, das einst den Alltag der Guerilla strukturiert hatte,
allmähl ich auf. In Llano Grande gibt es außer zu Weihnachten und Neujahr
keine ranchadas mehr, also Küchendienst für alle. In der „Zone“ von
Pondores (Departamento La Guajira) zeigen die kleinen Vorhängeschlösser an
den Toilettentüren an, dass auch der Putzdienst nicht mehr rotiert. In San
José de León (Antioquia) wurde der gemeinsame Arbeitseinsatz am
Samstagmorgen (convite) – zur Reparatur der Straße – mangels Teilnahme
abgesagt.
Erika Montero erklärt, wie schwer der Übergang von einer hierarchischen
Organisation zur Selbstverwaltung ist: „Wir waren darauf nicht vorbereitet.
In der Guerilla hieß es immer: ‚Papa Farc und Mama Farc‘. Die Organisation
sorgte für alles, was du brauchtest, auch wenn ‚alles‘ nicht besonders viel
war: ein Rucksack, eine Waffe, Kleidung, Essen und gute Krankenpflege.“
Die ETCR haben sich entgegen optimistischen Vorstellungen nicht zu
selbstverwalteten kommunistischen Dörfern entwickelt. „Wie hätte das auch
gehen sollen“, meint Tanja Nijmeijer, die Anfang der 2000er Jahre aus den
Niederlanden zur Guerilla kam. „Es ist nicht mehr so wie früher, als wir
alle zusammen im Untergrund lebten. Wir sind jetzt in die kapitalistische
Gesellschaft hineingestoßen, ob wir das wollen oder nicht.“ Sie lebt
zurückgezogen am Fuße der Cali-Berge. Nach ihrer Demobilisierung hat sie
ihr Studium fortgesetzt. Heute gibt sie Online-Englischkurse. Im November
2021 hat sie ihre Autobiografie veröffentlicht.
Tania Nijmeijer steht nach wie vor auf der Fahndungsliste von Interpol,
weil sie Dolmetscherin für gefangene US-amerikanische Soldaten bei der Farc
war. Sie kann das Land nicht verlassen, das für sie zu „einem schönen
Gefängnis“ geworden ist. Dort lebt sie mit ihrem Lebensgefährten Boris
Guevara – heute Grafikdesigner und Dokumentarfilmer – in einem kleinen
Haus, das von drei Hunden bewacht wird.
Bei Kriegsende, schildert Nijmeijer, habe zunächst die Stimmung geherrscht:
„Jeder für sich und rette sich, wer kann.“ Aber sie bleibt optimistisch:
„Wir werden zum Kollektiv zurückfinden. Auch ich selbst hatte das
Bedürfnis, mich zurückzuziehen. Jetzt habe ich eine Arbeit und ein Haus und
will mich in unserer Kooperative engagieren, das gibt mir viel Hoffnung.“
Mit ihrem Partner baut sie einen Onlineversand auf, um die Produkte der
Kooperative zu vermarkten.
Was die Friedensvereinbarungen betrifft, so macht sich Nijmeijer keine
Illusionen: „Bei der Abgabe der Waffen waren wir zu naiv“, meint sie. In
Verhandlungen unter Gleichberechtigten hätte man Gegenleistungen
durchsetzen können: „Eine Agrarreform, die Demokratisierung der
Institutionen, einen Plan zur Substitution des Kokaanbaus. Aber wie wollen
wir das heute noch einfordern?“ Das sehen viele ähnlich.
In einer kleinen Erdgeschosswohnung, die vor der brütenden Hitze im
Stadtzentrum von Cali schützt, stößt Miguel Pascuas ins selbe Horn: „Wenn
Manuel Marulanda, Jacobo Arenas und Alfonso Cano die Farc noch angeführt
hätten, dann hätten wir dem Friedensschluss zwar zugestimmt, aber unsere
Waffen hätten wir nicht abgegeben.“ Der 81-jährige Pascuas, der letzte
Überlebende aus der Gründergeneration der Farc, führt Klage, dass die
Regierung das Abkommen nicht einhalte: „Und deshalb gehen manche zur
Guerilla zurück.“
Mit leiser, manchmal stockender Stimme, erklärt der alte Comandante.warum
er nichts bereut: „Damals gab es keine andere Wahl, als zur Guerilla zu
gehen.“ Doch die war anders als die heutigen, „sehr unorganisierten“
bewaffneten Gruppen. In deren Reihen sieht Pascuas viele „Banditen“, die
unschuldige Zivilisten töten und in den Kämpfen Unbeteiligte gefährden.
„Ich habe den Krieg ernsthaft betrieben, und das möchte ich auch mit dem
Frieden tun.“
In der „Zone“ von Pondores, unweit der Grenze zu Venezuela, spart Benedicto
González ebenfalls nicht mit Kritik an der heutigen Führung. Er war früher
Mitglied der kommunistischen Jugend und in der Guerilla für Bildung und
Propaganda zuständig. Als die Verhandlungsdelegation nach Havanna reiste,
blieb er in Kolumbien. „Wir haben weiße Linien festgelegt. Wir konnten die
Konfliktlösung nach dem UN-Modell ‚Entwaffnung, Demobilisierung und
Wiedereingliederung‘ nicht annehmen.“ Eigentlich wollte man die Waffen
nicht abgeben, sondern nur niederlegen, wie es die IRA in Irland getan hat:
„Wir wollten uns nicht entwaffnen lassen, sondern uns in der Politik
engagieren. Wir wollten uns nicht wieder eingliedern, weil wir nie
außerhalb der Gesellschaft waren. Aber genau das Gegenteil ist passiert.“
Deshalb fühlten sich die Leute betrogen, wofür Gonzáles auch die Führung
verantwortlich macht. Er selbst hatte im Kongress zeitweise den ehemaligen
Farc-Anführer und Friedensunterhändler Jesús Santrich vertreten, der stets
eine harte Linie gegenüber der Regierung verfolgt hatte und im Mai 2021 von
Söldnern ermordet wurde.
Inzwischen ist González aus dem Leitungsgremium seiner Partei
ausgeschieden. Die sieht er nicht mehr als seine politische Heimat: „Das
Ziel, die Macht im Land zu übernehmen, wurde durch eine Chamäleonstrategie
ersetzt. Man passt sich an, die programmatischen Inhalte rücken in den
Hintergrund. Es gibt keine Kampagnen mehr gegen multinationale Konzerne
oder für den Zugang zu Ackerland.“
Die Partei hieß offiziell zunächst Alternative Revolutionäre Kraft der
Gemeinschaft (Fuerza Alternativa Revolucionaria del Común, Farc); seit 2021
firmiert sie schlicht als „Comunes“. Die Namensänderung erfolgte, „weil
Farc an den Krieg und die Verzweiflung erinnert“, erklärte der
Parteivorsitzende Rodrigo Londoño alias Timochenko in einem Interview mit
Radio La FM.
Die ehemaligen Farc-Leute hätten zwar den bewaffneten Kampf aufgegeben,
nicht aber ihr revolutionäres kommunistisches Projekt, versichert uns
Carlos Antonio Lozada alias Julián Gallo, einst Comandante und Mitglied des
Sekretariats, der uns in seinem schmucklosen Büro empfängt. Er hat soeben
seine zweite Amtszeit als Senator angetreten. Im Wahlkampf verteilte er
Flugblätter mit dem neuen Logo von Comunes: einer stilisierten roten Rose,
die von einer Friedenstaube angeflogen wird.
Gemäß den Friedensabkommen stehen der Partei in den ersten beiden
Legislaturperioden (von je vier Jahren) zehn Sitze im Kongress zu: fünf im
Senat, fünf im Repräsentantenhaus. Dennoch führte Comunes einen aktiven
Wahlkampf, um sich für 2026 einen Wählerstamm aufzubauen.
„Wir wollen die Gesellschaft demokratisieren. Das ist aus europäischer
Sicht kein besonders revolutionäres Vorhaben, aber hier ist es das
durchaus“, erklärt der Senator, um dann zu einer orthodox marxistischen
Analyse der wirtschaftlichen Lage anzusetzen: Kolumbien stecke noch immer
in einer vormodernen Entwicklungsphase, wie die feudalistische Verteilung
des Landbesitzes zeige. Man müsse zunächst „den Kapitalismus entwickeln,
bevor man von einer postkapitalistischen Gesellschaft sprechen“ könne. „Die
ist zwar immer noch unser Ziel, aber es ist im Moment nicht umsetzbar. Wer
das behauptet, ist ein Traumtänzer.“
Bei den Parlamentswahlen im März 2022 erhielt Comunes nur 52 000 Stimmen,
was einem Anteil von nur 0,15 Prozent entspricht. Das schlechte
Wahlergebnis wird damit erklärt, dass die Sitze im Kongress ja sicher
waren, deshalb hätten die Anhänger der Partei dem historischen Pakt von
Petro und Márquez eine Chance gegeben. Die Abgeordneten wollen das schwache
Abschneiden nicht als Misstrauen interpretieren.
Mit dem Label Farc lässt nicht mehr viel gewinnen. Bei den Kommunalwahlen
2019 wurde nur in Turbaco, einer Stadt mit 70 000 Einwohnern nahe der
Karibikküste, ein ehemaliger Farc-Kämpfer zum Bürgermeister gewählt.
Freilich hat sich Julian Conrado inzwischen der Mitte-links-Partei Colombia
Humana angeschlossen. Statt auf die alte Formel „Frieden und soziale
Gerechtigkeit“ setzte er auf den Slogan: „Wir gewinnen, indem wir lieben.“
Die Verheerungen durch ein halbes Jahrhundert Bürgerkrieg, die mediale
Darstellung der Guerilla als bloße „Drogenterroristen“ und die Abwanderung
in die Städte – all das hat die Farc, die sich vor allem aus der
Landbevölkerung rekrutierte, zunehmend isoliert. Zudem hat die Auflösung
ihrer Hierarchien die politischen Differenzen unter den Ehemaligen vertieft
und nach außen sichtbar gemacht. Im August 2021 gründeten die
Kongressabgeordneten (und Ex-Comandantes) Victoria Sandino und Israel
Zúñiga 2021 eine eigene Bewegung: „Avanzar“ (Voranschreiten). Der
endgültige Bruch erfolgte am 22. Juli 2022 mit einem Aufruf, der von mehr
als 200 ehemaligen Farc-Mitgliedern unterzeichnet wurde. Zu ihnen gehörte
auch Eliana, die älteste Guerillera, die den Nepotismus und Klientelismus
von Comunes scharf verurteilte.
Eine weitere wesentliche Veränderung bei der Ex-Farc ist das Ende der
Gleichstellung der Geschlechter. Wenn 13 000 Menschen aus einer
Parallelgesellschaft, in der die Gleichheit von Mann und Frau
vorgeschrieben war, ins zivile Leben zurückkehren, hätte dies eine
allgemeinere Wirkung entfalten können. Doch es kam anders: „Manche
Kameraden sind Beziehungen zu Frauen eingegangen, die zu sehr an ihre
untergeordnete Stellung gewöhnt waren. Und sie haben schnell vergessen, wie
in der Farc alles gemeinschaftlich erledigt wurde: das Kochen, das Waschen
und der Krieg“, schimpft Yudis Cartagena, stellvertretende Vorsitzende der
Zone Pondores. Sie sorgt ganz allein für ihren Vater und ihre behinderte
Tochter und betreut dazu noch ihre Enkelin. Die Guerilleras zahlen für ihre
Wiedereingliederung in eine patriarchale und machistische Gesellschaft
einen hohen Preis. Sie werden, wie es im Volksmund bereits heißt, „vom
Gewehr zu den Kochtöpfen“ zurückgeschickt.
Die Geburt vieler Kinder, der „Friedensbabyboom“, hat die rasche Rückkehr
zu traditionellen Geschlechterrollen gefördert. Im Untergrund war es nicht
nur undenkbar, sondern sogar verboten, Kinder zu zeugen. Als 2016 die
Unterzeichnung der Friedensverträge in greifbare Nähe rückte, gab es nicht
mehr so viele Bombenangriffe und lange Märsche durch den Dschungel. „Als
die Frauen in die Regionalzonen kamen, um ihre Waffen abzugeben, waren
viele schwanger oder trugen schon kleine Kinder auf dem Arm“, erinnert sich
die heutige Senatorin Victoria Sandino. „Aber es gab keine Kindergärten,
niemand hatte daran gedacht. Also blieb die Kinderbetreuung an den Frauen
hängen.“
## Babyboom nach dem Friedensschluss
Wie Sandino zugibt, hat auch sie zu spät begriffen, dass die Gleichheit
zwischen Kämpferinnen und Kämpfern eher auf die Kriegssituation als auf
egalitäre sozialistische Ideale zurückging. Für den Rückschritt seien auch
das traditionelle Wertesystem auf dem Land und der soziale Druck
verantwortlich, der nach der Familienzusammenführung noch stärker wurde.
„Häufig haben die Guerilleras ihre Ausbildung abgebrochen, um sich um ihre
Kinder zu kümmern.“ Einige mögen es zwar geschafft haben, Kindererziehung,
Ausbildung und Verantwortung in den Kooperativen miteinander zu verbinden,
aber sie mussten dafür einen hohen Preis zahlen.
Mit ihrem orangen Filzhut war Victoria Sandino auch inmitten der fröhlichen
Menge gut auszumachen, als sie am 8. März in Bogotá zum Internationalen
Frauentag an der Seite von Tanja Nijmeijer und anderen Kameradinnen
demonstrierte. Am linken Handgelenk trug sie das grüne Tuch der
Pro-Choice-Bewegung, die sich für die Legalisierung der Abtreibung
einsetzt, am rechten das Avanzar-Tuch in Signalorange. Und ihr T-Shirt
zeigte das Konterfei von Mariana Páez. Die erste Guerillakämpferin, die dem
Generalstab der Farc angehörte, wurde 2009 im Kampf getötet. Trotz aller
Rückschläge, meint Sandino, seien die feministischen Bewegungen stärker
geworden, nachdem die Guerilleras in der Gleichstellungskommission den
Dialog mit zivilgesellschaftlichen Organisationen aufgenommen haben.
Bei den Verhandlungen in Havanna hätten die Guerillakämpferinnen einerseits
die Grenzen der Gleichstellung in ihrer eigenen Organisation erfahren
(zuweilen auf schmerzhafte Weise); andererseits sei einige
fraktionsübergreifende Gender-Aspekte in die Friedensverträge eingeflossen:
Der Zugang zu Land sollte für Bäuerinnen separat geregelt werden, ebenso
die Anerkennung von Frauen als Konfliktopfer. Mit solchen Maßnahmen wollte
man gegen die Diskriminierung von Frauen angehen. Sandino glaubt sogar:
„Diese Genderperspektive, die wir in Kuba eingeführt haben, hat neue Formen
des feministischen Kampfs angestoßen, der von jungen Frauen getragen wird.“
Die Wahl der afrofeministischen Aktivistin Márquez zur Vizepräsidentin des
Landes scheint ihr Recht zu geben.
Unter den ehemaligen Guerilleros und Guerilleras wurde der Sieg Petros und
seiner Koalition, die 50,44 Prozent der Stimmen gewann, überschwänglich
gefeiert. Dass ein Ex-Guerillero der M19 und ein ehemaliges Zimmermädchen
an der Macht sind, bedeutet einen Wendepunkt in der kolumbianischen
Politik, die seit der Ermordung des Präsidentschaftskandidaten Jorge Gaitán
1948 von der Rechten dominiert wurde. Der Tod des populären Gaitán, der
gegen die soziale Ungleichheit und für die Verteilung von Ackerland
kämpfte, löste einen Bürgerkrieg aus, in dem sich die ersten marxistischen
Guerillagruppen formierten: darunter die Farc.
Noch weiß man nicht, ob die neue Regierung, die Anfang August ihre Arbeit
begann, einen echten sozialen Wandel herbeiführen kann. Am Abend seiner
Wahl warb Gustavo Petro für „Wandel“ und „Frieden“ und forderte den
Generalstaatsanwalt auf, Demonstrierende freizulassen, die während der
Protestbewegung inhaftiert worden waren. Zudem setzte er ein starkes
Zeichen, indem er das Mikrofon einer der Mütter der „falsch Positiven“
überließ: jener jungen Bauern, die von der Armee umgebracht und als
„gefallene Guerilleros“ ausgegeben wurden, um ihre Erfolgsbilanz
aufzubessern.
„Wir werden den Kapitalismus weiterentwickeln. Nicht weil uns das System
gefällt, sondern weil wir aus dem Feudalismus rauskommen müssen“,
versicherte der neue Präsident. Seine Rede bezog sich zwar auch auf die von
Comunes vertretene marxistische Wirtschaftstheorie, sollte aber vor allem
das ökonomisch erfolgreiche Bürgertum beruhigen, das im Wahlkampf immer
wieder das Schreckbild venezolanischer Zustände beschworen hatte. Petros
Spielraum für Reformen ist begrenzt, da die Kongressmehrheit rechts bis
rechtsextrem ist. Die Ehemaligen der Farc machen sich keine Illusionen über
die zahlreichen Hindernisse. Aber die meisten geben die Hoffnung nicht auf,
dass das Friedensabkommen eines Tages wirklich umgesetzt wird.
1↑ Lola Allen und Guillaume Long, [1][„Außer Kontrolle in Kolumbien“], LMd,
Juni 2021.
2↑ [2][„Cinco conflictos armados en Colombia, ¿qué está pasando?“],
Internationales Roten Kreuz, 6. Dezember 2018.
3↑ David Franco Mesa und Milton Valencia-Herrera, [3][„El futuro sin
tierras para los campesinos“], El Espectador,Bogotá, 20. Februar 2022.
Aus dem Französischen von Sabine Jainski
Léa Gasquet ist Journalistin, Pierre Carles Regisseur.
11 Aug 2022
## LINKS
(DIR) [1] https://monde-diplomatique.de/artikel/!5775731
(DIR) [2] https://www.icrc.org/es/document/cinco-conflictos-armados-en-colombia-que-esta-pasando
(DIR) [3] https://www.elespectador.com/colombia-20/analistas/el-futuro-sin-tierras-para-los-campesinos-observatorio-nacional-de-tieras/
## AUTOREN
(DIR) Léa Gasquet
(DIR) Pierre Carles
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