# taz.de -- Pharaonische Obsession
> Wie das Al-Sisi-Regime das antike Erbe Ägyptens für politische Zwecke
> instrumentalisiert
(IMG) Bild: Sphinx-Allee in Luxor
von Léa Polverini
Die El-Orouba-Autobahn, die das Stadtzentrum von Kairo mit dem Flughafen
verbindet, ist von riesigen Reklametafeln gesäumt. Geworben wird für
Coca-Cola und Immobilienmakler, aber auch für die Sphinx und die Mumien der
Pharaonen. Und für die Mächtigen von damals und heute, Tutanchamun
respektive Abdel Fattah al-Sisi: salbungsvoll lächelnd, im Hintergrund die
Pyramiden.
Der ägyptische Präsident macht höchstpersönlich Reklame für das antike
Erbe, das den Stolz des Landes ausmacht. Am 3. April 2021 eröffnete er die
spektakuläre „Goldene Parade der Pharaonen“,[1]bei der 22 Mumien in das
neue Nationalmuseum der ägyptischen Zivilisation überführt wurden. Das
Ereignis wurde von mehr als 400 ausländischen Fernsehsendern übertragen. Es
wurde inszeniert, um die Touristen nach Ägypten zurückzulocken.
Aber hinter den Werbetafeln ließ sich auch das alltägliche Elend vor den
Kameras verbergen, zum Beispiel die schäbigen Fassaden der sogenannten
informellen Siedlungen entlang der Prozessionsstraße. Das Spektakel war für
die Bildschirme bestimmt, nicht für die einheimische Bevölkerung. Den
Anwohnern wurde untersagt, auf die Straße zu gehen, um den Umzug nicht zu
stören.
Der Tourismus erbringt einen Anteil von mehr als 10 Prozent am ägyptischen
Bruttoinlandsprodukt, zudem ist er die größte Devisenquelle des Landes. Die
Revolution von 2011 und die Attentate in Touristenorten hatten die
Konjunktur stark gedämpft. Doch ohne die Coronapandemie, die die Ökonomie
erneut geschwächt hat, würde Ägypten wohl sehr viel besser dastehen: In den
Jahren 2018 und 2019 erzielte die Tourismusbranche mit 12,6 Milliarden
US-Dollar bereits wieder ebenso große Einnahmen wie vor der Revolution.
Um diese Erholung zu fördern, baut die Regierung überall: Das Kairoer
Stadtzentrum wird erneuert, Luxor umgestaltet, neue Städte werden angelegt
und riesige Museen gebaut. Und überall verkünden die Symbole des alten
Ägyptens die Botschaft, dass das Land bei aller Modernität das stolze Erbe
einer tausendjährigen Kultur verkörpert. Mit den Touristen will Ägypten
auch neue Investoren anlocken und das Image aufpolieren, das durch die
politischen Unruhen des letzten Jahrzehnts und besonders durch die von
Unterdrückung, willkürlichen Verhaftungen und Missachtung der
Menschenrechte geprägte Präsidentschaft al-Sisis erheblich gelitten hat.[2]
Wenn es eine Wissenschaft gibt, die sich als Instrument des autoritären
Systems anbietet, ist es die Ägyptologie. Sie schenkt der Gesellschaft den
Traum einer großen Vergangenheit; zudem ist sie ein erstklassiges
diplomatisches Werkzeug, um das Regime auf dem internationalen Parkett zu
rehabilitieren. Die Obelisken und Sarkophage sind für Ägypten das, was der
Rock ’n’ Roll für die USA und die Pandas für China sind: Kultobjekte, mit
denen Träume verkauft werden.
## Die lebenden Bewohner der Totenstadt
Dass die antike Vergangenheit für politische Ziele ausgenutzt wird, ist
nicht neu. Das war schon während der Herrschaft von Muhammad Ali Pascha
(1805–1848) so, der das Land modernisierte. Als osmanischer Gouverneur bot
er seinen ausländischen Partnern antike Schätze als Entgelt für erwiesene
Dienste an. So gelangte zum Beispiel 1836 der Obelisk aus dem Tempel von
Luxor auf die Place de la Concorde in Paris. Damals wurden die Ausgrabungen
überwiegend von den europäischen Kolonialmächten geleitet, die Verbindung
zwischen antikem Erbe und nationaler Identität war noch nicht hergestellt;
sie entstand erst allmählich im Zuge der Unabhängigkeitsbestrebungen ab
Ende des 19. Jahrhunderts.
„Seit Nasser dient die ägyptische Antike als Instrument, um diskrete
diplomatische Kontakte mit westlichen Mächten zu knüpfen, auch wenn man
nach außen eine panarabische und antiwestliche Ideologie vertritt“,
erläutert die Politikwissenschaftlerin Sandrine Gamblin, die über das
kulturelle Erbe und den internationalen Tourismus in Ägypten arbeitet. Als
Beispiel nennt sie die französisch-ägyptische Zusammenarbeit bei der
Rettung der Monumente in Nubien, die nach der Suezkrise 1956 zur
Verbesserungen der bilateralen Beziehungen beitrug und die Tourismuspolitik
der Regierung stärkte. Der Nasserismus setzte zwar auf umfassende
Verstaatlichungen, aber der Tourismus blieb in privaten Händen und
prosperierte dank der Partnerschaft zwischen Ägypten und ausländischem
Kapital.
Dieser Umgang mit dem ägyptischen Erbe hatte jedoch einen Preis, den häufig
die lokale Bevölkerung zahlte. Auch die aktuelle Politik der
Stadterneuerung führt zur Zerstörung großer Stadtviertel und zur
Vertreibung ihrer Bewohner. „Hinter jeder Sphinx und jedem Obelisken“, sagt
der Geograf Roman Stadnicki, „verbergen sich in Ägypten irgendwelche
Sanierungsstrategien oder eine autoritäre Stadtplanung.“
Hinter der „Sphinx-Allee“ etwa, die den Luxor- mit dem Karnak-Tempel
verbindet und jüngst eröffnet wurde, verbirgt sich ein städtebauliches und
menschliches Desaster. Um freies Feld für das Projekt zu schaffen, wurden
mehrere Siedlungen abgerissen und historische Gebäude wie der 1897 gebaute
Palast von Tawfik Pascha Andraos zerstört. Um das antike Theben zu
rekonstruieren, war ursprünglich vorgesehen, das gesamte urbane Gefüge
Luxors zu zerstören. Stattdessen sollte als Touristenattraktion das ideale
„Freilichtmuseum“ entstehen – malerisch, aber ohne eine lebende Seele.
Der Spatenstich erfolgte unter der Präsidentschaft von Husni Mubarak.
Gefördert vom UN-Entwicklungsprogramm (UNDP) begann 1996 die Umsetzung des
„Comprehensive plan of Luxor city project“. Unter Leitung des
US-Entwicklungsdienstleisters Abt Associates sollte das Projekt die Armut
bekämpfen helfen und Arbeitsplätze schaffen. 2006 rollten die Bulldozer der
Armee an. Die Unesco protestierte nachdrücklich, als sie von dem
umstrittenen Plan erfuhr, am Nil eine Landungsbrücke aus Beton zu bauen,
die einen Panoramablick auf die antike Stätte bieten sollte.
Nach einem längeren Tauziehen mit dem früheren Minister für ägyptische
Antike, Zahi Hawass, fiel das Projekt ins Wasser. Aber Luxor blieb damit
nicht vollkommen verschont. „Menschen wurden umgesiedelt und der Raum unter
ausschließlich touristischen Aspekten so umgestaltet, dass der Zugang zu
den Sehenswürdigkeiten erleichtert wurde“, erläutert Sandrine Gamblin, „die
Touristen sollten so wenig wie möglich in Kontakt mit der Bevölkerung
kommen.“
Tatsächlich ist die Umgestaltung der Stadt Luxor ein klassischer Fall von
kapitalistisch und monopolistisch organisiertem Tourismus. Die Einnahmen
gehen an Public-private-Partnerships (PPP). Eine nationale Klausel
verbietet es ausländischen Reiseunternehmen, ohne ägyptischen Partner im
Land tätig zu sein. Nur die historische Stätte selbst bekommt einen Teil
des finanziellen Segens ab. Die Aufwertung des archäologischen Erbes geht
mit einer städtebaulichen Sterilisierung einher, die vor allem eine
reibungslose Anfahrt der Touristenbusse ermöglichen soll und sehr gut zu
den Sicherheitsvorkehrungen passt, die seit den Attentaten in den 1990er
Jahren gelten.
Bis 2016 war es für Ausländer unmöglich, bestimmte Sehenswürdigkeiten im
Süden des Landes, wie Abu Simbel, ohne Militäreskorte zu besuchen.
Inzwischen wurden die Regeln aufgeweicht, aber an den Straßen gibt es immer
noch unzählige Checkpoints.
Die Obsession des Regimes für große Verkehrsachsen zeigt sich auch in dem
Zehnjahresplan al-Sisis, der Ägypten zu einem der wichtigsten globalen
Knotenpunkte für Transport und Logistik machen soll. Er liefert die
Legitimation für noch das umstrittenste Bauvorhaben, das die Regierung
bevorzugt durch Bauunternehmen der Armee ausführen lässt.[3]
Einige Autobahnen haben immerhin den Vorteil, dass sie über
Bewässerungskanälen verlaufen, die an anderer Stelle längst zu Mülldeponien
geworden sind. Damit tragen sie immerhin zur Reinhaltung des Wassers und
zum Kampf gegen die Wasserknappheit bei. Oft geht der Autobahnbau jedoch
auf Kosten landwirtschaftlicher Flächen – oder zerstört sogar Wohngebiete,
die der Staat im Kampf gegen die informellen Siedlungen ohnehin im Visier
hat.
Teile des kulturellen Erbes, die wenig profitabel erschienen, wurden in
großem Stil zerstört. Im Osten der Hauptstadt erstreckt sich die 1000
Hektar große Stadt der Toten, die größte Nekropole des Nahen Ostens, deren
Anfänge ins 7. Jahrhundert zurückgehen. Sie ist von der Unesco als
Weltkulturerbe anerkannt, wobei ihr Kennzeichen ein architektonischer
Synkretismus ist.
Im Juli 2020 rollten die Bulldozer der Armee über die ungepflasterten Wege
des Friedhofs, auf dem Tote und Lebende zusammen wohnen. Das Terrain sollte
geräumt werden, um einen Autobahnzubringer zu bauen, der Kairo mit der
neuen Verwaltungshauptstadt verbinden soll. Die Grabsteine wurden von
Baggern zerstört, noch bevor die Leichen verlegt werden konnten.
Menschen mussten zusehen, wie Mausoleen, die sie als Wohnraum nutzten, ohne
Vorwarnung und Entschädigung plattgewalzt wurden. Nationale sowie
internationale Gesetze über das kulturelle Erbe wurden missachtet; doch der
Minister für Antike behauptete, die zerstörten Strukturen stammten
ausschließlich aus dem 20. Jahrhundert. Eine Petition von Architekten bei
der Unesco konnte die Zerstörungswut für kurze Zeit stoppen, aber Ende 2021
waren die Baufahrzeuge zurück und die Proteste waren verstummt.[4]
„Die Architekten haben Angst, das Thema anzusprechen“, klagt Galila El
Kadi, Co-Autorin eines Buches über die Stadt der Toten.[5]„Sie arbeiten für
das Antike-Ministerium an der Restaurierung antiker Stätten oder für den
Staat, und die Armee vergibt alle Aufträge. Wenn sie den Mund aufmachen,
könnten sie ihren Job verlieren. 20 Beamte des Ministeriums wurden bereits
entlassen, weil sie gegen die Herabstufung von Monumenten protestiert
hatten.“
Inzwischen sind 2700 Gräber zur Zerstörung freigegeben, darunter das von
Königin Farida, der ersten Ehefrau von König Faruk (dem letzten Herrscher
Ägyptens), aber auch die von Politikern und Dichtern, die architektonisch
wie symbolisch wertvoll sind. Die lebenden Bewohner der Totenstadt werden –
wenn überhaupt – nur durch vage Ankündigungen und widersprüchliche
Warnbriefe des Gouverneurs informiert.
Was die Zahl der Betroffenen angeht, so sind die Angaben – wie häufig in
Ägypten – sehr willkürlich. Offiziell hat die Stadt der Toten mehr als 1,5
Millionen Einwohner. „Tatsächlich sind es höchstens 175 000. Und davon
leben weniger als 15 000 in den Grabgebäuden selbst“, versichert Galila El
Kadi. Warum sollte man die Zahl so aufblähen? „Um zu sagen, dass das
Problem nicht lösbar ist. Und was macht man mit einem unlösbaren Problem?
Man macht es platt.“
Im Schatten des strahlenden Pharaonen-Erbes pflegt die Regierung also eine
sehr selektive Behandlung von Kulturdenkmälern. Islamische, koptische oder
einfach historische Bauten werden gleichermaßen geopfert, wenn damit Grund
und Boden frei wird, den man Investoren anbieten kann. In Ägypten ist der
Boden teuer und die Baufirmen fungieren als Käufer.
Gegen die Dekrete des Präsidenten richten die schüchternen Proteste der
Unesco nichts aus. Die Nachsicht der UN-Institution gegenüber Ägypten
erklärt El Kadi damit, dass man dem Land offenbar eine wichtige
stabilisierende Rolle in der Region zuschreibt: „Deswegen darf man die
Staatsmacht nicht verärgern; das zählt mehr als das kulturelle Erbe und die
Menschenrechte.“
Offiziell begründet wird die Zerstörung von Armenvierteln wie Sayeda Zeinab
oder Maspero mit Einsturzgefahr, etwa bei Erdbeben. Tatsächlich handelt es
sich um Kollateralschäden einer „Haussmannisierung“ Kairos. Das ganze
Großprojekt ist als PPP organisiert. Wobei der private Partner das
Unternehmen Orascom Construction ist, das Nassef Sawiris, einem der
reichsten Männer des Landes, gehört.
Die soziale Bilanz des Eingriffs macht Roman Stadnicki auf: „Das Ägypten
des Volkes, das seit den 1950er Jahren große Gebiete in Eigenregie bebaut
hat, wird ohne Vorwarnung zerstört. Die Staatsmacht betrachtet das
überhaupt nicht als Teil des historischen Erbes; doch die ägyptische
Geschichte ist eine Abfolge kultureller Epochen, die ganz unterschiedlich
sind.“
Mit der Zerstörung von Maspero verschwindet auch ein Teil des Erbes der
Revolution. Die informelle Siedlung liegt nah am Tahrir-Platz, auf dem 2011
die großen Demonstrationen stattfanden. Schon damals ging es auch um die
Erhaltung solcher Wohnviertel. Die 2019 begonnene Umgestaltung des
Tahrir-Platzes unterliegt einer ähnlichen Dynamik, die auf die
Rückeroberung des Platzes durch die Staatsmacht zielt. Die manifestiert
sich in den baulichen Sicherheitsstrukturen: Betonpoller überall, breite,
kahle Alleen, Polizeiposten an jeder Ecke.[6]
Und selbst noch im Zentrum des Tahrir-Platzes – mit seinem
dreitausendjähriger Obelisken aus Tanis im Nildelta, umgeben von vier
Sphinxen aus dem Tempel von Karnak – lauern überall und rund um die Uhr die
Wachleute von ASSC Security und machen Jagd auf die Fotoapparate von
Neugierigen.
„Die Machthaber tun so, als würden die Männer die antiken Schätze bewachen,
was ja legitim wäre“, sagt Stadnicki. Aber hier geht es nicht um den Schutz
des Pharaonen-Erbes. Im Gegenteil: Die Wissenschaftler sind empört, dass
die erosionsanfälligen Sphinx-Figuren überhaupt auf diesen Platz versetzt
wurden, über den jeden Tag tausende Autos fahren.
Für Sandrine Gamblin geht es weniger darum, die Spuren der Revolution von
2011 auszulöschen, als „vor allem die Symbole der Macht, die auf das alte
Ägypten verweisen, zur Schau zu stellen. Der pharaonische Stil ist in der
zeitgenössischen Architektur des Regimes allgegenwärtig.“
Gamblin nennt ein weiteres Beispiel der Ausbeutung des „Pharaonismus“ für
politische Ziele, nämlich der Beilegung von Konflikten: Nach dem Tod von
Saad Zaghlul, der sich für die Unabhängigkeit Ägyptens eingesetzt hatte,
stritt man 1927 über eine islamische Architektur für sein Grabmal. Am Ende
einigten sich alle auf ein Mausoleum im Pharaonenstil.
## Polizeipostenam Tahrir-Platz
Das historische Erbe ist also immer dabei – je nach den aktuellen
politischen Interessen. Darin liegt auch ein ganz pragmatischer Aspekt: In
einem Land, wo man sich nur einmal bücken muss, um ein Stück Antike in der
Hand zu halten, weiß man nicht immer, wohin damit.
Gamblin verweist auch auf einen ökonomischen Aspekt: „Seit den nuller
Jahren hat man in der Tourismuspolitik fast nur auf den Strandurlaub
gesetzt; der archeologische Kultur-Tourismus spielte kaum eine Rolle. Jetzt
kommt man darauf zurück, und das Pendel schwenkt zurück.“ Allerdings kommen
die Touristen, die Meer, Strand und ein Tauchparadies suchen, Jahr für Jahr
wieder, während sie die Pyramiden nur einmal besuchen.
Das andere Motiv für den Kampf gegen die informellen Siedlungen sind die
gewaltigen Investitionen in neue Städte, vor allem in die neue ägyptische
Hauptstadt, die Sisi-City, wie sie die Gegner des Präsidenten nennen. „Das
sind Projekte zur Eroberung der Wüste, um Kairo zu entlasten“, erläutert
Stadnicki. „Es sind genormte, überwachte, gesicherte Entwicklungsprojekte,
und damit in jeder Hinsicht das Gegenteil der Agglomeration Kairo mit ihren
Armenvierteln und informellen Siedlungen“. Der Geograf spricht von
„Exurbanisierung“ als einer Methode, „eine Stadt ihrer Zentren zu
berauben“.
Dass die neue Version des modernen Kairo dem Ehrgeiz ihrer Planer gerecht
wird, kann man sich angesichts der großen Verzögerungen im Zeitplan und der
ständig wechselnden Investoren kaum vorstellen. Die Bautätigkeit wurde 2015
von Emaar Properties begonnen. Dem Rückzug des Dubaier Bauriesen folgte die
Übernahme durch die China State Construction Engineering Corporation und
schließlich durch das ägyptische Konsortium 5+ UDC.
Neben den Abbildungen auf den Hochglanzbautafeln, die an Dubai und Abu
Dhabi erinnern, nimmt sich die Wirklichkeit mit halbfertigen Straßen und
leeren Häusern trostlos aus. Sisi-City ist auf 6,5 bis 15 Millionen
Bewohner ausgelegt, aber es ist keineswegs sicher, dass selbst die
wohlhabenden Kairoer zum Umzug bereit wären. Und die Zwangsumsiedlung der
enteigneten Bevölkerung in andere neue Städte, die überhaupt nicht auf die
Bedürfnisse der einfachen Schichten eingerichtet sind, war bislang wenig
erfolgreich.
Das wirklich Neue bei diesen ehrgeizigen Plänen liegt in der kulturellen
Dimension, die diesen urbanen Konglomeraten in der Wüste aufgepfropft
werden soll. Das Regime berauscht sich an dem gigantischen Museum, das zu
Füßen der Pyramiden entstehen soll. Und in der neuen Hauptstadt wurde
bereits der Kongress- und Kulturpalast eingeweiht. Stadnicki sieht darin
„eine Überinvestition in kulturelle Projekte“, für die er zwei Gründe
sieht. Das ist zum einen der Einfluss der Golfmonarchien, die schon lange
verstanden haben, dass die Kultur für das internationale Image einer
„destination“ von entscheidender Bedeutung ist. Der zweite Grund ist
schlicht der, dass sich „über Museen oder Kulturpaläste leichter sprechen
lässt als über das, was weniger gut läuft, wie der Bau der neuen
Hauptstadt“.
Ägyptens Modernisierungsdrang findet offenbar die Unterstützung der
europäischen Staaten. Am 7. Dezember 2020 verlieh Präsident Emmanuel Macron
Marschall al-Sisi – wenn auch diskret – das Große Kreuz der
Ehrenlegion.[7]Am 8. November 2021 konnte der französische Alstom-Konzern
einen 876-Millionen-Euro-Auftrag für die Renovierung der Kairoer Metro
melden, finanziert über die staatliche Entwicklungshilfe, also die Agence
française de développement (AFD). Zwei Wochen später enthüllte die NGO
Disclose die Beihilfe Frankreichs bei der Tötung von Zivilisten durch das
ägyptische Militär.[8]
Offenbar kann sich Ägypten noch immer auf die Faszination verlassen, die
sein kulturelles Erbe im Ausland ausübt. Etwa in Frankreich, wo die
Wanderausstellung „Tutanchamun, der Schatz des Pharaos“ mit 1,42 Millionen
verkauften Eintrittskarten 2019 alle Besucherrekorde brach. Bis dahin war
die bestbesuchte Ausstellung eine ebenfalls dem jungen Pharao gewidmete
Schau im Jahr 1967 gewesen.
Ägypten ist zwar bereit, seine Objekte auf Reisen zu schicken, strebt aber
zugleich die Rückführung der antiken Schätze an, etwa des Rosettasteins aus
dem British Museum in London, der Büste der Nofretete aus dem Berliner
Ägyptischen Museum oder des Tierkreises von Dendera aus dem Pariser Louvre.
So fordert der Ägyptologe Zahi Hawass, der als Vertrauter Mubaraks während
der Revolution in Ungnade gefallen war, dann aber von al-Sisi rehabilitiert
wurde: „Wir müssen den Imperialismus der Museen stoppen.“ Durch Diebstahl
und Aufkauf von Artefakten sei Afrika ausgeraubt worden: „Ich begehre nicht
alles, was sich im Louvre befindet, wohl aber die gestohlenen Objekte, die
der Louvre gekauft hat.“
2009 hatte Hawass die europäischen Museen um eine Leihgabe dieser Objekte
gebeten. Die Bitte blieb unbeantwortet. Damals zweifelte das British Museum
an, ob die ägyptischen Museen die Sicherheit der Objekte gewährleisten
könnten. In London wurde uns ein Interview verweigert.
Von Friederike Seyfried, Direktorin des Ägyptischen Museums in Berlin, kam
die Auskunft, dass „im Moment keine Restitutionsforderungen auf dem Tisch
liegen“. Für sie wäre aber auch eine Leihgabe eine politische Entscheidung:
„Ich selbst muss auf den kuratorischen Aspekt achten. In meiner Sammlung
gibt es zahlreiche Objekte, die auf einer roten Liste stehen und an
niemanden ausgeliehen werden dürfen, auch nicht an den Louvre, weil sie
sehr zerbrechlich sind.“
Für Seyfried gehört die ägyptische Sammlung des Berliner Museums „zum
Weltkulturerbe in Deutschland“. Sie meint, im 21. Jahrhunderts soll die
Vorstellung gelten, „dass wir alle Teil einer Gemeinschaft sind und dass es
eine fantastische Chance ist, verschiedene Kulturen und ihre Artefakte an
vielen Orten überall in der Welt teilen zu können.“ Zur Frage des Handels
mit gestohlenen Objekten erklärt die Berliner Direktorin: „Was wir als
Ägyptisches Museum tun können, ist, der Polizei und dem Zoll helfen,
illegalen Handel aufzudecken und alles nach Ägypten zurückzubringen, was
illegal auf dem Markt ist.“
Hawass tröstet sich: „Es ist mir zwar nicht gelungen, alle Stücke
heimzuholen, aber ich habe 6000 Artefakte zurück nach Ägypten gebracht.“ In
seinem Büro in Mohandessin im Norden von Gizeh befindet er darüber, was mit
den Ausgrabungsstätten des Landes geschieht. Der offenbar unkündbare,
obgleich in Fachkreisen umstrittene Ägyptologe beharrt darauf, zu seinen
Aufgaben gehöre auch Marketing: „Ich habe überall auf der Welt in hunderten
Fernsehshows gesessen, und das hat uns sehr geholfen, die Touristen nach
Ägypten zu holen. Ohne Touristen gibt es keine Erhaltung der antiken
Monumente und keine Ausgrabungen.“
Tatsächlich finanziert der Tourismus einen Teil der archäologischen
Ausgrabungen. Viele große Grabungsstätten werden allerdings von
europäischen oder US-amerikanischen Institutionen gefördert. Die Agence
française de développement ist ein großer Geldgeber und hat zwischen 2009
und 2015 eine halbe Million Euro für die Gestaltung der Nekropole Sakkara
beigesteuert. Und USAID gewährte in 30 Jahren mehr als 100 Millionen
US-Dollar für Projekte zur Erhaltung des Erbes der Pharaonen und der
Osmanischen Epoche.
Darüber hinaus gibt es private Mäzene. Eine der jüngsten von Hawass
betreuten Ausgrabungen in Sakkara, die 2018 in der Hoffnung begonnen wurde,
das Grab von Imhotep zu finden, wird mit 15 000 US-Dollar monatlich von
Clovis Rossillon, dem Präsidenten der Filmproduktionsfirma Orichalcum
pictures, über den Fonds français pour l’archéologie et la recherche (FFAR)
finanziert.
Um große Grabungen durchzuführen, fehlt es dem ägyptischen Staat an Geld
und den entsprechenden Kompetenzen. Deshalb versucht er die Zahl der
ausländischen Sponsoren zu vergrößern, ohne jedoch die strenge Kontrolle
über die Genehmigungen aufzugeben. Was die archäologischen Stätten
betrifft, so spielen hier noch immer die Rivalitäten zwischen den einstigen
Kolonialmächten mit.
Hawass nimmt für sich in Anspruch, die Ägyptologie den Ägyptern
zurückgegeben zu haben, indem er einheimische Wissenschaftler gezielt
gefördert hat: „Ich engagiere ständig ägyptische Teams. Zum ersten Mal
arbeitet beispielsweise ein Ägypter im Königstal, vorher gab es dort nur
Ausländer. Wir müssen ebenbürtig werden, dazu müssen wir wettbewerbsfähig
und besser ausgebildet sein.“ Werden die Ausgrabungen von ausländischen
Gruppen geleitet, werde das erlangte Wissen noch zu selten an einheimische
Wissenschaftler weitergegeben, meint Hawass.
Neben den ökonomischen und diplomatischen Zielen soll die Absicherung des
archäologischen Terrains durch die ägyptischen Behörden auch erreichen, die
alte koloniale Abhängigkeit zu überwinden; also selbst über das eigene
kulturelle Erbe zu verfügen, nachdem es von den imperialistischen Mächten
lange in alle Himmelsrichtungen verstreut wurde. Wie sagte doch die
Politikwissenschaftlerin Sandrine Gamblin: „Die Ägyptologie ist eine
koloniale Wissenschaft par excellence.“
1↑[1][ „Goldene Parade der Pharaonen“], ägyptisches Ministerium für
Tourismus- und Antike.
2↑ Siehe Pierre Daum, [2][„Mehr Armut, weniger Hilfe“], LMd,März 2018.
3↑ Siehe Jamal Bukhari und Ariane Lavrilleux, [3][„Ägyptens unersättliche
Armee“], LMd,Juli 2020.
4↑ Dalia Chams, [4][„La Cité des morts du Caire craint de partir en
poussière“], Orient XXI,14. Februar 2022.
5↑ Galila El Kadi und Alain Bonnamy, „La Cité des morts: Le Caire“,
Institut de recherche pour le développement, Paris/Sprimont (Mardaga) 2001.
6↑ Siehe Martin Roux, [5][„Das Herz von Kairo“], LMd,Februar 2021.
7↑ [6][„Une légion d’honneur au maréchal Sissi en catimini … qui finit par
faire du bruit“], France 24, 15. Dezember 2020.
8↑ Siehe: „[7][Egypt Papers“], Disclose, 21. November 2021.
Aus dem Französischen von Claudia Steinitz
Léa Polverini ist Journalistin.
7 Apr 2022
## LINKS
(DIR) [1] https://egymonuments.gov.eg/en/events/pharaohs-golden-parade
(DIR) [2] https://monde-diplomatique.de/artikel/!5488214
(DIR) [3] https://monde-diplomatique.de/artikel/!5697366
(DIR) [4] https://orientxxi.info/lu-vu-entendu/la-cite-des-morts-du-caire-craint-de-partir-en-poussiere,5371
(DIR) [5] https://monde-diplomatique.de/artikel/!5747987
(DIR) [6] https://www.france24.com/fr/france/20201215-une-l%C3%A9gion-d-honneur-au-mar%C3%A9chal-sissi-en-catimini-qui-finit-par-faire-du-bruit
(DIR) [7] https://egypt-papers.disclose.ngo
## AUTOREN
(DIR) Léa Polverini
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